Aufrufe
vor 8 Monaten

E_1935_Zeitung_Nr.078

E_1935_Zeitung_Nr.078

BERN, Freitag, 27. September 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang -N»"78 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlich Fr. 5.—, Uhrlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversieh.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Steuern ohne Ende Ein seit jeher recht umstrittenes Kapitel war und bleibt die Wechselwirkung zwischen der fiskalischen Belastung des Motorfahfzeugverkehrs und der Höhe der daraus resultierenden Erträgnisse. Wie aus der letzten Nummer ersichtlich, bestehen diesbezüglich differierende Auffassungen zwischeh der eidgen. Oberzolldirektion und dem A. C. S. Letzterer glaubt, für den Monat August einen Rückgang des Benzinverbrauches gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode um 11% feststellen zu können* während auf Grund der Zollstatistik die Einnahmen im Berichtsabschnitt um 1,350,000 Franken über dem vorjährigen Augusterträgnis liegen. Es dürfte zwecklos sein, heute bereits feste Positionen beziehen zu wollen; wertvoller erscheint uns, anhand feststehender, über eine längere Zeitperiode sich erstreckende ähnliche Erfahrungen im Ausland etwas näher zu betrachten. Bei der Erfassung des Motorfahrzeuges als Steuerobjekt sind die verschiedenartigsten Erhebungsformen zu berücksichtigen, und nur deren Zusammenfassung vermittelt ein klares Bild über die absolute Höhe der Belastuog^-eia Moment, das. vielfach absichtlich unberücksichtigt gelassen wird. Der Kampf um die jüngste Benzinzollerhöhung ibewies • einmal mehr die Richtigkeit dieser Tatsache, bewegte sich doch die ständerätliche Benzinzolldebatte ausnahmslos auf dem Boden der Schaffung vermehrter Bundeseinnahmen, unbekümmert um die bereits auf dem Motorfahrzeug ruhenden eidgenössischen und kantonalen Vorbelastungen. Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Strassennetze, mit den staatlichen Geldbedürfnissen und dem Eisenbahnkonkurrenzproblem haben die einzelnen europäischen »Staaten, je nach Steuersystem, überall das Motorfahrzeug als schmerzte und er nicht schlafen konnte, hatte ihm der Arzt das Zeug verschrieben. Und eines von den Pulvern hatte er genommen v— Dann endlich war er wieder an dem Wasser, überschritt die Bendlerbrücke, war in der Regentenstrasse. Oben im Esszimmer fand er den Tisch gedeckt — da stand eine Schüssel mit Aufschnitt — standen Brot und Käse. Er Hess das alles, nur der eine Wunsch war jetzt in ihm: Schlaf — diese kleine dunkelblaue Schachtel —• In einer Lade fand er sie — Drei Pulver schüttete er auf die Oblate — kaum dass sich die dann schliessen Hess. Ein bitterer Nachgeschmack blieb ihm im Munde. Die Kleider zog er ab und taumelte ins Bett, fühlte, wie sich ein Nebelhelm über seine Stirne legte, fest, fester wurde und die Wirrnis der Gedanken überzog. Gleichwie ein Stein fiel er dann in die Tiefe. Er schlief — schlief bleiern durch bis in den Tag hinein. Erst als das Mädchen draussen an die ;Tür pochte, wurde Joos Utenhoven wach, taumelte er aus Dunkelheiten auf. Hell war es rings. Sein Blick stach nach; der Uhr: Halb'neun—! Da war er auf. Der hart und kalt pejtausgiebige Steuerquelle zu erfassen verstanden. Es gibt Abgaben auf Kauf oder Verkauf eines Fahrzeuges, Abgaben, die vor der Inbetriebsetzung zu erlegen sind, Strassenabgaben, Abgaben auf Sammelladungen und Parkgebühren, Abgaben auf Versicherungen