Aufrufe
vor 11 Monaten

E_1935_Zeitung_Nr.103

E_1935_Zeitung_Nr.103

20 Automobil-Revn« —

20 Automobil-Revn« — N° 103 Scherz und Ernst Die leichte Achsel Von Hans Natonek. Es war einmal ein Mann, der ging gebeugt unter der Bürde des Lebens, weil er alles auf die schwere Achsel nahm; und er hatte zwei schwere Achseln ... Was ihm auch widerfuhr, es drückte ihn nieder. Er stöhnte schon unter der geringen Bürde; aber das lag nicht an ihr; er hatte seine Last schon in der Schulter. Ihn drückte etwas Unsichtbares; vielleicht war es das Leid der Welt, vielleicht die Hand Gottes. Mühsam schleppte er sich die staubige Strasse entlang. Aber er legte seine Strecke zurück, mit zusammengebissenen Zähnen, Schritt um Schritt, schwach und zäh zugleich. Er kam an eine Wegtafel, die ihre Arme nach drei Richtungen ausstreckte, und hielt aufseufzend inne, ohne die Bürde zu wechseln oder sich ihrer für eine Weile zu entledigen. An der Wegkreuzung begegnete ihm ein Vetter, der auch seine Last zu tragen hatte, sie aber heiter und gelassen trug. « Wie machst du das nur, » fragte der ewig Bedrückte, « dass dich nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann, trotzdem du nicht wenig zu schleppen hast? » — « Das ist keine Zauberei, » entgegnete der andere; « wenn mir die Last zu schwer wird, nehme ich sie auf die leichte Achsel, siehst du: so » — und er warf die Bürde mit Schwung auf die andere Schulter — « und dann geht es wieder mit frischen Kräften ein Stück weiter. Die schwere Achsel hat von Adam her ohnehin ihr Gewicht; wir sind Narren, dass wir sie auch noch überladen. > Zu der merkwürdigen Wegkreuzung, an der die beiden Vettern standen, gebückt der eine, aufrecht der andere, kam ein dritter getrollt, mit einem Gesicht von seltsamer starrer Leere. Er war klein und hatte kindlich schmale, schräge Schultern, die häufig zuckten, als schüttelten sie etwas ab... Sein Anzug war noch nicht geradezu zerlumpt, sah aber aus, als würde er es bald sein. Die ganze Erscheinung hatte etwas Landstreicherhaftes, Unstetes, Schattenhaftes, sie schien durch alles, alles schien durch sie hindurchzugehen. « Ihr sprecht von der leichten Achsel, » sagte er, ohne Zeuge des Gesprächs gewesen zu sein, « gibt es denn überhaupt etwas anderes? Mir kann das Schicksal aufladen, was es" will, ich zucke mit der Achsel, und die Last ist fort; sie gleitet von mir ab, weil ich nämlich zwei leichte Achseln habe. » Er lachte, aber es war kein Lachen, es konnte ebensogut ein Weinen sein, aber das war es auch nicht. « Mir kann nichts mehr geschehen, juhu! » Er veränderte beim Jubelschrei nicht im mindesten den Ton, und in seinem Gesicht regte sich weder Freude noch Schmerz. Und plötzlich setzte er sich mit einem hilflosen Achselzucken wieder in Bewegung, marionettenhaft, er schien wie ohne Schwergewicht über den Boden zu gleiten, als würde er von oben gehalten, und entschwand. « Der hat's leicht, » sagte der Mann mit den zwei schweren Schultern, « was ist man doch für ein Narr, dass man sich so plagt und abschleppt; abschütteln sollte man alles und davongehen, wie jener dort. » « Wir haben nicht die Wahl, Vetter, » sagte der andere; «vielleicht hatte der traurige Luftibus einst auch zwei so schwere Schultern wie du und hat alles abgeworfen und irrt nun schwerelos und verloren im Weltraum. