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E_1935_Zeitung_Nr.088

E_1935_Zeitung_Nr.088

BERN, Freitag, 1. November 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N° 88 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5 , jthrlieh Fr. IC- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljahrlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicberune) vierteljährlich Fr. 7.50 Probleme der Autotouristik An statistischen Erhebungen über das Motorfahrzeugwesen ist in der Schweiz kein Mangel. Aber sie erfassen, wenn man den Ausdruck wagen darf, mehr die Statik des Automobils, die Zusammensetzung und Veränderung unseres Bestandes an Motorfahrzeugen, als die Dynamik, den Autotourismus in seinen Ausserungen und Einflüssen auf das Wirtschaftsleben. Wohl lässt sich aus den monatlichen Veröffentlichungen der Oberzolldirektion über die vorübergehend in unser Land eingeführten Motorfahrzeuge ein — allerdings auch nicht vollkommen exaktes — Bild über die Grosse dieses Fremdenverkehrs gewinnen, aber sie können natürlich keine unmittelbaren Anhaltspunkte darüber liefern, , wie sich in einem bestimmten Gebiet die Autotouristik auf die Gästefrequenz, auf die Gestaltung der Saison überhaupt auswirkt. So aufschlussreich dieses Zahlenmaterial sein mag, es beschränkt sich auf die Darstellung des Umfanges jenes Stromes von fremden ' Automobilen, welche die Schweiz als Ferienland aufsuchen, es reflektiert lediglich das Volumen dieses Verkehrs. Auf präzise Fragen, welche tiefer in dessen Struktur einzudringen versuchen, beispielshalber auf jene nach der Zahl unserer Automobilgäste und deren Aufenthaltstage, vermögen diese Untersuchungen nur eine vage Antwort zu erteilen, sofern man überhaupt die Schätzungen, zu denen man dabei Zuflucht nehmen muss, als Antwort werten will. Für die Erforschung der Autotouristik als Element der nationalen Wirtschaft und die Aufdeckung der Zusammenhänge zwischen automobilistischem Reiseverkehr einerseits iUnd Fremdenfrequenz unseres Landes anderrseits fehlen uns einstweilen noch umfassende Unterlagen, denn auch die neue offizielle Fremdenstatistik lässt leider eine Ausscheidung der mit dem Motorfahrzeug eingetroffenen und der übrigen Gäste vermissen. «Leider», haben wir gesagt. Weil nämlich einer solchen Differenzierung nicht etwa nur akademischer, sondern ein eminent praktischer Wert innewohnt. Eine systematische und wirksame Propaganda für diesen Zweig unserer Verkehrswirtschaft ist doch wohl bloss denkbar auf der Basis genauer Kenntnis der Verhältnisse. Was wissen wir heute davon? Dass die über unsere Grenze flutende Woge fremder Motorfahrzeuge bis zum letzten Jahr unaufhaltsam anstieg", dass 1934 insgesamt 267 244 Automobile ausländischer Herkunft bei uns zu Gaste weilten und dass das Jahr 1935 im Zeichen einer abgleitenden Be-1 Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Autler-Felerabend". Monatlich t mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97. Bern Telephon 2S.