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E_1936_Zeitung_Nr.020

E_1936_Zeitung_Nr.020

REVUE ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen BERN, Dienstag, 10. März 1936 ABONNEMENTS-FR EISE: Aufgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 3.—, jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtHch abonniert Ausgabe B (mit gew. Ünlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Der Bericht des Bundesrates über die Alkoholverwaltung im Geschäftsjahr 1934/35 ist an dieser Stelle bereits einer kritischen Würdigung unterzogen worden, namentlich soweit er sich mit der Frage des Spritbeimischungszwanges zum Benzin befasst. Wenn unsere Exekutive dabei auch erst im Konditionalis redet, weil sie sich einstweilen nichts vergeben, sondern vielleicht lediglich einen Versuchsballon steigen lassen will, so hat schon die Kunde davon, was in der Bundesküche < zuhanden » der Automobilisten wieder aufs Feuer gesetzt und gebraut werden soll, vollauf genügt, nicht nur die grossen Automobilverbände, sondern auch noch andere Organisationen in Bewegung zu setzen, die genau wie wir hinter dem in unverbindlichen Redewendungen sich ergehenden und in mehr als einer Beziehung irreführenden Alkoholbericht einen neuen Anschlag des Bundes auf das vielgeliebte Motorfahrzeug wittern. L'appetit vient en mangeant! Den fetten Happen der 8fränkigen Benzinzollerhöhung pro 100 kg hat sich der unersättliche Fiskus glücklich einzuverleiben verstanden. Warum sollte nicht dasselbe Parlament, das sich ihm dabei so willfährig zeigte und die Automobilisten mitsamt ihren Warnungsrufen nach Hause schickte, auch diesmal seinen Einflüsterungen und dringlichen Vorstellungen folgen, um ihm das Motorfahrzeug abermals ans Messer zu liefern, auf dass er ihm in Form des Spritbeimischungszwanges, der auf eine Verteuerung des Benzins um 3 x /2 Rp. pro Liter hinausläuft, ungestört einen neuen Aderlass appliziere ? Ein Versuch lohnt sich bestimmt, weil man dabei nichts zu verlieren, wohl aber alles zu gewinnen hat. Denn jene 9 Millionen, welche sich der Bundesrat jetzt — zu den 16 Benzin-Millionen hinzu — aus unserem Automobilwesen herauszupressen anschickt, um der kläglich versagenden Alkoholverwaltung wieder auf ilie Beine zu helfen, sind immerhin 9 Millionen... Dass die interessierten Kreise beim Bekanntwerden der neuesten Absichten des Bundesrates nicht Gewehr bei Fuss nehmen und sich keineswegs ehrfürchtig und demutsvoll vor ihm beugen würden, darauf war man im Bundeshaus gefasst. Also trachtete man nach Mitteln und Wegen, die automobilistische Opposition auszumanövrieren, dadurch nämlich, dass man ihr vorzumachen versuchte, die Spritbeimischung erweise sich mit Rücksicht auf die Landesverteidigung als unumgängliche Notwendigkeit. Aha, daher pfeift der Wind ! Verfängt nichts anderes mehr, so schiebt man die Sache auf ein neues Geleise, in der Meinung, uns von der patriotischen Seite her fassen und für seine Zwecke zurechtkneten zu können. Es ist ja nicht das erstemal, dass man sich darauf verlegt, derartige Töne anzuschlagen, um uns herumzukriegen und unsern Widerstand zu beschwichtigen. Frischen wir doch nur die Schmeicheleien auf, die Herr Bundespräsident Dr. Meyer in seinem Plädoyer für die Benzinzollerhöhung vor dem Nationalrat an die Adresse der Automobilisten richtete : « Was dann die Automobile betrifft, die mehr dem Luxus dienen, so vertraue ich darauf, dass auch ihre Besitzer selber sagen: Ja, •wir können hier schon etwas tun, wir wollen unsern guten Willen — es sind ja alles gute Patrioten, vaterländisch gesinnte Menschen — zeigen, nicht nur durch Eingaben, sondern auch durch eine effektive Mithilfe der Sanierung des Bundes und der Bundesbahnen. > „Der Seewolf" Seite 5 Erscheint jeden Dlenstan und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste- REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 SpHÜ&elmisdhunq. - eine Tktuiettdiqktit Feuilleton de*£ IQ- War es vor 6 Wochen die unheilvolle Finanzlage des Bundes und der S.B.B., um deretwillen der Herr Finanzminister uns Automobilisten als brave Patrioten feierte und uns (natürlich ganz ohne Nebengedanken !) mit der Gloriole der Vaterlandsliebe umgab, so ist es heute die Defizitwirtschaft der Alkoholverwaltung, aus der heraus der Bundesrat sich bewogen fühlt, an unseren Patriotismus zu appellieren. Der geneigte Leser merkt etwas ! Die Medizin, welche man uns nach diesem nicht mehr ganz ungewöhnlichen Rezept verabreichen will, ist dieselbe geblieben, nur hat man