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E_1935_Zeitung_Nr.103

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18 Automobil-Revue —

18 Automobil-Revue — N° 103 begegnete? Ist da nicht jedes Haus und jeder Stein voll von lüsternem Verlangen — nach einer Geschichte vom König Artus? Es ist wenige Tage her, da fragte mich ein Freund, ein Künstler, in welcher Stadt es wohl schön und gut zu leben wäre. Wir hielten Rat, wir nannten viele Städtenamen, wählten und verwarfen, aber wir fanden die Stadt nicht, in der wir für immer oder nur für lange Zeit hätten wohnen mögen. Statt dessen leben wir, da einer und dort einer, in Dörfern, auf Bergen, in Landhäusern, der in Tirol und jener am Meer, der in der Heide und der am Bodensee, und wir wagen es nicht, zusammen an denselben Ort zu ziehen, und finden die Stadt nicht, die wir Heimat nennen möchten. Muss das so sein? Oft besann ich mich: Ist es wohl immer so gewesen? Allein das ist hoffnungslos. Wer jemals ehrlich das betrachtet hat, was wir Weltgeschichte nennen, muss ja wissen, dass jede gewesene Zeit und Art und Kultur für uns mit hundert Siegeln verschlossen und ewig rätselhaft ist. Ich stand und dachte an den Abt von Heisterbach, an Gott und an den König Artus. Mein Blick lief über die Bücherreihen; viele von den Büchern, die sonst meine Lieblinge sind, waren tot und sagten nichts, aber da und dort sah mich ein alter, brauner Band und Lederrücken lebendig und durchdringend an. Da stehen sie geordnet und warten, und in jedem ist Gott, aber er redet nicht zu allen Stunden, und oft, wenn ich ihn meiden will und irgendeine frohe Historie anfange, da ist es wie bei dem Abt, und statt der ergötzlichen Geschichte, auf die ich lüstern war, sehe ich einen liebend-traurigen Blick und höre jemand sagen: Wenn ich aber von Gott rede, da schlafet ihr! SiCuestet und Sifoest&dkäuche Silvester, Silvester maladester! kann man im Bündnerland hinter dem armen Sünder her rufen hören. In Sack und Asche wird der Silvester durchs kleine Bergdorf gespleppt, und wenn es grad der Schulmeister ist. Die ausspionierende Buben- und Mädchenschar hat am Silvester das ungeschriebene Recht, in jede Haushaltung hineinzuschnüffeln. Und wehe dem Siebenschläfer! Er meinte wohl, man muss vorschlafen, wenn es in der Nacht darauf so hoch hergeht bei Glühwein und Gebäck, wenn die Dorfmusik spielt und die Glocken um Mitternacht das neue Jahr einläuten. In gewissen Bergtälern wird das noch mit Böllerschüssen recht heidenmässig verlautbart. Alte Menschen ziehen das Leisere und Gottwohlgefällige vor. Sie legen in der Silvesternacht vor dem Einschlafen ein Zeichen in das Bibelbuch und schlagen morgens die Stelle auf, als ihre erste Handlung im neuen Jahr. Die Bibelstelle soll ihnen Losung und Urteil für das Kommende sein. Die Hauptsitte des Neujahrs hat sich so ziemlich überall erhalten: Das Glückwünschen. Mit mehr oder weniger überzeugtem Gefühl macht man Strich durch gewisse Rechnungen. Vergessen soll sein, was kränkte, man will sich einmal im Jahr grossherzig erzeigen. Bei Bauern wäre es eine grobe Verletzung der guten Sitte, wenn Meisterleute und Knecht und Magd sich nicht mit Hapdschlag ein gutes Jahr wünschten. Verwandte und Bekannte strömen zusammen, Geschäftsleute schreiben einen Neu- .iahrswunsch für ihre Kundsame in die Zeitung. Der Mieter gratuliert dem Hausbesitzer und umgekehrt. In Graubünden sieht es kein Hausherr gern, wenn eine alte Frau als Erste die Schwelle betritt. Das soll Unglück bringen. Ein weitverbreiteter Glaube in ganz Europa. Warum wohl? — Am liebsten sieht man zuerst einen frischen Knaben ins Haus treten. Das hat bessere Vorbedeutung. Heute