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E_1936_Zeitung_Nr.005

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12 Automobil-Revue —

12 Automobil-Revue — N° 5 James Watt Zum 200. Geburtstage des Erfinders der Dampfmaschine Der 19. Januar 1936 ist der 200. Geburts- schaftsieben haben musste, wandte er sich tag eines der grössten und folgereichsten mit brennendem Eifer der Verbesserung Erfinders, die die Geschichte der Technik der Dampfmaschine zu, die nunmehr die seines Lebens werden sollte. Gleich als erste und bedeutendste seiner Erfindungstaten nahm Watt die motorische Umwandlung der Newcomenschen Maschine vor, indem er den Luftdruck kennt, James Watts, des Schöpfers der grosso Aufgabe Dampfmaschine. Die Dampfmaschine, in der Form, wie sie aus dem erfinderischen Haupte James Watts hervorgegangen ist, war die erste Kraftmaschine und damit Ausgangspunkt und Grundlage des allgemeinen Maschinenbaues überhaupt, .vor völlig ausschaltete und den Dampf, der allem auch des Baues von Kraftmaschinen. Damit bedeutet die Erfindung der beiführung des Luftdruckes gespielt hatte, bis dahin nur eine Nebenrolle zur Her- Dampfmaschine auch den Anfang in der zur alleinigen Triebkraft der' Maschine Entstehungsgeschichte der Kraftfahrzeuge, erhob. Das erforderte eine völlige konder Lokomotive wie des Automobils. Die struktivß Umwandlung der Maschine, ältesten Automobile waren Dampfwagen, Watt bewirkte diese durch Schaffung die fast gleichzeitig mit der vervollkomm- ei nes neuartigen Dampf Zylinders. neten Dampfmaschine auf den Plan traten und die erste Aera des Kraftwagens darstellen, die heute bereits über hundert Jahre zurückliegt. Man hat James Watt die Berechtigung, als Erfinder der Dampfmaschine zu gelten, zu bestreiten versucht. Tatsächlich hat es ja auch vor ihm bereits eine Art Kraftmaschine gegeben, bei welcher Dampf zur Verwendung kam. Das war die sog. atmosphärische Maschine, auch Luftdruck- oder Feuermaschine genannt, wie sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts von dem Schmied Thomas Newcomen gebaut worden war und die einige Jahrzehnte hindurch in den englischen Bergwerken zum Wasserpumpen benutzt wurde. Aber diese Maschine war noch keine eigentliche Dampfmaschine; die Triebkraft war der Luftdruck, der den Arbeitshub dieser Maschine bewirkte, und der Dampf spielte dabei nur eine Nebenrolle zur Erzeugung eines luftleeren Eaumes in dem Zylinder, um den Luftdruck wirksam zu machen. Entsprechend dieser Wirkungsweise war die Maschine trotz ihrer Grosse und Plumpheit nur von verhältnismässig geringer Leistungsfähigkeit; ihr Betrieb war langsam und schwerfällig, war dauernden Störungen und Unterbrechungen ausgesetzt und zu anderem als zum Wasserheben nicht zu gebrauchen. Der grösste Fehler dieser Maschine aber war ihr ge- Avaltiger Kohlenverbrauch, der zu ihren Leistungen in keinerlei annehmbarem Verhältnis stand. In dem Masse, wie die Kohlen teurer wurden, wurde auch dieser Nachteil immer mehr fühlbar, so dass der Augenblick nicht mehr fern war, wo sich die englischen Industriellen genötigt sahen, den Betrieb der Maschine wegen zu grosser Kostspieligkeit wieder aufzugeben und reumütig zu dem von Pferden getriebenen Göpel zurückzukehren. Hier nun setzte die Erfindungstätigkeit Watts ein, durch den die weitere Entwicklung der Kraftmaschine in ganz andere Bahnen gelenkt werden sollte. James Watt, geboren am 19. Januar 1736 zu Greenock in Schottland, war von einfacher Herkunft, der Sohn eines Schiffszimmerers und das einzige überlebende von fünf Kindern. Seine sich schon zeitig äussernde Vorliebe für die Beschäftigung mit mechanischen Werken und Apparaten veranlasste ihn, sich dem Beruf des Mechanikers zu widmen, und als solcher erhielt er eine Anstellung an dem physikalischen Institut der Universität Glasgow. Die Stellung war eine sehr bescheidene, bot ihm aber reichlich Müsse und Gelegenheit, seinen technischen Neigungen und Versuchen nachzugehen. Durch seine Geschicklichkeit und seinen Scharfsinn