sie anders etikettiert. Aber schmackhafter ist sie damit freilich nicht geworden und trotz der neuen « Verpackung» erregt sie bei uns unüberwindliche Abneigung. Mit grosser Geste stempelt der Bundesrat den Spritbeimischungszwang zu einem Gebot der Landesverteidigung. Mag es ihm die Generalstabsabteilung auch schwarz auf weiss geben, dass wir im Kriegsfall ohne Spritmixerei nicht auskommen und auf verlorenem Posten stehen, wir bestreiten esr mit aller Entschiedenheit. Un seine Gelüste nach neuerlicher Belastung des Benzins besser zu untermauern und um uns die bittere Pille mundgerecht zu machen, operiert man massgebendenorts mit dem Carburant national. Frankreich, Deutschland, Italien werden dabei mit ihren « nationalen Brennstoffen » als leuchtende Beispiele zitiert und zum Vergleich herangezogen. Indessen, der Vergleich hinkt, weil die Voraussetzungen, welche in diesen Staaten zur Schaffung eines einheimischen Treibstoffes geführt haben, auf uns nicht zutreffen. Eines schickt sich nicht für alle. Bundesrat und Militärbehörden machen es blems .liegt anderswo. Um ihn aufzudecken, muss man sich vergegenwärtigen, dass unsere Alkoholvorräte, mit denen heute der Bund nicht weiss, wohin, 22,000 Tonnen betragen, währenddem auf der andern Seite unser Benzinverbrauch zehnmal so hoch ist und sich auf 220,000 Tonnen im Jahr beläuft. Von diesen 22,000 Tonnen sollen den Benzinimporteuren jährlich 6000 Tonnen «zugeteilt », besser gesagt aufgezwungen werden, damit der Bund « den Fünfer und das Weggli» einstecken kann. Nicht nur würde er damit in eleganter Manier einen Teil seiner ungeheuren Schnapsvorräte los, sondern er kriegte auch die Hände frei, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und nebenbei auf Kosten des Automobils noch eine klotzige Stange Geld zu erraffen. Ueber das Mass, den Umfang der Spritbeimischung hätten nach dem bundesrätlichen Plan die Benzinimporteure zu entscheiden. Nun bewegt sich aber das technisch beste Beimengungsverhältnis nicht um die vom Bundesrat vorgeschlagenen 2—3%, Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N° 20 INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. inseratmscbJnss 4 Tone vor Erseheinen der Nummern wir gelangen und welches Schicksal uns sondern um 15% herum. Nehmen wir an, trotz der famosen Alkoholbeimischung beschieden sein würde, die man uns heute als die Beimischung würde in dieser Proportion erfolgen; so ergäbe das pro Jahr 150,000 t nationale in militärischen Gründen verwur- «alkoholisiertes» Benzin. Aber wir kon-zeltsumieren ja 220,000 Tonnen an motorischen Soviel über unsere Auffassung in dieser Pflicht einzuträufeln sich müht. Brennstoffen, wären also darauf angewiesen, Angelegenheit. Aber wir sind nicht uribelehr- und unbekehrbar. Und wir würden die fehlenden 70,000 Tonnen nach wie vor mit zu importieren. Gemessen am Benzinverbrauch reichen unsere Spritvorräte somit bei weitem nicht zur Deckung des Bedarfs, und es wäre verhängnisvoller Selbstbetrug, das Heil und die Rettung unseres Landes für den Fall kriegerischer Verwicklungen in der Schnapsbeimischung suchen zu wollen. Soll- Der Motor in den Armeen. Not im Autogewerbe. Grosser Preis der Schweiz 1936 gesichert. LZ 129 auf seiner ersten Probefahrt. Aluminium-Zylinderköpfe. Auto-Montage am laufenden Band. Bilder: Seite 6. Reorganisation der Bundesbahnen Nun ist die Lawine ins Rollen gekommen. Der Verwaltungsrat und die Generaldirektion der Bundesbahnen haben sich in ihrer Sitzung vom 5. März mit einer Reihe von wichtigen Geschäften, u. a. auch mit dem Bericht an das eidg. Post- und Eisenbahndepartement über die Wirkung des Finanzprogrammes 1936 und über das Volksbegehren zur Entpolitisierung der Bundesbahnen befasst. Gleichzeitig ist der Verwaltungsrat einstimmig auf den sich riesig bequem, wenn sie zur Erreichung des ihnen vorschwebenden Ziels, eben der Geburt des schweizerischen Carburant national, die ausländischen Exempel kurzerhand und unbesehen auf unseren Boden verpflanzen. Ein Verfahren, das zwar den Vorteil der Einfachheit für sich hat, dem aber die Unzulässigkeit auf der Stirn geschrieben steht. Denn die Verhältnisse in der Brennstoffversorgung des Landes liegen bei uns •weiten Bericht über die Gestaltung des so grundverschieden von denen unserer neuen Bundesbahn-Gesetzes eingetreten. Die Detailberatung wird an der nächsten, am 17. März 1936 'stattfindenden Sitzung des Verwaltungsrates erfolgen. Wir berichten heute Dber: Nachbarn, dass es schlechterdings nicht angeht, sie überhaupt miteinander