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E_1935_Zeitung_Nr.085

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BERN, Dienstag, 22. Oktober 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N° 85 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aasgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7JS0 Gesamterneuerung des Nationalrates — eine Utopie und ein Unsinn! Es herrscht gegen unsere obersten Behörden in Bern grosse Erbitterung im ganzen Lande. Eines der vielen Symptome ist die wohl allen unsern Lesern bekannte, vor einiger Zeit schon angekündigte Aktion «Gesamterneuerung desNationalrates». Ihre Parole lautet: Streichung aller bisherigen Nationalräte auf den Wahllisten. Fragen wir uns in aller Objektivität, was mit der Befolgung dieser Parole erreicht würde. Als Strassenverkehrsinteressenten haben wir dazu besondere Veranlassung, da wir dem abtretenden Parlament in seiner Gesamtheit keine Träne nachzuweinen brauchen. Auch uns kann eine gehörige Erneuerung des Parlamentes nur erwünscht sein, wenn wir erreichen, dass in den Behörden «den Notwendigkeiten des Verkehrs mehr ' Verständnis entgegengebracht wird. Von der Aktion « Gesamterneuerung des Nationalrates » ist den Mitgliedern des abzulösenden Nationalrates die Verteilung der entsprechenden Wahlschrift unter folgenden Umständen in Aussicht gestellt worden : « 1. falls die Bundesversammlung die neuen Zucker- und Benzinzölle genehmigt, oder 2. falls sie das Geschäft bis nach den Wahlen aurücklegt oder eine' Beschlussfassimg vertagt. In dieser Schrift wird den Stimmberechtigten empfohlen, sämtliche bisherigen Ratsmitglieder zu streichen. Im Falle einer Beschlussfassung mit Namensaufruf -werden wir den Wählern empfehlen, nur die Namen der zustimmenden Ratsmitglieder zu streichen ». Was, geht nun aus diesem Programm der Aktion «Gesamterneuerung des Nationalrates » hervor ? Nicht mehr und nicht weniger, als dass es vernünftigerweise überhaupt nicht durchgeführt werden kann. Denn die Beschlussfassung ist durch den Ständerat sabotiert worden ! Indem der Ständerat von seinem Prioritätsrecht Gebrauch machte, wurde den Nationalratsmitgliedern gar keine Gelegenheit geboten, zu den neuen Zöllen Stellung zu nehmen, weder in zustimmendem noch in ablehnendem Sinne. Schon deshalb ist es ein Unsinn, alles in einen Tiegel zu werfen und diejenigen Nationalräte, die sich für unsere Sache eingesetzt haben, zum Dank dafür gleichzeitig mit unsern Gegnern über die Klinge springen zu lassen und uns für die Zukunft auch noch derjenigen Ratsmitglieder zu berauben, die sich für unsere Sache gewehrt haben. Die Aktion «Gesamterneuerung des Na- JO— Erscheint Jeden Dienst«« und Freitag Wöchentliche Beilage ,Autlcr-Feterabend". Monatlich! mal „Gelbe Liste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 • Postcheck III414 - Telegramm-Aflresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51.' Telephon 39.743 tionalrates » haut aber noch erheblich weiter daneben, indem sie unsere Gegner unter den bisherigen Nationalräten in Vorteil setzt. Gerade durch ihre Bemühungen zu unsern Gunsten haben sich unsere Vertreter ihre persönliche Stellung innerhalb ihrer Partei geschwächt und sich bei ihren meist rein politisch orientierten Parteigenossen Anfeindungen ausgesetzt, die unter Umständen die Aus' Achten für ihre Wiederwahl empfindlich beeinträchtigen könnten. Was wird also die Auswirkung der Aktion «Gesamterneuerung des Nationalrates» in der Praxis sein? Nichts anderes als die Gefährdung der strassenverkehrsfreundlichen bisherigen Nationalräte, während durchaus keine Gewähr dafür besteht, dass ihre für uns so wichtige