noch kennt man auf dem Land das Glückansagen der armen Kinder. Früher war das auch in den Städten gang und gäbe. Tage zuvor spickte man bei den sogenannten Begüterten einen Teller mit Zehnern und Zwanzigern. Kein Kind sollte leer ausgehen. Nicht nur solch junges Volk kehrte ein. Es gab ums Neujahr eine ganze Völkerwanderung von armen Leuten. Alle suchten etwas für Kehle und Beutel, Manchmal wurden sie nur allzu reichlich mit Bäziwasser bewirtet. Weniger schadete der Glühwein, An Gebäck gab es Mailändersterne, Willisauerringli, Schokoladeherzen und Rosinenkuchen, und alle die schönen Sachen, die sich gottseidank auch heute noch nicht wegdenken lassen. Auf dem Land war und ist der selbstgebackene Birnenweggen berühmt. Fast jeder ost- und innerschweizerische Kanton macht ihn wieder um eine Variante anders. Es kommt da auf subtilste Unterschiede an. Und manche Westschweizerin oder Bernerin würde sich buchstäblich alle zehn Finger nach solchem Rezept schlecken. (In Deutschland spielt der Stollen eine ähnlich gewichtige Rolle.) Namentlich im Lande Gotthelfs hat die « Zupfe » als Neujahrsangebinde ein gar gewaltiges Ansehen. Gewaltig ist auch ihr Umfang und ihr durch Eigelbanstrich hervorgerufener Glanz. Die Zupfe gehört übrigens nicht nur auf den Neujahrstisch, sondern in das Haus einer jeden Wöchnerin. Und das oft so anhaltend und von so zahllosen Spenderinnen, dass man Zupfe isst, bis das Kind beinahe zur Schule geht. In den schönen Bergtälern des Engadins geht es am Neujahr hoch her. Da ist «Schlittedas», Schlittenfahrt! Früh am Morgen holt der Jüngling seine Schöne zu dieser Lustbarkeit ab. Er bekommt dabei ein Glas Glühwein und Gebäck kredenzt. Reiche ziehen ihre Rokokokostüme zur Fahrt an. Wir könnten uns die Engadinerinnen ebenso schön denken in der feuerroten Wintertracht. Solch eine Fahrt durch die Kristallwelt geht über alle Genüsse aus den Fleischtöpfen Aegyptens. Zum Schluss oder mittendrin ist aber ein Bündner Festessen nicht zu verachten. Mit langer Peitsche knallen die Führer, wie auf der russischen Steppe, Vom «Sternsingen» weiss heutzutag fast niemand mehr, wenigstens im Unterland wurde es vergessen. Nicht aber in den hohen Bergtälern, Die Feierzeit gilt nach dem Kalender bis zum 6, Januar, erst dann beginnt wieder der Ernst des Lebens, Man geht zur Tagesordnung über. Auf der Schwelle aber steht nun das Fest der Drei Könige. Jünglinge oder Knaben, als heilige drei Könige verkleidet, ziehen vielerorts von Haus zu Haus und singen altertümliche Christenlieder. In dieser Zeit sind die jungen Mädchen weniger heilig aufgelegt; sie wollen durchaus Bescheid über ihr künftiges Schicksal erlisten. Und dieses Schicksal besteht selbstverständlich in einem: Er. Wie wird er heissen, aus welcher Gegend kommt er? Man kennt sich im Dorf. Man weiss, welche Burschen und Mädchen heiratsfähig sind. Es wird doch wohl kein Fremder geheiratet! Nun haben sich die klugen Evastöchter eine Menge Zauberspuk ausgedacht. « Aesgeklügelt » dürfte man niemals sagen. Das machte sich so, wie sich Ernte und Heuet machen, selbstverständlich aus dem Volksglauben heraus. Ein Mädchen schleicht sich zum Beispiel bei Nacht und Nebel zu einem Baum, der im Rufe besonderer Macht steht. Hier zieht es sich einen Pantoffel vom Fuss und wirft ihn rückwärts über den Kopf. Nach welcher Richtung er niederfällt, von dort soll der Ersehnte kommen. Ob nicht die Herzensrichtung ein wenig den Schwung des Pantoffels mitdirigiert? (Wir hoffen nur, dass « Er » einst nicht vom Pantoffel mitgetroffen wird.) Zu Hause schmelzen die Freundinnen Talg und Blei. Nach Wunsch und Phantasie wird aus den abenteuerlichsten Gebilden die