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E_1936_Zeitung_Nr.001

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AUTOMOBIE-REVUE Der neue

AUTOMOBIE-REVUE Der neue Automobilkalender • •, | . : • . • ~ , • ; I ' 1 startbereit! Der Jahresbeginn ist der günstigste Zeitpunkt zur Inangriffnahme einer heute doppelt nötigen Kontrolle über die rechnerische Seite des Fahrbetriebes. Der Automobilkalender rekapituliert als automobilistisches Tagebuch den vielseitigen Nachschlagestoff für alle betriebswirtschaftlichen Fragen des Automobilwesens auf engstem Raum und unter deutlicher Berücksichtigung der Ansprüche an Übersichtlichkeit und zweckmässiger Gliederung. Er enthält wiederum Extrakte des automobilistischen Wissens, Informationen über Technik und Fahrpraxis, automobilistische Buchführung und gesetzliche Vorschriften. Dieses Buch hilft Ihnen aber nicht nur,, auf bequeme Weise System und Ordnung in Pflege, Unterhalt und Fahrpraxis zu bringen, sondern es sagt Ihnen jahraus und jahrein, wem die Personenwagen gehören, für die Sie sich interessieren. Nehmen auch Sie einmal dieses Informierungswerk in Gebrauch, seine ausserordentlich vielseitigen Dienstleistungen machen es bald vielfach bezahlt. Zum Preise von Fr. 7.50 erhältlich im Buchhandel, bei den Clubr , T, P „ .. „ 1 Sekretariaten oder direkt beimVerlag und seinen Geschäftsstellen. Einsenden an Ihren Buchhändler, Automobil- Club oder an den Verlag. Senden Sie sofort per Nachnahme Ex. Automobilkalender 1936 I mit Verzeichnis der Personenwagenbesitzer zum Preise von • ** ^^^ Fr. Z.50 HB Verlag Automobil-Revue Zürich Bern Genf Löwenstrasse 51 A Breitenrainstr. 97 7, Rue de la Conf ederation Druck, Cliches und Verlag: II ALL WAG A.-G., Hailersche Buchdruckerei und Wagnerscbe Verlagsanstalt. Bern.

BERN, Freitag, 3. Januar 1936 Automobil-Revue, III ^Friedliche bahrten in kriegerischem ßand Addis-Abeba, Jm November 1935. Da mit der Möglichkeit einer Zerstörung der Eisenbahn Djibuti—Addis-Abeba gerechnet werden muss und auch die wichtige für Kamions ausgebaute Zufahrtsstrasse für Kriegsmaterial, die von Berbera, der Hauptstadt von Britisch-Somaliland, ausgehend über Dschidschiga—Harrar ins Innere Abessiniens führt, durch eine eventuelle Einnahme Dschidschigas ausgeschaltet würde, so gewinnen die Verbindungswege mit dem Sudan immer grössere Bedeutung. Neben dem Projekt einer Autostrasse zwischen Addis-Abeba und Kurmuk, die über Nekempty führen soll und für deren Bau eine schweizerische Gesellschaft die Konzession besitzt, interessiert vor allem die Strasse Addis-Abeba— Gambela, über Djimma und Gore, die zum grössten Teil bereits ausgeführt und deren unvollendeter Teil gegenwärtig als Autopiste ausgebaut wird. Erstellt wurde sie von der abessinischen Regierung unter der Leitung des deutschen Ingenieurs A. Schumacher-Hall, der mir auch das erste Drittel der fertigen Strasse'bis zum Gibbe- oder Omofluss zeigen wollte. Nach- längeren Bemühungen, bei denen nach hiesigem Brauch jede Amtsstelle der nächsthöheren die Entscheidung zuschiebt, erhalten wir endlich vom Kaiser selbst die Erlaubnis, doch soll uns der Betriebsdirektor der Strasse, Ato (Herr) Kassa Maru, ein gebildeter und sprachgewandter Abessinier, persönlich begleiten, um für unsere Sicherheit besorgt zu sein. An einem frühen Morgen fahren wir in einem ganz neuen Achtzylinder-Ford los, einem sogenannten «Wüstenmodell» mit Holzkarosserie und leicht herausnehmbaren Sitzen. Südöstlich geht die Fahrt und kaum aus der Stadt heraus, sind wir schon im Land der Galla, des volkreichsten Stammes in Abessinien, der die reichen, fruchtbaren Gegenden, die wir durchfahren, mit Fleiss und Erfolg bebaut. Moderne Mühlen und eine Spiritusfabrik am Strassenrand sprechen von aufblühender Gewerbetätigkeit und lassen ahnen, was für eine wirtschaftliche Entwicklung gut ausgebaute Verkehrsadern für dies Land mit Zwangsläufigkeit zur Folge haben müssen. Noch ist allerdings die gut angelegte Strasse nicht von allen zerstörenden Folgen der Regenzeit befreit, doch kommen wir bequem vorwärts und können in Müsse die ständig wechselnde und prächtige Bilder bietende Landschaft bewundern. Wenn der Wind über die T'ef-Felder streift, eine grasähnliche Getreideart mit winzigen Körnern, aus der meist das abessinische Brot, die omelettenartige Inschera bereitet wird, so schillern Abessinien in Erregung. Als die italienische Kriegserklärung eintraf, befand sich unser Berichterstatter inmitten einer Volksmenge, die die Nachricht von den beginnenden Feindseligkeiten mit Tumult aufnahm, .