und daneben die verschiedensten Formen der Betriebsstoff-Besteuerung. Ausser diesen, das Kraftfahrzeug sichtlich belastenden Steuern dürfen die vielen allgemeinen Abgaben, wie Stempel- Erscheint jeden Dienstap und Freitag Wöchentliche Beilage .Auller-Feferabend". Monatlich 1 mal ..Gelbe Liste- REDAKTION u. ADMINISTRATIONi Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gtschiftsstellr Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 gebühren und Zölle, welche auf Rohstoffen, Halb- und Fertigfabrikaten lasten, die in den Gestehungskosten enthaltenen Steuern auf Löhne und Gehälter, Grundsteuern, Ertragssteuern usw. nicht unberücksichtigt bleiben. Nach einer von Joassart auf dem Internat. Kongress für Kraftverkehrswirtschaft gehaltenen Referat stellte sich ,der mittlere JahreSertrag der Motorfahrzeuge vor ca'. 3 Jahren in Grossbritannien auf 979,4, in Frankreich auf 783,8, in Deutschland auf 634,5, in Italien auf 192,0, in Belgien auf 89,9, in den Niederlanden auf 68,4, in der Tschechoslowakei auf 58,0 und in Oesterreich auf 22,5 Mill. Schweizerfranken, in der Schweiz im Jahre 1933 auf 93 Mill. Fr. Dass es dem motorisierten Strassenverkehr möglich war, diese gewaltigen Beträge aufzubringen, stellt wohl eine einzigartige Entwicklung dar, denn wir glauben kaum, dass in irgendeinem Lande die respektiven Steuererträgnisse aus Eisenbahnen derartige Summen erreichten. Um so kleinlicher mutet deshalb die Bevorzugung dieser letzern im Kampf zwischen Schiene und Strasse an. Der trotz den grossen Belastungen und Beschränkungen erfolgte dauernde Ausbau der Automobilwirtsehäft zeugt detin;^, glich;,,, einer Vitalität dieses Industriezweiges, selbst über die ausgeklügeltste ,, Steuermethode triumphierte. Naturgemäss musste aber der Steuerertrag auch einmal die Grenze erreichen, welche dem Gesetz des abnehmenden Ertrages volle Berechtigung einräumte. In den meisten Ländern ist man nach kostspieligen Versuchen recht bald zur Einsicht gelangt, dass bei einem das Belastungsoptimum überschreitenden Anziehen der Steuerschraube nicht nur die gesamte Volkswirtschaft, sondern auch die Staatskassen einen Verlust zu trägen hat, der bis zum Ruin ganzer mit dem Motorfahrzeug verbundener- Erwerbszweige führen kann. Eine beliebte Form der fiskalischen Motorfahrzeugbelastung besteht in der direkten oder indirekten Erfassung der Betriebsstoffe. Ueberdies wurde in einigen Ländern auch der Spiritusbeimischungszwang eingeführt. Nicht nur in allen durch den Krieg in ihrer Finanzpolitik auf besonders eigenartige Steuermethoden gedrängten Staaten hat man, ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Folgen, die früher respektierten Erhebungs- grundsätze gerechter und zweckmässiger Besteuerung bedenkenlos überschritten; selbst einzelne neutrale Länder wetteifern ebenfalls in der Anwendung von Steuerpraktiken, d£rien kein letzter Schimmer von Gerechtigkeit mehr innewohnt. Unsere Behörden, sowohl diejenigen des Bundes als diejenigen der Kantone, dürfen den «ehrenvollen Ruf», heute in dieser Hinsicht den Rekord zu schlagen, für sich beanspruchen. Ein typisches Beispiel bildet die Frage des Alpenstrassenausbaues. Die Schweiz, welche verhältnisrriä'ssig ungeschoren die Kriegsjahre überstand und dabei gar kein schlechtes Geschäft machte, in den Nachkriegsjahren bis 1930/31 sogar in vorderster Reihe der internationalen Finanzfront aktiv tätig war, besitzt