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E_1935_Zeitung_Nr.087

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BERN, Dienstag, 29. Oktober 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 87 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) •vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Immer, wenn die Menschheit ihre Mäntel wechselt und einmal vom leichteren zum schwereren übergeht, das andere vice versa, ist auch für den automobilfahrenden homo sapiens die Zeit gekommen, wo sich eine Neuanpassung des Wagens dringend empfiehlt. Auch ohne solche Anpassung lässt es sich zwar fahren, so gut man auch als Mensch halbnackt im Winter und pelzumhüllt im Sommer herumgehen kann. Weder das eine noch das andere wird jedoch als nützlich empfunden, weder vom Organismus des Menschen, noch vom Mechanismus des Automobils. Der Besitz eines Autos ergibt erst dann ßo richtig Vorteile, wenn das Vehikel überhaupt läuft. Gewiss schafft sich niemand einen Wagen an, um mit seiner Motor-Andrehikurbel lediglich Gymnastik zu treiben. Im Gegenteil, je rascher der Motor anspringt, um so grösser ist allein schon die Gewähr, dass der richtige Fahrer einen frohen Tag verbringt. Dutzende solcher kleinen Freuden •— aber auch Leiden — hängen einzig von einer kleinen Dosis Anpassung ab. In hohem Grade entscheidet die Anpassung weiter über die Sicherheit der Fahrt, womöglich, über Tod oder Leben. Temperaturempfindlich ist vor allem der Motor. Selbst noch so kunstvoll angewandte Thermostate können nicht verhindern, dass die. Gemischbildung durch die Kälte und' Feuchtigkeit beeinträchtigt, die Zündfähigkeit der Kerzen herabgesetzt und der ganze Lebenswille des Motors überhaupt reduziert ist. Hinzu kommt noch, dass ein Uebel das andere verstärkt. Ist das Gemisch schon schwerer zündbar, so sollte die Zündung nicht auch noch mangelhaft sein, und umgekehrt. Doch das ist nun einmal so, und es • gilt sich damit abzufinden. Das Grundübel ist vor allem in der Kälte- Eindickung des Oels zu suchen. Statt die Bewegung der aufeinandergleitenden Teile zu erleichtern, klebt das kalte Oel die Teile zusammen. Nur noch mit Mühe, vielleicht gar nicht mehr, vermag dann der Anlasser den Motor durchzudrehen. Er selbst ist dabei noch handicapiert, denn je kälter es ist, Saisonwechsel Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Feierabend". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschirtsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 desto weniger Arbeitsgeist entwickelt die Batterie. Ein ganzes Komplott ungünstiger Umstände hat sich so zusammengeschlossen, um dem Automobilisten die Ausfahrt zu vereiteln. Ist die Andrehtourenzahl des Motors viel geringer als normal, so kann man na-^ türlich vom Vergaser erst recht keine vernünftige Gemischbildung erwarten. Die Batteriezündung wird auch schon deshalb versagen, weil der Anlasser fast allen Strom für sich beansprucht. Auch eine Magnetzündung, die zwar von der Batterie unabhängig ist, bedarf einer gewissen Mindestdrehzahl, um zündfähige Funken auszuführen. Alles kommt somit, wie man sieht, auf die Verbesserung der Andrehtourenzahl an. Das Mittel, das dazu verhilft, heisst Oelwechsel. Die allerwenigsten Oele sind in ihrer Viskosität so weit temperaturunabhängig, als dass sie im Sommer und Winter gleich gut verwendbar wären. Wo immer jedenfalls Anlassschwierigkeiten auftreten, wird sich die Verwendung einer dünnflüssigeren Oelsorte empfehlen. Eine