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E_1936_Zeitung_Nr.023

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Bfl-R -• N» 23 Betty

Bfl-R -• N» 23 Betty von Beifort bringt? Stellen Sie sich die Sachlage ganz konkret vor: Erhalten sein von einer Madame, die man im tiefsten hasst, ausgespielt gegen einen Herrn, der sehr zu schätzen ist. Ich hasse Madame, schon weil sie meine leibliche und seelische Konstitution drangsaliert. Wie sollte sie anders mit ihrem Mückenhirn? Wie sollte ihr aufgehen, dass ich ein Bewegungstyp bin und nicht fressen kann wie ein Mops. Sie schwärmt für Sporthelden. Nun, ich wäre sehr wohl ein anständiger Hindernisläufer, hager und muskulös, verginge sie sich nicht dauernd gegen meine Natur. Streike ich beim Fressen, gleich, kriegt sie einen hysterischen .Weinkrampf, schellt dem Doktor und schreit, Krankheit, könne nur durch Doppelratibn geheilt werden. Den armen Herrn aber Hess sie in seiner, schweren Angina einfach liegen, keine Spur von Arzt, und zu essen gab's überhaupt nichts, als er wieder essen sollte. Sie zog damals grad mit dem blöden Fussballchampignon. Oder hat sie Champoo gesagt? Mir bleibt wirklich nur noch der Auszug aus Aegypten, bei Nacht und Nebel. Aber sie schliesst mich ja bei ihren Fleischtöpfen ein. So wird man ein ganz degeneriertes Vieh. Wie verträgt sich, das alles mit meiner Selbstachtung? Selbstverständlich glaubt der Herr, ich stehe im Scheidungsfall auf seiten der Dulcinea. « TJbi bene, ibi patria », hat er neulich voller Höhn (zu mir) gesagt. Als ob ich mich um die ~ verhassten Fleischtöpfe Aegyptens reisSe! Der. Mann stehe zum Manne. Nun brenne' ich in dem Wunsch, Ihnen allerhand klar zu machen, Monsieur: Dass ich durch Sie lieber auf schmale Ration gestellt werde, als noch' länger Madames Liebestyrannei ertrage. Ja, Herr, ich werde ein nicht zu verachtender Zeuge sein. Sie aber werden noch erkennen, was unnachträgerische Hundesliebe ist. Je tiefer ich in mich gehe, desto überzeugter darf ich wohl sagen: Ideale leben noch in meiner Brust. Ich bin nicht der gemeine Köter, für den Sie mich halten. Ich stehe nicht zu Ihnen aus hündischer Unterwürfigkeit, sondern aus seelischem Antrieb, würdig, des stolzesten Wolfshundes. « Ubi amo, ibi patria. » Gertrud Egger. («Ubi amo ...» = Wo ich liebe, ist mein Vaterland.) I Kommende Ereignisse März 20./29. Genf Automobilsalon 24. Basel Symphoniekonzert. Solisten: Jos. Szigeti, Violine, Dr. Fr. Morel, Orgel UMtxi, 28. April, 5. ü. Zürich Frühjahrszyklus-Konzerte 12. Mai 24. Bern Symphoniekonzert. Solistin: Marg. v. Siebenthal, Klavier und Violine 25. Genf Konzert des «Orchestre romand». Leitung: B. Molinari, Rom 3i. Lausanne Konzert des« Orchestre romand». Leitung: Dir. B. Molinari, Augusteo, - Rom 36; Nenehaiel Konzert Krauss/Goldberg (Societe de musique) 3t. Murren Clubrennen und Meisterschaft 28./29. Grindelwald des S.C.M. (Ski) Frühlings-Skirennen des Skiklubs Grindelwald und Scheidegg, a. d. Kleinen Scheidegg NEUCHAT EL „LA RECORBE", Töchterpensionat Erste Haushaltungsschule Sprachen, Sport. Pracntv. Lage. Verlangen Sie Prosp. u. Eeferenz. durch Dir. M. u-Mme Wanner, Propr. Photo Fioebel Ein Hund als Zeuge Tierprozesse in alter und neuer Zeit gingen stets um irgendeinen materiellen Nutzen; Streitfragen ohne Geldhintergründe scheinen das Rechtsempfinden nicht nachhaltig aufzurütteln. Immerhin sind die Tiere in heutigen Tagen von der Anklagebank verdrängt worden. Die Zeugenbank blieb ihnen noch vorbehalten, allerdings ist da nur ein einziger Fall bekannt, der Mord an einem Polizisten in Alaska, dessen Mörder durch das Verhalten des Hundes des Ermordeten überführt-wurde; Das Gericht, es war am 'Mi November 1899, schenkte dem Verhalten des Hundes Glauben und der Mörder wurde verurteilt. Sonst sind solche Zeugenschaften