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E_1935_Zeitung_Nr.101

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BERN, Dienstag, 17. Dezember 1935 Nummer 20 Rp. 31. Jahrgang - N 101 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEIT Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verke ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A fohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Er. 10— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherungi vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint leden Diensten und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-M->"azin". Monatlich I mal ..Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck .111 414 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gesehäftsstellr Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 IONS-PREIS: hohe Grundzeile oder d seratf nachJlpezialtari wir beginnen mit einer längeren Artikelreihe, in -welcher sich ein mit der internationalen Automobilproduktion bestens vertrauter Fachmann mit den zahlreichen technischen Fragen des Autobaues auseinandersetzt. Der Zweck dieser Aufsatzreihe ist, den einzelnen Automobilisten mit der modernen Konstruktionsrichtung, die in den einzelnen Ländern verschieden stark und vor allem auf verschiedenen Teilgebieten in verschiedener Form zum Ausdruck kommt, vertraut zu machen. Diese Zielsetzung schliesst es von vorneherein aus, im Rahmen dieser Abhandlungen auch dem geschulten Automobilfachmann noch Besonderes zu bieten; vielmehr soll dem Laien unter den Automobilisten zu den heute oftmals sehr widersprechenden Konstruktionen das Grundsätzliche erklärt werden, damit er sich selbst ein Urteil über das Ausmass der Vor- und Nachteile neuzeitlicher Konstruktionslösungen bilden kann. Auf wissenschaftliche Berechnungen u. dgl. wurde daher mit Absicht verzichtet. Wir hoffen, durch die Veröffentlichung dieser Aufsatzreihe es unseren Lesern zu erleichtern, zu den Einzelteilen des «Automobils von heute» eine persönlich-kritische Einstellung zu beziehen. Die Redaktion. Was fordern wir vom Auto? v Bevor etwas geschaffen wird, muss man ( sich Rechenschaft darüber ablegen, was geschaffen und was damit erreicht werden soll. Diese Feststellung erscheint überflüssig; ihre Notwendigkeit wird aber sofort erkennbar, wenn man bedenkt, dass auch vom Automobil zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes gefordert wurde, dass also im Laufe der Entwicklung die Anforderungen gewachsen sind. Das Auto soll eine bestimmte — meist möglichst grosse — Anzahl von Personen, sowie ein umfangreiches Gepäck dieser Personen sicher, komfortabel und schnell befördern, der Betrieb soll wirtschaftlich sein und das Aeussere des Automobils soll nicht nur den ästhetischen Anforderungen, sondern auch der Geschmacksrichtung der Zeit entsprechen. Wenn wir diese Anforderungen durchlesen, werden wir sofort erkennen, dass man über die Reihenfolge der einzelnen Wünsche verschiedener Meinung sein kann. Die Tatsache, dass es Leute gibt, denen die Schnelligkeit vor die Sicherheit geht, wollen wir hier nicht erörtern. Dass aber der Vorrang zwischen Komfort und Schnelligkeit strittig ist, dürfen wir nicht ausser acht lassen. Dieser Streit hat den letzten Jahren ihren Stempel aufgedrückt. Der schnelle Wagen ist windschnittig und in seinen Innenmassen daher nach bisheriger Auffassung naturgemäss etwas beengt. Die aerodynamischen Anforderungen allein..sind übrigens dafür nicht ausschlaggebend. Es ist nun einmal eine Selbstverständlichkeit, dass der schnelle Wagen auch « schnell aussehen » muss, sonst macht er keine Freude. tisch » gefederten Vorderräder hat die Inte essenten abgeschreckt. So kam diese gute Konstruktion beinahe wieder in Vergessenheit. Vor zwei Jahren wurde von den deutschen Konstrukteuren der « Vollschwingachswagen » auf breiterer Linie propagiert — durch mehr als ein Jahr aber hörte man im Publikum Stimmen, die sich gegen diese « vorübergehende Modeerscheinung » aussprachen und die « solidere » Starrachse vorzuziehen erklärten. Welch zäher Ueberzeugungskämpfe bedurfte es, dem breiten Publikum klar zu machen, dass der Schwingachswagen ein entscheidender Fortschritt ist im Streben nach dem sicheren, wirtschaftlichen und im Reisedurchschnitt dem grössten Wagen vollkommen ebenbürtigen Mittel- und Kleinwagen! Man kann ruhig behaupten: Hätten sich nicht die deutschen Fabriken fast ausnahmslos und fast gleichzeitig für die neue Konstruktionsrichtung durch in der Ausführung zwar ausserordentlich verschiedenartige, in der wesentlichen Zielsetzung aber ganz einheitliche Bauarten entschieden, hätte nur diese oder jene Fabrik allein auf weiter Flur den Schwingachswagen, propagiert — es wäre wohl im Verkauf ein ähnliches Fiasko entstanden, wie dies bei der französischen « aperiodischen und astatischen » Radführung der Fall war. Und