Gefahr, dass das weniger viskose Oel im Betrieb zu dünnflüssig wird und nicht mehr genügend Schmierfähigkeit besitzt, besteht nicht, da ja der Motor in der kalten Jahreszeit ganz allgemein kühler bleibt und das Oel selbst dann, wenn man vielleicht einmal den Kühlermuff zu öffnen vergisst und das Kühlwasser ins Kochen kommen lässt, im von kaltem Luftwind umströmten Kurbelgehäuse noch keine; gefährlichen Temperaturen annehmen kann. Dass bei der Erneuerung des Oelvorrates im Kurbelgehäuse gleichzeitig auch gerade eine Kurbelgehäuse-Reinigung vorgenommen wird, versteht sich eigentlich von selbst. Grössere Service-Stationen verwenden dazu besondere Apparaturen, die eine reichliche Spülölmenge mehrmals unter ständiger Filterung durch den Motor hindurch treiben. Petrol und Benzin dürfen bekanntlich deshalb nicht als Spülmittel verwendet werden, weil ihre unvermeidlichen Rückstände sonst sofort wieder das neue Oel in seinen Schmiereigenschaften schädigen würden. Zur Reinigung des Kurbelgehäuses gehört natürlich auch die Reinigung eventueller Oelfiter oder der Ersatz ihrer auswechselbaren Elemente. Empfehlenswert ist weiter die Verwendung von Oberschmiermitteln und cvon Kolloidgraphit Die zweite dringend zu empfehlende Anpassungsmassnahme besteht in einer gründlichen Ueberholung der elektrischen Anlage. In der kalten Jahreszeit ist die Beanspruchung der elektrischen Anlage bei weitem grösser als im Sommer. Gleichzeitig verlangt man aber auch hier von ihr besonders hohe Zuverlässigkeit. Damit die Batterie den bestmöglichen Ladezustand beibehalten kann, muss sie vor allem richtig gepflegt und gewartet sein. Damit sie den gewaltigen Stromentnahmen durch den Anlasser, die mehrere hundert Ampere beträgt, und dem vielleicht täglich mehrstündigen Betrieb der Beleuchtung besser gewachsen ist, kann man ihr in manchen Fällen durch einfache Neueinregulierung der Dynamo eine grössere Stromzufuhr zukommen lassen. Jeder Autoelektriker nimmt eine solche Neueinstellung, wo möglich, mit wenig Griffen vor. Der Autoelektriker ist vorsichtshalber auch mit der Nachkontrolle aller Leitungen zu beauftragen, da sich durch die Nässe und Feuchtigkeit in der kalten Jahreszeit nur allzu leicht Kurzschlüsse oder andere Defekte einstellen, die unter- Umständen schlimme Folgen haben können. Das allermindeste, was der Fahrer selbst tun kann, ist eine häufige periodische Kontrolle der Säurekonzentration in den Batteriezellen. Erreicht die Säure nicht mehr die normale Dichte, was darauf hindeutet, dass entweder die Batterie teilweise entladen oder die Säurekonzentration an sich falsch ist, so kann die Batterie gefrieren und platzen. Die Ueberprüfung der elektrischen Anlage hat sich selbstverständlich auch auf die Wirksamkeit der Beleuchtung zu erstrecken. Bei den regen- und nebelfeuchten dunklen Strassen der gegenwärtigen Jahreszeit ist man mehr als je auf gutes Licht angewiesen. Die Scheinwerfer sind auf richtige Einstellung, ihre Lampen auf richtiges Sitzen im Brennpunkt nachzukontrollieren. Kleine Korrekturen in dieser Hinsicht können oft die Beleuchtung erstaunlich verbessern. Manchmal kann es sich als empfehlenswert erweisen, die Glühlampen durch stärkere zu ersetzen. Jedenfalls sollte sich immer eine Notreserve von Lampen und Sicherungen im Wagen befinden. Für den jetzt häufig auftretenden Bodennebel rüstet man den Wagen zweckmässig mit einer Nebellampe aus, die dem Gesetz nach tiefer angeordnet sein muss als die Scheinwerfer und