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E_1936_Zeitung_Nr.040

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20 Automobil-Revue —

20 Automobil-Revue — N" Das «Bvbi* « Der Bergsturz.» Berginenschen sind immer wieder gestaltet, mit Legenden umsponnen, mit Glorienscheinen gekrönt worden — von Dichtern, die es liebten, die Bergbewohner in Granit zu hauen, ihnen trotzige und auflüpfische Worte in den Mund zu legen. Aber erst ein Dichter ist in das Naturreich des Schweizer Bergbewohners vorgedrungen und .hat ihn so gezeichnet, wie man ihn selbst sehen, hören, erleben könnte: C. F. Ramuz. Der Westschweizer, der das Glück hat, in Werner Johannes Guggenheim, dem Deutschschweizer, einen kongenialen Uebersetzer zu haben, dessen Verdeutschungen geradezu Nachdichtungen sind. Ramuz ist eminent schweizerisch, in einem ernsten und vertieften Sinn: ohne Heimatgeschmäcklerei, ohne Sentimentalität, aber mit jenem angeborenen Rüstzeug an Sachwissen, das man besitzen muss, wenn man die Bewohner der Berge /wirklich verstehen will. Sie sind ja keine Poeten. Sie leben in Liebe und Hass, in Bescheidenheit oder Aufgeblasenheit, in Hütten und Pinten, und wir brauchen bei ihnen kein künstliches, literarisches Landschaftsempfinden zu suchen, sie haben das alles viel tiefer in sich. Ein Literat sagte einmal, der Bauer habe kein Landschaftsgefühl. Oha, entgegnete ein Kenner des Landvolkes: Natürlich haben sie kein literarisches Landschaftsgefühl, wie es in den Büchern steht, aber woher wissen sie denn, dass sie ihr Haus gerade da und da erbauen sollen? Natur ist diesen Menschen keine Bücherangelegenheit, sondern Lebensbedingung, Schicksal. ' Aber ich wollte ja von einem Buch von Ramuz reden. Es heisst «Derborence » auf französisch, die deutsche Ausgabe, soeben bei Piper in München erschienen, betitelt sich «Der Bergsturz». Es handelt von einem Allerletzten zwischen Mensch und Natur: Derborence ist eine wunderbar schöne und rasengrüne Alp am Südfuss der Diablerets. Während die halbe Einwohnerschaft eines Walliser Dorfes, Männer und Vieh, im Sommern begriffen ist — in einer schönen Mondnacht im Juni fällt der Berg auf die Alp und begräbt ihre Herrlichkeit auf immer. Ein junger Mann, der sein vor wenigen Wochen angetrautes Weib im Dorf gelassen hat, wird in einer der Sennhütten mit verschüttet, aber nicht verletzt. Er hat Brot, Käse und Wasser für einige Zeit. Er kriecht in der Finsternis des Gesteins umher, das ihn verschüttet hat, und findet nach sieben Wochen einen Ausgang. Ist ein Totgeglaubter unter den Lebenden erwünscht? Wie ein Gespenst schleicht der zum Skelett abgemagerte Anton Pont talwärts, trunken vom neu geschenkten Leben, aber er muss erst wieder lernen, Mensch zu sein. DasDorf rottet sich zusammen aus Angst vor dem Gespenst, das umgeht. Einer nimmt die Flinte und schiesst auf das Wesen, das sich irgendwo am Waldrand bewegt. Nur die junge Frau mit dem Kind unterm Herzen wagt sich hin zu ihm — und holt ihn ganz ins Leben zurück. Sie muss ihn ein zweites Mal holen — denn Anton, der in wochenlanger, finsterer Einsamkeit wirren Sinnes geworden ist, läuft wieder hinauf nach Derborence, um nach dem Alten zu graben, mit dem er die Hütte geteilt hat. Das erschütternde Ineinandergreifen von Tod und Leben schildert Rarriuz meisterhaft. Er schaut das Ereignis des Bergsturzes durch die Augen einfacher Hirten in seiner ganzen elementaren Gewalt. Er idealisiert seine Bauern und Sennen nicht. Bescheiden und unrasiert gehen sie einher in ihrem Alltag, aber sie stehen in einer unerhörten dichterischen Verklärung. Die schönste Gestalt