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 wegung steht. Was wir aber heute nicht wissen, ist, um nur ein paar Hauptpunkte herauszugreifen, dies: Wieviel Gäste hat uns das Automobil zugeführt, wieviel Logiernächte sind seinem Konto gutzuschreiben, wie stellt sich die Proportion zwischen Autogästen und andern Gästen, zwischen den vom Motorfahrzeug stammenden und den übrigen 'Logiernächten? Um so grösseres Interesse erweckt deshalb die Automobilstatistik von St. Moritz, der man gerne auch an andern grossen Fremdenplätzen Nachahmung wünschen möchte. Sie erschliesst.. eine . Fülle ..wertvoller Einsichten in die Bedeutung des Motorfahrzeugs als Träger eines Teils unseres Fremdenverkehrs. Man wird uns vielleicht entgegnen, die Erkenntnisse, welche sich aus diesem Ziffernmaterial herausdestillieren lassen, dürften nicht ohne weiteres verallgemeinert werden, hätten also nur bedingte Geltung. Wir sind uns dessen wohl bewusst; uns aber genügt es, an Hand eines konkreten Beispiels darzulegen, wo heute unser Fremdenverkehr, eine der wichtigsten Exportindustrien, ohne das Automobil stünde. Darüber hinaus aber offenbart es sich, dass auch die'Autostatistik eines einzelnen Ortes bis zu einem gewissen Grad eben doch ein Spiegelbild der Entwicklung ist, welche die Dinge in der ganzen Schweiz genommen haben. Zahl der Privat-Automobile, welche in den Sf. Moritzer Hotels eintrafen. Sommer 1931 1932 1933 1934 1935 2694 2927 3371 4172 3839 Gesellschaftswagen — — 86 111 161 Die seit 1932 ansteigende Frequenzkurve der Privatwagen bricht somit, im Sommer 1935 ab und schlägt eine abfallende Richtung ein. Man muss die Gründe für diese plötzliche Wendung der Dinge nicht allzuweit suchen. Die Resultate der St. Moritzer Enquete bilden nur eine Bestätigung dessen, was uns auch die Statistiken der Oberzolldirektion lehren: Dass der ausländische Autotourismus nach der Schweiz 1935 in eine rückgängige Phase eingetreten ist. Bis Ende September belief sich der Ausfall gegenüber 1934, wohlverstanden für die ganze Schweiz, auf rund 15 000 Fahrzeuge oder 6%. Die St. Moritzer Autostatistik, welche unterschiedslos ausländische und schweizerische Wagen berücksichtigt, weist aber, wie bereits erwähnt, ein Minus von rund 8 % auf. Damit halten wir einen zahlenmässigen Beweis dafür in Händen, dass auch der schweizerische Automobilist seine Ferien und Vergnügungsfahrten einschränkt oder sein Heil jenseits der Grenzen sucht — die unvermeidliche Konsequenz der verständnislosen Fiskalpolitik gegenüber dem Motorfahrzeug. Wird somit die St. Moritzer Sommersaison 1935 durch einen Verkehrsschwund charakterisiert, soweit man die Zahl der Privatwagen ins Auge fasst, so eröffnet die Ziffer der mit dem Auto angekommenen Gäste entgegengesetzte Aspekte. Als Fazit springt hier nämlich eine Zunahme heraus, wie nachstehende Tabelle veranschaulicht: Zahl der Gäste mit Privat-Autos und Gesellschaftswagen. 1931 1932 1933 1934 1935 Mit Privatwagen 8053 7803 9110 10760 11417 Mit Gesellschaiftswagen _ _ 1658 2217 2949 Zu- oder Abnahme der Privatwagengäste in % des Vorjahres : 1931 1932 1933 1934 1935 _, _ 3 % +17% +18% +6% Anteil der Autogäste am Total aller Gäste: 1931 1932 1933 1934 1935 37,6% 40,1% 44,3% 42,3% 49,8% Im Gegensatz zur Zahl der Privatwagen hat das Kontingent an Autogästen während des vergangenen Sommers eine weitere Mehrung erfahren. Indessen erreicht diese doch nicht mehr die Ausmasse wie in den Jahren 1933 und 1934. Mit 6 % nimmt sie sich gegenüber den 17 und 18 %, womit die beiden vorhergehenden Sommer aufwarteten, eher bescheiden aus. Mag auch per Saldo noch ein Plus herausschauen, die Tatsache lässt sich auf jeden Fall nicht wegdiskutieren, dass die verflossene Saison das Tempo der Entwicklung auch auf diesem Gebiete abgebremst hat. Wenn St. Moritz im Sommer 1935 weniger Automobile, jedoch mehr Automobilgäste empfangen hat, wie im Vorjahr, dann lässt das Zusammentreffen dieser Umstände