sich nicht gleichzeitig mit jenen einschalten lassen darf. Manche Fahrer haben das Gefühl, im Nebel bei gelblich oder rötlich leuchtendem Licht besser zu sehen als bei weissem Licht. Ob mit Recht oder Unrecht sei hier nicht diskutiert. Da aber die Verwendung von farbigen Vorsatzscheiben durch das Bundesgesetz verboten ist, bleibt für Liebhaber der getönten Beleuchtung nur die Verwendung gefärbter INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Gröcsere Inserate nach Spezialtaril. • i Inseratenschluss 4 Tone vor Enehelnen der Nummern Wir berichten heute Ober: Mehr Solidarität — mehr wirtschaftlicher Sinn. Alpentunnels für den Autoverkehr. Interview mit Geier. Moderner Komfort für den Fluggast. Motorfahrzeug-Aussenhandel. Nomogramm zur Ermittlung des Benzinverbrauchs. Von der Olympia-Schau. Glühlampen oder Spezialscheinwerfer übrig. Grundsätzlich lässt sich die Blendung beim Fahren im Nebel vermindern, indem man dafür sorgt, dass die in der Sichtlinie des Fahrers liegenden Nebelmassen möglichst unbeleuchtet bleiben. Dies ist auch einer der Hauptgründe dafür, dass man mit dem Abblendlicht meist im Nebel viel besser fahren kann als mit dem Fernlicht, und mit den nur nach unten strahlenden Nebelscheinwerfern noch besser als mit dem Abblendlicht. Um zu vermeiden, dass die gewöhnlichen Scheinwerferlampen diffuses Licht auch nach oben ausstrahlen, kann man Spezialglühlampen mit geschwärztem oder verspiegeltem vorderem Teil verwenden. Zum Kapitel der Sicherheitsmassnahmen gehört nicht weniger die Anwendung möglichst gleitsicherer Pneus. Durch die ständige Nässe und abgefallenes Laub bildet sich ja auf den herbstlichen Strassen ein Schmierfilm, der die Schleudergefahr besonders akut werden lässt. Wenn auch schon mit Rücksicht darauf eine Verminderung des Tempos unumgänglich ist, darf doch daneben die Erhöhung der Rutschfestigkeit durch gut profilierte Reifen nicht missachtet werden. Wer noch vom letzten Winter her Spezial-Winterreifen mit Hochstollenprofil vorrätig hat oder sich solche anschaffen will, tut gut, sie schon jetzt aufziehen zu lassen. Auch bei glatt abgefahrenen Reifen lässt sich aber noch ein guter Grad von Gleitsicherheit erzielen, indem man die Lauffläche neu rillen lässt. In den Rillen, die durchaus nicht tief oder breit zu sein brauchen, findet der Schmutzfilm auf der Strasse beständig eine Abflusskanal, während er sonst als Keil vor dem Rad her- F E U I L L E T O N Blumenhölle am Jacinto. Urwalderlebnis. Von Ernst F. Löhndorff. Copyright by Carl Schünemann-Verlag, Bremen. (4. Fortsetzung.) Caramba, Abenteurer! Sieh, da liegt dein Pfad. Vor dir zieht sich die endlose, glitzernde, heisse Wasserstrasse hin, über der die Flüche vieler Männer, wie du einer bist, unsichtbar in der Luft geistern und dein Gemüt beschweren. Ob sie endet! Eben fahren iwir um eine Halbinsel, und wieder öffnet sich die gleiche Vista. Urwald rechts und links, riesenhoch das Wasser einsäumend. Lianen mit bunten Schmarotzerblumen. Aus Blättergewirr lugende Affengesichter. Krokodile liegen auf Sandbänken. Vögel und Schmetterlinge, schwankende Röhrichtkolben und zartgrüner Bambus. Dazu Sonne, Sonne Oberall. Rudere, Abenteurer. Tauche und hebe die Paddel abwechselnd ein und heraus, lausche dem zischenden Singsang, der dem gleitenden Bug der « Lola» entsteigt, und rudere. Einmal ist der Pfad ja doch am Ende. Wie rand wo! Ah, das ist ja das Grausame und Schöne, dass du das nicht weässt. Nun rudere. Und horch, was