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E_1935_Zeitung_Nr.089

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BERN, Dienstag, 5. November 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahnrang - N» 89 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. i o.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. UnlaUversich.) vierteljahrlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 JCastspieÜge* Siiassea&au Die eidgenössischen Mühlen mahlen namentlich dann besonders langsam, wenn es gilt, lebenswichtige Forderungen des motorisierten Strassenverkehrs zu erfüllen, trotz-' dem diese doch dm Interesse des gesamten Landes liegen. Für landläufige Begriffe hingegen unheimlich schnell beginnen sich die Bundeswalzen in Bewegung zu setzen, sobald neue Beutezüge auf die Taschen der Benzinkonsumenten möglich sind. Sowohl im Nationalrat als auch in der Ständekammer, vorher schon am Schweiz. Bankiertag, glaubte der Chef des Eidg. Finanzdepartemenfes die Anwendung der Dringlichkeitsklausel betr. der am 25. Juni 1935 erlassenen Benzinzollerhöhung verteidigen zu müssen. Welch' unbändige Freude würden unsere Landesväter den Tausenden von in- und ausländischen Motorfahrzeugbesitzern jedoch bereiten, wenn sie ebenso dringlich den Ausbau des schweizerischen Alpenstrassennetzes beschliessen würden! An diese, für unsere zukünftige Verkehrswirtschaft sich zum Kardinalproblem entwickelnde Frage tritt man aber ganz behutsam heran, als könnte sich die Schweiz den Luxus leisten, noch Jahrzehnte mit dem Ausbau zuzuwarten, derweil das benachbarte Ausland von Jahr zu Jahr die Früchte dieser Tatenlosigkeit in stets grösserem Umfang erntet. Die an verschiedene Kantonsregierungen gerächtete eidgenössische Aufforderung, Strassenbauprojekte einzureichen, löste einen Wettlauf unter den betreffenden kantonalen Baudirektoren aus, wobei natürlich mit kostspieligen Bauprojekten nicht gespart wurde. Die auf unserm Volk heute so schwer lastende Eisenbahnmisere, grösstenteils eine Folge der nach kleinlichen Regionalinteressen betriebenen Eisenbahnpolitik in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, findet heute ihr Spiegelbild auf dem Gebiete des Strassenbaues. Kantonale, Talschafts-, Gemeinde- und Personalinteressen dominieren über dem eidgenössischen Standpunkt —denn im Bundeshaus glaubt man, auf diesem Weg am bequemsten die einer dringenden Lösung harrenden Probleme bemeistern zu können. Neben diesen taktischen Schnitzern sind es aber auch einige praktische Strassenbaubeispiele, die hinsichtlich des erstrebten Strassenausbaus zu denken geben müssen. In erster Linie sei auf den F E U I L L E T O N Blumenhölle am Jacinto. Urwalderlebnis. Von Ernst F. Löhndorff. (6. Fortsetzung.) « Fieber! Das fehlt gerade noch! » sagt er teilnahmslos. Meine Hand streckt sich nach der Medizin aus, da fährt er wild in die Höhe. «Damned, du hast uns Unglück gebracht. Bist du ein Gentleman, so wehr dich! » heult er, und fortwährend klirren seine kräftigen, gelben Zähne aufeinander. Als mich die Faust des Amerikaners schmerzhaft aufs Nasenbein trifft, werde ich wütend und bin nur von dem einzigen Gedanken besessen, mich sofort zu rächen. Der Glasdeckel eines Käferkastens zerspringt mit scharfem Geräusch, als wir, uns umklammert haltend, dagegenprallen. Unsere Arme lösen sich, jeder tritt zurück, und wieder rasen wir einander an. Dumpf krachen die Fäuste. Hendersons Gesicht glüht in tollem Zorn, aus seinen Augen bleckt das Fieber. Verwundert betrachten uns die Indianer. Henderson verabreicht mir einen Kinnhaken, der mich rücklings' mit dem Hinterkopf ins funkenstiebende Feuer wirft. Taumelnd stehe ich auf und ramme beide Fäuste gegen seinen Magen. Mit überschnappendem Schrei knickt Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage ,Aut)er-Felerabend". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenratnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Bau der Passwangstrasse hingewiesen. Bekanntlich beantragte der Bundesrat der Bundesversammlung mit Botschaft vom 13. September 1935, dem Kanton Solothurn an die 69 Prozent oder 1,36 Mill. Fr. betragenden Mehrkosten dieses Juraüberganges eine Nachsubvention von 40 Prozent oder 377 600 Fr. zuzusichern. Die anfangs Oktober in Basel versammelte neungliedrige nationalrätliche Kommission, wie auch die eine Woche später ebenfalls in der schweizerischen Messestadt zusammengetretene ständerätliche Kommission nahmen die Begründungen dieser gewaltigen Kreditüberschreitung zur Kenntnis und bekundeten damit mehr oder weniger ihr «Ja und Amen»! Der Privatwirtschaft predigt man seit Jahren ein stetiges Sich-nach-der- Decke-strecken, wahrscheinlich solange, bis in ihren Adern überhaupt kein Puls mehr schlägt, während der Staat mit den aus der nämlichen Privatwirtschaft herausgepressten Subventionen umspringt, als sei unser Land immer noch eine unerschöpfliche Fundgrube goldgeränderter Werte. Je 9 Mitglieder des National- und Ständerates haben am Rhein den technischen Bericht des Bidg. Öberbauinspektorates angehört, welcher über die verschiedenen Ursachen der ausserordentlich hohen Kreditüberschreitung Aufschluss erteilte. Trotz umfangreicher Sondierungen und geologischer Gutachten ist der Preis pro Laufmeter Strasse vom errechneten Betrag von Fr. 114.60 auf 194.10 angestiegen. Im Verlaufe der Bauetappe zeigte es sich, dass die meisten Sondierungen als zu günstig ausfielen, da diese zufällig (!) an Stellen gemacht wurden, die den allgemeinen Untergrundsverhältnissen in keiner Weise entsprachen. An Stelle des vermuteten lehmig-kiesigen Bodens stiess man auf blauen Lehm oder Letten, der von unzähligen Wasseradern durchzogen war. Dies hatte zur Folge, dass zahlreiche Rutschungen vorkamen. Umfangreiche Entwässerungsanlagen und kostspielige Stütz- und Futtermauern zur Konsolidierung der Rutschungen mussten erstellt werden. Im sogenannten Zingelentunnel stiess man statt auf das erwartete kompakte Gestein auf ein verwittertes Durcheinander von Blöcken, Lehm und bröckeligen Massen, was komplizierte Ausmauerungen bedingte. (Fortsetzung auf Seite 4.) er um, richtet sich dann in sitzende Stellung hoch. Schmerzlichen Gesichts schauen wir uns stöhnend an, und ein grosses Erstaunen ergreift ihn mehr und mehr. « Haben wir uns geprügelt? » fragt er mühsam. Ich betaste meine Nase, die sehr weh tut, und antworte wider Willen lachend: « Ja, du gabst mir 'nen Uppercut, und ich traf deinen Magen! » Er schüttelt sich, zieht sich an der Wand empor auf die Füsse. Er reicht mir die Rechte und sagt: «Schüttle sie, alter Boy. Haben uns nach Gentlemanart gegenseitig die Grillen vertrieben. Schätze, dass es 'ne Art Tropenkoller "war. Kalkuliere, dass es gut ist, dass wir keine Südländer sind. Würden sonst nicht die Fäuste genommen haben, sondern spitze Messer oder Pistolen! » Wir drücken uns die Hände, und wieder sitzen wir lange Zeit da. Der Urwald beginnt draussen zu flüstern, zu stöhnen, und dann schreit er. Wie ich es noch nie hörte! Es ist noch weit weg, scheint aber näher zu kommen. Tierstimmen in wildestem Aufruhr, in höchster Not! So hört es sich an. Unruhig rücken die Indianer hin und her. Manchmal bricht draussen der unheimliche Lärm ab, beginnt von neuem, lauter und näher, in durch Mark und Bein schneidenden Tönen. Gleichzeitig springen wir beide auf die Füsse, nehmen die Gewehre und treten ins Aus unserem Leserkreis Herbstgedanken eines Nachtfahrers. Früh wird es nun dunkel. Immer