in der Ausführung mechanischer Apparate kam er in enge Berührung mit den hervorragendsten Physikern und Forschern, so dass seine kleine Werkstatt oftmals der Sammelpunkt dieser gelehrten Welt wurde. Die erste Anregung, sich mit der Dampfmaschine zu beschäftigen, erhielt er, als er im Jahre 1763 von dem physikalischen Institut beauftragt wurde, das alte Modell einer Newcomenschen Maschine wieder instand zu setzen. Er löste die Aufgabe befriedigend, indem er den Zylinder, der im Verhältnis zu den übrigen Abmessungen der Maschine zu gross war, um ein Stück verkürzte. Zugleich war hierdurch aber auch sein Interesse für die Maschine in stärkster Weise geweckt worden, und als er die vielfachen Fehler und Mängel derselben erkannt hatte, sich auch bewusst wurde, welche grosso Bedeutung eine bessere und leistungsfähigere Maschine dieser Art für das gesamte Wirt- Wenn die Sorge überwunden, wenn das Elend mausetot, wenn der Aermste hat gefunden jeden Tag sein Butterbrot, jedes Rösslein seinen Haber, jedes Hühnchen seine Klei: dann wird's besser, aber, aber, dann sind wir nicht mehr dabei. Wenn das Ehrenwort des Bürgers besser als die Unterschrift, in den Händen des Erwürgers man kein Wucheropfer trifft; wenn die Zehn-Prozenten-Schaber wohl zufrieden sind mit drei: dann wird's besser, leider aber sind wir dann nicht mehr dabei. Phase der Erfindungstätigkeit Watts begann, als er dazu überging, die Maschine auch für alle anderen Zwecke und Arbeitsweisen einzurichten. Das erforderte eine abermalige konstruktive Aenderung der Maschine. Zunächst ersetzte Watt den einfach wirkenden Dampfzylinder durch den doppeltwirkenden, wodurch die Leistung der Maschine abermals erhöht wurde. Dann erfand er die notwendigen Vorrichtungen, um die auf- und abgehende Bewegung des Kolbens in eine Drehbewegung umzuwandeln, wie es für die allgemeine Verwendung der Maschine unbe- Damit war die Dampfmaschine auf eine völlig andere Grundlage gestellt und eine Kraftmaschine gewonnen, die sich ihrer Vorgängerin an Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit ganz gewaltig überlegen erwies, betrug doch der Kohlenverbrauch der neuen Maschine nur noch ein Drittel der früheren. Die Gefahr, den Dampfmaschinenbetrieb infolge zu hoher Kosten wieder aufgeben zu müssen, war beseitigt. Auf diese soweit verbesserte Maschine erhielt Watt im Jahre 1769 sein dingt notwendig war. Er erreichte das erstes Patent, das wohl das wichtigste durch Pleuelstange, Parallelogramm und Dokument in der Geschichte der modernen Kurbelantrieb. Gleichzeitig erfand er auch Technik sein dürfte. Er gründete dann mit die notwendigen Eegulierungsvorrichtundem Fabrikanten Boulton eine Maschinen- geil) Drosselklappe und Zentrifugal-Eegufabrik in dem Orte Soho bei London, von i a t or , durch welche die Arbeitsweise der wo aus er den englischen Bergbau mit den Maschine erst völlig automatisiert wurde. neuen Dampfmaschinen versorgte. Besonders der Zentrifugal-Eegulator, der Auch die soweit verbesserte Dampfma die verschiedensten Naturkräfte für einen schine war im wesentlichen nur für die mechanischen Zweck nutzbar macht, ist Förderung von Wasser gedacht und eingerichtet und im allgemeinen nur als je ersonnen worden sind. Die Patente eine der scharfsinnigsten Erfindungen, die Hilfsmittel des Bergbaues tätig. Eine neue Watts über diese Erfindungen stammen Dann sind wir nicht mehr dabei Wenn am gleichen Galgen baumelt klein und grosses Schelmentum, wenn das Schlechte stürzt und taumelt unter dem erkauften Ruhm, wenn man preist auf allen Wegen wiederum die Schweizertreu: dann wird's besser, haringegen sind wir dann nicht mehr dabei. Uli Dürrenmatt. aus den Jahren 1781 und 1782 und bedeuten im wesentlichen den Abschluss seiner Tätigkeit zur Vervollkommnung der Dampfmaschine. Damit war eine in hohem Masse leistungsfähige und betriebssichere Kraftmaschine entstanden, die sich leicht und gewandt den Arbeitsbedingungen nahezu aller Zweige in Industrie und Technik anpasste, für alle der unermüdliche