Gestalt des Bestimmten herausgelesen. Ein ganz ähnlicher Brauch ist das Scheiterziehen. Aus der Form eines Scheites — lang oder kurz, schmal oder breit, krumm oder gerade — wird der Zukünftige herauserraten. Und wenn es sich dann trifft, dass ein Mädchen wirklich einen Buckligen heiratet, so geht es im Dorf von Mund zu Mund: Das krumme Scheit hat's ja schon angesagt! Ein sinnreicher und recht poetischer Versuch ist dieser: Die Mädchen füllen ein Gefäss mit Wasser. An den Rand werden Zettel mit Jünglingsnamen geklebt, ringsherum in ähnlichem Abstand. Nun wird eine Nußschale mit brennendem Kerzenlicht ins Wasser gegeben. Wo das Feuerchen einen Zettel erwischt, entfaltet ihn das Mädchen, zu dem er gehört, mit Hast und Neugierde. Richtig. Der Peter ist im Feuer der Liebe zu mir, Pia, entbrannt. Die anderen Zettel, die das Mädchen der Auswahl halber auch hinsteckte, zählen alle nicht mehr. Er ist's, das Feuer -hat's erwiesen! — Ein anderer Brauch, aus dem Bereich der edlen Kochkunst, ist noch drolliger. Die Mädchen machen Siedklösse. In jedes Klösschen wird ein Zettel mit Namensaufschrift hineingewickelt. Nur ein einziges bleibt namenlos. Traurig, wenn das namenlose als erstes übers Wasser steigt. Unser Mädchen bleibt noch lange ledig. Sonst aber findet es im erstaufsteigenden Klösschen den Namen seines Auserwählten. Gertrud Egger. STfeujahrsroünsche aus aller IDelt Wo \^j hnpfii/LOfi hnpimi/pfi. tyjCIO h£B£ c_>XJe> äinSft M^IÜ dd3O(X)(ab\jö yiNTKn mpufr rouiv Januar Von Emil Hügli. Durch die bei feierlichem Glockengeläute aufspringende Pforte des neuen Jahres tritt als erster Monat der geheimnisvolle Januar, die weisse, winterliche Pelzmütze tief in die Stirn gedrückt, mit hochgestülptem Mantelkragen, so dass von seinem Gesicht nur die starr und herrschsüchtig dreinblickenden Augen zu erkennen sind. Nicht umsonst verdankt er seinen Namen einem alten heidnischen Gotte namens Janus, der zwei Köpfe hatte und zugleich vorwärts und rückwärts zu schaufcn vermochte, in die Zukunft wie auch in die Vergangenheit. Denn wenn der Januar seine Herrschaft antritt, liegt das alte Jahr schon als Vergangenheit hinter ihm, während das neue vorerst noch als Zukunft vor ihm ausgebreitet liegt, von undurchdringlichen, alles verhüllenden Nebeln umfangen. Wenn der Januar in seinem schneeweissen Bärenpelzmantel über die winterlich verschneiten Felder schreitet oder durch die dunklen Wälder wandelt, dann klirrt sein Schritt, als wären seine Manteltaschen mit lauter Silberstücken angefüllt. Es ist jedoch nicht Geld, was so klingt und klingelt; es sind vielmehr die unzähligen Eiszapfen, die ringsum an seinem Mantel hängen, an dessen Saum, an Kragen und Aermeln... «Kling, kling», als ob's das Schellengeläute eines Schlittens wäre. Manchmal ist es auch wirklich sein Schlitten, den man klingeln und wie Windesbrausen über die Felder hinsausen hört, wenn man auch das Gefährt selber nicht zu erkennen vermag; denn es ist ganz aus durchsichtigem, gläsernem Eis gebaut, überall am Geschirr hängen silberne Eiszapfen, und die Pferde sind milchweisse Schimmel, die vom Schnee der Felder nicht zu unterscheiden sind. Aus ihren Nüstern schnauben sie bei all dem Rennen einen grauen Dampf hervor, der sich oft tagelang übers Land legt und das goldene Sonnenlicht nicht in die Täler und Ebenen dringen lässt. Rechtzeitig fliegen die klugen Raben von den Schneefeldern auf und ziehen krächzend hinter ihm her, wenn er in seinem eisgläsernen Schlitten durchs Land jagt; aber viele kleine Vögel erkennen ihn erst zu spät und fallen den aus stahlhartem Eis gemachten Hufen seiner Pferde zum Opfer; da findet man sie denn hier und dort erfroren