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E_1936_Zeitung_Nr.012

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BERN, Dienstag, 11. Februar 1936 Beilage: Automobil und reisender Kaufmann Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N° 12 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, iAhrlieh Fr. Anstand mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gen. Unfallversich.) vierteljahrlich Fr. 7.50 Austrabe C (mit Insassenversicheruns) vierteljährlich Fr. 7.50 Der Zug zum Automobil Reflexionen zur Frage „Reisender Kaufmann und Auto* lieber die Frage zu diskutieren, ob das Auto dem reisenden Kaufmann die Ausübung seines Berufes erleichtert, wäre ein vollkommen müssiges Unterfangen. Wer Augen hat, zu sehen, der findet diese Frage tagtäglich und mit einer Deutlichkeit bejaht, vor der alle Zweifel weichen. Wenn wir auch des Fundaments zuverlässiger, unanfechtbarer Zahlen entraten müssen — denn eine Statistik darüber existiert nicht — so kann doch niemandem, der offenen Blicks das Bild des modernen Strassenverkehrs mustert, die Tatsache entgehen, was für ein erheblicher Prozentsatz der Automobilisten sich aus reisenden Geschäftsleuten rekrutiert, in welch starkem und stets zunehmendem Mass sich gerade diese Berufskategorie des Motorfahrzeugs bedient. Unverbesserliche Autogegner werden dabei zwar ohne Zögern mit dem ominösen und viel missbrauchten Wörtchen «Luxus » zur Hand sein, bedenklich den Kopf wiegen und ihre Argumentierung mit dem inhaltsschweren Satz krönen, wozu denn eigentlich unsere Bahnen da wären ? Wir können sie .gettost.gewähren lassen, diese sonderbaren Heiligen. Und ihnen zu Gemüte füh-' ren, sie kämpften einen Kampf gegen Windmühlen und mühten sich umsonst, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Der Umstand, dass sich reisende Geschäftsleute je länger desto mehr von der Schiene weg und der Strasse zuwenden, lässt sich nicht einfach wegdiskutieren. Ist es nicht symptomatisch, wenn heute, häufig genug, bei der Ausschreibung von Reisevertreterstellen von den Bewerbern der Besitz eines Wagens gefordert vird, wenn man — der umgekehrte Fall — in Stellengesuchen reisender Kaufleute dem Hinweis begegnet < Auto vorhanden », oder wenn Grossunternehmen ganze Kotonnen von Vertreterwagen besitzen ? Irgendwie muss es also auch in diesen Belangen mit dem Automobil seine besondere Bewandtnis haben. Hat es auch. Und man darf, ohne zu übertreiben, die Behauptung wagen, Verkehrs- und Führerbewilligung verdrängen in den Kreisen, die uns beschäftigen, das Generalabonnement zusehends. Mit dieser Feststellung ist jedoch die Kernfrage nach dem warum noch nicht beantwortet. Woher dieses « Bekenntnis » der reisenden Kaufleute zum Automobil ? Welche Faktoren haben dabei die Hand im Spiel, welche Erwägungen reden mit ? Dass diese Erscheinung keineswegs.als ein Produkt des Zufalls angesprochen werden darf, sondern dass sich auch in ihr die Gesetze von Ursache und Wirkung offenbaren, dabei braucht man sich nicht erst aufzuhalten. In ihrem letzten Grund geht diese Entwicklung wohl unbestreitbar auf die Vorteile zurück, welche der Autobetrieb bei der Ausübung dieses Berufes bietet, ja, man möchte sagen : gerade in diesem Beruf bietet, der in der gegenwärtigen Zeit schwerer zu ringen und höheren Ansprüchen zu genügen hat als je zuvor. Welche Bedeutung dem Automobil als Werkzeug, als Helfer im Existenzkampf zukommt, dafür liefert der reisende Kaufmann ein Schulbeispiel. Das mag sich etwas ungewohnt anhören, bleibt aber dennoch auf dem Boden der Wirklichkeit. Und jene, die es angeht, wüssten ein Liedchen davon zu singen, wo sie heute stünden ohne Automobil. Feuilleton «Der Seewolf» Seite 5 J o.