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. » Und er nahm seine Last der Abwechslung halber auf die leichte Achsel und warf einen Blick auf den Wegweiser. Sie trennten sich; ein jeder ging den Weg seiner Bestimmung. Eine Anekdote von Ford Henry Ford, der amerikanische Automobilkönig, hatte eines Tages einen beträchtlichen Handel mit einem europäischen Kaufmanne abgeschlossen. Der Käufer erwartete, dem Gebrauche in Europa gemäss, eine kleine Aeusserung des Dankes. — Worauf"; warten Sie denn? fragte ihn Ford endlich. — Worauf'-'ch warte? — Man pflegt doch gewöhnlich nach Abschluss eines grossen Geschäftes einem zum Frühstück einzuladen! — Bei uns ist das nicht Sitte ... erwiderte Ford. — Dann könnte man ja ein Glas Wein miteinander trinken... —Wir haben hier keinen Wein. — Zum Teufel! — haben Sie dann wenigstens eine Zigarette? — Ich bin Nichtraucher ... Aber, wenn Sie Wünschen, steht es Ihnen frei ins Depot zu gehen und sich dort gratis ein Automobil auszuwählen ... Eine schlagfertige Antwort Grusinisches Märchen. Ein König war gegen einen seiner Würdenträger erzürnt und liess ihn ins Gefängnis werfen. Die Freunde des letzteren flehten den König an, denselben zu befreien, aber der König wollte ihrer spotten und sagte ihnen, dass er bereit sei ihn sogleich freizulassen, aber nur unter der Bedingung, dass er ihm ein Pferd von seltener Farbe besorgen sollte . . es dürfte weder schwarz, noch weiss, noch grau, noch rötlichbraun, noch fuchsrot sein und er zählte alle nur möglichen Farben auf. Sinn und Bedeutung der Roosevdt--Revolution Auf sicherem Pfad LERNT UM! Als die Freunde dem Gefangenen die Worte des Königs überbrachten, rief derselbe aus: — Ich'bin damit wohl einverstanden — lass er mich nur in Freiheit setzen. Der König befahl den Würdenträger aus dem Gefängnisse zu entlassen. Daraufhin liess der Befreite dem Könige melden, dass das Pferd bereit sei und der König möge es durch seinen Stallmeister holen lassen . aber weder am Montag, noch am Dienstag, noch am Mittwoch, noch am Donnerstag, noch am Freitag, noch am Samstag, noch am Sonntag aber sonst an jedem anderen Tage, wann es dem Könige beliebe..'- ':'..... .-. : ' Sinn und Bedeutung der Roosevelt-Revolution Von JOHANNES STOYE Reich illustriert und mit vielen Karten Kartoniert Fr. 7.50, Leinen Fr. 9.75 Der Verfasser erklärt in dieser geopolitischen — also vom Denken aus Volk und Raum ausgehenden — Untersuchung den unerhörten Gestaltwandel, den die Vereinigten Staaten von Nordamerika durchmachen. Der amerikanische Landwirtschaftsminister H. A. Wal- I a c e- hat gesagt, die ungehinderte Selbstsucht der Pionierzeit sei verderblich gewesen, und U. S. A. stehe heute vor derselben Situation wie Europa vor 300 Jahren; Amerika habe seine Kinder zu Unrecht in dem Glauben erzogen, es sei noch immer ein Pionierland, in dem der ,.rauhe Individualismus" zum Erfolg führt, vielmehr müssten neue Grenzen gezogen werden — geistige Grenzen, man müsse umdenken. Hieran knüpft der Verfasser in einer das Thema klar entwickelnden Weise an und zeigt uns die räumlichen, völkischen und seelischen Grundlagen dieser Riesennation mit nahezu 130 Millionen Menschen, die völlig umlernen müssen, wenn sie nicht im Chaos versinken wollen. Unter Präsident Roosevelts kraftvoller Führung erfüllt U. S. A. sein Schicksal. Wer nach