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E_1936_Zeitung_Nr.035

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BERN, Dienstag, 28. April 1936 Sonderbeilage: Ausbau der Alpenstrassen Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N» 35 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aaiabe A (ohne Versicherung) halbjahrlieh Fr. 5.—, i*hrlieh Fr. 10.— Aasland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) Vierteljährlich Fr. 7.50 Aasgabe C (mit Insasspnversicherungi vierteljährlich Fr. 7.50 Unsere Alpenstrassen Die Strasse als ältester Verkehrsweg hat nach dem Aufkommen der Eisenbahn einen Dornröschenschlaf angetreten, aus welchem sie nach ungefähr 40 Jahren — um die Jahrhundertwende — das Signalhorn der ersten Automobile weckte. Heute ist sie neben Eisenbahn und Schiffahrt unbestritten die Mittlerin des wichtigen Landverkehrs geworden. Unsere heutige Beilage behandelt das Thema «Ausbau der Alpenstrassen». Niemand wird bezweifeln, dass den Alpenstrassen für unser Land grösste Bedeutung zukommt, denn an den Alpenpässen stand die Wiege unserer Freiheit. Und als Hüterin der wichtigen Paßstrassen hat unsere Demokratie im Ring der europäischen Qrossmächte ihre Selbständigkeit und ihr nationales Eigenleben angetreten. In den nachstehenden Ausführungen sei nun der Versuch unternommen, in erster Linie die verkehrspolitische und technische Bedeutung der Alpenstrassen darzustellen. Dass ihnen aber auch vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen besondere Wichtigkeit zukommt, ergibt sich aus allen Beiträgen dieser Sondernummer; ist es doch ifire wirtschaftliche Bedeutung, welche die Alpenstrasse zum Sorgenkind unserer Landesbehörden gemacht hat. Aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus, treten wir endlich nach jahrzehntelanger Pause wieder an den Ausbau der Alpenstrassen heran. Das Jahrhundert der Alpenstrassen. Das 19. Jahrhundert darf für sich den Anspruch erheben, unsere wichtigsten Alpenübergänge für den Fahrverkehr ausgebaut und auch neue Strassen erstellt zu haben. Simon Bavier, Kantonsingenieur in Qraubünden, veröffentlichte 1878 eine Darstellung über die Strassen der Schweiz, worin er schreiben konnte: « Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts hat die Schweiz auf dem Gebiete des Strassenbaues Unendliches geleistet. Sie hat ihr Strassennetz, die Zierde des Landes, von Jahr zu Jahr erweitert und vervollkommnet. Bis in die entlegensten Täler führen gute Wege, und jährlich kommen Tausende von fern und nah. um auf den treff- Gestern und Heute Die Poesie von Einst: mit der Pferdepost über den Flüelapass (Photo .Meerkämper). Erscheint Jeden Dienst»» und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 • Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zflrichi Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 liehen Strassen zu Fuss, zu Wagen oder zu Pferd, oft auch mit den mustergültigen eidgen. Posten, die Naturschönheiten des Landes zu bewundern. Was man während anderthalb Jahrtausenden versäumt hat, ist in diesem Jahrhundert eingeholt worden...» 