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E_1936_Zeitung_Nr.022

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. o | y Nummer 20 Rp. BERN, Dienstag, 17.März 1936 ErSlß 031011-111111111^ 32. Jahrgang - N° 22 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS Et Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jthrlieb Fr. K».— Aasland mit Portoxuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. UnfaUversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Dem Genier Salon entgegen Nach Genf sind heute die Blicke aller Automobilistenkreise unseres Landes gerichtet Drei Tage nur noch trennen uns von der Eröffnung des Internationalen Automobilsalons, dieser einzigartigen und universellen Schau des modernsten aller Verkehrsmittel. Darüber, dass der Salon als eine schweizerische Angelegenheit gewertet werden muss, als ein Ereignis, das nicht nur die Völkerbundsstadt in seinen Bann zieht, sondern darüber hinaus zur Generalmobilisation der Automobilisten unseres Landes ruft, ist weiter kein Wort zu verlieren. In der Geschichte des Genfer Salons spiegelt sich auch die Geschichte des schweizerischen Automobilwesens und es ist durchaus keine Verstiegenheit zu behaupten, dass vom Salon mit ein Teil jener Kräfte und Impulse ausströmt, die zur Eroberung und Durchdringung unseres Landes und unserer ganzen Wirtschaft durch das Motorfahrzeug geführt haben. Jahr für Jahr eröffnet der Salon eine neue Etappe auf diesem Weg und es kommt nicht von ungefähr, dass ihm gerade die Stadt am Leman in ihren Mauern beherbergt, denn von Genf hat die Automobilisierung der Schweiz ihren Ausgang genommen. Vierzig Jahre ungefähr sind durch das" Land gegangen, seitdem in den Strassen Genfs das erste Motorfahrzeug auftauchte, fauchend und ratternd, ein recht eigenwilliges Ding, das sich noch reichlich unbeholfen benahm. Misstrauen, mitleidiges, wenn nicht gar spöttisches Lächeln empfingen damals jene paar Unentwegten, die wir heute zu den Pionieren eines neuen Verkehrs zählen. 40 Jahre nur, aber sie haben genügt, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu revolutionieren und vordem unbekannte materielle und moralische Werte zu schaffen, Werte, deren Träger jenes einst so vielgeschmähte und verhöhnte Vehikel äst: das Automobil. Nichst vermittelt uns ein so drastisches und eindringliches Bild von der phantastischen Entwicklung, welche den Weg des Motorfahrzeugs kennzeichnet, als gerade der Salon. Vor wenigen Jahren noch mit Seltenheitswert behaftet und keineswegs ernst genommen, hat es sich, ein Symbol des Fortschritts, allen Hemmnissen und Schwierigkeiten zum Trotz durchgesetzt, es hat sich seinen Platz an der Sonne gesichert. Umstritten und verkannt zuerst, ist es aus sehr kleinen Anfängen emporgewachsen zu einem der tragenden Pfeiler unserer Volkswirtschaft. Seine Bedeutung als Instrument zur Ausübung zahlreicher Berufe und damit zur Erhaltung Zehntausender von Existenzen wird niemand im Ernst leugnen können noch wollen. Gewaltig ist die Distanz, welche das Automobil binnen vier Dezennien zurückgelegt, unübersehbar sind die Wandlungen die es auf fast allen Gebieten menschlichen Tuns hervorgerufen hat. Im richtigen Licht erscheint dieser kometenhafte Aufstieg jedoch erst, wenn man, die Bahn rückwärts verfolgend, jene Widerstände und Erschwerungen aufdeckt, die Unverstand, Kurzsichtigkeit und Voreingenommenheit dem Motorfahrzeug entgegengesetzt haben. Denn wahrlich — leicht haben wir es ihm nicht gemacht. Kaum dass es den Kinderschuhen recht entwachsen und sich zu regen begann, wurde es in die Zwangsjacke von Gesetzen und Verordnungen gesteckt, der Fiskus entdeckte es für sich und be- Feuilleton „uer Seewolf" Seite 2 Erseheint Jeden Dlenstap und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe U»U" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenratastr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 dachte es ausnehmend generös mit Zöllen, Steuern und Abgaben aller erdenklichen Art. Das Automobil hat sich nicht kleinkriegen lassen. Mutige Privatinitiative, gepaart mit unbeugsamer Tatkraft und einem unerschütterlichen Glauben haben es in diesem zähen Kampf zum Sieg geführt. Noch will der Druck der Krise nicht von unserem Lande weichen. Lähmt sie allein schon jeglichen Unternehmungsgeist, so erleidet die Bewegungsfreiheit der mit unserem Automobilwesen verknüpften