ist diese junge Frau, Therese, deren Liebeskraft den verloren geglaubten Mann ans Leben fesselt. Aber man soll keine Rührseligkeiten erwarten, wenn Anton von seinem Weib erkannt worden ist. Er muss ja gleich zum Pfarrer und zum Ammann, und ins Wirtshaus, wo die Freunde auf ihn warten. Er muss sich zuerst ans Leben zurückgewöhnen, ehe er lieben kann. Aber nicht nur die Menschen, auch die Landschaft ersteht vor den Augen des Lesers mit einer Leuchtkraft und Transparenz, wie man sie nur bei Ramuz findet. H. R. S. John Knittel: «El Hakim». Ein Roman aus dem neuzeitlichen Aegypten. Leinen-Fr. 8.50. Orell Füssli Verlag, Zürich und Leipzig. Der neue Roman John Knittels übertrifft alle seine bisherigen Werke an Breite, Fülle und Gewicht. El Hakim gehört in die Reihe der Meisterromane, die für eine Epoche oder — wie hier — für ein Land und das typische Schicksal seiner Bewohner repräsentativ sind. Knittel hat nicht bloss einen Roman geschrieben, der in Aegypten spielt. Sondern ein Werk, in dem Aegypten selbst spricht, mit all seinem Glanz und Elend, seiner Sonne und seinem Schmutz, und mit seiner hilflosen Auflehnung gegen die englische Vormundschaft. Ibrahim ist ein armer Bub in einem Dorf am obern Nil. Sein Vater besitzt einen Laden und verkauft Heilkräuter. Der Knabe träumt davon, ein grosser Hakim zu werden, das ist ein Arzt. Er möchte sein verseuchtes und verschmutztes Volk in die Reinheit, Gesundheit und Freiheit führen. Der Kampf, den der Jüngling schon für seine Ausbildung führt, ist heldenhaft. Es ist ein Kampf gegen die Apathie, die Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit. Ein Weg voller Demütigungen — denn der Nationalstolz schämt sich vor der eigenen Wahrheitsliebe, wenn er die Korruption eingesteht, die besonders in den oberen Schichten zuhause ist. Der hochbegabte Arzt wird in seiner Karriere abgestoppt, weil er sein Volk liebt und für diese Liebe einsteht. Däs Glück wirikt Ihneh Die Möglichkeit, Franken 25O«OOO oder einen andern der grossen Treffer mit einem Einsatz von nur Fr. 10.— zu gewinnen, bietet Ihnen das ARVE-Los. 25.044 Treffer im Gesamtbetrag von 1,250,000 Fr. kommen zur Auszahlung, kind sein? Einmal hat jeder eine grosse Chance . . . wer weiss . . . warten Sie deshalb nicht länger, greifen Sie zu! Ein ARVE-Los ä Fr. 10.—, oder gleich eine Serie davon (10 Stück) zu Fr. 100.—. 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In einem Schlachthaus, das von Blut und Schmutz starrt, gibt er sich selbst seine erste Anatomie- Lektion, er entreisst den Aasgeiern ihre Beute, um die Eingeweide der Tiere kennen zu lernen. Er ist noch nicht Student, so wagt er sich schon an eine Operation. Die chirurgische Kunst wird seine Spezialität, die ihn berühmt macht. Besonders, als er einer Dame der höchsten englischen Gesellschaft, die sich in der Stadt seiner Verbannung auf Reisen befindet, durch einen geschickten Eingriff das Leben rettet. Er wird nach London berufen und kehrt nach Jahren des Erfolges als gebrochener Mann in die Heimat zurück, um zu sterben. Die Schicksale dieses zarten und doch eminent willenszähen Reinlichkeitsfanatikers'sind ergreifend. Wie er aus den Dörfern kommt, wo eben noch die Cholera gewütet hat — er wurde schon mit Toten in eine Grube geworfen, als ihn ein Arzt rettete — da findet er Aziza, ein reizendes Fellachenmädchen, dessen Schicksal an dem seinen nunmehr immer wieder vorübergeht, zuletzt als Tänzerin in einem Pariser Nachtlokal, aus dem sie entflieht, um dem einstigen Geliebten den frühen Lebensabend zu verschönen. « El Hakim» ist ein scharfes Buch, ein kühnes Buch. Ein Buch voll starker Kräfte. «Im Kampf gegen die Armut entstehen alle grossen menschlichen Leistungen » sagt Knittel, « es müsste das Ziel jedes '^.KIRCHHOFE ZÜRICH LOEWEN5TR,S| 6 GUMMI Fr. 2.50 Beste Qualität. Sicherster Schutz. Diskreter Versand. Pnctfnnh 93 Wärtancwil Höhenkurort im Schwarzwald äfjt sich Oberall verwenden. Es ist zusammenklappbar, aus Buchenholz gearbeitet u. hat eine Sitzfläche von 26x42 cm. — Es Ist besonders geeignet für Spaziergänger und Kinderfräulein, auf d. 