1797 befahl Napoleon den Bau der Simplonstrasse «pour faire passer le canon». Der Bau begann 1802; 1200 Arbeiter waren Tag und Nacht am Werk, und schon 1805 konnte die Simplonstrasse eröffnet werden. Zehn Jahre später beginnt Graubünden mit dem Ausbau seines Strassennetzes. Bernhardin, Splügen und Julier werden in kurzer Zeit (1817—1826) in Angriff genommen und vollendet Die Gotthardstrasse, welche 1830 dem Verkehr übergeben worden war, wird weiter ausgebaut und bald nimmt dieser Pass im Personenverkehr die erste Stelle ein. 1876 haben rund 70,000 Postreisende den Gotthard überquert. Als nächste Alpenstrassen wurden eröffnet Bernina und Albula (1865), Furkastrasse (1866), Flüela (1867), Ofenpass (1872) und Lukmanier (1877). An alle diese Pässe hat auch der Bund seine Beiträge bewilligt. Die Leistungen des BunV des waren in dieser Zeit, in der es^hocli keinen Benzinzoll gab, bemerkenswert. So bewilligte die Bundesversammlung "1861 für den Bau von Furka-, Oberalp- und Axenstrasse 1,750,000 Fr. und gleichzeitig 1 Million Fr. als Beitrag an den Ausbau der Bündner Strassen. 1862 leistete der Bund 400,000 Fr. an die Erstellung der Brünigstrasse, 1878 für den Jaunpass 260,000 Fr. Im Jahre 1894 übernahm Mutter Helvetia drei Viertel der 1,560,000 Fr. betragenden Baukosten für die Grimsel und 1901 leistete sie 66% der 260,000 Fr. betragenden Baukosten für den Umbrail. Das grossartigste Beispiel für die Bundeshilfe bietet aber der Klausen, den der Bund sogar mit 87 % der gesamten Baukosten von 4,140,000 Fr. subventioniert hat. Wenn die Schweiz in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den ersten Reiseländer der Welt zählt, so war dies hauptsächlich neben den damals zuerst « entdeckten » Naturschönheiten dem Bau unserer Alpenstrassen zuzuschreiben. Welche Belebung des Verkehrs dieser Ausbau mit sich brachte, zeigt die nachstehende Tabelle über den Postverkehr auf den Alpenpässen. Man sieht, dass später durch die Einführung der Autoposten die Frequenz auf allen Pässen ganz bedeutend angestiegen ist, so z. B. an der Furka auf beinahe das achtfache und an der Grimsel sogar auf das neunfache. Doch schon bald sollte diese erste Blütezeit der Alpenstrassen dem Zeitalter der Eisenbahnen weichen. Resigniert stellt der Chronist nach Eröffnung der Albulabahn und nach der Einstellung des Postverkehrs über den Albula (1911) fest: «Schritt für Schritt mit dem Vordringen des geflügelten Wagens wird der Postverkehr auf immer entlegenere Routen und Täler zurückgedrängt, Er, dessen Erscheinen noch vor kaum einem Menschenalter als epochemachendes Ereignis begrüsst worden war, geht schon seinem Ende entgegen.» Niemand dachte damals daran, dass kaum 10 Jahre später der Postverkehr durch das Automobil wieder einen ungeahnten Aufschwung nehmen werde. Post-Verkehr auf den Alpenpässen. Lttzta Plertepost Ente Autopoit 1935 Reisende Reisende Reisend« Simplon 1918 798 1920 2233 7279 Grimsel 1920 861 1921 7649 17224 Furka 1920 1106 1921 8544 13250 Gotthard 1913 976 1822 2462 9203 Klausen 1921 688 1922 4629 9143 Qfen 1921 1455 1923 5742 7310 Gr. St. Bernhard 1922 644 1923 3576 3452 Die Renaissance des Strassenverkehrs. Mit der Gotthardlinie, welche in den 60er Jahren begonnen wurde, ergriff die Eisenbahn auch Besitz von den Alpen und nun schien endgültig das letzte Stündlein des Alpenstrassenverkehrs geschlagen zu haben. Aber allzu früh hatten man die Strasse aufgegeben. Das Motorfahrzeug e«chien, zunächst zögernd und von der Bevölkerung mit Unwillen empfangen, auf unsern Strassen. Staubfahnen zogen hinter diesem Vehikel her und die Insassen durften sich glücklich preisen, wenn sie ausser den Beschimpfungen der erbosten Strassenanwohner nicht auch noch handgreiflichere Bezeugungen der Antipathie zugeworfen erhielten. Doch bald änderte sich die Lage. Man erkannte, dass es nicht der Fehler des Fahrzeuges sei, wenn Staub auf den Strassen entstand, sondern dass eben diese Strassen der grösseren Geschwindigkeit des modernen Vehikels angepasst werden müssen. Wir können füglich darauf verzichten, hier