früher werden all die grossen und kleinen, die laut und aufdringlich schreienden und die bescheidenen, unaufdringlichen Lichter der Städte und Ortschaften angezündet Feiner Herbstregen fällt und überzieht noch ehedem einigermassen helle Strassenflächen mit einer dunklen, gefährlichen Schicht, die alle Lichter in allen Farben in oft blendender Fülle widerspiegelt. Und in dieser Fülle von direktem und widergespiegeltem Licht bewegen sich mit mehr oder weniger grossem Geschick Automobile, Motorräder und Fahrräder. Das ist an und für sich nichts Besonderes. Das Besondere daran ist aber die Art und Weise, wie die einzelnen Motorfahrzeugführer und Radfahrer «ihr Licht leuchten lassen », um es mit einem Bibelwort auszudrücken. Wenn beispielsweise ein Automobilist in den Nachtstunden eines Regentages durch die förmlich im Licht schwimmende Hauptstrasse einer Stadt mit der Abblendung herumgondelt, also ausser dem Wirrwarr der Lichtreflexe, hervorgerufen. durch die Strassenbeleuchtungen und die hell erleuchteten Schaufenster, noch die beiden Spiegelstreifen seines Scheinwerferlichtes auf der scharf spiegelnden Nassfläche des «wunderbaren » Asphalts vor sich herschiebt und jeden entgegenfahrenden Automobilisten doppelt blendet, so sollte er füglich angehalten werden und nach seinem « geistigen > Licht gefragt werden. Aber auch bei trockenem Wetter ist es völlig überflüssig, ja sogar im Sinne der Unfallverhütung bedenklich, wenn in Strassen mit normaler Beleuchtung mit der Abblendung gefahren wird, besonders wenn die Strasse einen dunklen Belag aufweist. Wenn es aber tatsächlich in nicht wenigen Fällen passiert, dass einem auf Innerorts-Strassen mit völlig ausreichender Beleuchtung ein lieber Benzinkollege mit Tollem Scheinwerferlicht in die Windschutzscheibe leuchtet, dann darf mit einiger Sicherheit angenommen werden, dass zwischen dem äussern Licht des Wagens und dem innern Licht seines «Beherrschers» ein ziemlicher Gegensatz klafft. So fuhr mir unlängst auf einer reichlich beleuchteten Stadt-Asphaltstrasse bei Regenwetter ein solch «strahlender» Bursche entgegen, der, obschon ich ihn durch verzweifeltes Riegeln an meinem Lichtschalter um Ausschaltung seiner «Jupiter»-Lampen ersuchte, seelenruhig sich mir näherte. Durch Ausstellen des Winkers und leichtes Abschwenken nach links auf seinen Fahr- Freie, wo uns der Aufruhr mit unheimlicher Wucht in die Ohren schlägt. Der Nebel ist grösstenteils verschwunden, über die Lichtung rieselt das schwache Licht der Gestirne. Melancholisch rauscht der San Jacinto. Angestrengt spähen wir in die Runde und sehen nichts Verdächtiges. Und doch lauert ein finsteres Verhängnis in der Nacht. Mich beschleichen dunkle Ahnungen. Dunkle Furcht. Denn den Mann, der wirklich keine Angst kennt, müsst ihr mir erst noch zeigen! Die Furchtlosigkeit, deren ich mich rühme, ist nur Trotz, wilde Prahlerei und hilfloser Fatalismus. Hart am Rande der Lichtung bewegen sich zwei dunkle Schatten. Rehe, die in raschen Sprüngen heraneilen, dicht an uns vorbei dem Strome zuhalten. Wir sehen, wie sie dort ein paarmal wie unschlüssig hin und her trippeln, dann schiessen sie schwarzen Pfeilen gleich flussab. «Das ist merkwürdig. Schau, da kommen noch welche! » brummt Henderson. Sausend huschen Tiergestalten an uns vorbei, halten am Wasser und flüchten dann in gleicher Richtung. Unerträglich ist das grässliche Geschrei, das aus dem dichten Urwalde wie auf Sturmesfittichen durch die Nacht braust. Wieder springen schlanke Tiere vorüber. Hendersons Stimme ist dicht an meinem Ohr: «Da, ein Jaguar, kalkuliere ich! » Und grüne Feuerkugeln lodern uns sekundenlang INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp, GrSssere Inserate nach