im Schnee. Schnee und Eis, Eis und Schnee, das sind die Elemente, über dieer unumschränkt herrscht. Stolz auf seine Macht, schnallt er sich auch oft 4tft eisernen Gleitschuh an die Füsse und flitzt über die gefrorenen Seen und Wasser dahin, oder er steigt, wenn ihn die Lust dazu ankommt, ins tief verschneite Gebirge und saust auf seinen Schneebrettern durch alle leuchtenden Höheneinsamkeiten. Da der Januar ein rücksichtsloser Autokrat und immer darauf aus ist, sich mit aller Macht durchzusetzen, weshalb er auch meist ein strenges und hartes Regiment führt, so gehört er im allgemeinen nicht zu den beliebten Monaten, wenn er auch ohne weiteres die Freude, mit der man das neue Jahr begrüsst, auf sein Erscheinen zu beziehen pflegt. Er ist halt nun einmal der vorderste in der Reihe der zwölf und so muss man ihm den Glauben lassen. Uebrigens sagt ein alter Bauernspruch: «Ein schöner Januar bringt ein gutes Jahr»... Jedenfalls ist es besser, wenn er zu seiner Zeit ein strenges Regiment ausübt, als wenn dann später seine Nachfolger kommen und meinen, sie müssten nachholen, was er in dieser Hinsicht etwa versäumte. Es bekommt ihm ja selber nicht gut, wenn er Anwandlungen zur Milde hat; denn sonst kann es geschehen, dass ein gut Teil seiner Herrlichkeit vor der Zeit schwindet und er selber so schwach und hinfällig wird, wie ein armseliger Schneemann bei Tauwetter und ohne Glanz und Gloria dahingehen muss. HOTEL SIMPLON M m. {^IW&bUvO WfOW MecTHTa HOBa nwfHa I ETHflOAAA gibt unser Bildtext wieder. Es ist das «Prosit Neujahr » einiger naher und ferner Nachbarn, und zwar 1. Armenisch, « Anorhalo or nortari» gesprochen. 2. Georgisch lautet es «Z'eli mschwighobssk ». 3. Gotisch (Sprache und Schrift des verschollenen Gotenvolkes) ist es leichter auszusprechen, « Habai wintru gothana », « mögest du ein gutes Jahr haben» (Winter und Jahr benannten die Goten mit dem gleichen Ausdruck « wintrus »). 4. Arabisch, wie es in Aegypten gesprochen wird, « kulle säna inta taijib » — von rechts nach links geschrieben, ebenso wie das folgende. 5. Hebräisch, «leschanah tobah ssichatebu». 6. Russisch (Schreibschrift). 7. Bulgarisch, « Tschestita nowa godina » in kyrillischer Druckschrift. 8. Griechisch. 9. Chinesisch (von oben nach unten geschrieben, jedes Zeichen stellt ein Wort dar). In China ist der Neujahrstag da* wichtigste Fest des Jahres, und in punkto Höflichkeit übertrumpft der chinesische Neujahrswunsch die anderen hier wiedergegebenen bei weitem: « Hsin shi a; teo tse a; kuo fu kuej ti schi a! »lauten die Worte, zu deutsch: « Glück zum neuen Jahr — mögen Sie Söhne bekommen—mögen Sie glückliche Tage verleben!» A.K. BALL am Silvester, Neujahr und Berchtoldstag. Rassiges Orchester. Reelle Weine. Preisw. Menüs u; Tages-Spezialitäten.

103 — Automobil-Revue 19 Alfred Graber: Acht Stunden dauerte der Aufstieg durch den tiefen Schnee. Es wurde Abend auf dem weiten Wege. Ein unheimlich schwarzer Himmel zeichnete sich im Westen ab. Wolkenbänke schoben sich ungestüm vor. Aber so wild auch die Bewegung am Himmel war, so riesig und fast drohend lag die Stummheit über der Erde. Die dunklen Tannenwälder an den Berglehnen schienen zum Greifen nahe, und föhnklar standen, ferne Bergzacken gegen den Horizont. Die Tiere des Waldes schwiegen in der grossen Bangnis der Stunden, die weder Tag sind noch Nacht. Durch diese Stille wanderte Andreas Peregrin hinauf zur kleinen Hütte hoch oben am Berg. , Aufrecht steht er unter der Tür. Er beschattet seine Augen und schaut hinaus in den sterbenden Tag, der zwischen Bergen und Wolken zerrinnt. Unglaublich ist die Weite um und um, unfasslich die Einsamkeit in diesem Raum, der