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Wir haben es hier mit einer der gründlichsten Arbeiten des bekannten alpinen Schriftstellers zu tun. Man spürt es, wenn man das Buch liest: Walter Flaig kennt die Lawinen nicht nur vom Hörensagen und aus Büchern. Er hat sie erlebt. Deshalb ist es ihm auch gelungen, den umfangreichen Stoff so übersichtlich und verständlich zu meistern. Die grösstenteils ganz vorzüglichen und wenig gesehenen Bilder, die der grosse Leipziger Verlag in erstklassiger Manier gedruckt hat, sind überaus instruktiv.Wer es nicht weiss, was Lawinen alles anzurichten imstande sind, der sieht es im Buch von Walter Flaig. Aber dieses schöne Werk ist nicht nur ein Sammelbericht über das Geschehene. Es will auch ein Ratgeber sein für die Hunderttausende, die im Winter und Sommer das Hochgebirge durchwandern. Auch diesen Zweck — vielleicht der wesentlichste — erfüllt dieses Lawinenbuch ausgezeichnet. -id. Pixanol Das Haarwunder-Präparat von einem Zürcher ilniversiiätsprofessor. 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IV. Blatt Automobil-Revue Nr. 40 BERN, 15. Mai 1936 Zwischen Tür und Angel Eva kundschaftet im Herrenmode-Laden. Nicht nur'zu Kellers Zeiten machten Kleider Leute. Man muss sich heute nur einmal in einem Geschäft umsehen und umhören. Hübsch ist, was z. B. die Gattin des Gatten findet.. Wir sahen eine. Sie schien Stammgast, sie war in Schwarz. Auf schüchterne Befragung eines Mädchens sagte sie, dass «Bubi» letzten Sonntag unter ein Auto gelaufen sei. Um Gotteswillen, prallen wir teilnahmsvoll gegen die trauernde Mutter zurück. Bubi war — der Spitzer. Und nun hat Madame es nach 2 kg Gewichtsabnahme und eigener Aussage in dem 15 m langen Korridor «unserer Villa» ohne Spitzer nicht mehr ausgehalten, und sie floh hieher, wo es so viel Zerstreuendes gibt, z. B. Krawatten. Ein weiterer Ausspruch der anspruchsvollen Kundin fällt wie eine Bombe in das Gewölbe des Herrenbekleidungssaals. «Sie haben Die Hauptattraktion taucht auf, ein Adonis, der nicht auf den Sommer warten mag. Sein recht, Fräulein, mit diesen Krawatten; und ich-Regenschirm kracht in den vollbesetzten Ständer.' sage, für meinen Mann ist das gar nichts.» Oha «Polohemd, Krawatten, Socken, Gurt.» Ha, bumps. Sie lässt sich Unitöne vorlegen, in der welch ein Feld für Reporter und ähnliche Jagdhunde! Wir starren unbeteiligt auf abgelegene Tat gute, gediegene Sachen. Die Tür knallt auf. Einer kommt, der auch was Glaskästen mit langweiligen Hosenträgern und Jacke und Weste ausgeht. Da ist der neue, maschinengeflochtene oder handgewobene Elastique- Rechtes haben will. Ein Taxichauffeur. Natürlich reine Seide in Krawatten, etwas anderes führt Hirn. Den Jüngling musst du doch kennen, aber gürtel. «Wenn Sie aber ganz elegant sein wollen, schreiben uns die Begebenheiten in Herz und man zur Zeit nicht, ausser Leinen für den Hochsommer. Die gestreiften Krawatten schiebt er beiders, Sorgensohn seiner Eltern, ein Unikum von beides sein, sportlich und elegant. Also kauft man er kennt dich nicht? Aha, Freund meines Bru- nehmen Sie trotzdem Leder.» Unser