Roosevelt kommt, ist heute nicht mehr wichtig. Die Entscheidung ist gefallen. Zu Hoover und dessen „rugged individualism" führt kein Weg mehr zurück. Der „New Deal" mit seinen früher undenkbaren Staatseingriffen ist in seiner Grundform nicht mehr rückgängig zu machen. Die N i ra ist verfassungswidrig, aber sie lebt — die Verfassung muss sich dem Leben beugen. U. S.A. lernt um, lernt gründlich uml Ein grandioses Schauspiel entrollt sich vor unserm geistigen Auge. In allen grössern Buchhandlungen erhältlich, wo nicht, beim Geschäftsinhaber Industrielle Treue Kunden zählen heute doppelt! Wahren Sie sich daher Ihre besten Kunden und sichern Sie sich neue Verbindungen. Ein Geschenk von bleibendem Wert ist das anerkannt schönste Bildwerk über die Schweiz: Band 1 und II, in feinster Leinwand gebunden, bilden abwechslungsreiche Sammlungen von 288 ganzseitigen Tiefdruck- und 16 farbigen Kunstblättern. Bedeutende Preisermässigwng. Verlangen Sie bei grösserem Bedarf Speziatofferte. Zu beziehen in deutscher, französischer und englischer Ausgabe in allen Buch' handlunqen oder durch den Verlag Photo Blau, St. Moritz Lawinendurchstich am Julierpass U. S. A. LERNT UM! Wilhelm Goldmann-Verlag, Bern, Viktoriarain 16 „GabereWs Schweizerbilder" JEANGABERELL, phot. Anstalt, THALWIL-Zürich Prominente im Warenhaus Sie holen ihn nicht heraus, den Caracciola, den Stuck aus Zinn und Eisen im Warenhaus. Weihnacht ist vorbei. Er macht unverändert seine Kehre. Bei dröhnenden Grammophonalphömem, bei Jazz und der « Annemarie ». Der « schöne Fridolin» lebt auch noch und ist ebenfalls ein Prominenter, wie die Zürcherin, die ihn tanzend durch Japan und China spazieren führt, gegenwärtig durch Amerika. Nun, der Fridolin bleibt sich immer gleich schön. Und Caracciola, wie gesagt, nimmt seine Kehre. Abteilung Kinderspielwaren. Und Caracciola fährt. Jetzt ist der rote Pfeil im grossen « Panorama » wieder in die graue Bahnhofhalle hineingejagt, und es gibt deswegen grünes Licht. Das irritiert. Ein Glück, dass Caracciola in diesem Augenblick wenigstens nicht auf der Piste liegt. Er muss mit ratterndem Motor an der Barriere warten. Und dass er nicht tobt, schreiben wir nur seiner Gutmütigkeit zu, und den Bildern, die ihn als ausseist tolerant kennzeichneten. Immerhin, es braucht Geduld, bis - die rote Benne sich entschliesst, wieder loszupfeilen, die phantastischen Szenerien hinauf und hinunter, durch Tunnels und an Sturzbächen vorbei. Das kann sogar Caracciola nicht alles auf einmal. Er hat sich aber an der Barriere soeben in die Hände aus Zinn gespuckt, zum neuen Anlauf. Das war sehr rührend, und wir ziehen Hut ab. Kinder umstehen in Scharen das Wunder, nicht viel anders, als wenn der Leibhaftige, wir wollen sagen der leibhaftige Caracciola fährt, im Berner Bremgarten oder sonstwo in Italien. Grün wie das Bahnhoflicht ist auch unsere Hoffnung, in den Hallen des Warenhauses einen Niederschlag von Anmut und Würde des Menschengeschlechts zu verspüren. Man sagt, das fängt sich so leicht in Kinderspielzeug ein, sei's vor oder nach Weihnacht. Und richtig, wenn der schöne Fridolin mitsamt der «Annemarie» nicht anmutig ist, so sagen wir auch nichts mehr. Und -Caracciolas Würde? Das ist vielleicht nicht der treffendste Ausdruck. Aber Geduld und Liebenswürdigkeit an der Barriere, wo ein Rennfahrer