(Photo G. Hamberger.) sie wie Seide. Prächtige Sykomoren, Schii akazien, wohlriechende grosse Laubbäume, ri< \yilde« Oliven und viele andere, .unbekannte Bäi unterbrechen die Felder, auf denen Getreide Arten angebaut wird. Das Gelände fällt, schliesslich treffen wir auf Baumwöll- und M Pflanzungen. Die Gallabevölkerung macht Gurage Platz, einem ebenfalls arbeitsamen und tätigen Volke, und gegen Abend langen wir an unserm Ziel an, der Strassenstation Sariti, die hoch über dem Omotai liegt. Hundertachtzig Kilometer haben wir zurückgelegt» eine Strecke, für die Karawanen neun und Postläufer vier Tage brauchen. Imposant liegt das 10 Kilometer breite und 600 Meter tiefe Tal zwischen seinen beiden Steilhängen in der Abendbeleuchtung vor uns und als schmales Silberband schlängelt sich der Omofluss" hindurch. Jenseits liegen die Berge der Provinz Djimma, aus denen sich hier und da pittoreske, vulkanische Kegel erheben. Wo wir auch durchgekommen sind, überall stiessen wir nur auf freundliche Gesichter, und wir begreifen gar nicht, wie man uns in Addis diese Fahrt als gefährlich und abenteuerlich hinstellen konnte. Auch sind wir nirgends auf ein Anzeichen gestossen, das uns verraten hätte, dass dieses Land sich im Kriegszustand befindet. Kein einziger Soldat .kam uns unter die Augen. Daneben aber sahen wir derart viele Männer und Jünglinge in bestem Alter, dass wir uns mit eigenen Augen überzeugen konnten, über welche ungeheuren Men- -schenreserven Abessinien für seine Kriegsführung «• verfügt. Auch die unzähligen Karawanen, denen wir begegneten, verrieten nichts von Armee-Verproviantierung, sondern waren im Begriff, entweder die Hauptprodukte der westlichen Provinzen: Kaffee, Häute und Felle, nach Addis-Abeba zu bringen, oder die hauptsächlichsten Austauschprodukte von der Hauptstadt ins Innere zu führen. Am folgenden Morgen begaben wir uns zum Fluss hinunter, nicht ohne unterwegs noch einen riesigen Wasserbock mit prächtigen Hörnern zur Strecke gebracht zu haben. An der etwa 1 10 Meter breiten Furt des Flusses bot sich uns ein überaus abwechslungsreiches Bild, denn ständig durchquerten Maulesel- und Dromedar-Karawanen von beiden Seiten her den reissenden Strom, während die Lasten auf primitiven Einbäumen übergesetzt wurden. Von Zeit zu Zeit sollte ein Schreckschuss etwa vorhandene Krokodile vertreiben. Doch bald wird das malerische Bild an dieser Stelle der Vergangenheit angehören, denn schon liegen oben bei der Station die Träger einer Brücke, die an einem Flussdurchbruch zwischen zwei Hügeln den Omo überspannen wird. Stundenlang lassen wir es uns an den tropischen Ufern des Flusses-wohl sein, dessen Lauf hier nur noch 1200 Meter über Meer liegt, und trotz Krokodilgefahr können wir uns ein erfrischendes Bad nicht versagen. Unweit von uns lagern mehrere Karawanen, deren Führer meist Araber sind, und freundlich werden wir zu einem Kaffee, eingeladen, der unserm Gaumen einige Ueberraschung bereitet, denn er ist aus gebrannten Kaffeeschalen zubereitet, und der fertige heisse Trank ist mit Ingwer und Salz gewürzt. Nur mit Mühe können wir ein Gespräch über den Krieg in Gang bringen, aus dem wir entnehmen, dass in diesen Gegenden nur wenig vom Kriegsgetümmel gesprochen wird und vielfach kaum ein richtiger Begriff existiert, wo sich die Feindseligkeiten überhaupt abspielen. Erwähnt man, aber die Italiener, so leuchten alle Augen in unverhülltem Hasse auf und auch die Begleiter der Karawanen, halbwüchsige Knaben, wären sofort bereit, gegen den Feind zu ziehen. Hier wie überall wird nicht begriffen, was denn die Italiener überhaupt von Abessinien wollten und warum sie das Land nicht in Ruhe Hessen. Nur eine Erklärung kann es für diese einfachen Leute geben: die Italiener wollen sie alle zu Sklaven machen und darum müssen sie ihre Freiheit bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Immerhin ist es