nur die eine Folgerung zu, dass sich die durchschnittliche Besetzung pro Wagen erhöht haben muss. Dieser Schluss findet denn auch in der Statistik seine Bekräftigung : Mittlere Besetzung pro Wagen (Privatautos): 1931 1932 1933 1934 1935 2,98 Pers. 2,66 Pers. 2.70 Pers. 2,58 Pers. 2,97 Pers. Der Sommer 1935 weicht somit auch in dieser Hinsicht von seinen Vorgängern ab. Hatte sich die mittlere Besetzung der Privatautomobile im Zeitabschnitt 1931—1934 von 2,98 auf 2,58 Personen gesenkt, so schlug diese Tendenz während des Sommers 1935 in ihr Gegenteil um. Durch diese Steigerung des Wertes der mittleren Besetzung wird der Ausfall in der Zahl der Fahrzeuge mehr als wettgemacht INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Nach den Wahlen. Das Rätselraten geht weiter. Nachlese zur Olympia-Schau. Die Mailänder Luftfahrt- Ausstellung. Ein neuer Kleinflugmotor. Luftwiderstandsbestimmung durch Rollversuche. Wie sich schlussendlich die Bilanz der Saison präsentiert, hängt weniger von der Autofrequenz als solcher und von der Zahl der Fahrzeuginsassen ab, als von der Menge der Logiernächte, welche die Automobilgäste bei uns verbringen. In der Aufenthaltsdauer liegt das entscheidende Kriterium. Sie allein ermöglicht eine Beurteilung der Frage, inwieweit durch den Autotourismus unsere Wirtschaft befruchtet wird. Zahl der Logiernächte, welche von Gästen mit Autos in St. Moritz verbracht wurden. 1931 1932 1933 1934 1935 Mit Personenautos 34786 25779 37906 40720 37204 Mit Gesell'wagen — — 2876 2445 3248 Autologiernächte in % : 1931 1932 1933 1934 1935 19,7% 19,2% 28,8% 30% 28,5% Gegenüber dem Sommer 1934 beträgt die Einbusse an Autologiernächten 2713 oder 6,2%. Hand in Hand damit geht auch eine Verminderung der prozentualen Quote der Autologiernächte an der gesamten Logiernachtzahl, un4 zwar von 30 % (1934) auf 28,5 %. Allerdings muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass der entsprechende Anteil des Motorfahrzeugs noch 1930 bloss 17 % ausmachte. Mehr Autogäste, weniger «Autologiernächte » besagt aber nichts anderes als Verkürzung der mittleren Aufenthaltsdauer. Machen wir die Probe aufs Exempel. Verblieb der Automobilist 1934 im Durchschnitt 3,8 Tage, so waren es 1935 noch 3,2 Tage. Ins richtige Licht rücken diese Ziffern aber erst, wenn wir beifügen, dass 1930 pro «Nase» immerhin noch 5,4 Aufenthaltstage gezählt wurden. Von Jahr zu Jahr zeichnet sich die Flottanz des Automobilverkehrs, eine Eigenschaft, die in seinem Wesen begründet ist, F E U I L L E T O N Blumenhölle am Jaclnto. Urwalderlebnis. Ton Ernst F. Löhndorff. Copyright by Carl Schünemann-Verlag, Bremen. (5. Fortsetzung.) Ueber die Büsche, aus dem Gedränge ineinander verflochtener Baumkronen, schiessen die Palmen hoch in die flimmernde, schwelende Atmosphäre hinauf. Es ist furchtbar heiss, Sonne fliesst von oben, trübt den Blick, und die Kronen der Bäume leuchten nicht grün, sind eine schwarze Masse. Gewaltigen Schlangen gleich, krankhaft buntgefleckt, schwingen sich Lianen von Stamm zu Stamm. Ein Vogel fliegt schrillend ins Gebüsch. Eben wollte er noch den roten Schmetterling fangen, aber plötzlich, wie von Angst gepackt, Hess er die sichere Beute fahren und entfloh. Schatten, tintenschwarz gegen die grelle Sonne, liegen vor den grünen Füssen des Urwaldes. Und wieder ist's still. Von neuem treten wir in die Hütte ein. Die Indianer sinken draussen in die Hocke, starren sich an. Jetzt sehe ich den Inhalt der