Tätigkeit von den an ihre Stelle tretenden, neuen Ratsmitgliedern weiter geführt wird! Ueberdies würde die Aktion «Gesamterneuerung des Nationalrates» den durch die Unterstützung der Eisenbahner und spezieller Verbände gesicherten Ratsmitgliedern wenig oder überhaupt keinen Stimmverlust bringen! Wir haben allen Grund, dafür, besorgt zu sein, dass im neuen Nationalrat möglichst viele Männer ihren Sitz haben, die Verständnis für den Strassenverkehr aufbringen und sich nicht scheuen, eventuell auch gegen ihre Popularität aufs Spiel zu setzen, wenn es gilt, gegen die neuesten Zollerhöhungen aufzutreten. Diese Männer gilt es zu schützen'und zu unterstützen — gleichgültig, ob es sich um bisherige Nationalräte oder um neue Kandidaten handelt. Von den kantonalen Verkehrsligen resp. den am Strassenverkehr interessierten kantonalen Verbänden müssen daher unverzüglich alle Wahllisten nach der Einstellung der Kandidaten zu den Verkehrsfragen genau durchgesehen und mit Energie und Entschlossenheit für diejenigen Persönlichkeiten eingetreten werden, die als unabhängige und objektive Kenner des Strassenverkehrs im neuen Parlament bitter nötig sind. Die nächste Zeit wird nicht nur den Hauptkampf gegen die neueste und eventuell noch folgende Benzinzollerhöhung bringen, sondern es stehen immer noch die Wiedereinführung von Höchstgeschwindigkeiten (Motion Nietlispach !) und vor allem die wichtigen Probleme der Sanierung der S.B.B, und der Regelung des Transportgewerbes zur Diskussion. (Fortsetzung Seite 2.) Schweizerische Rundschau Rückläufiger Autotourismus. Allen Warnungen zum Trotz hat bekanntlich der Bundesrat die Automobilisten in zwei Lager geteilt. Nach Beschluss vom 25. resp. 28. Juni i935 haben Schweizerbürger, die im Besitze eines.Mptorfahrzeuges sind, neben den ordentlichen Steuern und Abgaben einen Benzinpreis von,42.resp. von 43 Rp. pro Liter zu bezahlen, während ausländische Automobilisten unter gewissen Bedingungen und Einschränkungen in der Schweiz zum Preise von 36 Rp. tanken können. Namentlich sollen es Rücksichten auf den ausländischen Fremdenverkehr gewesen sein, die diese Zweiteilung aufdrängten. In Wirklichkeit lag dem bundesrätlichen Vorgehen jedoch der Gedanke zu Grunde, in die am motorisierten Strassenverkehr beteiligten Kreise eine Bresche zu schlagen, um speziell die Gruppe Hotellerie durch diese Sonderaktion zu befriedigen. Schon vom psychologischen Standpunkt aus wäre es für die Bundesfinanzen vorteilhafter gewesen, auf diese Zweiteilung zu verzichten, hat doch das seinerzeitige Vorgehen der Bundesbahnen in weiten Kreisen unseres Volkes recht böses Blut geschaffen, ohne dass für die Bahnen selbst aus der billigern Beförderung der ausländischen Reisenden ein nennenswerter Vorteil erwachsen wäre. . ,Wenn sich der diesjährige internationale Äutotöifrismus, mit Ausnahme der Monate Januar und Juni, auf der ganzen Linie in rückläufiger Entwicklung befindet, so sind für diese betrüblichen Zustände verschiedene Faktoren verantwortlich zu machen. Zweifellos hat die am :25.. Juni a.c. beschlossene Benzinzollerhöhung dämpfend auf den Zustrom ausländischer Automobilisten in unser Land gewirkt, da der internationale Autotourismus in erster Linie die Routen der bequemsten Grenzformalitäten und., Handelsmassnahmen berücksichtigt. Obschon der seinerzeitige Benzinpreis von 36 Rp. im Verhältnis zu den Ansätzen in Deutschland, Italien und Frankreich, vom Gesichtswinkel des ausländischen Fahrers aus betrachtet, als Anziehungsmoment gelten mochte, so ist immerhin darauf hinzuweisen, dass andere Preisfaktoren die Attraktion des relativ niedrigen schweizerischen'Benzinpreises bei weitem