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E_1935_Zeitung_Nr.077

E_1935_Zeitung_Nr.077

BERN, Dienstag, 24. September 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N* 77 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aasgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlich Fr. 5.—, jahrlieh Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljahrlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 10— Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Antler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" REDAKTION U.ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tafle vor Erscheinen der Nummern Eine „unerhörte" Sprache! Mit diesen Worten qualifizierte ein Ständerat anlässlich der grossen Finanzdebatte im Rat der 44 die Sprache gewisser Automobilisten betr. Benzinzollerhöhung. Weil ein grosser Teil des Volkes sich gegen einseitige Belastungen zur Wehr setzt, weil eine Zollerhöhung von 243 auf 320% des Nettoeinfuhrwertes auf einer zur Existenz von Tausenden von Familien notwendigen Importware als ungerecht empfunden wird, weil sich «Untertanen» erlauben, auf die Notlage ihres Erwerbszweiges hinzuweisen und weil immer stärker die Stimme von Einschränkungen der Staatsausgaben an die eicherne Tür des Ständeratssaales pocht, versteigt sich ein Vertreter dieses nämlichen Volkes zu einem Votum, das weder Entgegenkommen noch Verständnis für die «andern > Schweizerbürger kennt. Nie aber erscholl im gleichen Saale der Ruf «unerhört», so oft es sich um den Schacher mit Bundessubventionen handelte. Was wir verlangen, ist nur eine bessere und gerechtere Verteilung der Krisenlasten, eine Sanierung des Bundeshaushaltes durch Mithilfe aller, nicht nur eines Teils der Steuerzahler. Dass sich unsere eidgenössischen Finanzen in einer Lage befinden wie noch nie seit Bestehen unseres Bundesstaates, tragen die Automobilisten wohl den kleinsten Teil der Schuld, ein viel grösserer scheint auf den Schultern unserer eidgenössischen Behörden, National- und Ständerat am allerwenigsten ausgeschlossen, zu lasten; denn nach der Taktik des geringsten Widerstandes lässt sich bekanntlich nur auf kurze Sicht, zu deutsch auf Wahlsicht, niemals aber nach staatsmännischen Gesichtspunkten, regieren. In unseren Augen verdient, am geistigen Inhalt gemessen, auch die «berühmte» Eingabe der «Litra» das Prädikat «unerhört». Weil aber dieser überparteiischen Vereinigung zwei Ständeräte, 1 Nationalrat und zudem noch 1 alt Bundesrat angehören, weil sie ausserdem die abgedroschene Melodie «die Schweizer Bahnen dem Schweizervolk» herunterleiert, ging der Ständerat naturgemäss ohne jede Zwischenbemerkung daran vorüber. Wir verkennen die Schwierigkeiten, denen unsere eidgenössischen Behörden gegenüberstehen, keineswegs. Selbst auf die Gefahr hin, als «unerhörte» Querulanten abgekanzelt zu werden, gestatten wir uns dennoch, die Auffassung zu vertreten, man hätte den finanziellen Bundeskarren nicht bis über die Achsen in den Morast steuern lassen sollen. Sicher, kritisieren ist immer leichter als besser machen; wenn wir aber heute daran erinnern, dass allzu straff gespannt der Bogen springt, so brauchen wir nur über unsere Grenzpfähle zu schauen, um den Beweis dafür zu finden, dass die Benzinkuh erst bei guter Behandlung den grössten Ertrag abwirft, nie aber nur bei Wasser und Heu. Entgegen der an anderer Stelle dieses Blattes stehenden Erklärung der Oberzolldirektion, vertreten wir immer noch die Ansicht, die erhofften neuen 16 Benzinmillionen