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E_1935_Zeitung_Nr.103

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AUTOMOBIL-REVUE FMTM.G,

AUTOMOBIL-REVUE FMTM.G, 27. DEZEMBER 1935 — N° 103 Wir danken unserer Kundschaft für das im verflossenenJahre bewiesene Zutrauen und hoffen, dasselbe auch in diesem Jahre erhalten u. mehren zu können. Unseren Kunden und Bekannten ein gutes und erfolgreiches 1936. JUNKER & FERBER ZÜRICH Druck, Cliches und Verlag: HALLWAG A^G, Hallersdie Buchdruckerei and W&gnerscha Verl*js*nsUlt, Bun,

BERN, Freitag, 27. Dezember 1935 Automobil-Revue, III. Blatt - Nr. 103 Hermann Hesse; Unsere Neujahrsboten! Mögen die beiden schwarzen Gesellen für Sie alles Gute bedeuten Die Post hat heute wieder viel gebracht. Zehn Zeitschriften, jede an die wahrhaft Gebildeten appellierend und jede nach ausschliesslich künstlerischen Gesichtspunkten geleitet, empfehlen sich fürs neue Jahr, und zwanzig Verleger teilen mit, dass sie rüstig daran arbeiten, ihren rühmlichst bekannten Verlag in vornehmster Weise weiter auszubauen. Das alles ist ja gar nicht neu und im Grunde vielleicht gar nicht so schlimm, und ich habe an eben diesem Kultur Jahrmarkt schon hundertmal meinen Spass gehabt. Aber heute ist es mir gerade nicht zum Lachen, nicht einmal zum Schelten. Noch vor einer Stunde war ich draussen auf den Hügeln und sah den Wolken zu, und jede zog daher oder schritt oder schwamm oder tanzte wie ein Wunder, wie ein Wort oder Lied oder Scherz oder Trost aus Gottes Mund, und strebte sehnlich ins Weite, wiegte sich im kühlen, blassen Blau und war schöner und sang ergreifender als alle Lieder, die in Büchern stehen. Nun trat ich in den Kram- und Handelsmarkt der Dichter und Künstler und Verleger zurück wie in einen überfüllten Raum voll ängstlich schwüler Luft, und auf einmal schien es mir, ich wate hoffnungslos durch tiefen, toten Sand, und auf einmal war ich so müde wie von einem fruchtlos verhasteten Tag, legte den Kopf in die Hand und fühlte aus dem Gewirr von Kultur, das vor mir lag, eine böse Traurigkeit wie ein Fieber gegen mich, andringen. Da wehrte ich mich denn, tat den Am Ende des Jahres Plunder still beiseite und ging mit der Lampe in mein liebes, stilles Zimmer hinauf, wo vor den Fenstern Spatzen und Möwen flattern und wo in engen Reihen meine vielen alten Bücher stehen. So ein altes Buch ist immer tröstlich, das redet so aus der Ferne her, man kann zuhören oder nicht, und wenn plötzlich mächtige Worte aufblitzen, so nimmt man sie nicht wie aus einem Buch von heute, nicht von einem so und so genannten Herrn Verfasser, sondern wie aus erster Hand, wie einen Möwenschrei und einen Sonnenstrahl. Und ich las. Ich las in der Heisterbacher Chronik des Mönches Cäsarius, in einem wohlig milden, gutmütigen Latein, eine kleine Klosteranekdote: Der Abt Gebhard hielt den Brüdern jeden Morgen eine Vorlesung über Gott,' über das Wesen und die Eigenschaften Gottes. Es muss sein, dass er das nicht nur als Gelehrter und Dogmenkenner, sondern auch mit dem Herzen und mit rechter Andacht tat, sonst wäre er strenger und kritischer gegen seine Schüler' gewesen. Diese nämlich meinten, längst vom Wesen und den Eigenschaften Gottes genug zu wissen, sie merkten kaum mehr auf und trieben statt dessen Allotria, träumten auch und schliefen häufig ein — wie denn das Schlafen von Cäsarius als eine besondere, sehr häufige Versuchung in einem eigenen Kapitel de tentatione dormiendi dargestellt wird. Der Abt Gebhard redete weiter, vielleicht sah er seine Schüler kaum. Eines Morgens aber fiel während des Redens sein Blick auf die Bänke Uebergaug Ich