kompensierten und auch weiterhin ausgleichen werden. Immer und immer wieder hört man Klagen von übersetzten Preisen, die, am ausländischen Preisniveau gemessen, wohl verständ- I Höh sind. In einem österreichischen Reisebe- I rieht über den diesjährigen Schweizer Besuch INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tone vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute aber: Wem geben wir die Stimme? Die homolgierten Rekorde von Eyston, Londoner Olympia-Schau. Flugdieselmotoren. Ein weiterer Schritt zur besseren Autoabfederung. Eine Wüstenfahrt. Bilder: Seite 8. wird z. B. darauf hingewiesen, dass ein Glas- Milch 40.Rp. kostet, was 70 Groschen bedeute, wobei dieser Milchpreis nicht einmal der. höchste ist, zahlt man doch auf unseren Alpen auch heute noch vielfach für einen bescheidenen Trank Milch 50—60 Rp. Im nämlichen' Tourenbericht wird auf die Anlage eines kleinen Verbandes hingewiesen, die auf Fr. 3.50 d.h. 6,20 Schilling, zu stehen gekommen sei, weshalb vorsichtiges Fahren billiger komme! Neben diesen währungs- und wirtschaftspolitischen Nachteilen haben auch die internationalen Verhältnisse, besonders aber auch der Zustand unserer Alpenstrassen, auf den ausländischen Autotourismus dämpfend gewirkt. Ununterbrochen begegnet man in ausländischen Fachzeitschriften Aeusserungen, die nicht gerade lobend für unser Land werben, wenn schon die auf engem Rahmen zusammengedrängten Näturschönheiten als einzigartig geschildert werden. Einige kleine Beispiele: « Die Strasse ins Engadin ist nach unserem Begriff schlecht und von einer Staubschicht bedeckt, die einen bei Begegnung mit einem Automobil in einen Müller verwandelt. — In vielen Kurven schlängeln wir uns nordwärts auf schlechter und staubiger Strasse nach Tiefenkastei. — Hier (Gotthard-Nordseite) musste ich sogar auf den Ersten hinunterschalten, allerdings nicht wegen der Steigung, sondern lediglich wegen des schlechten Strassenbelages. — Dann geht's westlich weiter auf elender, staubiger und kurvenreicher Strasse (Gletsch-Brig), vorbei an kleinen Dörfern, immer abwärts...» Bei derartigen Äusserungen braucht man sich kaum zu wundern, wenn die Schweiz als «Reiseland par excellence» immer mehr ins Hintertreffen gerät, überlässt sie doch auf strassenbautechnischem Gebiet den 4 initiativen Nachbarstaaten die Führung auf der ganzen Linie. Blumenhölle am Jacinto. Urwalderlebnis. Von Ernst F. Löhndorff. Copyright by Carl Schünemann-Verlag, Bremen. (2. Fortsetzung.) Jemand lacht mir ins Ohr : « Ein gut eingeschossener Revolver und ein schönes Pferd sind das Himmelreich ! > Ich wende mich um und erkenne Ballenha. Aber Pepita zieht mich wieder nach dem Wasser, und ich starre hinter den Kanus her. Die letzten fegen eben um das versinkende Haus, und dann höre ich Ankerketten rasseln. Es verstreicht nur kurze Zeit. Bei uns halten diese seltenen Dampfer nur so lange, um einige Kisten Bier und Liköre, vielleicht auch ein paar neue Dirnen auszuladen. Plötzlich bricht wieder Schiessen und Schreien los, klirrend geht die Kette hoch, der Maschinentelegraph klingelt, und ich merke an dem Rauschen, dass der Dampfer, den wir von unserer Plattform wegen der vor uns liegenden Häuserreihe, der graziös dem Wasser entragenden Palmen und des dicken Flussnebels gar nicht erblickten, stromab geht. Weiter hinauf kam er nicht! Es gibt zu viele Untiefen, und dann verzweigt sich da auch der Amazonas in eine labyrinthischen Wirrwarr von Seen, gewaltigen Buchten, Neberiund Zuflüssen, an denen nur armselige Dörfer vegetieren, wo das Fieber jahraus, jahrein herrscht. Ist nicht bei uns in Remate de Males, dem Höhepunkt allen Uebels, das Ende der