warten muss, ist auch menschliche Würde. Selbst wenn sie nur aus Zinn besteht. G. E. Aus der Kindheit von J. J. Rousseau. Jean-Jacques, der grosse Philosoph, der dazuma 1 nichts anderes war, als das recht naschhafte Söhnchen von Isaac Rousseau, des Genfer Bürgers, wurde eines Tages wegen eines kleinen Vergehens bestraft und musste ohne Abendessen zu Bette gehen. Als er durch die Küche ging, nur mit einem trockenen Stück Brot in der Hand, kam ihm der angenehme Geruch des Bratens entgegen, den er auf dem Spiesse schmoren sah. Die ganze Familie sass um den Herd herum, und er musste einem jeden gute Nacht wünschen. Nachdem er die Runde gemacht hatte, konnte er sich nicht enthalten, nach dem so wohlriechenden, herrlichen Braten nochmals hinzuschauen. Er machte, zu ihm gewandt, eine tiefe Verbeugung und rief ihm mit trauriger Stimme zu: — Gute Nacht, lieber Braten! Dieser naive.Ausfall war so kindlich und rührend, dass die Eltern beschlossen, ihn zum Abendessen dazubehalten. R. B. Wohin die nächste Woche ? Neujahrs- Gstaad Eishockeymatch woche 1. Kandersteg Curling-Match und Skirennen 1. Engelberg Internationale Sprungkonkurrenz 1, Zermatt Sprungkonkurrenz (Monte Rosa- Becher) 1. Murren Handicap-Skirennen: Schweiz. Akadem. Skiclub, Skiclubs Bern und Murren 1. Wengen Neujahrs-Slalom und Skisprungkonkurrenz 1„ 14. Jan. Lenzerheide Skisprungkonkurrenzen (Grosse u. 25. Febr. Sporzschanze) 1. St. Moritz Eisschaulaufen auf dem Eisstad. 1. Woche Davos Internat. Eishockeymatch Camjanuar bridge University/Davos I 1. Woche St. Moritz Internationales Tennisturnier Januar 2. Zerznatt Eishockeymatch 2. Adelboden Skistafettenlauf 2. Morgins Sldrennen 2./3. Adelboden Interhotel Eishockeymatch 2. Lenkerbad Slalomrennen 3. Wengen Abfahrtsrennen 3. Milzren England/Schweiz: Unirersitat*- Skirennen 3. Engelberg Skirennen um den Jochpa». Becher 3. u. 6. Morgins 3. Adelboden 4./S. Champery 4. Lenzerheide 4. 4./S. Wengen Gstaad 4.15. Adelboden 5. ev. 12. Nesslau 5. Zermart 5. Grindelwald S. Rigi-Kaltbad B. a. 12 6./6. Eislaipfwettoewerbe AbfaHirtsrennen für Gäste Eishc'ckey-Ausscheidungskämrjfe für die'Schweiz. Meiste] scha/n AbfAhrtsrennen Eisaaufkonkurrenz SpUele d. Schweiz. Eishockey- M&sterschaft Ai^itverbandsrennen Sk'i: Interkanl. 23 Km-Staffellair verbunden mit Sprungkonkui r'enz (Toggenburg-Schanze) EJlauherd-Abfahrtsrennen Orindelwaldner Bob- u. Schlittei meisterschaftsn Einzellauf für Militär-Skifahr« der Geb. Inf. Brig. 10 Caux s/Montreu« Internat. Eishockeymatch (Schweiz. Meisterschaft) Wengen Hockey: Ausscheidungsspiel« i die Meisterschaft der Schwei Serie B., Eislaufkonkurrenz Sans Weissfluh-Strela-AbfahrtsreiuMn u. Langlauf Samaden Eishockeymatches Montana-Vermala Skirennen

IV. Blatt Automobil-Revue Nr. 103 BERN, 27. Dezember 1935 In kalten Tagen Jetzt, wo der Wind um Dach und Fenster stiebt, im frühen Dunkel blasse Lichter scheinen, weiss ich erschreckend, dass es Frauen gibt, die in der Kammer sitzend einsam weinen. Sie waren einmal jung und wurden alt, das Leben hatte für sie kein Erbarmen. Sie waren einmal heiss und wurden kalt, jetzt fehlt die Kraft, um wieder zu erwarmen. Die Welt hat keine Zeit für stilles Leid, sie wissen das und sind des Harrens müde. Wo ist ein warmer Herd für sie bereit, ein gutes Wort, ein wahres Herz in Güte? Wir streuen Krumen auf den blanken Stein, zur Winterszeit dem Vogel etwas Futter. Schenkt auch den Alten etwas Sonnenschein, so wie uns gab zur Kinderzeit die Mutter. Jenny. Frau and Film Von Vreni Wasmuth Der sterbende Schwan. (Sonja Henie in einer Nachtvorstellung.) Haben Sie schon einmal beobachtet, welche Verwandlung mit einer Frau vorgeht, wenn Sie ihr das Zauberwort sagen: «Heut abend gehen wir ins Kino!»