der Tiere nur in Kriminalgeschichten und bei Richter Lynch zu finden gewesen; «ejbst das Mittelalter üess die Tiere als Zeugen nicht zu, obwohl deren Verteidiger dies bisweilen^ beantragten. Es scheint doch schwieriger gewesen zu sein, ein Tier als Zeugen zu vernehmen, als es eines Verbrechens für schuldig zu erklären. Es ist allerdings schliesslich nicht einzusehen, weshalb der Mensch, der mit seinesgleichen seit Menschengedenken Streit hatte und Prozesse führte, die Mitbewohner dieser Erde, die Tiere, davon ausschliefen sollte. Diese Aenderung zur Vernunft ist erst der jüngsten Vergangenheit gegönnt' gewesen, wenngleich die uns heute als Farce anmutende Prozessführung gegen ein Tier bereits von einem höheren sittlichen Niveau Kunde gibt, als es das Altertum kannte, das seine Sklaven und Tiere gleichermassen ohne Recht zu suchen und ohne, Urteilsspruch tötete. b0 Pmirtolarif „i iary Die «von Beifort» waren einstmals ein Zweig der mächtigen chur-rätischen Dynastenfamilie der Freiherren von Vatz. Die Ruine von Beifort steht noch heute hoch über, der Strasse, die von der Lenzerheide nach Davos führt. Das Geschlecht derer von Beifort ist längst dahin gegangen; dahin mit Rittertum, Jagd r Fehde, gutem Essen und Trinken, Jus primae noctis und andern schönen Dingen, die im Mittelalter das Leben der grossen Herren angenehm bereicherten. Viele, Jahrhunderte später kommt einer, der auf die Abkunft seiner Hunde mindestens so stolz ist wie auf seine eigene und gibt ihnen, die dem altenglischen Geschlecht der Black and Tan Terfier entstammen, den Namen « von Beifort». Ein klangvoller, ein schöner Name, einer, der allerhand voraussetzen lässt. , Die vierbeinigen Herren und Damen von Beifort leben nicht viel anders als die mittelalterlichen Burgherren. Auch bei ihnen gilt gut Essen und Trinken, Fehde, Jagd und fröhliches Tournier viel. Die männlichen Vertreter dieser Sippe sind kräftige, starke Gesellen mit wehrhaften Fängen. Die Damen sind rank, schlank und zart. Bobby und Betty von Beifort erblicken das Licht der Welt in Zuoz. Mit acht Monaten können sie schon auf eine bewegte Vergangenheit zurückschauen, Bobby wird wegen einer ap einem gedankenlosen Huhn begangenen Realinjurie bestraft. Betty zieht sich einen Prozess zu, weil sie mit ihren scharfen Krallen und Zähnchen das Spitzenkleid eines altern, alleinstehenden Fräuleins zerkleinert hat. Der Herr kann sich der Erziehung dieses säubern Geschwisterpaares leider nicht so widmen, wie er gern möchte. Er gibt Bobby und Betty ins Pensionat. Von dort kehren sie nach zweimal drei Wochen etwas reduziert, aber manierlicher, sozusagen geläutert, zurück. Aus Betty ist in dieser Zeit ein zärtliches Hundefräulein geworden, das sich bei seinem Herrn ohne Zeitverlust eine Vorzugsbehandlung zu erschmeicheln weiss. Sie ist zwar etwas stürmisch, diese Betty, mitunter auch gedankenlos. Sie liebt es, mit fliegendem Schwänzchen davonzusausen und sie fliegt dann etwa unvermittelt an einen Baum oder an ein Schienbein. Dann ^ kehrt sie jammernd zurück, Die Familie ist nicht gross. Es ist da die Mutter, die weltgereiste Frau Gritta von Belfort, die einmal beinahe einem japanischen Prinzen vorgestellt wurde und die sich auf den Planken eines Ozeandampfers so gut auskennt wie im indischen Dschungel. Wenn'man über das stürmische Temperament Bobbys und Bettys stutzt, so weiss man bald, woher sie es haben, wenn Gritta mit ihren beiden Nachkommen auf der Höhenmatte in Interlaken ein Fangspiel vorführt. Auf dieser Matte lässt der Herr jeweils seine Rotte von der Leine. Alsbald saust der stämmige Bruder voraus, Gritta hinterdrein, aber ihre verzweifelten Bemühungen, das Bürschlein an den Hinterläufen zu er- Bild rechts: Foxli hat es wie die Schnecke: Er nimmt sein Haus gleich mit, sogar auf eine Autofahrt. Herrn, Bern lehrt perfekt Französisch, Italienisch, Englisch, Haushalt usw. Sport, Musik. Jahreskursbeginn: Ende April. Vorzügliche Ski-Gelegenheiten. Beste Referenzen. Prospekte. Gebirgslage. 