Welt? Wohin nur die kommen, die aus dem menschlichen Durchschnittsleben fallen und in das grüne Geheimnis der Dschungeln kopfüber hineinspringen und völlig verändert nach sehr länger Zeit oder auch nie wieder hervortaumeln! Lachend und durcheinanderrufend paddeln die Leute von Remate de Males in ihren ausgehöhlten Xaimabäumen zurück. Kisten werden vor einigen Häusern abgeladen. Die gewaltigste Curiaria hält auf uns zu. Schwitzend rudern die Männer. Das Fahrzeug, das vom Bürgermeister geleitet wird, der an allen Einnahmen Santiagos zum grossen Leidwesen der Ballenha mit einem erklecklichen Zehnten beteiligt ist, ist vollbepackt Mit schwarz bestempelten Likörkisten! Auf ihnen sitzt neben ihrem lackierten, mit Kupfernägeln beschlagenen Holzköfferchen eine sehr gewagt herausgeputzte, verwegen geschminkte Senhorita. Sie lächelt mir, dem einzigen Manne auf der Plattform, herausfordernd entgegen, und ich sehe die Goldplomben ihrer Zähne. Gleichzeitig höre ich das Tuscheln links und rechts von mir, als die Mädchen diese neue Kollegin einschätzen. Aber vorne im Bug stehen zwei Männer, die trotz ihrer städtischen Kleidung mehr in die Wildnis zu passen scheinen! Scharfgeschnittene, bartlose, sparsam lächelnde Gesichter mit hellen Augen haben sie! Einige der Mädchen, die schon länger hier weilen, brechen in freudige Zurufe aus: « Oyez, lala! Senhor Henderson und Senhor Willis! » Und hinter mir sagt Ballenha: «Orchideenjäger! Unbegreifliche Leute! Seltsam und unverstehbar wie du! Masken! » Die Curiaria legte an. Einer der beiden lacht mit näselndem, angelsächsischem Akzent : « Ah, Senhora ! Wie glücklich bin ich, Sie zu sehen! » Alle traten wir in den Schänkraum ein. Die Stunden verstreichen langsam. Es ist längst Mitternacht vorbei, aber ich bleibe sitzen und lausche den beiden Männern. Sie sind wörtkarg, jedoch was sie sprechen, nimmt meine, Phantasie gefangen. Ich sehe auf einmal die Dschungel in noch ganz anderen, viel leuchtenderen, phantastischen Farben! Ich fühle mich auf einmal noch viel enger mit ihr verschmolzen und den bunten, merkwürdigen Pflanzen- und Tiergeschöpfen der Wildnis höriger als je! Henderson erzählt in langen Pausen, der andere wirft hie und da ein dürres Wort dazwischen, das aber wie die Fackel in einer Märchennacht auf meine Sinne wirkt. Der Pfahlbau ist gesteckt voll von Menschen. Rauh lachende Männer; Männer, die in verbissenem Schweigen ihre Karten betrachten; gewaltig trinkende Männer. Die einen singen; andere stecken flüsternd die Köpfe zusammen, und ein paar gestikulieren wild. Mädeln vom hellen Elfenbeinteint bis zum dunkeln Braun winken, locken und kokettieren. Nun redet Willis, und ich höre von der Jagd nach den seltenen Wunderblumen in den dämmergrünen, jungfräulichen Wäldern. Fiebernd lausche ich. Die ganze Zeit fliessen die Stunden dahin, und draussen über der wasserumspülten Siedlung liegt die Nacht. Blausamten, silberflimmernd breitet sich die Glocke des Himmels aus. Der Amazonas spielt mit den Dünsten, die ihm entsteigen. Seit Tagen wohnt ein mächtiges Mutterkrokodil mit seinen Jungen unter der Hütte. Die armlangen Tierchen, die ich im Sonnenschein sah, schreien nun. Es klingt wie das Miauen gepeinigter oder hungernder Katzen.. Pepitas Finger dröhnen über die Saiten. Die Lola. Wie geheimnisvoll schön das ist, wenn am grossen Strem die Schatten der Dunkelheit mit den klargoldenen Strahlen des Morgens kämpfen! Wenn violette Dünste, die kniehoch an den Ufern zwischen den Schilfstengeln träge und unbeweglich ruhen, plötzlich in ängstlichen Aufruhr geraten! Wenn sie sich winden und drehen, wallend hin und herquillen, um von den siegenden Lichtstrahlen ge-