? Nun, daran kann man am besten ermessen, wieviel der Film als Kunst uns Frauen bedeutet. Wenn man ausserdem noch daran denkt, dass nach zahlreichen Statistiken die Zahl der weiblichen Kinobesucher die der männlichen allerorten um etliches übersteigt, so fragt man sich verwundert nach solchen Ursachen. Die starke Anziehungskraft des Films auf die Frau hat natürlich ebensoviel Gründe, wie es verschiedene Arten von Frauen gibt. Es geht da eigentlich genau wie bei den einzelnen Typen unter den Lesern: Der eine identifiziert sich mit dem Helden und sucht in ihm die ähnlichen Züge und gleichklingenden Gefühle, die ihn bewegen; der andere verlangt und findet (denn man liest in das Buch und sieht in den Film ja fast mehr hinein als heraus) seinen völligen Gegensatz m dem Dargestellten; der dritte will ein Traumbild, so, wie man ein Märchen liest, oder eine Ablenkung von seiner täglichen Arbeit und seinen Sorgen. Die Tatsache, dass die bei Frauen am meisten beliebten Filme die Gesellschaftsfilme sind, würde die Deutung zulassen, dass die meisten Frauen sich selbst im Film suchen. Sie wollen nicht — wenigstens nicht in dem Masse wie die Männer — historische, Kriminal-, Abenteuer- und Expeditionsfilme, in denen vergangene,- einmalige, absonderliche und unwirkliche Menschenschicksale nahegebracht werden; sie wollen moderne Menschen sehen, Menschen wie du und ich, Menschen unserer Zeit und unseres Lebensgefühls. Das ist gewiss kein Mangel an Phantasie, eher vielmehr ein Beweis dafür, dass die Frau im Film Kyr das Menschliche sucht. Jenes berühmte, oft zitierte Beispiel von der kleinen Stenotypistin, die sich — sehr zu ihrem Schaden — mit der so schönen und ach so glücklichen Filmdiva identifiziert, zum Schaden deshalb, weil sie nicht das gleiche wunderbare Schicksal erwartet und sie notwendig zu Enttäuschungen kommt, das Beispiel halte ich selten für am Platze. Die Umgebung der Sekretärin im Film, die so viel schöner ist als ihre eigene, entspricht der auch so viel vollkommeneren Gestalt und Gesichtsbildung des Stars gerade im Verhältnis zu ihrer eigenen. Es ist alles idealisiert gezeigt, aber im Grunde weiss die kleine Büroangestellte recht wohl, wieviel sie abzuziehen hat bei dem Gesehenen, und welche Dinge gerade so sind, wie sie es schon erlebt hat. Es gibt ja genug realistische und lebensgetreue Filme. Die zuvor beschriebene Kategorie Film ist es auch gar nicht, die uns die tiefsten Erlebnisse vermittelt. Diese Filme sind höchstens eine vorübergehende Unterhaltung. Jene Filme aber, an deren vermittelter Gefühlswelt wir noch nach Jahren zehren, an die wir im Grunde denken, wenn wir feststellen wollen, was uns die Filmkunst gibt, sind ganz anders geartet. Das sind so feine, tiefgreifende Gestaltungen wie der unvergessliche Siodmak-Film «Menschen am Sonntag» oder «Sous les toits de Paris», wo nichts idealisiert ist, wo keine typisierten, zurechtgeschminkten Gesichter von der