heute das schlechtest ausgebaute • und unterhaltene Alpenstrassenhetz, das man nur dann den modernen Erfordernissen anpassen will, wenn seitens der Automobilwirtschaft der grösste Kostenanteil aufgebracht wird. Alle vier Nachbarstaaten aber, als Kriegsländer, besonders das arme Oesterre.ich, drängen uns täglich von dem für uns so' lebensnotwendigen Fremdenverkehr ab; untätig sehen wir zu, wie uns die Felle immer stärker unter dem noch eittigermassen festen Boden unserer Wirtschaft wegschwimmen. Die Auto- und die damit* aufs engste verbundenei Betfiebsstoffwirtschaft darf für sich in_A.nspfitch nehmen, das grösste Opfer einer skrupellosen Finanzpolitik geworden zu sein, und bezüglich der Höhe der fiskalischen Belastung beinahe von allen Ländern an erster Stelle zu stehen. Wenn auf irgend einem Gebiet das Wort Raubbau an den Steuerquellen und der Wirtschaft Berechtigung hat, dann wohl auf demjenigen der Motorfahrzeugbesteuerung. Seit jeher war es das Dogma der Finanzwirtschaft wie der praktischen Finanzpolitik, Kraftstoffe, die nur ein Hilfsmittel zur Erzielung eines Ertrages darstellen, der ohnehin der Besteuerung unterliegt, möglichst tragbar zu belasten, wenn nicht überhaupt abgabenfrei zu belassen. Wir haben allerdings im Lande der weissen Kohle das Vergnügen, zufolge indirekter Belastung die höchsten Energiepreise bezahlen zu müssen, wir haben trotz oder vielleicht gerade wegen der Ausnützung der ununterbrochen von den Bergen strömenden Wasserkraft die höchsten Bahntarife, und es wäre gar nicht verwunderlich, wenn selbst die schwarzen Diamanten noch in den Dienst des geldhungrigen Staates gestellt würden; zuletzt besteuert man INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif ' Inseratenschluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Benzinersatz. Das Masaryk-Rundrennen. Rückblick auf den Grossen Preis von Spanien. Die Schweiz. Rennen des Jahres 1935. Das Humphrey-Getriebe. Nationale Meisterschaft für Sportflieger. Bilder: Seite 6. dann noch das Kühlerwasser und die Luft für Vergaser und Pneus. Aber beispielsweise an den Alkohol geht man nur iftit äusserster Zurückhaltung heran. 150 Millionen Liter Wein werden jährlich in der Schweiz konsumiert; dafür müssen wir sogar noch Subventionen ausrichten ! Wie bereits gestreift, waren es einzig die ausserordentlich wertvollen Eigenschäften des Motorfahrzeuges als Verkehrsmittel Wie auch die wachsende Erkenntnis seines gröSr seh, Nutzens und seiner Notwendigkeit für die gesamte Volkswirtschaft, nicht zuletzt seine überaus wichtige Funktion als Ajoiiopolbrecher des schienengebundenen Ueberlandverkehrs, welche den Automobilismus, trotz der enormen Besteuerung, lebensfähig Hessen; jeder andere Verkehrszweig wäre unter ähnlich hohen Lasten zusammengebrochen. Als Folge der Ueberbesteuerung hat sich allerdings in manchen Staaten ein mehr oder weniger scharfer Rückgang des motorisierten Strassenverkehrs bemerkbar gemacht. Deutschland, Grossbritannien, Oesterreich, Jugoslawien, Danzig und andere Länder .haben eingesehen, wohin eine derartige Steuertaktik führt und das Steuer noch beizeiten herumgeworfen. Ueber didse Tatsachen nun setzt man sich bei uns hinweg und glaubt, wie in der gesamten Wirtschaft, auch auf automobilistisehem Gebiet eine Sonderstellung einnehmen und behaupten zu können. So wenig unser Land- in wirtschaftlicher Hinsicht eine «Friedensinsel» bleiben kann, so wenig