Wirtschaftszweige eine weitere Einengung durch die handelspolitischen Massnahmen des Staates. Kontingentierung und Kompensationsverkehr — zwei notwendige Uebel in den gegenwärtigen tristen Zeiten — hängen der freien Entwicklung unseres Wirtschaftsorganismus Bleigewichte an. Dass sich unter solchen Umständen auch das in normalen Zeiten so ungestüme Tempo der Automobilisierung der Schweiz verlangsamt, verwundert weiter nicht Nun, damit könnte man sich noch abfinden, weil die Ursachen dieser Situation nicht allein bei uns liegen, sondern in Zusammenhängen begründet sind, auf die wir wenig oder gar keinen Einfluss haben. Was indessen viel schwerer wiegt das sind die unverantwortlichen neuen Lasten, womit die von nackten fiskalischen Interessen diktierte Politik unserer Behörden das Automobilwesen zu beglücken für -opportun erachtet hat. Weit mehr als die allgemeine wirtschaftliche Depression trägt die abermalige Erhöhung des Benzinzolls, dieser sozusagen über Nacht dekretierte Beutezug auf unsere Taschen dazu bei, unsere gesamte Automobilwirtschaft in ihrem Lebensmark zu treffen. Bereits beginnen denn auch die Früchte dieses verhängnisvollen Beschlusses zu reifen. Sie heissen Schrumpfung des motorisierten Verkehrs, womit Hand in Hand eine Schädigung all jener Wirtschaftszweige geht, die auf Gedeih und Verderb mit dem Auto verbunden sind. Klar und eindeutig zeichnen sich die unheilvollen Konsequenzen dieser an krasser Einseitigkeit kaum mehr zu überbietenden Massnahme ab, was jedoch den Bundesrat nicht hindert, schon wieder neue Pläne zu schmieden, um weitere Millionen aus dem Automobil herauszuholen, diesmal in Form des Spritbeimischungszwangs zum Benzin. Wer schlussendlich die Zeche bezahlen wird, darüber braucht man sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Selten noch hat ein Genfer Salon unter so unerfreulichen Zeichen gestanden, wie gerade dieses Jahr, und wir vermögen der Zukunft, wie sie sich heute darbietet, nur mit schwersten Bedenken entgegenzusehen, nicht nur deshalb, weil wir Automobilisten, sondern ebensosehr aus dem Grunde, weil wir Staatsbürger sind. Um so mehr Mut und Zuversicht gehören dazu, unter den Verhältnissen, wie sie sich zurzeit für unsere Auto- und Zubehörindustrie, für den Handel und für das gesamte Motorfahrzeuggewerbe präsentieren, ein Unternehmen vom Ausmass des Salons in neuer Auflage erstehen zu lassen, ein sprechendes Zeugnis der Initiative und des ungebrochenen Willens dieser Kreise, durchzuhalten aus eigener, Kraft So schliesst sich denn der Salon 1936 seinen Vorgängern würdig an, ja mehr als das, er hat im Krisenjahr 1936 eine stärkere Beschickung gefunden als die Ausstellungen von Paris, London und Berlin. Möge er sich zu einer Demonstration der Vitalität des Automobils gestalten, möge er die Hoffnungen erfüllen, die allenthalben auf ihn gesetzt werden und neben dem kommerziellen auch mit einem, man möchte sagen moralischen Erfolg abschliessen, den wir heute, angesichts der ins Uferlose gewachsenen Begehrlichkeit des Fiskus, nötiger haben denn je. L Limousinenkrankheit, Eindämmern und Schrecksekunde Die zweite hier in Rede stehende Untersuchung ging aus dem Psychologischen Institut der Universität Göttingen hervor und hat die « Schrecksekunde > Neue Erkenntnisse über den Autounfall (Fortsetzuna und Schluss aus Na 21.) zum Gegenstand. Wie das Wort «Schrecksekunde > sagt, wurde bisher angenommen, dass ein «Schreck», somit eine heftige Gemütsbewegung den Fahrzeuglenker daran hindere, «sofort», d. h. unmittelbar nach oder fast gleichzeitig mit dem Gewahren des Hindernisses die richtigen Bewegungen auszuführen und die notwendigen Bedienungsgriffe vorzunehmen. Indessen : die Ergebnisse der Göttinger Untersuchung lassen es als höchst wahrscheinlich annehmen, dass die Ursache für die Unmöglichkeit oder Schwierigkeit momentanem Bremsens usw. nicht oder höchstens fallweise in einem solchen «Affekt», besser gesagt in einer andersartigen « Reaktionshemmung» zu suchen sei. Soll nämjich auf einen bestimmten Reiz, konkret ausgedrückt, auf ein Hindernis hin, eine bestimmte einfache Handlung, kennzeichne sie sich nun als Bremsen oder als Ausweichen, vorgenommen werden, so bedarf der Mensch einer gewissen Zeit — der Reaktionszeit — um von dessen Wahrnehmung bis zur Betätigung der « richtigen » Muskelgruppen zu gelangen. Ist der Lenker auf dieses