in Parallele setzen zu wollen. Im Kriegsfalle nämlich können wir mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass wir die erforderlichen Benzinmengen erhalte, einerlei ob vom X, vom Y oder vom Z. Ergo brauchen wir den nationalen Brennstoff gar nicht, es sei denn, wir hätten die Marotte und auch das Geld, um uns darauf zu versteifen, uns selbst das Benzin dadurch zu verteuern, dass wir es mit dem kostspieligen entwässerten Bundesschnaps «taufen ». Die Sache ist nämlich die, dass uns der Liter dieses ganz besonderen Saftes auf 2 Fr. zu stehen käme, dass er weniger wert ist als das Benzin, das heute an der Grenze 7V2 RP. kostet. Anders ausgedrückt, wir würden den Alkohol mindestens 25 Mal teurer bezahlen wie das Benzin. Eine derart unsinnige Ueberbezahlung lässt sich auch "« vom militärischen Standpunkt» nicht rechtfertigen. Selbst dann, wenn wir das Benzin zum Preis von einem Franken pro Liter beziehen müssten, wäre es für uns immer noch vorteilhafter und billiger als das Eigengewächs unseres Bundesschnapses. Aber dabei hat es noch nicht einmal sein Bewenden. Der Kernpunkt des ganzen Proten alle Stricke reissen, sollte ein unvorhersehbares Zusammentreffen von Umständen die Benzineinfuhr zum Versiegen bringen, so mag sich ein jeder selbst ausmalen, wohin ungeteiltem Interesse von den Herren Militärs and anderen Leuten, die sich auf Dinge der Landesverteidigung verstehen, hören, wieso denn und in welcher Beziehung der Spritbeimischungszwang als Aufgabe eben dieser Landesverteidigung betrachtet werden müsse. 1 Die Sanierung der S.B.B. bildet seit zwei Jahren das Thema unausgesetzter Diskussionen. Es ist heute soweit, dass sich unser grösstes Staatsunternehmen in einer finanziellen Notlage befindet, die dringende Hilfe erheischt. Stellen wir fest, dass die Ueberschuldung der Bundesbahnen rund eine Milliarde Franken beträgt, dass diese Schuld jährlich um durchschnittlich 85 Millionen Franken anwächst und dass sich die Belastung für jeden km auf eine Million Franken beziffert. Dabei wächst das Defizit ohne Berechnung einer angemessenen Amortisation jede Woche um eine Million Franken an! Bevor wir auf die Vorschläge der Bundesbahn-Verwaltung eintreten, wie sie der Presse am letzten Freitag bekannt gegeben worden sind, seien hier noch einige grundsätzliche Bemerkungen zur Sanierung angebracht. Die Entpolitisierungs-Initiative beabsichtigt, Verwaltung und Betrieb unserer Staatsbahnen einer öffentlichen, von der Bundesverwaltung vollständig unabhängigen Unternehmung mit eigener Rechtspersönlichkeit zu übertragen. Sie will durch eine zweckmässige Organisation ermöglichen, dass die SBB mehr als die übrigen Zweige der Bundesverwaltung politischen Einflüssen entzogen werden. Sicher gibt es gerade in den Kreisen der Automobilisten viele Anhänger einer solchen «Entstaatlichung». Die heutige schlechte Lage der Bundesbahnen ist jedoch nicht allein der mangelhaften Organisation zuzuschreiben. Sie kennzeichnet sich zum grossen Teil als Folge der wirtschaftlichen Krisen -Verhältnisse, welche naturgemäss auch zu einer starken Schrumpfung des Verkehrsvolumens führen mussten. Allerdings haben die politischen Einflüsse bereits in der Geburtsstunde der Bundesbahnen ausserordentlich verhängnisvoll auf die Entwicklung des jungen Unternehmens eingewirkt. Die Ueberzahlung beim Rückkauf der Privatbahnen wird auf 113,9 Millionen Franken geschätzt, dazu kommen noch die Zinsen, welche von 1902 bis Ende 1933 weitere 115 Millionen Franken ausmachen. Der Einnahmenausfall durch die Mehrleistungen der SBB für die Postverwaltung wird auf 220 Millionen Fr. geschätzt und die Lasten, welche durch Erfüllung zu weitgehender regionaler Wünsche erwachsen sind, auf rund 100 Millionen Franken. Zu diesen beträchtlichen Summen müssen noch die 459 Millionen Fr. Kriegs- und Nachkriegs-Lasten gerechnet werden, an welche der Bund nur 35 Millionen Franken abbezahlte. Tragen die Bundesbahnen an den oben erwähnten Lasten keine oder nur eine sehr beschränkte Verantwortung, so muss ihnen anderseits zum Vorwurf gemacht werden, dass sie in der Tarifpolitik nicht verstanden haben, sich den Anforderungen der Wirtschaft anzupassen. Im Bewusstsein eines faktischen Verkehrsmonopols unterschätzte man die Automobilkonkurrenz, welche den Kunden durch ihre rasche und billige Beförderung grosse Vorteile bot und ausserdem auf jede Weise den Bedürfnissen der Kundschaft entgegenkam. Damit ging ein Verkehr verloren, den zurückzuerobern heute sehr schwer hält. Allerdings wird man den