werden kaum so frisch und fröhlich aufmarschieren, wie im Bundeshaus befohlen. Man wird über diese schlechte Prognose ungläubig den Kopf schütteln, haben sich, doch bis anhin aus den Taschen der Motorfahrzeugführer stets wieder neue Einnahmen erzielen lassen. Brüning hat auch in diesem Sinne seine Finanzen zu kurieren versucht und dabei bös Schiffbruch erlitten. Oesterreich, Ungarn, Jugoslawien, Danzig und sogar Grossbritannien haben teures Lehrgeld bezahlt, bis in den Finanzministerien die Auffassung zum Durchbrüch gelangte, dass der Fiskus dann am meisten aus dem motorisierten Strassenverkehr gewinne, wenn erstens dessen Verhältnis zu den Bahnen geregelt und zweitens seine Entwicklung nicht allzu künstlich unterbunden werde. diesen Trotz warnenden Beispielen des Auslandes glauben unsere Parlamentarier den umgekehrten Weg einschlagen zu müssen. Bedauerlich, dass sie dereinst nicht zur Verantwortung gezogen werden können, dass sie nicht haften für den Schaden, welcher der eidgenössischen Staatskasse durch ihre kurzsichtige Finanzpolitik entsteht! Es ist schon so, wie der temperamentvolle Ständevertreter des Kantons Appenzell A.Rh. sagte, man behaupte am Bundesratstisch, die Wirtschaft, und vor allem die Exportindustrie, sei unbedingt zu entlasten, dabei aber praktiziere man das Gegenteil; immer stärker und stärker belaste man das Volk, denn es macht auf den Kopf der Bevölkerung, am einzelnen Aufschlag gemessen, ja so wenig aus ! Auf das am 5. Mai 1935 bachab geschickte Verkehrsteilungsgesetz anspielend, glaubt ein Ständerat die kürzlich dekretierte italienische Trasportsteuer als nachahmenswertes Beispiel hinstellen zu müssen. Demgegenüber ist einzuwenden, dass dieser Steuer für Automobiltransporte eine entsprechende Erhöhung der Bahngütertarife parallel geht, um, wie ausdrüchlich hervorgehoben wird, die gegenwärtige Verkehrsteilung zwischen Schiene und Strasse nicht zu stören. Was hingegen die besonders empfindliche Verteuerung des Benzins (von 2,05 auf 2,78 bis 2,80 Lire pro Liter) anbetrifft, läuft diese Massnahme auf nichts anderes hinaus, als einerseits den Benzinkonsum aus devisentechnischen Gründen zu drosseln, steht doch sogar ein Sonntags- Fahrverbot für Privatwagen bevor, während sie anderseits eine im Hinblick auf die militärischen Unternehmungen bedingte Fiskafaiassnahme darstellt. Dessen ungeachtet, würden wir uns nicht wundern, wenn der schweizerische Benzinpreis von 42 Rp. als sehr bescheiden gegenüber dem in Italien zu zahlenden höchsten -Ansatz der Welt von zirka Fr. 1.20 bezeichnet würde. Nachdem auch der Präsident der ständerätlichen Zolltarifkommission unter anderm am letzten Donnerstag erklärte: «Die Herren Automobilisten sollten sich vorsehen, dass die angebliche Erbitterung, welche die Benzinzollerhöhung erzeugt habe, sich eines Tages nicht gegen ihre gefährliche und verantwortliche Stimmungsmache, wende», so illustrieren diese wenigen Musterbeispiele aus der jüngsten Ständeratsdebätte, dass von diesem Parlament auf 'kein Entgegenkommen zu rechnen ist. Unter dieser! Umständen wird nun die Aktion Beguin, über die wir in Nr. 75 vom 17. September berichteten, zu einem dringlichen Gebot, vorläufig allerdings nur für die 44 Herren Ständevertreter, denn der Nationalrat wusste bis anhin die etwas unbequeme Klippe zu umschiffen und dürfte in der laufenden Woche sich mit dem eidgenössischen Finanzprogramm befassen. Eine der besten Antworten auf diese autofeindliche Einstellung hat wohl die Schweizerische Verkehrsliga in ihrer