Elegant will seite. Das Fräulein waltet ihrer Kunst, die darin Theologiestudent und Höchstanderem. Nach seinem Defile vor den Tischen bin ich überzeugt, Nun müssen auch die Socken und die Pochettes beides. besteht, Männer zu fesseln — für die ihnen bestimmte Krawatte. Im Vertrauen sagt sie nachher zu uns, «Herren müssen geleitet sein, sonst nimmt, und dass der Sohn seinem Vater erklärt, dunkelblaues trägt er, im Sommer folgen die dass der Zwiespalt seiner Seele morgen ein Ende stimmen. Ein Kleid zu Hause ist hellgrau, ein kaufen sie wie hilflose Säuglinge.» (Deshalb gibt «ich hänge den Pfarrer an den Nagel, und jetzt weissen Flanellhosen. Zum Smoking natürlich es ja auch für einen weiblichen Wachtposten werde ich doch Schauspieler.» nichts Ergötzlicheres, als Männern beim Einkauf zuzusehen.) Sogar der Taxichauffeui, der sonst seine Richtung weiss und der auch hier sagt, «das wilUch, und das will ich nicht,» sogar er kapituliert im Grunde. «Oder' ein sportlicher Genre?» fragt das Fräulein unverdrossen. Nein, Sport hat er genug am Werktage, die gestrickte Krawatte ist ihm zu wenig sonntäglich, ausserdem traut er dem taustarken Material nicht über den Weg. «Oh, das hält tausend Jahre,» lächelt das Fräulein. Krawatten, Märchen aus Tausend und einer Nacht. Aber so alt will ja der Chauffeur auch gar nicht werden. Endlich ist er reif für die Nouveaute, den neuen, geradezu grobkörnigen Stoff, aus dem sich ein majestätischer Knoten drehen lässt. Das ist nicht mehr das Knötchen aus dem schmalbrüstigen, glattseidenen Krawättli von gestern. Das Fräulein deutet ausserdem nach den Stehkragen mit scharfen, langen, kurzen Spitzen oder abgestumpfter Ecke. Jeder Kragen gibt heute Raum für expansive Knoten. Hier, da ist seine Kravatte, rot soll sie sein, und doch nicht schreien. Wir sind nicht Anarchisten. Diese rote Krawatte wird durch blasses und feinstes Tupfengenesel silbrig gemacht. Es gibt solche Sommerkrawatten in Braun und Blau und Grün, ganze Milchstrassen. Der Chauffeur stürzt mit der roten zum Taxi. Zehn Minuten später fährt er einen jungen Di : plomaten vor die Ladentür. «S'il vous plait, Mademoiselle, etwas ganz Diskretes in Krawatten.» «Wünscht der Herr braun?» «Mon Dieu!» entfährt es ihm. Er vergisst sogar seine diplomatische Reserve. «Nur ja kein Braun,» fleht er und sieht gar nicht erdverbunden aus. Also grau, schwarzgrau, beige, mit winzigen, verschwimmenden, nicht definierbaren Dessins, es können Tupfen sein, sie können auch Sterne bedeuten. Sie belieben, bald als Tupf, bald als Stern, bald überhaupt nicht zu erscheinen, und von uns aus bekäme der junge Diplomat einen Fähigkeitsorden. Das Fräulein öffnet ihm zum Gehen die Tür und sagt glücklicherweise nicht, «danke dem Herrn» wie in anderen Geschäften. Nummer 1. Polohemd. «Das ist Charmeuse,» singt ein Fräuleinchen in die hochgelegenen Augen des schönen Jünglings hinauf. Was Charmeuse in Stoffen ist, versteht er nicht, lächelt aber charmant. Und der Aufseher gibt dem Mädchen . einen Wink. Ja, ach Gott, es muss alles gelernt sein, auch das Lehramt. «Charmeuse ist Kunstseide,» stottert es. Da hält es der Aufseher nicht mehr aus. «Charmeuse ist eine besonders beliebte Kunstseide für sommerliche Polohemden. Wir führen natürlich auch andere Kunstseiden.» Aber der Herr strebt zum Leinen. «Das da,» will das Lehrmädchen voll Eifer gutmachen, «das wird Ihnen besonders gefallen, gesprenkeltes Noppenleinen.» «Ist es gefärbt?» fragt Hans Wiegand kindlich. «Nein,» ruft das Mädchen mit Emphase, und erklärt so laut, dass der Aufseher um die Ecke hören muss, «das ist gewoben! Aber