700 m Höhe. Hexitx.FranPfarzexVoatn.ard, Montreux Pensionat and Haushaltungsschule JLi Presbytere" Knaben-Institut Chabloz Höhere Handels- und Verkehrsschule. Privat-Anstalt, wärmstcns empfohlen. — Gründliche Erlernung des Französischen. Vorbereitung auf Post, Eisenbahn, Zoll, Lehrer-Seminar, kaufmännisch. Berat, Handelsdiplom. Maturität. Sorgfältige Charakterbildung. INSTITUT Dr. SCHMIDT Chäteau de Vennes s./Lausanne, 660 m Sorgfältige Erziehung in gepflegtem Heim, erstklass. Lehrkräfte. Winter im Hochgebirge (Verbier, Wallis). Umgangssprache : Französisch. Vorbereitung für alle Examen (Maturität und Handelsabteilung). Besondere Sprachkurse. Sport,, Handfertigkeit. — Prospekte, Referenzen^ illustrierte „Schmidt-Revue''. Betty von Beifort Von A. G. U. Pozzy de Besta ! fassen, vereitelt Betty immer wieder, indem sie ihr von der Seite her in die Flanken stösst. Betty hat eine unvergleichliche Art des Umganges mit Menschen. Ihren Herrn wickelt sie sozusagen um die mit koketten schwarzen Tupfen geschmückten Pfoten. Sie hat eine schlechthin unwiderstehliche Art, diesen Herrn anzusehen, indem sie gleichzeitig ihren schmalen, langgestreckten Kopf zwischen seine Knie oder in die Höhlung seiner Hand steckt und dazu vernehmlich schnuppert oder kurz Laut gibt. Wenn sie ihn so unverwandt und ernsthaft anschaut, schliesst sich der Stromkreis einer unsagbar naturhaften Liebe zwischen Herrn und Hund. Im April wird Betty Mutter von sechs kleinen, mattschwarzen, gelbpfotenen Würmchen. Nun beginnt ein neues Leben für sie, ein Leben voll Arbeit und Aufopferung. Es gibt viel zu tun für sie. Die Kleinen müssen genährt, gewärmt und sauber gehalten werden. Das Körbchen ist immer blitzblank. Wenn die Jungen sich satt getrunken haben, kuscheln sie sich zufrieden in den Mutterleib hinein. Der umgibt sie als dunkler, schlankgebogener Kelch. Wenn Betty zum Herrn aufschaut, sagt ihr Blick: « Schau, was ich da habe ». Nach achtzehn Tagen aber zeigt sich in ihrer Brust eine kleine Schwellung. Die wird zusehends grösser. Der Tierdoktor stellt'einen Abszess fest. Er muss geschnitten werden und nun klafft in dem zierlichen, glatten Leib eine grauenhafte Wunde. Betty wird eingebunden und auf den Divan gelegt. Das Gift greift um sich und ist in die Blutbahn eingedrungen. Betty bekommt zur Stärkung schwarzen Kaffee. Es wird aber immer schlimmer. Sie hört das jämmerliche Winseln ihrer Jungen und schleppt sich in das Körbchen zurück. Dort gibt sie ihnen aus schmerzzerrissenem Leibe zu trinken und säubert sie mit erlahmenden Kräften. Der Herr nimmt sie wieder fort. Betty sieht ihn angstvoll an, aus ihren dunklen Augen bricht eine schwere Ahnung. Ihr rechter Vorderlauf zittert nun. Der Herr sieht das und bekommt es nun ebenfalls mit der Angst zu tun. Der Tierdoktor kommt eilends. « Armes Tierchen, armes Tierchen,» sagt er. Der Herr schluckt, er hat verstanden. «Kognak mit Ei wird ihr gut tun,» meint der Doktor, Der Herr geht sofort in die Stadt; es ist aber Sonntag und da will ihm niemand Kognak verkaufen. Der Herr braucht lange, bis er Kognak gefunden hat. Er eilt nach Hause, er will seinem Hund ein kräftiges Eiertränklein brauen. Die Augen des Hundes sind aber schon tief verschleiert. Ein schmerzliches Staunen steht noch in ihnen. Der Hund atmet hastig, dann streckt er sich und ist fort. Der Herr trägt seinen toten Hund in den Wald, aber die Walderde ist zu kärglich. Er bringt ihn in den Garten zurück, bettet ihn tief die Erde, deckt ihn mit flachen Steinen, schüt- ^ tet Erde zu und holt ein Büschlein. Das wird auf seinem toten Hund wachsen. Er hat ihn sehr lieb gehabt, diesen Hund.