Arbeiter wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte breitete sich die Dampfmaschine nicht nur in England, sondern auch in allen anderen Kulturländern aus, überall ihre befruchtende Wirkung entfaltend, überall einer der mächtigsten Faktoren der Geschicke der Nationen werdend. Das Zeitalter der Technik, d. h. der .ungehemmten Nutzbarmachung der Naturkräfte mittels der Maschine, hatte begonnen. Auf diesem Stande ihrer Konstruktion und Leistung angelangt, sollte die Dampfmaschine nun auch ein uraltes Problem, den Bau von Wagenfahrzeugen, die statt durch Tiergespann durch Naturkraft betrieben werden, zur Lösung bringen. Seitdem überhaupt Dampfmaschinen gebaut worden waren, hatten vereinzelte Techniker und Erfinder auch versucht, die neue Kraftquelle für den Betrieb von Wagenfahrzeugen nutzbar zu machen, also Automobile herzustellen. Schon Watt selbst hatte an diese Verwendung der Dampfmaschine gedacht und diese in der berühmten Patentschrift von 1769 auch erwähnt. Im Jahre 1784 nahm er ein weiteres Patent auf bewegliche Dampfmaschinen zum Antrieb von Wagenfahrzeugen. Er mag jedoch durch seine vielfachen anderen Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen sein, um sich auch diesem Problem mit der nötigen Hingabe widmen zu können, und so kam sein Entwurf nicht zur Ausführung. Angeregt durch ihn ging dann aber ein Ingenieur f aus den Werken Watts, Murdoek mit Namen, an die Lösung der Aufgabe. Er stellte einen dreirädrigen Wagen her, der durch eine eingebaute Wattsche Dampfmaschine getrieben wurde. Der Kupferkessel wurde mit Spiritus geheizt, und der Wagen soll bei Probefahrten eine Geschwindigkeit von 13 Kilometern die Stunde erreicht haben. Weitere Erfinder traten mit ähnlichen Versuchen auf den Plan, und in den folgenden Jahrzehnten finden wir sowohl in England wie auch in Frankreich und vereinzelt auch in Deutschland bereits Dampfautomobile der verschiedensten Bauart. Ein dauernder Erfolg war jedoch damals noch keinem dieser Fahrzeuge beschieden. Alle scheiterten an den Schwierigkeiten des gewöhnlichen Strassenweges, die sich immer von zerstörerischem Einfluss auf den Mechanismus des Fahrzeuges erwiesen und dieses zumeist schon nach kurzer Fahrt zum Stillstand brachten. Aber auf andere Weise sollte das Problem des Dampfwagens seine Lösung finden. Der Ingenieur Eichard Trevithick ging dazu über, anstatt der Dampfautomobile, bei denen eine Dampfmaschine ungenügend in den Wagen eingebaut war, fahrbare Dampfmaschinen zu bauen und diese als Zugkraft für die Wagenfahrzeuge der Industriebahnen zu verwenden. Damit entstand aus der Dampfmaschine die Lokomotive, die sich auf den Schienenwegen jener Bahnen als geeignete Betriebskraft erwies. Im Jahre 1805 erfolgte die erste Anwendung eines solchen Dampffahrzeuges auf der Bahn Mertyr-Tydwill in England, und damit hatte die Dampfmaschine ihren Einzug in die Verkehrstechnik gehalten. Innerhalb etwa dreier Jahrzehnte führte diese Entwicklung zum vollen Erfolg, zur Entstehung der Dampfeisenbahnen. Den Dampfbahnen folgte bald auch die Dampfschiffahrt. Die völlige Lösung des Problems des Automobils dagegen war erst späteren Jahrzehnten vorbehalten. Watt erlebte den Siegeszug seiner Erfindung durch die gesamte Kulturwelt noch lange Jahre. Er hat nicht zu den verkannten Erfindern gehört, sondern sein Werk hat ihm nicht nur Weltberühmtheit, sondern auch ein erhebliches Vermögen eingetragen. Er erlebte noch die ersten Lokomotiven und Eisenbahnen und ahnte, dass damit seine Dampfmaschine dem Verkehrswesen eine neue Entwicklung erschloss. Er sah auch noch die ersten Dampfautomobile, wenn diese auch damals noch zu keinem praktischen Erfolge führten. Am. 25. August 1819 starb Watt im 85. Lebensjahre. Das englische Volk ehrte den grossen Toten, indem es ihm in der Westminster-Abtei, der Euhmeshalle der englischen Nation, ein Denkmal errichtete und ihn in der Inschrift einen der hervorragendsten Forscher und einen der grössten Wohltäter der Menschheit nannte. Dr. T. W.