Henderson sagt: «Kalkuliere, dass wir nun bald die Madeiramündung erreichen. Dort drüben » — seine Hand deutet, nach Norden, wo die Breite des Stromes, seine seenartigen Becken und Buchten im rötlichen Lichte zusammenfliessen — « dort muss irgendwo Villa Bella liegen. Kalkuliere, dass ich keine Sehnsucht nach Tanzgirls und Cachassa habe. Würde uns auch schwerlich gut bekommen, mit diesem Kahn hier den alten Amazonas zu kreuzen. Schätze, würden gut und recht etwa dreissigmal ersaufen, von Piranhas zersägt und von Krokodilen verschluckt werden, ehe wir die halbe Strombreite hinter uns hätten. Seht da vorne die nette, kleine Insel! Wollen anlegen, nachsehen, ob keine Schlangen da hausen, und dann Lager machen !» Seine Hand fuhr nach dem Gewehr. «Da ist das Abendbrot!» lachte er, und ein Schuss hallt scharf und peitschend durch die brütende Stille. Im Schilfdickicht platscht etwas, und Henderson setzt die Waffe ab. « Rudert, meine Süssen, sonst holen uns die Krokodile den Braten weg ! » Die «Lola» bohrt sich in das Schilf, und dann ziehen wir einen stahlgrauen Tapir, dem die Kugel im Blatt sitzt, an Bord. I Singende Wildnis. Oh, wie der Urwald* der dort links als schwarzer Zackenwall das spiegelnde Wasser abschliesst, mit seinen tausend Stimmen zu uns herübersingt! In langen Schwingungen zittert die Luft, als nach dem kurzen Jaulen des pirschenden Jaguars die Affensippen der Dschungelparzelle in lautes, unaufhörliches Protestgeschrei ausbrechen. Scharf wie Klingen schmettern die durchdringenden Stimmen aufgestörter Vögel dazwischen. Um uns herum kreisen grosse Glühwürmer. Grünleuchtend schweben sie hin und her oder sitzen gleich funkelndem Edelgestein an den Rispen der Gräser. Die Glut des Lagerfeuers schlägt einen runden Purpurteppich über die Lichtung, die wir ausrodeten, zuckt mit spitzen, goldumrandeten Fingern lianenbekleidete Stämme hoch. Schimmert über unseren Köpfen als durchsichtige, die hüpfenden Sterne rosig lasierende Wolke. Zieht kupferfarbene Kreise um die faulenden Blätter, die den sumpfigen Boden bedecken. Drüben auf dem Festland schleichen wohl grosse Fleischfresser in der Schwärze der Nacht umher, und unruhige Tiere warnen sich gegenseitig. Schreien entrüstet, kreischen auf in jacher, überlauter Angst und höhnen gellend, wenn die Gefahr an ihnen vorbeistrich. Und der Urwald singt. Das Rauschen des fernen Hauptstromes läutet gleich dumpfen Gongschlägen im Hintergrund des phantastischen Tongemäldes. Als das Stimmengewirr abbricht, fast echolos seufzend versiegt, rauscht der wilde Strom lauter und triumphierender. Ich höre leises Schleichen und Knistern im Dickicht, vernehme, wie Käfer von den Grashalmen mit hartem Klang der Flügeldecken herabfallen. Spüre das weiche, linde Säuseln der. gespenstischen Fledermäuse, die in tiefem Flug über mich wegflattern. Am sumpfigen Ufer zischt es manchmal, und aufsteigende Bläschen zerplatzen. Violett entsteigen giftige Dünste, die den Fiebertod bergen, dem Boden und liegen nun in kniehohen Schichten auf unserer Insel. Das Feuer flackert in schwefligen und scharlachenen Tinten. An der einen Seite des Lagerplatzes erscheint die Wasserfläche unbegrenzt breit, das jenseitige Flussufer verbirgt sich hinter milchigen Nebeln. Irgendwo miaut es ganz leise aus den Fluten, und manchmal flüstert das Wasser unter dem alten Baumveteranen, der da seine mit. gelben Blüten besäten Arme überhängen lässt. Junge Krokodile sind's, die dort spielen und dies seltsame