Leinwand schauen, oder der Bergner-Film «Träumender Mund», in dem wir ein so herzzerreissendes und doch nicht ungewöhnliches oder uns fernes Schicksal miterleben. Wenn es eine Menge Frauen gibt, die sich im wirklichen Leben, getragen von dem Filmerlebnis, vorkommen wie eine Garbo oder Bergner, wenn sie ihre Haartracht nachahmen, den Kragen so hochschlagen wie diese, die Schultern so zucken und die Hände in den Taschen versenken wie jene, so ist das ja gar nicht so schlimm. Solche Mädchen würden so oder so im Leben unter den Einfluss irgendeines Menschen geraten und bestrebt sein, sie nachzunahmen. Es beweist auch nur, dass die Garbo und die Bergner gerade die Art Frau wiedergeben, welche die meisten Saiten in unserm Innern zum Klingen gebracht haben, in die wir uns am besten einfühlen können. Die Gebärden sind ja der Aus-' druck der seelischen Bewegung, und mit dem, was wir nachahmen, verraten wir, was wir lieben und welchen wir ähnlich sind oder doch ähnlich sein möchten. Eines ist sicher: etwas Verderbliches liegt nicht in dieser Nachahmung; denn sie lehrt eine Frau, die selbst vielleicht «ine zu kleine Persönlichkeit ist, Haltung. Sie hält mehr auf sich, als sie es ohne den Film täte. Die «Schönheitspflege», die Tatsache, dass es heute kaum eine Frau gibt, die nicht auf sich und ihr Aeusseres achtete, hätte ohne den Film wohl kaum diese Verbreitung gefunden. Eine Sache sollte uns noch zu denken geben. Wie kommt es, dass die Gesichter der männlichen Filmstars viel weniger die gleiche Typisierung, die gleiche Richtung nach einem vorgesetzten Schönheitsideal aufweisen als die Darstellerinnen weiblicher Hauptrollen? Ein Hans Albers ist ein völlig anderer als ein Rudolf Forster, und dieser wieder lässt sich mit Clark Gable oder Albert Prejean kaum in einem Atem nennen. Wie kommt es, dass — trotz der höheren Zahl weiblicher Kinobesucher — die Schwärmerei und Verhimmelung viel mehr die weiblichen als die männlichen Stars trifft? Vor allem wohl, glaube ich, weil die Frauen sich nicht so auf einen männlichen Typ in ihrer Bewunderung festlegen lassen. Wenn die eine den Willi Fritsch lobt, so kann ihn die andere schon wieder nicht ausstehen und fühlt sich mehr zu Wohlbrück hingezogen. Eine dritte kann beide nicht leiden, schaut sich dafür aber jeden Film mit Luis Trenker an — und so fort. Das Kinopublikum, bei dem der weibliche Teil so vorherrschend ist, hat mit seiner Vorliebe oder Abneigung entschieden, welche weiblichen Filmgesichter ihm zusagen. Also nicht eigentlich die Männerwelt hat — was natürlicher wäre — den Ausschlag dabei gegeben. Die männlichen Partner hingegen empfindet die Frau so oft als unzureichend oder nicht passend. Wenn sie sie verhimmelt oder für sie schwärmt, dann meist darum, weil sie ihr eine Vorstellung ihres Ideals geben, einen Ersatz für ihr wirkliches Leben, in welchem sie mit ihrem Manne nicht glücklich oder überhaupt einsam sind. Wenn sie es aber sind, bewundern sie höchstens die schauspielerische Leistung. Der Typ ist ihnen gleichgültig. Beweisen sie bei der Wahl der weiblichen Stars (und man kann doch eigentlich sagen, dass, sie durch die spontane Aeusserung ihrer Anerkennung oder Nichtanerkennung die Stars wählen) ihren ästhetischen Sinn, ihre Ansicht von der Schönheit, so ist das bei der Wahl Wider die Putzwut Vorsätze für