- Erseheint jeden Dienstap and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-MaRazin". Monatlich 1 mal ..Gelbe liste" REDAKTION ^ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97. Bern Telephon 28.222 . Postcheck 111414 - Telegramm-Adresse: AutoreTue. Bern Geschäftsstelle Zürich: Lowenstrasse 51, Telephon 39.743 Was ist es indessen, was die Abwanderung so vieler Angehöriger dieses Berufes von der Bahn zum Auto veranlasst? Was hat, unter dem Gesichtswinkel des Reisevertreters betrachet, dieses vor jener voraus ? In der Freizügigkeit, der Ungebundenheit, die es gewährt, in der grösseren Beweglichkeit und universellen Anpassungsfähigkeit an die besondern Bedürfnisse des Berufs liegt wohl das entscheidende Kriterium begründet. Um es in etwas konkretere Form zu prägen: das Automobil verschafft dem Geschäftsmann weitgehende Unabhängigkeit. Es enthebt ihn der Fahrplansorgen. Die ewige Frage : erwische ich den Zug noch oder muss ich einen Handgalopp anschlagen, um eventuell das zweifelhafte Vergnügen zu gemessen, dass « er > mir ausgerechnet vor der Nase wegfährt, was nichts anderes heisst als vielleicht ein paar Stunden nutzlos zu vertun und zu versitzen — diese Frage plagt ihn nicht mehr. Er ist eigener Herr über seine Zeit und kann seinen Fahrplan selbst aufstellen, wie es ihm passt. Time is money ! Und das Auto ermöglicht ihm, seinen Arbeitstag voll .auszunützen, .seine Besuchstour so einzurichten, dass sie von Kunstpausen freibleibt. Startet er nach einem bestimmten Ziel, so kann er unterwegs und ohne Unzukömmlichkeiten noch ein paar Kunden « mitnehmen », ein Verfahren, das, mit der Bahn praktiziert, ungleich grösseren Zeitaufwand erheischen würde, von den Auslagen ganz zu schweigen. Der Erfolg ? Eine Intensivierung seiner Tätigkeit, eine Leistungssteigerung, eine bessere Ausschöpfung der Verdienstmöglichkeiten, deren Schrumpfung durch die Verwendung des Automobils wenigstens zum Teil kompensiert wird. Dies gilt ganz besonders in jenen Gegenden, die nicht in allen Richtungen durch das nämliche Eisenbahnnetz bedient werden. Wo die Fahrt von mehreren Verbindungen mit Nebenbahnen oder dem Postauto abhängig ist, da gestaltet sich die Reise besonders zeitraubend, der Transport von Musterkoffern recht umständlich und die rationelle Einteilung des Tagesprogrammes wird fast zu einer unerreichten Kunst. Das Auto ist anpassungsfähiger. Mitunter erhebt sich aus irgend einem unvorhergesehenen Grund die Notwendigkeit, unterwegs die Route zu ändern. Nichts einfacher als das — mit dem Wagen! Bei der Starrheit des Bahnbetriebs hingegen hätte es mit der Sache so seine Schwierigkeiten und Tücken. Bei einem Kunden warten oder sich länger aufhalten zu müssen kann, auch bei larger Bemessung der Besuchszeiten, den schönsten Tagesplan über den Haufen werfen. Oder vielmehr konnte es. Das Auto bewahrt davor, weil es, wie bereits erwähnt, jederzeit eine Aenderung der Tour erlaubt, dann aber auch weil sich damit Zeitverluste eher aufholen lassen. Ausserdem befördert es den Reisenden rasch und zuverlässig an abgelegene Orte, die sich keiner Bahnverbindung erfreuen und die zu erreichen deshalb weitere Spesen und beträchtlichen Zeitverlust bedeutet. Dass sich bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage die «liebe» Konkurrenz mehr denn je bemerkbar macht, wer wollte es leugnen ? Manchmal pressierts, verlangt ein Kunde dringend eine Ware oder hängt ein Geschäft, die Erteilung eines Auftrages davon ab, als erster beim Kunden einzutreffen und besagter lieber Konkurrenz zuvorzukommen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Da leistet das Automobil vortreffliche, fast unersetzliche Dienste. Dann ist da noch ein anderes Moment, das