die imposante Entwicklung unseres AutomosbilyejtHehrs zahlenmässig aufzuführen. Unsere Leser .wissen aus zahlreichen Abhandlungen, welch beispiellosen Aufschwung der Motorfahrzeugverkehr in der ganzen Welt genommen hat, Tragisch mutet es an, dass die Wiedergeburt der Strasse als Verkehrsmittlerin und der Aufschwung des Motorfahrzeugverkehrs zusammenfällt mit einer schweren Erschütterung unseres Weltteils. Der Schweiz, dem politischen und wirtschaftlichen Playground of Europe, wie sie unsere englischen Freunde nannten, sind aber seit dem Weltkriege im Fremdenverkehr scharfe Konkurrenten erwachsen. Der Automobiltourist ist naturgemäss in erster Linie an guten Strassen interessiert. Das erkannte das Ausland sehr rasch und die uns umgebenden Staaten schritten planmässig an einen Ausbau ihres Strassennetzes. Damit erreichten sie, dass der Verkehrsstrom abwanderte nach den Touristikgebieten der Dolomiten, der Riviera, der französischen Alpen, Spaniens usw., und dass die Schweiz allmählich aus ihrer Position eines erstklassigen Reiselandes verdrängt wurde. Die grossen Verkehrsverbände waren es, welche die Behörden immer und immer wieder auf diese Tatsachen hinwiesen. Aber alle diese Bemühungen hatten bei den Behörden leider wenig Erfolg. Erst das Anwachsen der Arbeitslosigkeit bewirkte, dass endlich auch die Behörden zur Ueberzeugung gelangten, dass durch einen beschleunigten Ausbau unse- :r Alpenstrassen Abhilfe geschaffen werden könnte. Der Alpenstrasseninitiative i gebührt das Verdienst, endlich auch die Bundesbehörden zu aktiwem Vorgehen veranlasst zu haben. Noch immer liegt zwar kein offizielles Ausbauprogramm vor, aber wenigstens die Zusicherung, dass in den nächsten zwölf Jahren 81 Millionen Franken aus dem Bundessäckel an die Kantone verteilt werden sollen zum Zwecke des beschleunigten Ausbaues der Alpenstrassen. Trotzdem bleibt die bedauerliche F§ststellung, dass sich die Behörden den Forderungen der Initianten nicht anzuschliessen vermochten, welche eine INSERTIONS- PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Baum 45 Rp, Gronere Inserate nach Spczialtaiit Inseratenschluss 4 Tage TOT Encheloen der Nummern Wir berichten heute W~7i Interview filier einen neuen Brennstoff. Rückgängiger Oster-Äutoverkehr am Gotthard. Ans der Praxis des Bundesgerichts. Teamfahren oder nicht? Autobahn rollt Reifenproblem auf. Feuilleton «Der Seewolf» Seite 6. zentrale Leitung unseres Strassenwesens anregten. Denn sogleich nach Erscheinen des Buhdesbeschlusses vom 31. März 1936 hob das Wettrennen der Kantone um die Bundessubventioneh an. Ein jeder glaubt, seine Alpenstrassen seien die wichtigsten und es besteht die grosse Gefahr, dass die zur Verfügung stehenden Mittel verzettelt werden. Das darf nicht geschehen ! Es liegt im Interesse unseres ganzen Landes, dass zuerst ein oder zwei wichtige Strassenzüge planmässig ausgebaut werden, bevor man an Neubauten herantritt, und dass auch von den verschiedenen Neubauprojekten dasjenige ausgewählt wird, das die stärkste Anziehungskraft auf den Touristikverkehr ausübt und gleichzeitig im System der Alpenstrassen verkehrstechnisch das beste ist. Unsere obersten Landesbehörden scheinen aber die Unpopularität, welche ein solches ^Vorgehen bewirkt, zu scheuen. Das erste vorläufige Ausbauprogramm, das bekannt geworden äst, lässt uns in dieser Beziehung nichts Gutes erwarten. Die Zeit der Kompromisse ist jedoch vorbei, wenn wir nicht unseren Ruf als Reiseland endgültig verlieren wollen. Gr. Das Auto erobert sich die Alpenpässe. Auf der Flüela-Passhöhe (Photo .Meerkämper).