ging mit dem alten Jahr spazieren. „Nun werd" ich bald meine Stelle verlieren/' Sprach es. „Betrachten wir's so bei Lichte, Man rutscht ziemlich rasch ins Reich der Geschichte. Schon hör' ich im Geiste Glockenmusik, Und vor den Toren steht mein Geschick, Steht das neue, das grosse Jahr—" „Sie neigen zum Scherze offenbar," Gab ich zurück. „Allein Sie gestehen, Das heisst, wenn Sie ernstlich in sich gehen: Der Spott ist wohlfeil, so man bedenkt, Was Sie uns versprochen und nicht geschenkt." Das alte Jahr sah mich lächelnd an. „Ich will keine Noten, lieber Gespan. Kehr' ihirnur um, den stachlichten Besen: Ihr selber seid euer Jahr gewesen! Ihr habt meine Gaben nach Groschen geschätzt, Ihr habt meine Tage zutodgehetzt, Ihr habt mich an die Maschine geschraubt, Mein Mütlein mir mit Seufzern geraubt; Das Glück, das gern in der Stille reift, Hinterm Heerwagen habt ihr es nachgeschleift. Meine Zeit ist um, ich habe zu gehn Und darf nicht sagen: Auf Wiedersehn! Aber das Jahr, das draussen wartet, O — es ist wiederum freundlich geartet! Nimm es gläubig bei der Hand, Zeig ihm dein Heim, zeig ihm dein Land! Zeig ihm dein Herze, lass dich ergründen, Dann wirst du auch sein Herze finden. Im Blustbaum wird es sich vor dir neigen, Es wird zu deinen Tränen schweigen, Deine Freuden werden ihm Freuden sein — Das neue Jahr meint's gut, schlag ein!" der Zuhörer, und da sah er seine Mönche träumen, starren, lächeln, schielen, nachdenken und schlafen. Er schalt aber nicht, sondern brauchte eine kleine List, eine überaus harmlose, kleine List, denn einer andern wäre dieser Mann gewiss nicht fähig gewesen. Er hielt nämlich inne, änderte den Ton seines Vortrages, als käme nun etwas ganz Neues, und sagte: « Einst geschah folgende seltsame Sache an dem berühmten Hofe des grossen Königs Artus...» Da wachten alle Schläfer auf, und die Schieler und Träumer machten plötzlich helle, scharfen Augen, alle Zuhörer beugten sich vor, blickten aufmerksam und brannten vor Lust und Begierde, eine Anekdote von König Artus zu hören. Der Abt aber sah sie an und las in ihren Augen, und dann sagte es mit gütigem Vorwurf: « Ach, wenn ich euch eine Geschichte vom Hofe des Artus erzählen will, da macht ihr die Ohren auf und seid begierig. Aber wenn ich mit euch von Gott reden will, dann schlafet ihr! » Ich tat das alte Buch an seinen Ort zurück und.ging ans Fenster. Da dämmerte unten im Nebelblau der glatte See, jenseits glänzten die Dörfer mit hellen Scheiben, und auf den Alfred Huggenberger. Thurgauer Bergen lagen blasse, lange, schmale Schneefelder zwischen den Wäldern, Diese Berge, durch den See von mir getrennt, stiegen so schön und schweigend und feierlich in die verschleierte Höhe und standen so still und selig rastend in der herandämmernden Winternacht, dass mir schien, ich könnte ein Seliger sein und alle Geheimnisse der Erde verstehen, wenn ich jetzt dort drüben wäre. Dort lag der bleiche Schnee so anders als auf meinem Dach, dort sanden Buchenwälder und schwarze Föhren so unbegreiflich schön und entrückt, wie ich sie niemals in der Nähe sah; vielleicht wandelte dort Gott selber über die Hänge, und wer ihm dort begegnete, der könnte ihn berühren und ihn grüssen und ganz nah in seine Augen blicken. Ja, dort drüben! Schon hier, in meinem schönen,stillen Dorf, auf meinem Hügel, in meinem Walde, wage ich an Gott nicht zu denken, berühre nicht seine Hand, höre nicht seinen Schritt — ich suche ihn drüben, überm See, hinter dem leichten Nebel. Und wie erst, wenn ich nun in einer unserer Städte wäre? Wo ist da ein Ort, an dem ich mich nicht schämte und erschräcke, wenn dort Gott. mir