NO 5 — Automobil-Revue 13 Unsere K u r z g e s c h i c h t e Franz Tumi: Die Rattengiftfabrik Als ich an jenem Morgen erwachte, fiel mein erster Blick auf eine plumpe, hässliche Kreuzspinne, die frech und breitspurig über meine Bettdecke kroch. Ich muss mit leiser Beschämung gestehen: ich bin ein wenig abergläubisch! Und da eine Spinne am Morgen Kummer und Sorgen bedeuten soll, kleidete ich mich an mit dem unangenehmen Gefühl eines Delinquenten, auf den im Hofe der Galgen wartet... Meine trüben Ahnungen schienen sich zu bestätigen. Der erste Besucher war mein Freund John, einer jener heillosen Optimisten, die hinter jedem Mäusehaufen eine Goldader vermuten. « Freut mich herzlich, dich wieder mal zu sehen, alter Junge,» begrüsste er mich mit einer Stimme eines Pumpversuches im Anfangsstadium, machte sich's im Fauteuil bequem und schaute mir wohlwollend in die Augen: « Du wirst staunen, was ich dir zu sagen habe! » «Möglich!» erwiderte ich gelassen. Und mich an die Kreuzspinne erinnernd: « Gib dir ja keine Mühe, Geld bekommst du diesmal keins und wenn dir der Leibhaftige Bürgschaft steht! » Statt einer Antwort entnahm John seinen umfangreichen Taschen zwei Pakete und legte sie wortlos triumphierend auf den Tisch. Ich beseitigte die Umhüllung und betrachtete gleichgültig den Inhalt. « Was ist das ? » fragte ich, ohne sonderliches Interesse. Er deutete mit theatralischer Geste auf eins der Pakete: « Das ist mein Rattengiftpräparat « Liberator », der Schrecken des Ungeziefers, und das hier ist mein Rattenzuchtpräparat « Infinitum », das alles Ungeziefer ins Unendliche vermehrt. Verstehst du noch immer nicht? » Ich schüttelte verständnislos den Kopf: «Was soll ich da gross verstehen? Vermutlich wieder eine Missgeburt deiner chronischen Hirngespinste! » « Gemach, du ungläubiger Thomas. In kurzer Zeit sind wir mehrfache Millionäre. Ich habe die Rezepte einem heruntergekommenen Chemiker abgezwackt. Die Wirkung der Rezepte ist einfach grossartig. Mein Plan ist nun folgender: Ich nehme das Infinitum, mäste damit das Ungeziefer, das dadurch ins Unermessliche vermehrt wird, und dann tauchst du als Retter mit dem Liberator auf und bringst die Viecher ebenso prompt um die Ecke ... Begreifst du jetzt? » «Ja, jetzt verstehe ich: du bist komplett überschnappt! » « Aber Franz, die Geschichte ist doch einfach. Ich fange die Ratten und Mäuse lebendig und sorge dafür, dass bald die ganze Stadt von Ratten wimmelt. Hierauf eröffnest du eine Rattengiftfabrik, offerierst um gutes Geld dein «Liberator» und befreist die Häuser von allem Ungeziefer. Die Fabrik wird ein Bombengeschäft werden. Ausserdem wird man dich als wasserdicht dauerhaft billig 90 den grössten Rattenfänger aller Zeiten, als wahren Philanthropen königlich ehren und feiern... Es gehört zu meinem Grundprinzip, dem Leser nichts zu verheimlichen. Ich habe bereits über dreitausend Franken in die Rattengiftfabrik investiert. John arbeitet, was das Zeug hält, fängt Dutzende von Ratten, mästet und vermehrt sie und lässt sie heimlich in die Häuser verschwinden ... " Der Stadt hat sich mit der Zeit eine grosse Erregung bemächtigt. Eine Ratten- und Mäuseplage ist ausgebrochen, die schlimmer zu werden droht, als die schlimmste der sieben biblischen Plagen. Männer schimpfen und wüten, Frauen fallen