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E_1935_Zeitung_Nr.097

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BERN, Dienstag, 3. Dezember 1935 Nummer 20 Rp. 31.Jahrgang - N» 97 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: AtMfabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherunel vierteljährlich Fr. 7.50 Die Lektüre der Polizeiberichte über Verkehrsunfälle, die von angetrunkenen Automobilisten verursacht werden, muss jeden anständig Empfindenden nachdenklich stimmen. Allein die Stadt Bern meldete kürzlich drei solcher betrüblicher Vorkommnisse. Wasser auf die Mühle der Autogegner ! Eine Handvoll gewissenloser Rowdies brockt mit ihrem frevlen Tun die Suppe ein, die überwiegende Masse der Pflicht- und Verantwortungsbewussten, die sich korrekten Verhaltens den andern Strassenbenützern gegenüber befleissigen, sollen sie auslöffeln. Wir danken! Und wir danken auch der Polizei, dass sie so entschlossen zupackt und die Dunkelehrenmänner ohne Zögern an den Schatten setzt. Nur eine Radikalkur wirkt in solchen Fällen. Schon seit geraumer Zeit begnügt sich die bernische Stadtpolizei nicht mehr damit, dann erst mit fester Hand zuzugreifen, wenn ein betrunkener Fahrzeuglenker bereits etwas verbrochen hat. In der Tatsache allein, dass sich jemand sichtlich betrunken hinter das Lenkrad setzt, liegt das Moment der Verkehrsgefährdung begründet. Diese Gefahr im Keim zu ersticken, anders ausgedrückt : unfallverhütend zu wirken — genau wie mit der Regelung des Strassenverkehrs — fällt aber in den Aufgabenkreis der Polizei. Erfüllt sie nicht lediglich ihre Pflicht, wenn sie offenkundig unter dem Einfhiss des Alkohols stehende Fahrer in sichere Obhtrt «geleitet» und sie durch Zwang von der Strasse entfernt, bevor ein Verkehrsdelikt eingetreten ist ? Vorbeugen ist besser als heilen. Die Unfaüchronik liefert nun aber ebenso die Bestätigung dafür, dass auch betrunkene Fussgänger und Radfahrer eine Gefahrenquelle für die übrigen Strassenbenützer bilden. Lassen wir die Polizeimeldungen selbst sprechen : < Sonntagabend ... -überholte ein Motorradfahrer einen mit Holz beladenen Handkarren, der Ton drei Männern gezogen wurde. Alle drei waren mehr oder •weniger betrunken. Im Moment des Ueberholens torkelte der eine von ihnen vom Karren weg direkt gegen das Motorrad. Er erlitt erhebliche Kopfverletzungen und mnsste ins Spital eingeliefert werden. > Eine weitere Polizeinachricht besagt: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage .Antler-Felerabend". Monatlich 1 mal .,G«lbe liste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 dutch Jjtun&euheU « Em angetrunkener Radfahrer, der aof der Halten Strassenseite fuhr, kollidierte mit einem kreuzenden Motorradfahrer, kam aber verhältnismässig noch gut weg, da lediglich Materialschaden entstand. » Der Zufall wollte es, dass zu gleicher Zeit, da sich das eben erwähnte Vorkommnis .abspielte, drei unverkennbar beduselte Autolenker, dank der Mitwirkung des Publikums, Gelegenheit erhielten, auf dem Polizeiposten ihren Rausch auszuschlafen, bevor sie grösseres Unheil angerichtet hatten. So erfrischend diese Anteilnahme fürsorglicher Mitmenschen auch anmutet, uns will scheinen, man komme damit nicht ganz ans Ziel, man unterbinde nur einen Teil jener Gefahren, welche dem