jeder einzelne Zettelfaden ist ungleich farbig, ein Stück weit blau, ein Stück weit gelb, ein Stück weit rot oder Natur, und der Einschlag uni.» Hans Wiegand hat nicht gewusst, dass Kleider aus losgelösten Fäden bestehen. Doch die Sache gefällt ihm, und er will das Polohemd haben. Jetzt braucht er den Gürtel. Bitte nebenan. Da liegt etwas Praktisches zu Polohemd und Sportanzügen, wenn der Herr im Sommer ohne Elegantes Sommerabendkleid aus Crepe Mille-Fleurs mit Tüllapplikationen. (Modell Jelmoli, Photo Harllp) schwarze Socken und weisse Pochette. Zu Grau und Blau wird abgestuft, heller zu Hell, dunkler zu Dunkel, klassisch bleibt durch Jahrzehnte Uni und Meliert. Weisser Flanell ruft nach etwas «Phantasie». Da ist eine derbe Seide, schlanke Form, anschmiegend, schwarz, mit Weiss und ?Blau; darin. Das nennt sich bereits bunt und passt 'zum Noppenhemd, nur nicht zu weissen Schuhen. Im Hochsommer dürfen die Socken hell sein wie bei Zweijährigen. Soll ich noch ein Smokinghemd kaufen?» über : legt er und lässt sich unverbindlich einiges zeigen. Das neue Waffelmuster sticht ihm in die Augen, richtige?» spricht der Student wie zu einem Ka : meraden. «Ich danke dir übrigens für das Faltboot, das hast du fein gezimmert.» Der Arbeitslose geht nach überwundenem Misstrauen auf alles ein, trotzdem er ein Schweizer ist. Sie suchen nun Echarpen und Sportstrümpfe. Hier denkt der Student auf einmal nicht an den Sommer, sondern daran, dass der Bursche keinen Mantel trägt. Drum zeigt er fragend auf schottischgemusterte Wollecharpen, und er legt die getupfte Seide, den Kaschmir und die türkischen Muster beiseite. «Hättest du nicht vor, eine Windjacke zu kaufen? Wenn wir mit dem Boot fahren, ist's gut.» Sie kaufen eine Windjacke. Er zahlt die Rechnungen und sagt nichts mehr von den Smokinghemden. So steuern sie zusammen in Wind und Regen. Sie sehen ein wenig nach Brüdern aus, obschon der Arbeitslose blond ist und einem Sowjet- Russen ähnelt. Ein behaglicher Herr hat sich vor den Manchetten- und Hemdenknöpfen postiert. Knöpfe aus Bein, Perlmutter und garantiert unoxydierbarem Metall. Modisch ist Email. Wer sich am ebenfalls die feingestreifte Brust und das steife Hälschen nicht drücken und zwicken lassen will, Hemd mit drangenähtem Kragen. «Dies ist für kauft ein modernes Kragenplättchen. Das ist ein Mitteleleganz,» erklärt das sprachschöpferische flacher kopfloser Knopf. Und wer will, dass die Lehrmädchen. Krawatte nicht rutscht, ersteht einen Kragen mit Was ist los? Der Junge hat wohl etwas im Halter. Ohne Sachkenntnis, aber mit Andacht Schaufenster zu suchen? Nein, er bemerkt nur, probiert der Herr Handschuhe. Alle sind handgenäht, wie ein anderer hineinstant, aber das ist hoffnungslos. Naht nach aussen, und sie gleichen des- Ein «Ausgesteuerter», junger Bursche halb vorsintflutlichen Krageneidechsen. Zum wie er, Hans Wiegand. Der Elegant gibt sich einen innerlichen Ruck und strebt entschlossen zur Schluss wird noch ein neuer Hut nötig, ein garantiert regentropfsicherer Filz, bleigrau zum englischen Türe. «Komm herein,» sagt er energisch zum Ueberzieher. Die schönen Velours sind Arbeitslosen und tut, als ob er ihn schon lang zu winterlich. kenne. Der andere schaut verblüfft herum. Aber er ist intelligent, und auf beiden Seiten klappt das Spiel. Der Arbeitslose sieht verfroren aus. «Du Adieu, Schluss. Nun muss ich aber unbedingt erfahren, was Hans Wiegand mit seinem Kameraden angefangen hat. Vielleicht wird das ein erlaubst, dass ich meine Schuld gleich hier be-' andermal erzählt. Gertrud Egger. FERIEN ZUR SEE cfreneh»Jdn& Cie. G6n