erfreulich festzustellen, dass auch hier der Unterschied zwischen dem Landesfeind und den übrigen Europäern leicht begriffen wird und dies, obwohl auch die geringsten Voraussetzungen für ein geographisches Verständnis fehlen. Es gibt z. B. Leute, die glauben, dass Französisch-Somaliland identisch mit Frankreich und Eritrea gleichbedeutend mit" Italien sei. Aber einige aufgeweckte Köpfe verstehen sogar eine Grenzlinie zwischen dem italienischen Volk und dem Faschismus zu ziehen. Auf jeden Fall sind alle bereit, ob Galla, Gurage oder sonst einem Stamme angehörend, sofort einzurücken und ihr Leben zu opfern, sobald es von ihnen verlangt wird. Als ich ihnen den Begriff der Schweiz klar zu machen suche und dabei erwähne, dass wir vor langer, langer Zeit auch einmal die Italiener besiegt hätten, leuchten aller Augen und ein Gemurmel der Befriedigung und Zustimmung geht durch die Reihen. Der Karawanenführer, ein runzliger alter Araber, steht auf und verneigt sich vor mir, gerade als ob ich diesen Sieg der Vorfahren in alter Zeit persönlich verschuldet hätte. Fast ungern trennen wir uns von den gutherzigen Leuten, um wieder die Höhe zu gewinnen, wobei wir in rasender Fahrt durch brennende Partien der Abhänge hinauffahren müssen, da Jahr für Jahr die Talwände abgebrannt werden, sobald es das von der Sonne gedörrte, hohe Steppengras einigermassen gestattet. Oben angelangt, werfen wir von der Station noch einen letzten bewundernden Blick auf das Omotal und die Djimmaberge und lassen uns erzählen, dass »ich auf einem gegenüberliegenden charakteristischen Spitzkegel die Gräber zweier mohamedanischer Priester befänden. Sie seien in ebenem Boden bestattet worden und kurz darauf hätte sich unter gewaltigem Getöse der Begräbnisplatz um Hunderte von Metern in die Höhe gehoben; eine interessante, mit vulkanischen Ereignissen verknüpfte Legende. Auf dem Rückweg machen wir in einem Gurage-Dorf Halt, wo uns sofort der Schumm (Chef) in seine Rundhütte einlädt. Fast mit Verblüffung bewundern wir das Innere des mit grösster Sorgfalt errichteten Baues. Denn die Gurage, die in Addis-Abeba alle Taglöhner- und Lastträgerarbeit besorgen, als richtige Spitzbuben gelten und allgemein verachtet werden, gehen dort unglaublich schmutzig und zerlumpt einher. In ihrem Lande aber sind sie von vorbildlicher Reinlichkeit und die soeben erwähnte Hütte ist dermassen hübsch und sauber eingerichtet, dass sie ohne weiteres an einer europäischen Kolonialausstellung aufgestellt werden könnte. Wir bleiben noch in dem auf halbem Weg befindlichen Wolisso, wo wir heisse Quellen und einen überaus interessanten Landmarkt besuchen. Auch da ist vom Krieg recht wenig zu merken, und wehrfähige Männer in grosser Zahl treiben sich herum. Schliesslich haben wir auf der Rückfahrt nach Addis noch eine Panne, die uns zwingt, acht Stunden auf der Strasse liegen zu bleiben. Hätten wir die friedliche Gesinnung der Bevölkerung bis jetzt als geheuchelt betrachten können, so würde dies Erlebnis uns eines Besseren belehrt haben. Sofort wird uns T'ala (ein bierartiges, meist aus Gerste hergestelltes Getränk) gebracht, und ein wohlhabender Galla lädt uns in sein Haus, wo er uns mit allem, was er besitzt, bewirtet. Und als wir unserm Chauffeur und Dolmetscher den Wunsch nach frischen Eiern ausdrücken, setzt stundenlang eine wahre Völkerwanderung aus der näheren und weiteren Umgebung ein, und alles will uns die gewünschten Eier bringen und wenn möglich noch die Hühner dazu. Zutraulich geworden, lassen sich Frauen und Kinder willig photographieren und sind beglückt, sich zum Dank gründlich im Rückspiegel des Wagens begucken zu dürfen. Auch das Berühren des Klaxons gilt als eine Gunst, die diesen Naturkindern jede Geldentschädigung ersetzt. Als wir schliesslich mitten • in der Nacht in Addis-Abeba wieder anlangen, geschieht es mit der Ueberzeugung, dass Abessinien bis heute nur einen geringen Teil seiner militärischen Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Vielleicht spielt hier der Mangel an Waffen eine Rolle, wird dieser aber einmal behoben sein, so kann das Land noch Menschenmengen auf die Beine bringen, die Sturmfluten gleich sich dem Landesfeind entgegenwälzen werden,^ G. Hamberger.