Strassenbenützer aus dem-übermässigen Alkoholgenuss anderer drohen. Die beiden zitierten Beispiele mögen illustrieren, was für eine Bewandtnis es damit hat. Zwei Begebenheiten bloss aus jenen vielen, da Motorfahrzeuglenker bei der Begegnung mit angetrunkenen Strassenbenützern ein Unglück nur unter eigener Gefahr, durch ihre Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit vermieden haben. Davon jedoch erfährt die Welt wenig, aber sehr wenig. Das Publikum schickt sich an, die" Hermandad auf die Spuren berauschter Automobilisten zu setzen. Es greift zum Selbstschutz. Nun gut. Wir sind die letzten, diese Art der < Erziehung zur Sicherheit der Strasse > misstrauisch zu bekritteln oder darob in moralische Entrüstung auszubrechen. Keinen, der es mit seinen Pflichten als Lenker eines Motorfahrzeuges ernst nimmt, wird darob Unbehagen beschleichen. Keiner wird sich dagegen auflehnen. Liegt es denn nicht in seinem wohlverstandenen Interesse, dass jene Sorte von Auch-Automobilisten, die nicht wissen, wann sie genug haben, aus dem Strassenbild zum Verschwinden gebracht wird? Trotz alledem will uns scheinen, der vorsorgliche Gewahrsam sollte nicht ein «Privileg > der Autofahrer bleiben, wfll man die Gefahrenmomente im Strassenverkehr konsequent eliminieren. Dass dem Auto dank seiner Geschwindigkeit und seiner Masse ein besonders hohes Gefährdungsmoment innewohnt, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren. Ebensowenig wie darüber, dass dieses Moment gerade durch ungehemmten Alkoholgenuss potenziert wird. Daran lässt sich indessen nicht rütteln : auch Radfahrer und Fussgänger, die zu tief ins Glas geguckt und deren Gleichgewicht und Standfestigkeit darob ins Wanken geraten oder gänzlich abhanden gekommen ist, tragen eine Gefahr in den Strassenverkehr hinein. Für sich selbst sowohl als auch für die andern. Freilich, sie können sich ja dabei beruhigen und ihr Gewissen damit salvieren, dass das Gesetz dem Motorfahrzeugführer die Pflicht auferlegt, seih Fahrzeug jederzeit zu beherrschen. Aber selbst diese Generalklausel liefert kein Allheilmittel gegen Unfälle. Ein «nächtlicher Wanderer» torkelt plötzlich vom Trottoir auf die Fahrbahn hinaus, ein Velofahrer schwenkt, weil ihm der Kobold Alkohol im Nacken sitzt, unversehens aus seiner Fährtrichtung — un nichts vermag mehr den Eintritt des Unvermeidlichen zu verhindern. Es wäre aber unterblieben, hätte man es nicht erst so weit kommen lassen, hätte der Hüter des Gesetzes auch ein wachsames Auge und eine resolut zufassende Hand für schwankende Fussgänger- und Radfahrergestalten. Das ist es, was wir wünschen möchten. Man verstehe uns recht. Wir gönnen jedem sein Gläschen. Hat sich jedoch einer ihrer offensichtlich zu viele einverleibt und macht er sich in diesem Zustand auf dem Heimweg, dann gebietet es —so will uns scheinen — die Sicherheit des Verkehrs, dass man ihn nach Möglichkeit von der Strasse fernhält. Eine ganze Anzahl grossei schweizerischer Die Vollziehungsverordnang zum Motorfahrzeuggesetz bestimmt in Art 54 Abs. 2: « In Strassen mit Sicherheitslinien haben die Fahrzeuge rechts dieser Linie zu fahren. > Dem Fahrer mag es zuweilen scheinen, diese metallenen, weissen oder gelben Linien seien etwas kraus gezogen und eine andere Linienführung würde den Anforderungen des Strassenverkehrs