ohne Begrenzungen ist. In der samtenen Stille ist alles fern und wesenlos, was vor kurzem noch eine qualvolle Bedeutung für Peregrin hatte: der Zusammenbruch seiner Existenz, die Aufregungen, die endlos langen Konferenzen, die Vorwürfe, die schlaflosen Nächte, die sich einstellten. Weggerückt und vorbei ist die ganze Welt der Menschen, die Strassenzüge der Stadt mit den trostlosen Zeilen grauer Häuser, in denen Leute mit vergrämten Gesichtern ebenso zähe an ihrer Existenz bauten, wie er es auch getan hatte, Peregrin hatte die Hastigkeit der täglichen Tretmühle mitgemacht, die so vielen als letzter Rest und karger Sinn des Lebens übrig bleibt, die alles gleichmacht und keine Höhepunkte des Daseins mehr erlaubt, um die es wert wäre zu leben und dereinst auch zu sterben. Wie ölig und ohne Besinnung war doch diese hoffnungslose Oberfläche der Welt. Die Menschen liebten das Leben nicht mehr, sie hatten keine Zeit dazu, sie liebten nicht sich selbst und den Nächsten schon gar nicht. Peregrin hat das beglückende Gefühl, diesen Dingen entronnen zu sein, auf einer kleinen Insel der Zeitlosigkeit inmitten der unerbittlich zugreifenden Zeit zu stehen, einer Insel, von der er freilich wieder einmal abstossen musste in den Ungewissen Ozean des Lebens. Aber dann wird das Schweigen der Berge in ihm eine Ruhestatt gefunden haben, die kein Sturm erschüttern kann. Peregrin steht vor der Hütte, die vorgeschoben liegt an den Rand des Abgrunds auf einem Fels. Um ihn ist die lautlose Stille der Winternacht, die tiefe, unendliche Stille, die wie ein Gebet ist und in ihrer vollkommenen Einsamkeit ein Gesang der Erde. Und er ist da inmitten und allein, ein atmender Mensch, der sich frei fühlt und tief verbunden mit der Erde. Er spürt, er ist der Heimgekehrte aus dem Strudel der Tage. Peregrin sieht die Nacht. Nirgends ist ein Licht. Die Tiefen unter ihm schlummern den traumlosen Schlaf der erdgebundenen Materie. Die Berge sind zurückgefallen an das allmächtige Dunkel, sie haben keine Kanten und keine Konturen mehr. Am Boden des Himmels stehen die Millionen Ff. abend 27. Dez. 7^ ^hr: Zum letztenmal (ausser Abonnement) Don Juan, Oper von W. A. Mozart. Sa. nachm. 28. Dez. Joggeli und Bäbeli. Sa. abend 28. Dez. Hopsa, So. nachm. 29. Dez. Hopsa. So. abend 29. Dez. Das Dreimäderlhaus, Operette nach Schubert. Fr. abend 27. Dez. Sa. abend 28. Dez. Sommernachtstraum. SO. nachm. 29. Dez. 3 Uhr: Die erste Legion. So. abend 29. Dez. 8 Uhr: Die Stunde der Gefahr. MO. abend 30. Dez. Volks vorstelle.: Die erste Legion. Di. abend 31. Dez. Silvester-Vorstellung: Hamlet in Krähwinkel, Volksstück in 7 Bildern von Impekoven und Mathern. ClneiTia ApOllO Stauffacherstrasse 41. « Henker, Frauen und Spione», der grandiose Hans-Albers-Film. Sfauffacherstrasse 41. Das Cafehaus mit den bescheidenen Preisen. Rendez-vous ror und nach dem Kino. PEREGRINUS Abends 8 Uhr, Sonntag nachmittags 3 Uhr. von Welten kalt und fern, unerbittlich, unfassbar und doch irgendwie vertraut. Was ist doch der Mensch? Peregrin ist am Rande der Erde und schaut auf tausend andere Sterne, schaut aus den Jahren der Zeit hinein in das ewige Jahr der Gestirne. Ahnt die unzähligen Schicksale, die sich niemals berühren werden. Der Schnee knirscht unter seinem tastenden Fuss. Vor ihm dehnen sich im blassen Sternschimmer die Gletscher. Er sitzt vor diesem Feuer... Die Brücken zu den Menschen, jenen Menschen, die er gekannt und die sich seine Freunde genannt haben, sind zerbrochen. Was schadet es? Nur Lena glaubt noch an ihn. Weil sie ihn liebt? Sie allein weiss, wo er weilt. Der Gedanke, dass sich noch ein einziger Mensch auf dieser Welt um ihn sorgt, ist ihm unendlich tröstlich. Ist das nicht" sehr viel? Ist das nicht ein Geschenk? Gegen das alles andere leicht und bedeutungslos wird! Peregrin tritt in die schützende Hütte zurück. Er beschäftigt sich mit den notwendigen Obliegenheiten. Er lässt das Feuer im Herd aufflackern. Das Wasser beginnt zu summen. Das Holz knistert und knackt, aus der Herdtüre strömt ein warmes Rot. Er sitzt mit aufgestützten Armen vor diesem Feuer. Er macht kein Licht. Die Erinnerung an längst Vergan-; genes überkommt ihn, an Lagerfeuer in den.