IV. Blatt Nr. 23 Automobil-Revue BERN, 20. März 1936 Wie manche Frau, wie manches Mädchen hegt im Stillen den Wunsch, eine Tracht zu besitzen? Jedesmal, wenn Sie auf dem Land einer Gruppe höbscher Trachtenleute begegnet sind, jedesmal, wenn Sie an einem schönen Sommersonnfag ein Trachtenfest besuchen, regt sich in Ihnen dieser leise Wunsch^ und er scheint Ihnen auch gar nicht unberechtigt, da Sie noch in einer alten Kommode auf dem Estrich ein paar alte Kleidungsstücke, Schnallen oder Broschen aufbewahren, die Ihre Mutter oder Grossmutter zur Tracht getragen hat. Das Metall könnte man selbstverständlich wieder für eine neue Tracht verwenden. Und dann könnte man zum Trachtenfest, auch wenn man selbst gar nicht mitzumachen gedenkt, sein Festkleid anziehen, man könnte es dann und wann hervornehmen, etwa bei festlichen Veranstaltungen, und die Sonhtagstracht würde immer in Ehren stehen. Es gibt vielerlei Trachten im Schweizerland, Berner und Wehntaler, Solothurner und Glarner, Tessiner und Bündner Trachten. Aber die Frage «Welche Tracht?» sollte eigentlich gar nicht gestellt werden. Denn die Tracht ist kein Kostüm, das man heute anzieht und morgen mit einem anderen vertauscht. Sie tragen die Tracht der Gegend, in welcher Sie zuständig sind, sei es die eigene Heimat, sei es die neue Heimat des Mannes, jedenfalls di* Tracht des Kantons, in dem Sie sich heimisch fühlen. Man sollte nicht Zürcherinnen in Tessiner Trachten stecken und in Zoccolis umherstolpern lassen. Und ein feerner Trachtenmeitschi, das nicht einmal Bärndütsch spricht, ist eine Unmöglichkeit. Die Tracht ist nichts anderes als der Dialekt im Frauenkleid. Fröhliche Bernerinnen. Die Leiterin der Zürcher Trachtenstube, Frau Dr. Panchaud de Bottens, war lo liebenswürdig, dem Redaktor des «Auto-Magazins» über diese Frage Aufschluss zu geben. Wer sich eine Tracht anzuschaffen wünscht, setzt sich am besten mit der nächsten Trachtenvereinigung oder Trachtenstube in Verbindung. Da kann man sich Rat holen über die Gestaltung des Festkleides, man kann unter Umständen sogar eine Tracht entlehnen. Hier sind auch die Spezialistinnen zur Hand, die sich aufs Anprobieren verstehen, wenn man die Näharbeit eigenhändig zu tun gedenkt. Das Zuschneiden erfordert besondere Kenntnisse; da an den Trachten verhältnismässig viel mehr Handarbeit ist ! als : am modernen Kleid, und die Stoffe eine besondere Behandlung : erfordern, verursacht die Tracht auch etwas mehr Arbeit als ein gewöhnliches Hauskleid. Ein Haupterfordernis: Die Stoffe müssen gut sein. Man ist heute so weit, dass man fast das gesamte Material In der Schweiz herstellen kann; im Anfang war das schwierig, weil man das Weben der Stoffe erst wieder versuchen und einführen Photo Tuggener (Zingg) tton untren Ctadyten Zunächst: Welche Tracht? Wie kommt man zu einer Tracht? dem Land vielfach durch Kurse, die von den Trachtenvereinigungen veranstaltet wurden, in der Tech- : nik der Trachtenherstellung unterwiesen. Die Tracht darf nicht salopp, sondern sie muss sorgfältig genäht sein. Dadurch wird zwar die einzelne Tracht oft etwas teurer zu stehen kommen als ein gewöhnliches Kleid, aber sie belohnt diesen grösseren Aufwand durch ihre Dauerhaftig- • keit. Je nach