Eingabe an die eidgenössischen Räte erteilt. Trotz des verdammenswerten Tuns durch Verbreitung einer in «unerhörter» Sprache abgefassten Schrift, der Aufhetzung Vorschub zu leisten, können wir nicht umhin, im Nachstehenden auszugsweise die insbesondere vom A. C. S., T. C. S., Aspa und S. R. B. gemachten Einwendungen wiederzugeben: Vergleich des von den Bahnen und vom Motorfahrzeugverkehr beschäftigten Personals. Die Bundesbahnen beschäftigten Ende September 1934 30 808 Personen. Im Durchschnitt des Jahres 1933 hat das Gesamtpersonal betragen: Wir berichten heute über: Grosser Preis von Spanien. Berner Flugwoche. I. Internat. Segelfliegerlager. Ernste Symptome. Unser Motorfahrzeug- Aussenhandel. Fiat «1500 ». Pässe und Hochstrassen der Alpen. bei den Bundesbahnen 31 741 bei den Nebenbahnen 6 296 Total 38 037 Schon die eidg. Betriebszähhimg 1929 wies als Zahl der beschäftigten Personen nach: Gewerbliche Betriebe und Motorfahrzeugindustrie (ohne Berufschauffeure) 14410 Handel mit Motorfahrzeugen 1 735 Handel mit flüssigen; Brennstoffen 1 719 Total 17 864 Rechnet man aber als heutigen Bestand statt 22 750 (entsprechend der Vermehrung der Motorfahrzeuge bis September 1934) nur 20000 Personen und zählt man für die heute im Betrieb stehenden Lastwagen, Autobusse und Lieferungswagen (nicht eingerechnet die Traktoren, die Taxameter Und die von berufsmässigen Chauffeuren geführten privaten Personenautomobile) nur 20000' Berufschauffeure hinzu, so kommt man schon auf die Zahl von 40 000 Köpfen, also mehr als die Zahl der von den Bahnen Beschäftigten ! Während aber im Bestand der Bahnen das zum Unterhalt der Strecken benötigte Personal inbegriffen ist, enthält die für den Motorfahrzeugverkehr angegebene Zahl von 40 000 das mit dem Strassenunterhalt beschäftigte Personal noch nicht. Vergleich des in den Bundesbahnen und im Motorfahrzeugverkehr investierten Kapitals. Der gesamte Vermögenswert der Betriebsanlagen! der S.B.B, beträgt nach einer Aufstellung der Generaldirektion per Ende 1931 Fr. 2 654 338.186.—. Wert der Motorfahrzeuge (Mengenzahlen Ende September 1934): 69 744 Personenwagen (Durchschnittswert ca. Fr. 7000.—) 488M01. Fr. 20315 Lastwagen inkl. Autobusse und Lieferjmgswagen (ca. Fr. 15 000) 304 » » 676 industr. Traktoren (ca. Fr. 6000) 4 » » 2 644 Anhänger (Ende 1933, ca. Fr. 4000.—) 11 »> 34514 Motorräder (ca. Fr. 1700.—) 59 » Total zirka 866 MM. Fr. Werf der Investitionen für die Unterbringung der vierrädrigen Motorfahrzeuge. Rechnet man als durchschnittliche Jahresmiete nur Fr. 300.— und kapitalisiert man diesen Betrat mit 5%, so erhält man als Durchschnittswert der F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (29. Fortsetzung.) Aber das war nun wieder so, dass kaum ein Blick sie traf. Den Hut, den Stock des Herrn von Adriani griff Utenhoven von der Truhe mit der alten grünen Kasel, reichte sie ihm zu, brachte ihn wortlos* durch den Saal und durch den Vorraum bis zur Tür. Die Zähne lagen ihm zusammengepresst im Munde — kein Wort hätte er sprechen können — Die Hand schon an der Klinke, wandte sich der alte Herr noch einmal um — seltsam gebückt, als ob er eine unsichtbare Last mit sich forttrüge aus dieser Stunde, war seine schmale, kümmerliche Gestalt — Die schweren Lider hoben sich: «Sie sollen alles das in Ruhe überlegen —», sagte er. Dann war er fort — verschluckt vom abendlichen Umtriebe, der draussen durch die Stadt brandete. Immer noch machte sich das Fräulein Lissy Erler in dem Saal zu schaffen. Zusammen mit dem Diener deckte