ebenfalls erklärt, wieso viele reisende Kaufleute vom Bahnco\jpe auf das Motorfahrzeug hinüberwechseln und den Tausch um keinen Preis mehr rückgängig machen möchten. Leicht hatten sie es nämlich sicher nicht, ganz besonders dann nicht, wenn sie sich bei jedem Wetter mit umfangreichen und gewichtigen Musterkollektionen schleppen « durften », stundenweit vielleicht. Heute sind sie diese mühselige Plackerei los. Denn im Wagen findet auch ein kleinerer Berg von Musterkoffern bequem Platz und obendrein fährt man damit direkt vor des Kunden Haus. Wobei es sich mit Leichtigkeit einrichten lässt — es geht im gleichen — auch noch Material für Schaufensterdekorationen, Reklamedrucksachen und ähnliche Requisiten mitzuführen, eine Vereinfachung und Rationalisierung der Tätigkeit von Geschätfsinhaber und Vertreter, die ohne Auto kaum vorstellbar wäre. Oder sind Ihnen jene Wagen noch nie aufgefallen, deren Fond bisweilen bis an die Fenster, ja bis unters Dach hinauf mit Koffern, Schachteln und andern geheimnisvollen Gegenständen vollgepfropft sind? Gewiss, das Autofahren nimmt die volle Aufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers in Anspruch. Er kann sich nicht nach Belieben mit Mitreisenden unterhalten oder gar ein kleines Nickerchen einschalten. Aber die Verwendung des Motorfahrzeuges zeitigt auch in gesundheitlicher Hinsicht indirekt Annehmlichkeiten. Der Wohnsitz kann näm- Üch frei von allen Standortrücksichten gewählt werden. Man braucht sich nicht möglichst nähe des Bahnhofes und damit meistens- im dichtbesiedelten Stadtquartier niederzulassen. Man kann ohne Nachteile für den Beruf ein Häuschen in einem Aussenquartier oder gar schon auf dem Lande beziehen, wo man nach Feierabend, wo sich die Familie überhaupt wohler fühlt, Licht, Luft, Sonne und Bewegungsfreiheit fast unbeschränkt geniesst. Wir erheben durchaus nicht Anspruch darauf, mit dieser knappen Skizzierung auch nur annähernd alle jene Gründe aufgezählt zu haben, aus denen heraus sich die Umstellung des reisenden Kaufmanns auf das Automobil vollzogen. Woran uns lag, war lediglich zu versuchen, einige der wichtigsten jener treibenden Kräfte freizulegen, welche diesen Vorgang ausgelöst. Wie sich die Vorzüge des Automobils in dieser Branche im Am Schlüsse der grossen Debatten um das Finanzprogramm II ist in den Räten eine Vorlage diskutiert worden, die durch ihre Bescheidenheit nicht stark auffiel und ohne grossen Lärm durch National- und Ständerat genehmigt wurde. Und doch ist diese bescheidene Botschaft des Bundesrats zur Ergänzung des Bundesbeschlusses über Arbeitsbeschaffung und Krisenbekämpfung ein Symptom unserer unzulänglichen staatlichen Massnahmen zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Die Vorlage geht aus von der Tatsache, dass es heute bereits viele Kantone gibt, in denen die verfügbaren Mittel nicht mehr ausreichen, um den durch den frühern Bundesbeschluss über Arbeitsbeschaffung und Krisenbekämpfung vorgesehenen Zuschuss von vier Fünfteln der Kosten der projektierten Notstandsarbeiten zu übernehmen. Sie sieht deshalb eine grössere Beteiligung des Bundes an diesen Arbeiten vor. Bisher hat der Bund herzlich wenig an deren Kosten geleistet. Der Bundesrat sagt selbst in seinem Bericht zum Ergänzungsbeschluss: «Bisher haben die Massnahmen des Bundes zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsgelegenheiten in der Hauptsache darin bestanden, Kantone, Gemeinden und gemeinnützige Körperschaften bei der Durchführung von Notstandsarbeiten durch Beiträge zu unterstützen.» INSERTIONS- PREIS: Oie aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeüe oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschlnss 4 Tane vor Erscheinen