Wunsch und Verhältnissen kann eine Festtracht einfacher oder reicher gestaltet werden. Man kann Wolle oder Seide, billige oder teure Spitzen wählen. Eine Arbeitstracht kostet höchstens das Doppelte dessen, was ein Schneiderkleid verlangt. Die Sonntags- oder Festtracht dagegen wird sich höher, bei reicher Ausstattung sogar bedeutend höher stellen als ein gewöhnliches Gesellschaftskleid — aber eine solche Tracht kann man sein Leben lang tragen und vielleicht sogar an die Tochter weitergeben. Die Festtrachf als Gesellschaftstoilette. Die Festtracht steht ausserhalb der Mode und das ist ihre Stärke: sie veraltet nicht. Dr. Ernst Laur, der Präsident der Schweizerischen Trachtenvereingiung, hat in seiner Rede am Zürcher Trachtenfest in Marthalen 1935 in einem einleuchtenden Beispiel geschildert, wie die Tracht zur Gesellschaftstoilette werden kann. Ein Schweizer, der mit seiner Frau an einem internationalen Kongress im Ausland teilnahm, wurde samt Gattin zu einer grossen gesellschaftlichen Veranstaltung eingeia-" den. Die Frau überlegte sich ihre Toilette. Konnte die einfache Republikanerin mit dem Glanz der großstädtischen Gesellschaft wetteifern? Der Sinn stand ihr nicht darnach, und ausserdem hätte sie auch die Mittel nicht gehabt. So trug sie ihre Festtracht — und ; wurde ein bewunderter Mittelpunkt des Abends. Die Schweizerinnen im Ausland legen der Tracht einen sehr grossen Wert bei, besonders diejenigen, die ins Ausland geheiratet haben. Das Festkleid der Heimat bildet bei vielen Veranstaltungen, an denen Schweizer und Ausländer teilnehmen, eine freundliche und anmutige Kennzeichnung der Nationalität. Die Auslandschweizer legen bei manchen Gelegenheiten in einem viel höheren Masse Wert darauf, für Schweizer zu gelten, angesehen und erkannt zu werden, als oft die Schweizer im Inland. In der Fremde muss man die Heimatliebe lernen. Trachtenstube und Trachtenvereinigung. Die Zürcher Trachtenstube ist die ehrenamtliche, offizielle Auskunftstelle für schweizerische Trachtenfragen. Sie enthält ein sehenswertes Museum von alten und neu geschaffenen Trachten in einem alfen Zürcher Haus am Neumarkt, im Haus zum Möhrenkopf. Ein Haus, das seine Geschichte hat. Goldschmiede und Seidenweber haben darin gewohnt, und Katharina von Zimmern, die letzte Aeb- musste. Die Herstellung der Trachtenstoffe gibt tissin des Fraumünsterklosters, verbrachte darin vielen Bergfrauen Arbeit, und im Lauf der letzten Jahr* wurden Schneiderinnen und Modistinnen auf einen Abschnitt ihres schicksalreichen Lebens. Ein Teil dieses Hauses wurde durch die Trachtenvereinigung in ein Privatmuseum umgewandelt, das jedermann zugänglich ist. Neben Schmuck, Spitzen, einer Haubensammlung, Trachtengruppen, Volkskunst und kirchlicher Kunst sind dort etwa 60 lebensgrosse Trachtenfiguren aufgestellt. Die Schweizerische Trachtenvereinigung — ihr Präsident ist der schon genannte Dr. Ernst Laur, Leiter des Schweizer Heimatwerkes — bildet die Zusammenfassung von ety«a 6000 Mitgliedern, die den kantonalen Sektionen angehören. Sie wird demnächst (voraussichtlich im Frühsommer] ihren zehnten Geburtstag feiernVkönnen,. und zwar wird mit diesem Jubiläum ein Schweizerisches Trachtenfest auf dem Rigi verbunden