sie die dünnen Schutztücher über die kostbarsten der Bilder und Skulpturen. Die schlanke, zierliche Gestalt bog sich, reckte sich auf, wie sie die Arme hob, die Hüften wippten, wie sie weiterschritt —. Aber es war ein Spiel, dem die Beachtung und der Beifall fehlten. Am Tisch Simon Maranes stand Joos Utenhoven ein paar Augenblicke, den Rücken nach dem Saale zu, still, blätterte ohne Sinn und ohne einen Eindruck in sich aufzunehmen in einem Bilderwerke, das da lag, und sagte dann, wie er das wieder Hess und sich wandte: «Sie können schliessen — ich bleibe noch hier — ich habe noch zu tun —.» Bin Nicken im Vorübergehen, und er war wieder in seinem Zimmer. Dumpf, wie erfüllt vom Ausdunst eines dunklen Ringens, stand ihm die eingeengte Luft entgegen. Fremd und verlassen alles — War das wirklich erst wenige Minuten her, dass er sich aus dem schief gerückten Sessel dort erhoben hatte — ? Da stand die Flasche noch, die beiden Gläser —. Und hier — hier vor ihm hatte der gesessen — Mechanisch griff er vor, goss ein und starrte dann auf den topasgelben Kognak in dem Glase. Als er es hob, musste er daran denken, wie der Krallennagel seine Hand vorhin berührt hatte. Ein Schüttern fasste ihn, rann ihm kalt über Schultern, Rücken hin. Wie sagte man dazu: — ist einer irgendwo über mein Grab gegangen —. Er trank — Hess sich dann in den Schreibsessel hinsinken — Wie ausgenommen sein Gehirn und nur ©in Druck von Mattigkeit und Schwere. Die Augen schloss er, fühlte das qualvolle Auftreiben und Sichsenken der Atemwellen seiner Brust, horchte dumpf, trübe und verloren in die Last der Einsamkeit und Stille. Jetzt drang von nebenan schwingend und wippend der dünne Hall von leichten Schritten. Ungleichmässig aufklingend — dann wieder versinkend dm Verweilen —, ein Trippeln hin und her: Waschtisch — und Pult und Spiegel — Dann ging die Tür drüben — fort — Und auch der Rolladen vor der Tür nach der Strasse rann jetzt rasselnd in den Schienen nieder und war zu. Allein — Ein wenig beugte er sich vor: — was wollte er doch eben nur —? Er sann danach: — nein — es war weg. Eine Zigarette griff er aus der schmalen Dose, klopfte sie in zwangsläufiger Bewegung ab — Hess das Benzinflämmchen aufflackern, rauchte an. Gleichwie im Traum das alles, ohne dass sein Blick aus einem trüben Suchen im fernen Nichts zurückgekommen wäre — Still stieg der Rauch der Zigarette auf und legte sich als breite Nebelgasse leis schwingend durch die kaum bewegte Luft. Erst nach und nach gewann Joos Utenhovens Denken wieder Form und Umriss, hoben sich Bilder aus der Wirrnis vor ihn hin — Was hatte 'der gewollt — der Graue — dieses blutlose verstaubte Männchen, das da wohl eine halbe Stunde lang vor ihm gesessen und geredet — und geredet hatte — ? Als ob der graue alte Herr noch immer, als sein eigener zurückgebliebener Schatten, hier ein wenig vorgebeugt in diesem Sessel sässe, war es Utenhoven — als ob er diese brüchig hinschleichende und doch so eindringliche Stimme noch immer hörte, den matten Blick dieser verhängten Augen noch auf sich fühlte — Er schüttelte den Kopf in jäher Abwehr — die fest geschlossenen Lippen sprangen auf und schürzten sich, die grossen, gleichmässigen Zähne bleckten: Nein, lieber Herr — so leicht gab man sich nicht! Beweise gegen ihn? Heraus damit! Was hatte er denn für Beweise, der neunmalkluge Herr?! Nich einen hatte er —! ' Den Fingerabdruck — einen halb verwischten Fingerabdruck — will er auf dem Schaft der Pistole noch gefunden haben — Und wenn? und wenn?! War das denn