das neue Jahr Es könnte so aussehen, als wollte ich heute der Unordnung und Nachlässigkeit das Wort reden, denn ich wende mich allen Ernstes gegen die Putzwut der Hausfrauen. Und doch liegt nichts mir ferner. Ordnung und Sauberkeit sind schöne Tugenden. Aber eine aljzu vollkommene Hausfrau ist, drastisch gesagt, eine Plage für die Menschheit. Ich kenne leider ungewöhnlich viele lebende Beispiele. Tadellos gewichste Böden, blinkende Fensterscheiben, strahlende Türklinken sind eine Augenweide — das alles zugegeben. Nur dürfen wir doch bei alledem nie Mittel und Zweck verwechseln. Eine blitzblanke Wohnung, ein wie am Schnürchen laufender Haushalt sind nicht Selbstzweck. Die Räume sollen darum sauber sein und die Stuben aufgeräumt, damit wir uns darin wohl und gemütlich fühlen. Es kann z. B. viel mehr zur Heimeligkeit beitragen, wenn in der Wohnstube nicht die Stühle kerzengerade und im rechten Winkel unter dem Tisch stehen, wenn noch ein Buch aufgeschlagen auf der Couch liegengeblieben ist, wenn die Ansichtskarte, die heute morgen mit der Post kam, nicht schon in der Schublade verstaut wurde. Solche Kleinigkeiten nehmen der idealen, aber kalten « Ordnung » etwas von ihrer Nüchternheit, lassen einen menschlichen Hauch im Zimmer zurück, geben dem Wohnraum auch wirklich die Atmosphäre des Bewohntseins. Ganz schlimm aber sind jene Hausfrauen, die einen derart ausgeprägten Ordnungssinn der männlichen Stars, die doch ihr eigentliches Gebiet sein sollte, nicht der Fall. Die Erfahrung des Lebens, dass «ein Mann nicht schön zu sein braucht», stimmt eben nicht mit dem Typ des gestriegelten, gebügelten Adonis der Filmwelt überein. Aber warum nicht einmal einen rührend hilflosen, ungeschickten Mann, der an unsere mütterlichen Gefühle appelliert, keinen Draufgänger wie Albers, keine sicheren weltmännischen Herren wie Forster, sondern jungenhafte, übermütige oder scheue linkische Männer, die uns brauchen, Kameraden, und nicht ewig überlegene Gestalten, Männer unserer wirklichen Welt, Männer wie deiner und meiner, mit denen wir lachen und um die wir weinen? besitzen, dass sie nicht nur die Familienangehörigen damit tyrannisieren — «Ach, mein frisch gehöhnter Boden !», «Räum' doch endlich die Zeitung weg ! », «Du hast schon wieder die Schuhe nicht abgeputzt! Siehst du die Tapfen auf dem Teppich : Die stammen von Dir ! » —, sondern denen die Putzwut sogar über die Höflichkeit gegenüber ihren Gästen geht. Ich habe es einmal erlebt, dass eine Hausfrau ihren Gast, der ein Glas Rotwein über ihre weisse Tischdecke verschüttete, mit dem Ausruf entgegnete : « Das ist aber wirklich sehr unangenehm ! » Es ist sicher, dass der Gast an sich nicht gerade über den kleinen Unfall beglückt war, aber statt dass ihm aus der Verlegenheit geholfen wurde, versank er mit Hilfe der liebenswürdigen Wirtin erst recht darin. Indessen, so weit braucht das gar nicht zu gehen. Ganz ähnlich taktvoll war eine Gastgeberin, die Gäste zum Mittagessen hatte und so unglücklich darüber war, als die Küche nach Zubereitung des Essens nicht mehr so schön sauber blieb wie die übrige Wohnung, dass sie sich, während ihre Gäste das aufgetragene Mahl verspeisten, hinstellte Luzern Schiller Hotel Garni Alle Zimmer mit [Hess. Wasser o. Badu.Tel. Zimmer v. Fr. 4.50 an. Pens. Fr. 12.-. Autoboxen. Ed. Leimgruber, Bes.