Ohnmacht. Aber das Heer von Ungeziefer behauptet siegreich das Feld und schiesst ins Kraut wie die Runkelrüber im Paradiese. Die armen Leute beginnen allmählich zu verzweifeln ... Da tritt « Liberator » auf den Plan. Prospekte fliegen in die Häuser. Ganze Viertel werden gesäubert. Und bald ist « Liberator » in aller Munde. Das Geschäft floriert. Bestellungen häufen sich wie Friedensangebote an Abrüstungskonferenzen. Immer mehr entwickle ich mich zu einem fürchterlichen Rattentäter ... " Indessen ist über John eine Züchtermanie, sozusagen ein Rekordwahnsinn gekommen, der ihm jede klare Ueberlegung raubte. Mochte ich auch Tausende von Ratten und Mäusen ins Jenseits befördern, John stampfte Abertausende aus dem Boden hervor, — So schwankte ich beständig zwischen der Krankheit unserer Zeit, dem Geldhunger, und der Angst vor Entdeckung unseres dubiosen Geschäftsgebarens... Aus diesem Dilemma riss mich ein Schreiben des Hygiene- und Gesundheitsamtes. Die Rattengiftfabrik «Liberator» erhielt den ehrenvollen Auftrag, innert fünf Tagen das städtische Getreidemagazin von sämtlichem Ungeziefer zu säubern. Der Auftrag bedeutete zugleich eine offensichtliche Prüfung unserer Fähigkeiten. Ich benachrichtigte alsogleich meinen Freund, der vor Freude schier aus seinem beschränkten Häuschen gerief..,. Schliesslich einigten wir uns,, dass er ausnahmsweise die Säuberungsaktiori zu übernehmen habe, wobei ich ihm einschärfte, an « Liberator» nicht zu geizen. Dass er in der Begeisterung seinen schäbigen Ueberzieher mit meinem teuren Uebergangsmantel verwechselte, sei nur nebenbei erwähnt. Wichtiger erscheint mir der Umstand, dass John in seiner uferlosen Eitelkeit mit dem Auftrag derart renommierte und aufschnitt, dass darob die gesamte Oeffentlichkeit mit begreiflicher Spannung auf Hausse oder Baisse der Ratten harrte. Und es kam der Tag, da wir mit einigen Vertretern der Regierung das Getreidemagazin aufsuchten, um die furchtbare Wirkung des Giftes in Augenschein zu nehmen. Bei unserer Ankunft umringte uns eine grosse Zahl Neugieriger, die alle das Massengrab des verhassten Ungeziefers sehen wollten. Fabrik in Möhlin (Kt. Aargau) Postversand nach der ganzen Schweiz Das Portal wurde geöffnet. Sonnenschein flutete in die Räume und die Menge drängte sich vor. Plötzlich ertönte unisono ein vielstimmiger Aufschrei. Entsetzt plällten wir zurück: die Getreidesäcke schwammen in einem ungeheuren Meer von Ratten. Aus allen Ecken und Enden schössen sie hervor und boten in ihren mehlbestaubten, schmutzbesudelten Fellen einen niederschmetternden Anblick ... Und immer neue Rudel rotteten sich zusammen, pfiffen kampflustig und glotzten recht herausfordernd nach dem Ausgang. Jeden Augenblick schien es, als wollten sie eine organisierte Attacke unternehmen ... Da stoben die entsetzten Menschlein, von Grauen gepackt, halt- und planlos auseinander ... Ich will den Kelch zur Neige leeren und weiter erzählen: Auf das höchste erbittert, keuchte ich nach Hause, gefolgt von meinem tiefgeknickten Freunde. Vor der Türe blieb Mein Pseudonym ist auf sehr einfache Art entstanden: Benjamin, denn ich bin der jüngste im Geschäft; und wenn ich eine neue Idee habe, dann ist niemand dafür empfänglich, und es heisst ganz einfach: «Hauapdu». Der Serviceboy bin ich also, und ich