Hütte, die vorher, wie mir schien, nur ein' weisses, kopfloses Skelett barg. Henderson hat eine feuchte Decke ergriffen und über die Qebeine geworfen. Schlagartig drängen sich nun die andern seltsamen Gegenstände des schmalen, aber sehr langen Gebäudes in meinen Blick. Lange Kisten, in denen unter Glasdeckeln viele bunte Insekten säuberlich auf Korkplatten gespiesst sind. Es befinden sich Schmetterlinge und Käfer darunter, wie ich sie noch nie sah ! Dann Bücher. Da Vinci, Machiavelli und Fachwerke über Entomologie. Und nochmals Insekten! Es ist ein Riesenschmetterling dabei, der wie eine Flamme lodert. Eine Biene, so gross wie ein Hühnerei, und eine violette Hornisse mit flauschbehaarten Beinen. Unzählige Insekten, schöne und hässliche. Und noch mehr sehe ich. In der Ecke, um einen einfachen Schreibtisch mehrfach gewunden, der zehn Meter lange, ausgestopfte Leib der herrlich gezeichneten Sucurijuschlange. Die grünen Augen blitzen nnd glitzern. Jetzt erblicke ich drei menschliche Köpfe, von Indianern, bei den Haaren am Wandbalken hängend. Sie haben kaum noch die Grosse einer geballten Faust. Der mittlere ist der einer Frau, rechts und links von je einem Männergesicht flankiert. Denn Köpfe kann man diese grauen Trophäen nicht mehr nennen, es sind nur winzige Gesichter, goldbraun, merkwürdig glänzend. Die Haut ist aber nicht verschrumpft, sondern es scheint, als habe sie sich in den Poren zusammengezogen und dadurch verkleinert, ohne Falten zu bekommen. Und deshalb sieht man auf diesen lederglatten Masken jede Entstellung. Der eine Mann hat eine schmale, weissliche Narbe, die quer über die Nase verläuft. Die Indianer des grossen Amazonas verstehen es, diese Trophäen zuzubereiten. Als ich einst mit Pedro Gummi suchte, habe ich beobachtet, wie sie's machen. Tage und Wochen dauert es. Unendliche Geduld gehört dazu! Zuerst wird ein kleiner, runder Fleck der Kopfhaut von zehn Zentimeter Durchmesser auf der Schädelbasis entfernt. Dann folgt ein Schnitt, der das Hinterhaupt hinauf bis ins Genick geht und von dort rund um den Hals weiterläuft. Geschickte Hände ziehen nun die Haut langsam ab, sie behält annähernd die Form des Gesichtes, auf dem sie wuchs, zumal die Wimpern darangelassen werden und man grosse Vorsicht bei der Nase ausübt. Nun wird das Ganze unten und an der Seite wieder zugenäht und in die Oeffnung oben heisser Sand hineingeschüttet. Nach seiner Abkühlung entleert man ihn und wiederholt die Prozedur so lange, bis der heisse Sand alles Fett aus der Haut aufsaugte. Nun wird sie ausgestopft, in grüne Blätter gewickelt und über schwacher Glut langsam herumgedreht, wochenlang! Das Ergebnis sind jene geräucherten, braunglänzenden, teuflischen «Andenken», wie man sie in verschwiegenen Kuriositätenläden zu Rio und Pernambuco das Stück für hundert bis dreihundert Milreis kaufen kann. «Well, ich will doch verdammt sein! Nichts haben die Burschen angerührt, nicht mal die Insektenkisten zerschlagen. Aber seinen Kopf nahmen sie mit!» murmelt Willis. Hin und her rollen die Augen der Indianer,, die in der Türöffnung kauern. «Lasst uns hinausgehen. Schätze, dass frische Luft besser ist als dies hier ! » antwortete der Amerikaner, und wieder drängen wir ins Freie. Es will Abend werden. Hinter den Baumreihen glüht der Himmel in grellgoldenen Lichtern. Moskitos summen. Henderson öffnet den Mund : « Was soll das...» Das Wort bleibt ihm im Munde stecken, als ein zart sausendes Geräusch näher kommt. Klatsch!