sein. Aus einem Rückblick auf die Entwicklung der Trachtenbewegung in der Schweiz aus der-Feder von Frau Dr. Panchaud de Bottens seien ein paar Erinnerungen hierher gesetzt: «In den.Städten sah man noch vor dreissig Jahren ab und zu Schaffhauserinnen und Aargauerinnen, aber auch die Verschwanden immer mehr. Bei der Eröffnung des Landesmuseums in Zürich erlebte man zum ersten Male ein richtiges Trachtenfest. Man sah nach vielen Jahren des Verschwundenseins wieder herrliche alte Trachten, von deren Vorhandensein die wenigsten etwas wussten. Das war wohl der Auftakt zur Trachtenbewegung, wenn auch.nur in bescheidenem Ausmass. Im Landesmuseum wurde eine grössere Zahl Schweizer Trachten durch die Trachtenforscherin und Verfasserin unseres grössten schweizerischen Trachtenwerkes, Frau Julie Heierli, ausgestellt, der Lesezirkel Hottingen arrangierte unter Dr. Hans Bodmers kundiger Leitung Trachtenfeste zur Belebung des Trachtenwesens, und beim alljährlichen Sechse- , läuten mehrten sich die Kindertrachten von Jahr zu Jahr in erfreulicher Zahl. Es waren besonders die kleinen Wehntalerinnen, die sich grosser Beliebtheit erfreuten. Manche Mutter fand es nicht nur. hübscher, sondern auch praktischer, ihrem Töchterchen eine richtige Tracht anzuschaffen. Die neue Stadtzürcher Sonntagstracht. Dann kam "der Krieg, eine Zeit, ia der sich das nationale Gefühl stärker entwickelt wie zu Friedenszeiten und sich die-Betonung der nationalen Eigenart-zum Ausdruck bringen will. Da gingen die Waadtländerinnen allen voran, indem sie wieder ; anfingen, ihre Trachten zu tragen, nicht die lustige weiss-grüne Tracht der Winzerfeste, sondern 1 die einfache, dunkle Tracht ihrer Vorfahren. Erst wurden die Frauen der Waadt'angestaunt, auch belächelt, aber bald'fand die Idee Nachahmung, und in kurzer Zeit trug eine erstaunlich grpsse Schar Waadtländerinnen- die hübsche, einfache Tracht mit dem koketten Hut über der Spitzenhaube. Freiburg und Neuenburg folgten, und ganz langsam und zaghaft die deutsche Schweiz. Vorerst sah man nur alte, echte Trachten, die noch in Truhen und Schränken von Grossmutter und Urgrossmutter wohl verwahrt waren. 1926 wurde die Schweizerische Trachtenvereinigung gegründet, ein grosser und ein kleiner Vorstand mit einem Präsidenten gewählt und jedem seine Arbeit zugeteilt. Das erste sichtbare Resultat dieser Arbeit war ein Trachtenaufmqrsch in Bern. Wer damals den Empfang der Trachtenleute, die aus der ganzen Schweiz gekommen waren, im Hof des Berner Burger-Spitals — das hinterste Bergtal hatte seine Vertreter geschickt, wenn es damals auch verhältnismässig wenige waren — miterleben durfte, wird dieses Bild niemals vergessen können, diese Mannen, Frauen und Kinder in ihren bunten Trachten, in dieser Umgebung, diesem herrlichen alten Hof mit seinen von Efeu übersponnenen alten Mauern, darüber ein strahlend blauer Himmel und eine lachende Sonne, die sich selbst an dem wundervollen Bild zu freuen schien.» Was will die Schweizerische Trachtenvereinigung? Die Antwort geht ohne weiteres aus dem nicht abgekürzten Namen der Vereinigung hervor, der eigentlich heisst: «Schweizerische Vereinigung zur Erhaltung der Trachten und zur Pflege des Volksliedes.» Photo Quegen bOM