besser gerecht; er wird trotzdem gut daran tun, sich an das in die Strasse gezeichnete Gebot zu halten, wie der nachfolgende Entscheid beweist Auf der Strasse Neuenburg-La Chaux-de- Fonds findet sich vor dem letzgenannten Ort eine Gabelung, wobei der eine Arm der Strasse hn Bogen nach rechts abbiegend über < La Malakoff» nach La Chaux-de- Fonds führt, der andere unter dem Namen < Boulevard de la Liberte > in der bisherigengen Richtung weiterführt. Eine ans gelben Vierecken bestehende Sicherheitslinie INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Ranm 45 Rp. Grossere Inserate nach Spezialtarif., Inseratensehluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Schweiz. Motorfahrzeugstatistik Aus dem Rennfahrerlager. Die Bieler Montage-Werke der General Motors. Techn. Probleme des modernen Verkehrsflugwesens. Fahren im Schnee. Wann kommt der Kohlenstaubmotor? Bilder: Seite 8. Städte haben im Lauf dieses Jahres mit Verkehrserziehungswochen aufgewartet. Automobilisten wie Fussgänger und Radfahrer, überhaupt alles, was da auf der Strasse kreucht und fleucht, wurde aufs Korn genommen und zur Disziplin angehalten. AHe wurden dabei mit gleicher Elle gemessen und keiner blieb verschont. Lässt sich dieser gleiche Maßstab nicht auch dann anlegen, wenn Strassenbenützer in be- oder doch angetrunkenem Zustand angetroffen werden ? ©• Die tBedeutuuty d&t TtlwtMewngsüaiett Aus dem Bundesgericht. zwingt den von Neuenburg kommenden Fahrer, ziemlich lange der Strassenbiegung nach rechts zu folgen; erst nachher gibt sie denjenigen den Weg frei, die den Weg nach dem Boulevard de la Liberte wählen, die nun die Strasse in ziemlich spitzem Winkel nach links zu überqueren haben, um nachher in der ursprünglichen Richtung weiterfahren zu können. An dieser Stelle kam es am 9. Juni 1935 zu einem Zusammenstoss zwischen einem von Neuenburg herkommenden Auto und einem von rechts aus La Chaux-de- Fonds nahenden Motorrad. Der Autofahrer wollte durch den Boulevard de la Liberte weiterfahren, hielt sich aber nicht rechts von der erwähnten Sicherheitslinie, so dass sein Wagen diese beim Zusammenstoss schon mit beiden Vorderrädern und dem linken Hinterrad gekreuzt hatte. Beim Unfall wurde der Motorradfahrer schwer, sein Passagier leicht verletzt und beide Fahrzeuge beschädigt. Der Blumenhölle am Jacinto. Urwalderlebnis. Von Ernst F. Löhndorff. (14. Fortsetzung) Während meine Augen Umschau halten, ineine Gedanken in den Schrecken des Sertfao, des Fiebers und der Orchideenjagd wühlen, spüre ich auf einmal einen unbändigen Hass in mir. Hass gegen meine Lands- Jeute, die, wie ich wähne, mich nie emporkommen Hessen, mir nie einen Platz an der Sonne gönnen wollten, mich wieder und wieder in die entferntesten Winkel der Welt jagten. Und nun sollten sie selbst hier, im brütenden Urwald, in einer Umgebung und unter Lebensbedingungen, bei denen neunhundertundneunundneunzig von tausend der ihren hilfslos krepieren müssten ! selbst hier im Herzen Brasiliens mir mein Dasein unmöglich machen ? < Henderson!» Er hebt den Kopf, mrd ich rufe lachend: «Gott verdamme die Erfurter Orchideenzüchter ! » Nickend brummt er : « Gute Ansicht das, •Boy. Kalkuliere aber, dass uns das nichts helfen wird. Wir gehören za den letzten Blumensuchern, Boy!» Er richtet sich auf. « Sieh, da vorne ist 