*, Bergen und in fernen Ländern. Mancher alten Kamerad, der tot ist, grüsst ihn jetzt, und auch jene, die über alle Welt zerstreut sind, finden sich ein. Er hat ja Zeit, an sie zu denken, sehr viel Zeit. Er würde freudig begrüssen, wenn sie zu dieser Stunde bei ihm wären. Er .würde ihre schwieligen Hände drücken und er würde mit ihnen plaudern in dieser einsamen Nacht, während draussen der Sturmwind stöhnt. Aber er ist allein, und er spürt die grenzenlose Einsamkeit fast körperlich. Sie lauert wie ein wildes Tier an der Schwelle des Raumes. Peregrin möchte ein Wort wechseln mit irgendeinem Menschen. Aber hier gibt es keine, auf halbe Tagesweiten nicht. Schliesslich erhebt er sich, schliesst Fensterladen und Tür und setzt sich ganz nahe an Zürcher Unterhaltungsstätten Apollotheater Cafe-Rest. StudlO Nord-SÜd Schiffländeplatz 2 Premieren: Jofroi (Jean Giono) et Baleydier avec Michel Simon. Version originale francaise. Ce Schauspielhaus f b HUh Wo Stampfenbachplatz 5 Bars. Allabendliches Auftreten erstklassiger, internationaler Künstlerinnen. Waldhaus Sihlbrugg (Station) Täglich gediegene Kabarett-Einlagen! Musik, Gesang, Tanz, komische Einlagen. Sketchesl Limmatquai 132, b. Central F. Winisdörfer Erstklassige Menüs 1.70. Kuchenspezialitäten. Orchester Leindecker. Zeughauskeller am Paradepiaf Z Eine Sehenswürdigkeit. Küche und Keller berühmt. Familie Biedermann-Sutter, Besitzer des Hotel Engel in Baden, b. Turm. Privatpension 28 Moderne Zimmer. Reine Butterküche. Zeitgemässe Preise. Besitzer: Rösler-Misar, Chef de cuisine. Roter Ochsen Parkplatz — Bufterküche. Propr. H. Broder-Huwyler. Autoparkplatz - off. bis 24 Uhr - Nüschelerstr. 30 den Herd. Das dunkle Knistern des prasselnden Holzes soll den Takt des klopfenden Herzens und den Sturmwind der Nacht übertönen, die Ungewissen und fragenden Stimmen des Dunkels vernichten. Er ist nicht leicht, dieser Uebergang von den vielen Menschen zur Stille. Aber Andreas Peregrin lebt sich ein, er findet sich ab mit diesem Einsamsein und wird jeden Tag ruhiger und glücklicher. Mit seinen weiten Bergfahrten, die er unternimmt, fordert er gleichsam das Schicksal heraus. Er möchte ihm eine Chance geben, gegen ihn zu entscheiden. Die Ski sprühen über den frischen Pulverschnee, den die kalten Nächte bescheren. Die Spur steht silbern in die weissen Hänge geschrieben, geradlinig, verschnörkelt und gezackt, wie das Gelände es will, eine Schrift des Glücks der grossen Höhen, Auf den Graten sprüht der Schnee, vom Winde getrieben, fort. Sein weisses Fanal leuchtet vor der strahlenden, dunkelblauen Klarheit des Himmels. Herausgehoben aus der Tiefe steht Peregrin auf immer neuen Silberspitzen. Er blickt auf ein Meer von Gipfeln, so, als ob die Welt nur Berge kennte. Nur ganz weit hinten irgendwo unter dem grauen Dunst der Ferne liegt die Ebene, die Stadt. Wie unbeschwert und schön ist doch so das Leben! Die Geräusche der Nächte, die klagenden Rufe, die man plötzlich zu hören vermeint, wenn der Wind im Kamin singt, sie stören ihn nicht mehr. Das Bild des Lebens aber, das Peregrin verzerrt und verwinkelt, unter dem Blickpunkt der Hastigkeit in seinem