lassen sich die mit dem Motorfahrzeug verknüpften Interesseni ten ad infinitum schröpfen, selbst dann nicht, F E U I L L E T O N Die Versuchung des Joos Utenhoven. Von Karl Rosner. (30. Fortsetzung.) Die Hofjägerallee ging er hinunter — ein Hauch von Flieder, von Jasmin. Pärchen eng aneinandergedrückt auf schattendunklen Bänken —. Und dann, wie er die Tiergartenstrasse kreuzte, war er mit einem Male seiner Wohnung nahe — Kreislauf? — Wohin —? Nach Hause — nein. Weiter geradeaus: Herkulesbrücke — Lützowplatz — Aber da nahmen ihn die Menschen wieder auf. Im Zug der Maassenstrasse kam er an dem Hause vorbei, in dem Simon Märane wohnte. Für ein paar Augenblicke sprang in ihm der Gedanke auf, hinaufzugehen und ihm nah zu sein —. Aber das Haustor war geschlossen, und der Flur hinter den Glasscheiben lag im Dunkel. Auf die Strasse trat er zurück und sah hinauf zu der Fensterreihe im zweiten Stockwerk. Da rechts hinter den vorgezogenen Gardinen schimmerte Licht. Das musste die Wohnung des Doktors sein— da hatte er bei einer alten Dame seine zwei Räume abgemietet — Schlafstube* Arbeitszimmer — Einmal — der Doktor war damals erkrankt gewesen — da hatte er ihn aufgesucht, nach ihm gesehen. Ganz deutlich noch erinnerte er sich an dieses Wohnzimmer mit den grossväterlich altmodischen geschweiften Mahagonimöbeln, mit den kirschroten Plüschfauteuils, über deren Kopflehnen weisse gehäkelte Schutzdeckchen hingebreitet lagen, an den schmalbrüstigen Schreibtisch vor dem Fenster, die guten Holzschnitte und Stiche, die, unstimmig zu diesem lächerlichen Pseudorokoko, von der grossblumigen Tapete niederblickten. Da oben sass Simon Marane jetzt wohl, las oder arbeitete an einem seiner Aufsätze für den «Cicerone», das «Belvedere» oder das «Pantheon» — Arbeiten — dachte er —, wenn ich doch auch durch Arbeit mich all diesem Suchen, Grübeln, Warten entziehen könnte —. Wenn ich es doch vermöchte, mich in meine Studien zu dem Baccio Bandinelli wieder festzulegen — Sein Weg führte ihn weiter. Ihm zog es durch den Kopf: — ob er nun wirklich glauben mag, dass ich mich jetzt erschiessen würde — ? Und dann: — auch Hertwigs könnte ich als Zeugen laden lassen, dafür, dass ich noch am Morgen aus meinem Büro bei ihnen angerufen habe, um für den Abend ein Zusammensein zu verabreden — Neben.ihm stand ein Mädchen — rückte näher —sprach ihn an: «Na, schöner Mann —wie wär's —?» Er schreckte auf, sah vor sich das maskenhaft-süssliche Lächeln eines dreisten Gesichtes, sagte emporgestöbert, ohne Ueberlegung: «—sehr freundlich — danke nein —». Und ging — Sie lachte hinter ihm: «Oller Dussel •—!» Müde war er mit einem Male, und zugleich fiel .ihn Hunger an. In einem Automatenrestaurant ass er im Stehen ein paar Brötchen., Gierig — im Drange wieder fortzukommen. Von der Apostelkirche schlug es elf, als er dann wieder auf der Strasse stand. Schlafen — dachte er — schlafen —! Aber sein. Suchen, Tasten in der Tiefe ruhten nicht. Den Doktor Adriani sah er, der die Hand, die hagere Greisenhand mit diesem Krallennagel hob — und wieder sinken Hess -- und diesen Anruf bei den Hertwigs damit still begrub : Man kann sich auch ein Alibi der Seele schaffen — Eine kleine Schiebeschachtel mit Pulvern fiel ihm ein — eine kleine dunkelblaue Schachtel war es —, und irgendwo zu Hause musste er die noch haben —. Damals, vor Jahren, als der alte Schuss im Bein ihn plötzlich durch eine Verwachsung wieder