Verhalten unmittelbar vorher eingestellt, man dürfte fast sagen: erwartet er beinahe ein Hemmnis (z.B. bei der Annäherung an eine belebte Strassenkreuzung in der Grossstadt usw.), so fällt die Reaktionszeit sehr kurz aus: 1/5 bis höchstens 1/2 Sekunde. Fehlt dagegen dieses unmittelbar vorhergehende « Gefasstsein >, so muss es durch Umstellung im Augenblick der Gefahr erst geschaffen werden. Diese Umstellung vollzieht sich nun mehr oder weniger rasch. Sie dauert länger,, wenn der Automobilist auf gleichmässiges und hindernisfreies Fahren oder auf konzentriertes Schnellfahren eingestellt ist, also auf der offenen Landstrasse, in verkehrsarmem Vororten usw., oder wenn seine Aufmerksamkeit zeitweise « eingedämmert» ist. Dann kann die Umstellungszeit weit über eine Sekunde dauern. Und es hat sich gezeigt, dass oft wiederholte Vorwarungssignale nichts helfen, weil ihre Wirkung rasch abstumpft. Dauernde Konzentration auf «Gefahr» hält kein Fahrer aus, ohne bald sehr stark zu ermüden. Den Ausschlag geben vielmehr zwei Elemente : 1. dass der Fahrer nicht einem psychologischen Typus angehöre, der nachweisbar schwer umstellbar ist; 2. dass er während der Fahrt eine bestimmte Art d,er Aufmerksamkeitseinstellung durchhält, die sich am treffendsten als unangestrengte, gleichbleibende oder -schwebende umsichtige Wachheit bezeichnen INSERTIONS'PREISt Die aehtgetpaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarlf Inseratensehluss 4 Tage vor Ericheinen der Nummern Wir berichten heute Ober: Nennt sich das Verkehrspolitik? Die Schweiz. Sportanlässe am Wochenende. Die Mechanik der Ross-Lenkung. Das Auto von Heute. Radiotelephonie an Bord des LZ 129. Hesse. Diese Wachheit verträgt nun aber nicht nur leichte Ablenkung durch Umschau in der Landschaft, durch Beschäftigung mit "Nebengedanken oder Gespräche leichteren Charakters, sondern eine solche Ablenkung ist — wider Erwarten und entgegen weitverbreiteter Meinung — dem geforderten Aufmerksamkeitszustand sogar förderlich. Wir sehen also dass sich die Ergebnisse der beiden hier besprochenen psychologischen Untersuchungen in der Forderung nach einem « Wachzustand » während der Fahrt als beste Abwehr gegen Ueberraschungsversager des Lenkers auf der einen, gegen das gefährliche «Eindämmern » auf der andern Seite treffen und ergänzen. Welche Folgerungen und Forderungen für die Verkehrspraxis lassen sich aus dieser Erkenntnis ableiten? Versuchen wir, sie kurz zu umschreiben und zu Gruppen zusammenzufassen. Zum ersten sollte der Frage der Eignung zum Autofahrer und einer praktisch-psychologischen Prüfung dieser Qualitäten vor Erteilung des Führerscheins erhöhtes Interesse geschenkt werden, um die anlagemässig schlechten «Umsteller» und — wenn die Prüfungsverfahren auch hiefür noch besser ausgebaut sein werden — auch die besonders zum «Eindämmern» neigenden Personen vom Autoverkehr fernzuhalten oder sie doch zum mindesten über ihre Anlage gründlich aufzuklären und ihnen besondere Vorsicht aufzuerlegen. Zum andern drängt sich der Gedanke nach entsprechendem Ausbau des Fahrunterrichts und der staatlichen Kontrolle der Fahrschulen auf. Sie sollten, mehr als bisher üblich gewesen ist, auch die Uebung der « Umstellung » anstreben. Allerdings können sich derartige Uebungen nur dann praktisch auswirken, wenn sie durch häufiges Fahren erhalten bleiben. Denn bei nur gelegentlichem Fahren ginge die richtige « Routine » zwischendurch wieder verloren. Drittens sollte der Fahrunterricht in stärkerem Mass als bisher gleichzeitig auf psychologische Basis gestellt werden, um den zukünftigen Autolenker mit den im Menschen liegenden Unfallgefahren vertraut zu machen. Dass im weiteren die Fahrgeschwindigkeit eine wichtige Rolle spielt, wird wohl kaum auf Widerspruch stossen. Je höher die Geschwindigkeit ansteigt, desto rascher folgen sich die Reize der Strecke. Desto intensiver muss sich aber auch der verantwortungsbewusste Automobilist auf seine Tätigkeit am Lenkrad konzentrieren. Denn die Schwierigkeit der Umstellung auf plötzlich auftauchende Gefahrreize wächst dabei unablässig. In diesem Zusammenhang sei auch kurz die instinktive Abwehr des Lenkers gegen die Reizlosigkeit der Fahrt beröhrt. Das haben nicht nur die instruktiven Laboratoriumsversuche in einwandfreier Weise gezeigt, sondern auch die befragten Gewährsmänner einmütig bestätigt: Der Automobilist singt, pfeift,