Herzen getragen hatte, es hat sich wohltuend verändert, die Einsamkeit hat es mit behutsamer Hand gewandelt. Wie anders, wahrer und schöner will Andreas von jetzt an sein Leben gestalten: ruhiger, freudiger und weniger hastig! Endlich will er diese inneren Versprechungen, die er sich schon so oft gegeben hatte, ohne sie dann zu erfüllen, wahr machen. Mit Lena wird es gehen. Er wird nur noch mit ihr leben, für sie leben. Mit ihr wird er das Dasein wieder aufnehmen können bei den Menschen unten. Er bginnt nach ihnen zu verlangen. Und Lena sorgt sich um ihn. Er spürt es deutlich. Morgen schon will er ins Tal zurück. Die Tage da oben haben ihren Sinn erfüllt. Aber das Wetter scheint nicht gut zu werden. Auftauchende Wolken umsäumen ein krankes Abendrot und nachts orgelt der Föhn um die kleine Hütte. Oft genug zerreist ein unheimliches Dröhnen die Ruhe. Peregrin weiss, es wird Frühling, die ersten Lawinen fahren in den Abgrund. Der neue Morgen. Er zieht die Büttentüre hinter sich zu. Ungestüm fällt der lauwarme Wind ihn an. Blaugrau ist der bleierne Himmel, Nass und schwer ist der Schnee. Der Sturm rollt fegend über Grate Und Hänge. Die Gipfel hüllen sich in undurchdringliche Nebelkappen. Die ganze Landschaft zerfliesst in einen stumpfen, gleichmässigen Farbton, die dem Skiläufer jede Möglichkeit nimmt, die Neigung der Hänge vorauszusehen. So fährt Peregrin tastend und vorsichtig ins unbestimmte Weiss hinein. Weit unten an den unheimlichen Hängen steht der erste Wald. Dort ist Schutz, Leben, Rettung. Hier aber rauscht es hie und da verdächtig, bald zur Linken, bald zur Rechten. Jetzt geht dort drüben am anderen Berghang ein Rutsch los, Andreas schaut erschrocken hin. Nein, er möchte nicht dort sein, Teufel nochmal. Dann steht er still und schaut in die Tiefe. Dort unten regt sich etwas, ein schwarzer Punkt, noch einer. Menschen. Menschen steigen zu ihm auf. Zehn Tage lang hat er-keinen mehr gesehen und keinen gesprochen. Wie er sich freut, mit ihnen reden zu können. Mit neuem Mut fährt er mitten durch den grossen Hang diesen Menschenbrüdern entgegen. Da hört er einen dumpfen Knall hinter sich. Erschreckt schaut er zurück und sieht einen tiefen Riss über den ganzen Hang hinklaffen. Die Welt um ihn beginnt sich zu bewegen, der Schnee schiebt sich vorwärts, der Riss hat sich in ein paar Sekunden riesig verbreitert. Peregrin weiss, dass es kein Entrinnen gibt, der Abbruch ist viel zu ausgedehnt. Er erkennt mit grosser Klarheit, dass er verloren ist, wenn nicht ein Wunder geschieht. Schnell reisst er seine Ski von den Füssen.> Das ist das einzige, was er noch tun kann. Die Schneemassen aber sind wie ein Meer, das ihn begraben will. Seine Wellen fahren über ihn her. Und wie er auch kämpft und immer wieder an die Oberfläche kommen will, er kann sich nicht befreien. Der Schnee presst sich zusammen und staut sich auf. Sein Gehirn hat nur den einen Gedanken: Leben will ich, leben, und heraus aus dieser Schneewüste, Bald aber dröhnt die grosse Stimme der entfesselten Natur immer lauter und er ergibt sich in sein Schicksal. Sein letzter Wunsch ist, Lena noch einmal zu sehen. Dann trägt ihn das grosse Brausen hinein in die unendliche, wohltuende Stille der Bewusstlosigkeit. Als Peregrin aus seiner Ohnmacht erwacht, sieht er, wie vier Menschen sich um ihn bemühen. Sie beugen sich über ihn, sie machen Uebungen mit seinen Armen. Er ist verwundert und verwirrt und lächelt die schwitzenden Männer an, die ihm das Leben wiedergeschenkt haben. « Da sind wir wieder einmal zur rechten Zeit gekommen, » meint der eine. « Ein ... Menschen steigen zu ihm auf. Skistock hat aus dem Schnee geschaut, dem haben wir