bitte, mich nicht mit einem < Servierboy zu- verwechseln, denn wir sind zwei grundverschiedene Dinge. Sie finden mich auf den meisten Tankstellen, und ich bin der Mann, der Ihnen Benzin, Oel und Wasser einfüllt, die Windschutzscheibe reinigt und Reifen aufpumpt. Mein Leben und Treiben, meine Arbeit und vor allem meine Kunden sind sehr mannigfaltig. Der Stutzer. Er kommt, kauft seine Ware, spricht nicht viel, lässt einem fühlen, dass er der glückliche Besitzer eines Automobils ist, bezahlt und geht wieder. Der Blageur. Schon bei seinem ersten Erscheinen erzählt er, was sein neuer Wagen gekostet hat (ob er bezahlt ist, verschweigt er wohlweislich), wieviele Stundenkilometer er «herausbringt», in welch kurzer Zeit er neuerdings nach Genf gefahren ist — und wieviele Wagen er unterwegs jeweils überholt hat. Man erkennt ihn schon, wenn er auf der Tankstelle vorfährt; das unsinnige Tempo, mit dem er ankommt und mit dem er wieder wegfährt, soll zeigen, was für ein routinierter Fahrer er ist; dass er nichts zu eilen hat, geht aus der Tatsache hervor, dass sein Wagen um die nächste Ecke herum stundenlang geparkt ist, derweil er gemütlich einen Kaffee trinkt. Der Snob. Er lässt sich gerne tadellos bedienen, wenn es nichts extra kostet. Wenn sein Wagen gewaschen wurde, zeigt er mir, mit einem Lappen in der Hand, welche Stellen noch hätten nachgerieben werden sollen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er alles besser weiss, Sein Leibspruch lautet: «Erzählen Sie das meiner Grossmama, mir können Sie einen solchen Kohl nicht angeben.» Der Sonntagsfahrer. Er ist im allgemeinen sehr beliebt, denn er kommt gewöhnlich schon am Freitag und lässt einem zur Ausführung der verschiedenen Kleinigkeiten Zeit und hat nichts zu eilen. Er ist normalerweise Nichtfachmann und zeigt sich für wohlgemeinte Ratschläge und kleinere Aufmerksamkeiten dankbar. Der kleine Mann. Er hat seinen Wagen aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus gekauft, damit er im heutigen Existenzkampf konkurrenzfähig ist. Er ist der durchschnittliche Automobilist, der bemüht ist, immer höflich und korrekt zu sein. Der grosse Mann. Er besitzt einen Wagen (evtl. auch zwei, drei oder mehrere), weil er sich's leisten kann und weil ein Auto gar so bequem ist. Bei seinen Ausgaben ist er' sehr knauserig, und wenn er einen Artikel für sein Fahrzeug anschafft, so wird er stets denjenigen wählen, der weniger kostet, und dort einkaufen, wo er den Preis noch um einige Prozente drücken kann, obwohl er das gar nicht nötig hätte. Der Mefiant. Es sagt schon der Name, mit wem man es zu tun hat. An seinem Wagen ist alles mit einem nachträglich eingebauten Schloss versehen, beim Benzintankdeckel fängt es an und bei ich, von einem jähen Wutanfall ergriffen, stehen und wandte mich an John: « Diese Blamage habe ich dir zu verdanken, du einfältiger Hanswurst. Du bist der grösste Trottel, der je auf Erden existierte. Das « Liberator » hast du mit dem « Infinitum » verwechselt. Statt das Ungeziefer zu vernichten, hast du es vollgemästet und vermehrt. Sollte eine Klage auf Schadenersatz einlaufen, so ist es endgültig aus zwischen uns. Verstehst du — endgültig! Im übrigen pfeife ich auf deine hirnverbrannten Ideen » ,.. Und während mein Freund mit offenem Munde stehen blieb, knallte ich