'ne Plantage, und 'n Dampfboot liegt dabei. Das muss die des Coronel Numez sein, und ich schätze nicht zu irren, wenn ich die Ahnung habe, dass der Teufel dort gerade los ist!» Unser Gesichtsfeld wird durch eine lange Mauer schwarzgrünen Urwaldes abgeschlossen. Davor liegen Hütten, die über Palisaden ragen. Auf hellblauem Wasser schwimmt ein schneeweisser Raddampfer, und eine Anzahl Curiarias umgibt ihn. Plötzlich knallen Schüsse im rasenden Stakkato. Eine Minute lang, and nun i^i's totenstill. Und vor das dunkle Grün einer Waldschneise legt sich wie durch Zauberei eine Kette opalisierender Wölkchen. Pulverdampf ist's. Aber von hier sieht's ans wie Christbaomkugeln! Kantschaksklaven. Dies ist die Plantage des Numez ! Sumpfiger Wald, grösstenteils aus toten Gummibäumen bestehend, denen man den Saft entzogen hat, und die nun vertrocknet, blattlos, wie grauweisse Knochen, aber wieder halb- überwuchert von den üppigen Schlingpflanhen. Das Sertao enthält hier fast ausschliesslich nur Gummibäume. Und wenn sie einmal alle versiegt und vertrocknet sind, so sucht Numez mit seiner Piratenhorde einfach einen neuen Platz, denn es gibt dergleichen viel im Sertao. Statt die Bäume langsam, in Zwischenräumen anzuzapfen, wie es das Gesetz vorschreibt, damit sie noch drei bis fünf Jahre weitervegetieren und ständig Kautschukmilch geben können — geht Coronel Numez rücksichtslos vor. Pah! wer wird sich um Gesetze kümmern im Herzen des Sertao ? Sind nicht schon in Remate de Males Pistole, Messer und harte fauste das Gesetz ? Und Hegt Remate de Males nicht beinah© 1000 km näher der Zivilisation als diese Plantage hier? Coronel Numez ist hier Gesetz, und wer kann es ihm verwehren, wenn er die Gummibäume so schnell wie möglich bis zum äussersten «melkt» ! Es gibt ja noch viele zehntausend im Sertao, mögen diese hier immerhin vertrocknen! Und so wie Numez denken viele Gummijäger, die allein, zu zweien oder höchstens dreien den Urwald durchziehen. In Massen unter der klugen Führerschaft eines einzelnen, ist bisher noch das Vorrecht des Numez ! Und solche Männer, die auf Schritt und Tritt, nach jeder Kanulänge fast, tote und sterbende Bäume hinter sich lassen, nennt man Gummipiraten. Neben dem kleinen, altmodischen Raddampfer, von dessen Holzrumpf die weisse Farbe in langen Zungen abblättert, und auf dessen viereckigem Heck der Name «Rio Xingu» sich breitmacht, ziehen wir unsere Curiaria auf das grasige Ufer. In der Lichtung, die durch eine hohe, lianenüberwacherte Palisade vom Urwald abgetrennt ist, schwebt noch scharfriechender Pulverdampf in hitzeflimmernder Luft Auf einem erhöhten Grasknollen liegt wie ein schlaffes Bündel ein regloser, dunkelhäutiger Mann. Sein grellblaues Hemd ist dicht besetzt mit kleinen, bunten, falterähnlichen Pfeilen. Drei grosse, langgestreckte Caballos, wie man die Schuppen nennt, erheben sich nebeneinander. Durch die offenen Türen sehe ich im Dunkel der fensterlosen Gebäude schattenhafte Gestalten hin und her huschen. Ein Kind schreit kläglich. * Plötzlich kommt aus dem Urwald ein langsames, hölzern klingendes Pochen, das sich immer mehr verbreitert, bis allerorten hinter dem Dreiviertelkreis der palisadenstarrenden Lichtung die klappernde Drohung der Blasrohrleute dröhnt. Zwei Gruppen von Männern, die sich in der Lichtung gegen-