Spezialtarit Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Fahrlässiges Vorfahren. Die Autotransporte auf der Gotthardroute. Moderne Funktechnik in der Luftfahrt Der zukünftige Zeppelin-Landeplatz. Zwei originelle neue Wagentypen. Was man aus alten Autos machen kann. streifen zu, gelang es mir, ihn zu stellen. Erst als ich ihn einiges über Kinderstube usw. gefragt hatte, bequemte er sich, sein «inneres» Licht aufleuchten zu lassen und sein äusseres Licht seiner inneren Erleuchtung anzupassen, d. h. abzublenden. « Schüüüli >, würde hiezu das Nachwort im «Scheinwerfer» lauten. Ein weiteres Kapitel bilden die Scheinwerfer der Radfahrer, sofern sie z. B. auf Ueberlandsträssen solche überhaupt benützen. Bekanntlich hat der Scheinwerfer eines Fahrzeuges in erster Linie die Aufgabe, die Fahrbahn zu erhellen, damit etwaige, sich darauf befindliche Hindernisse rechtzeitig erkannt- werden können. Die Velofahrer jedoch, ehrenvolle Ausnahmen dankbar erwähnt, benützen ihren Scheinwerfer dazu, dessen scharfes Lichtbündel horizontal in Augenhöhe der Automobilisten und Fussgänger herumfunkeln zu lassen. Aber nicht nur von vorno trifft einem das grelle Fahrradlicht, auch durch die Rückscheibe und den Rückblickspiegel fallen die störenden Strahlen des hin und her pendelnden Lichtkegels. Es ist ohne weiteres verständlich, dass 'dieser Tage ein Automobilist, geblendet durch einen Fahrradscheinwerfer, einen schweren Unfall verursachte. Wie einfach und sinngemäss wäre doch die Lenkung des Lichtkegels so. 'dass •derselbe in maximal 50 Metern vor dem Fahrrad die Fahrbahn beleuchtete. Aber eben, es macht offensichtlich Spass, den andern Strassenbenützera. in die Visage zu zünden. Kinder spielen ja auch, gerne mit Taschenspiegeln. Kürzlich fuhr ich nach dem Dunkelwerden von St. Gallen heimwärts. Obschon ich auf offener Ueberlandstrasse im Mittel 60 km/St, auf dem Zähler hatte, also nicht ausgesprochen langsam fuhr, hatte es ein lieber Benzinkollege noch eiliger, aber immer nur auf der Geraden. Sobald aber eine oder mehrere Kurven kamen, wurde die Distanz zwischen mir und meinem mir folgenden Draufgänger immer grösser. Das hinderte aber den lieben Nächsten nicht, mir, sobald er mich wieder aufgeholt hatte, mit vollem Scheinwerferlicht von hinten in den Laden zu zünden, ohne aber die Gelegenheiten zum Vorfahren zu benützen, wozu ich ihm immer reichlich Raum gewährte. Dass eine solch unmotivierte Blenderei von hinten zu schwe- an, als die Bestie vorbeispringt. Voll Staunen kehren wir in das Kerzenlicht der Hütte zurück, wo die Indianer schon wieder apathisch beisammensitzen. Fieberschauernd sinkt Henderson auf seine Decke. Ich stürze abermals zur Tür, meine Rechte umklammert krampfhaft den Gewehrkolben, Caripunhas? Pah, an die denke ich nicht. Jetzt nicht! Das ist etwas anderes, was in der Urwaldnacht lauert und dessen Nahen meine Nerven prickeln macht! Eben war es still, und ich konnte förmlich die heissen, feuchten Luftschwaden, die zur Tür hereinpressen, fühlen. Aber jetzt schreit es wieder mit vielen geplagten Stimmen. Draussen rauscht das Gras, trappeln Hufe von Tieren, die auf einer uns unbegreiflichen Flucht sind. Waldbrand? Nein, diese strotzende, nasse Dschungel kann nie und nimmer in Flammen aufgehen. Ein leises Poltern an der Türöffnung, etwas Schemenhaftes kriecht herein. Mein Gewehr fliegt hoch, die Träger schreien auf, Henderson lacht gewaltsam. Und vor mir, mich bittend anschauend, hockt ein winziges, seidenmähniges Löwenäffchen. Lachen ist Befreiung jetzt, und darum lache ich auch, was ich nur kann. Mit einem Satz ist das Tierchen auf dem nächsten Käferkasten, wo es hocken bleibt. « Sieh nur, was hat es denn? » fragt Henderson. Das Aeffchen rutscht jetzt aufgeregt