die Türe kräftig ins Schloss und verschwand, dunkelrot vor Zorn, im Hause... Heute morgen ist mir diese abscheuliche Spinne wieder begegnet. Kismet, sagt der Türke. Ich aber schlage mir schuldbewusst an die Brust und mache mich auf das Schlimmste gef asst... Der Serviceboy erzählt Von Benjamin Hauapdu. der Motorhaube hört es auf. Dass der Kühlerdeckel noch kein Schloss hat, ist nur dem Umstände zuzuschreiben, dass es schlecht anzubringen wäre und den wirklichen Charakter des Fahrers zeigen würde. Beim Einfüllen des Benzins wird er stets darauf achten, dass er nicht etwa beschummelt werden könnte, und eine ausgeführte Arbeit ist mit Details zu belegen; denn von seinem Standpunkt aus gesehen gibt es nur unehrliche Menschen. Dabei vergisst er aber ganz, dass er erst kürzlich noch der Direktor einer verkrachten Genossenschaft war, die viele Leute um ihren Spargroschen gebracht hat. Der Gentleman. So wunderbar es klingt, aber er ist unter den Autlern noch nicht ganz ausgestorben, obwohl man ihn zwar nur sehr selten antrifft. Man kennt ihn auf der Strasse am korrekten und anständigen Fahren; bei Meinungsverschiedenheiten legt er ein höfliches und zurückhaltendes Betragen, eine gute Kinderstube an den Tag. Seine Wünsche gibt er immer in einem höflichen Tone bekannt und ist nicht ungehalten, wenn man ihm nicht sofort entsprechen kann. Er ist nicht derjenige, der* speziell bei Damen und durch seine Galanterie als «Gentleman» angesehen werden will. Im Rang Tieferstehenden zeigt er sich nicht von oben herab und hat für jedermann eine Freundlichkeit übrig. Der Pinceur. Er ist derjenige, welcher gerne zum Nachteil eines andern einen Vorteil wahrnimmt. Wenn er zum Beispiel aus Versehen fünf Liter Benzin zu viel erhält, oder wenn etwas nicht berechnet wird, oder wenn er beim Wechseln zuviel Geld heraus erhält, so wird er sich damit entschuldigen, der andere könnte ja besser aufpassen. Vielfach vergisst er auch absichtlich, etwas zu bezahlen und rechnet dann mit dem schlechten Gedächtnis anderer Leute. Bei einer späteren Mahnung hat er natürlich seinen Buchhalter schon längstens angewiesen, diese Lappalie in Ordnung zu bringen und ist sehr aufgebracht, sollte jemand wagen, hieran zu 11 zweifeln. Die «Noblesse». Sie erscheint mit einem mondänen Wagen, hat rotlackierte Fingernägel und eine farbenfrohe Gesichtshaut; selten fehlt die Zigarette. Was sie erwartet, ist in erster Linie Unterwürfigkeit. Die Dame. Sie ist, gleich dem Gentleman, im Aussterben begriffen, da sie mit ihm verwandt ist. Der Gratiskunde. Bevor er einen Wagen in eine Garage einstellt (natürlich nur bei ganz schlechter Witterung, denn sonst sind die Strassen vor den Hotels mit diesen Fahrzeugen geziert und man kann so schön die Einstellgebühren sparen), fragt er dreimal nach dem Preis und ebensooft, ob das nicht billiger zu machen wäre. Am Morgen, ehe er wegfährt, lässt er sich die Reifen kontrollieren, obwohl sie nicht schlecht gepumpt sind, und das Kühlwasser nachfüllen, denn das kostet ja nichts. Dafür führt er Brennstoff und Oel in Ersatzkannen mit, Weil es hier vielleicht etwas mehr kosten könnte, und zum Schluss möchte er noch gerne, wenn es kostenlos ist, eine Landkarte haben, die er aber, wie gesagt, nur dann dringend braucht, wenn sie ihm gratis in die Hand gedrückt wird.