etwas anderes: Die Amerikaner sind seit jeher die Verfechter ausserordentlich geräumiger Karosserieformen. Dass die Geräumigkeit eines Wagens einen Vorteil desselben darstellt, muss wohl nicht näher begründet werden. Und nun sehe man England! Glauben Sie, "dass die englischen Konstrukteure nicht ebenfalls imstande wären, wirklich geräumige Wagen mit glatten äusseren Flächen und schön geschwungenen Linien zu bauen? Natürlich, es wäre etwas Leichtes für den englischen Konstrukteur. Wenn heute der englische Wagen trotzdem fast ausnahmslos ausserordentlich knappe Innenmasse und eine oftmals bastlerisch anmutende Detailausstattung besitzt, dann ist dies nicht eine « Schuld» des dortigen Konstrukteurs, sondern eine Konzession an den in England vorherrschenden Geschmack. In dieser Hinsicht eine kleine Anmerkung: Die englischen Marken Humber und Hillman haben dieses Jahr Wagen herausgebracht, die in ihrer äusseren Form und ihrem Grundaufbau ganz der amerikanischen Konstruktionsschule entsprechen. Die Motoren sind weit nach vorne geschoben, der Passagierraum liegt daher zwischen den beiden Achsen (ein sehr wesentlicher Vorteil für den Fahrkomfort!), die Karosserie ist ge- (Fortsetzung Seite 2.) 'schnitt. ter noch rückläufiger Autotourismus. Vorläufig keine neue Rennformel ! Die Formierung der Hennmannschaften. Wenn der Bundesrat Automobil fährt... Reifenabnützung. Neuerung an Scheinwerfern bringt bessere Ausnützung der Lichtquelle. Ein Sandstreuer für Autos. Tragödie am Südpol? Um die Autostrasse durch den Simplon. Man hätf so gern einen Wagen... Wer entscheidet — Konstrukteur oder Publikum ? Jede Zeit und jedes Volk hat die Automobile, die den augenblicklichen Wünschen am meisten entsprechen — von einigen stets unerfüllten, .oftmals berechtigten Wünschen abgesehen. Es ist kein Zweifel, dass die Konstrukteure aller führenden Länder heute noch fortschrittlichere Automobile zu bauen befähigt wären, als tatsächlich gebaut werden. Dies klingt zwar höchst paradox, findet aber seine Begründung darin, dass das Publikum erst allmählich an einzelne technische Entwicklungen gewöhnt werden muss, bevor Wagen dieser neuen Bauweise in grösseren Massen verkauft werden können. Hiefür gibt es unzählige Beispiele: Als vor fast zehn Jahren französische Konstrukteure Wagen mit unabhängig gefederten Vorderrädern schufen, wollte niemand solche Wagen haben. Schon die in den Prospekten enthaltene Beschreibung der « aperiodisch und astawenn man wegen der grossen Entfernungen statt sechs nur zwei Kunden besuchen kann, wenn für ein Dutzend eiliger Besorgungen nur 20 Minuten zur Verfügung stehen, wenn die Mittagspause nicht zum Nachhausekommen reicht, wenn es regnet, wenn die Sonne scheint, wenn die Strassenbahn nicht kommt, wenn man sich morgens verschlafen hat, wenn man immer eine halbe Stunde früher aufstehen muss, wenn in der Bahn eine fürchterliche Drängelei herrscht, wenn die Freundin den vorgeschlagenen Ausflug ablehnt und wenn sie dabei äussert, ein junger Mann mit Auto käme sicher schneller vorwärts, wenn das Weekend auf dem Balkon verbracht werden muss, wenn die gute Theaterkleidung in der Strassenbahn zerdrückt wird und wenn nachher die Zeit selbst für ein kleines Helles nicht mehr ausreicht, wenn man nun schon zum dritten Male den letzten Omnibus vtrpasst hat, und überhaupt: weil selbst das Schönste ohne Wagen nur halb so schön ist! (Auto-Illustrierte.) F E U I L L E T O N Blumenhölle am Jacinto. Urwalderlebnis. Von Ernst F. Löhndorff. (18. Fortsetzung) Das alles haben wir aus unsern schweigsamen Trägern stückweise herausgeholt oder wussten es bereits. Sie stehen in einem etwas gespannten Verhältnis zu ihren Stammesgenossen, spielen aber doch eine gewisse Rolle bei den Ihrigen. Denn waren sie nicht in den Ansiedlungen, wo merkwürdige Leute wie wir wohnen, die ihren Körper mit Stoffen behängen? Ob Uno, Dos und Tres das sichtbare Ansehen, das sie jetzt in unserer Gegenwart geniessen, zu Kopfe stieg, und sie deshalb ein wenig aufschneiden, das wissen wir natürlich nicht. Aber gestern wurde ein Mann und ein Mädchen in der Nähe der Lagune an den dicken Baumstumpen gebunden. Kurz vor Sonnenaufgang bohrten Henderson und ich, als wir ruhelos über dem pestilenzialisch rauchenden Feuern in den Hängematten hingen, uns die Zeigefinger in die Ohren. Von der Lagune her kam nämlich Geschrei. Und wir wussten, was es bedeutete! Der Zauberer oder Medizinmann der Sippe hat uns heute etwas gezeigt. Er ist übrigens der einzige, der nicht auf die Jagd zu gehen braucht. Die andern bringen ihm die Lebensmittel. Dafür hockt der uralte, aus Haut und Knochen bestehende Greis, in dessen runzligem Gesicht die Augen wie Kohlen bösartig funkeln, den ganzen Tag und einen Teil der Nacht — bejahrte Leute brauchen ja wenig Schlaf — vor dem qualmenden Feuer und rührt in der dickflüssigen Masse des Pfeilgiftes herum. «