nachgegraben, bis wir Sie gefunden haben. Und jetzt kneten wir schon über,eine halbe Stunde an Ihnen herum, bis Sie endlich ein Lebenszeichen von sich gaben. » Der Gerettete lächelt matt und dankt. Die vier Männer hatte Lena geschickt, um ihn zu suchen, nachdem er sie zehn Tage ohne Nachricht gelassen hatte. Lena wartet im Tale auf ihn. Was hätte er sich besseres wünschen können? Die Männer legen ihn behutsam auf den Rettungsschlitten. Mit zerfetzten Kleidern und blutigen Schrammen hält Peregrin seinen Einzug in die Welt der Menschen. Das Bücherbrett Victoria Wolf. « Gast in der Heimat». (Querido-Verlag Amsterdam.) Dieser rührige Verlag, der in gewisser Beziehung das Erbe der Leipziger übernimmt, beschenkt uns hier mit einem Buch von sicherlich dokumentarischem Werte. Denn es wird darin das Bild einer ganzen Generation entworfen und das Geschehen zur Geschichte. Aus dem Leben der jungen Claudia — Kindheit in wohlgeordneter Bürgerlichkeit, Studentenjahre in Heidelberg und Tübingen, Ehe mit dem Jugendfreund, das Leben der jungen Gattin und Mutter — aus diesem Leben erwächst die Tragik dieser deutschen Frau, die sich mit allen Fasern ihrer Heimat verbunden fühlt, aber plötzlich erfahren muss, dass sie keine Deutsche im Sinne der neuen Machthaber mehr sein soll, weil sie einen Juden heiratete. Sie muss ihr Land verlassen, um mit dem geliebten Mann im Ausland ein neues Leben zu beginnen. Sie war nur « Gast in der Heimat ». Das Besondere dieses Buches liegt nicht nur in der typisch frauenhaften Art der Schilderung von kleinen und allerkleinsten Details, aus denen sich der Loser selbst ein Mosaikbild zusammensetzen muss. Das Schicksal des deutschen Durchschnitts- Juden oder das durchschnittliche Schicksal der deutschen Juden wird hier aufzuzeichnen versucht. Jenes ausgesprochen bürgerliche, ja spiesserische Milieu, in dessen abgeschlossener Behaglichkeit sich Arier und Nichtarier mit gleichen Gefühlen und Zielen bewegten. Bis die Rassenfrage ins akute Stadium trat und gläserne Wände zwischen Bruder und Schwester, Bekannte und Verwandte schob. Eigenartigerweise vermag uns die Schildern .g dieser, unter dem Druck einer riesigen Uebermacht sich windenden Familie nicht derart zu ergreifen, wie etwa das Schicksal Einzelner. Damit aber kommen wir zu dem, was an diesem Buche auch auffällt. Wenn die Autorin zwischenhinein einmal feststellt, dass die Zeit stärker war als sie, so können und müssen wir ihr beistimmen. Deshalb vermag sie wohl eigenes Erleben zu schildern, aber wenig oder gar nichts zu deuten. Dabei sagt sie uns nichts Neues, ja schwächt in gewisser Beziehung Bekanntes ab. Einverstanden, es wäre zu wünschen, dass diesen « Gästen in der Heimat» nie Schlimmeres widerfahren wäre als das, was uns dieses Buch als das Schlimmste schildert: die Verhaftung eines Juden, der auf die Intervention einer Jüdin hin nach wenigen Stunden unter Entschuldigungen wieder freigelassen wird! — Uns scheint wirklich ein vielleicht allzugrosses Thema eher flau behandelt und der Ausklang des Buches am Problem gemessen recht genügsam. Doch wäre es falsch, wenn sich dadurch der schweizerische Bücherleser von der Lektüre dieses Werkes abhalten Hesse, dessen letzter Akt sich in unserem Lande abspielt. Denn es tritt an jeden und jede von uns irgendwann und in irgendeiner Form das Emigranten-Problem .heran. Rü. Erhältlich in allen Apotheken 10er Packung Fr. 4.50 — 4er Packung Fr. 2. — . Gratis-Prospekt diskret durch E RO V AQ A.Q., Zürich 25, Bachtobeistrasse 59 Lesen Sie die aufklärende Broschüre von Dr. R. Engler. Zu beziehen gegen Einsendung von Fr. 1.20 in Briefmarken oder auf Postscheck VI11/1819, EROVAQ A. Q.