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E_1936_Zeitung_Nr.051

E_1936_Zeitung_Nr.051

BERN, Dienstag, 23. Juni 1936 Ceibe Liste Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N» 51 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralbiatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversieh.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 In der Botschaft des Bundesrates vom 17. April 1936 an die eidg. Räte betreffend die Verstärkung der Landesverteidigung wird einleitend ausgeführt: «Die Entwicklung der Technik hat in erster Linie die Motorisierung gebracht, die eine viel beweglichere Kampfführung erlaubt. Dadurch soll der Stellungskrieg, der vor 20 Jahren so lange nutzlos die Entscheidung hinausschob, vermieden werden. Dem Verteidiger, den ein starkes Gelände und automatische Waffen wirksam unterstützen können, soll gar nicht Zeit gelassen werden, festen Fuss zu fassen. Auf der Erde und'aus der Luft wird er stets wieder angepackt und desorganisiert. Durch die Luftstreitkräfte Trird auch das Hinterland getroffen, die Reserven, die Verbindungen, die Wirtschaftszentren, die Moral der Zivilbevölkerung. Wichtig ist für uns namentlich, dass "wir gerade zu Beginn des Krieges in gesteigertem Mass mit einem motorisierten und grossenteils auch gepanzerten Angreifer rechnen müssen. Unsere grossen Nachbarn verfügen in der Grenzzone über mächtige stehende Truppenkörper dieser Art und über eine selbständige, stark armierte Luftflotte, so dass wir schon in den ersten Stunden nach Kriegsausbruch, der uns ganz unvermutet treffen kann, einen Einfall sehr beweglicher, glänzend bewaffneter und auch an Zahl bedeutender Kräfte des Feindes zu gewärtigen haben und zugleich einen' Ueberfall aus der Luft gegen die Mobilmachungsplätze, wichtige Bahnhöfe, Elektrizitätswerke, Fabriken usw.» Ferner: «Die geringe Tiefe unseres Landes ermöglicht es motorisierten Streitkräften, die unerwartet über unsere Grenzen geworfen werden, in wenigen Stunden lebenswichtige Zentren zu erreichen, Mobilmachung und Aufmarsch unserer Armee zu stören und einige für ihre Manövrierfähigkeit wichtige Operationslinien za unterbinden.> In einem zukünftigen Kriege haben wir es zuerst mit einem raschbeweglichen, motorisierten, mit zum Teil gepanzerten' Fahrzeugen ausgerüsteten Gegner zu tun, dem Reiterverbände und die übrigen Heereseinheiten folgen. Die gepanzerten und leichtbeweglichen Verbände sollen gleichsam als Stosstrupps möglichst tief in unser Land hmeinstossen, um strategisch wichtige Punkte zu besetzen und die Mobilmachung unserer Armee zu stören. Das Ziel der Neuordnung unserer Armee muss deshalb — neben ausreichendem Luftschutz — sein, vor allem den Grenzschutz derart zu organisieren, dass er solchen ersten Angriffen zu widerstehen vermag und im übrigen die Armee taktisch und operativ möglichst kampfkräftig und beweglich zu gestalten. Bei der Erfüllung dieser Aufgaben spielt die Motorisierung eine ganz erhebliche Rolle. Stillegung des Autoverkehrs Alle Mann an Deck! Erseheint jeden Dienstag and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe List«" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse Sl, Telephon 39.743 Motorisierung und neue Truppenordnung SONNTAG Von Oberstdivisionär Labhart, Waffenchef der Kavallerie. Das Problem der Motorisierung stellt sich für uns etwas anders als für andere Staaten. Einmal haben wir kein stehendes Heer, wo die Mannschaften ein Jahr und mehr unter der Fahne stehen. Diese Armeen können ihre Fahrzeuge das ganze Jahr im Truppendienst verwenden und mit ihnen üben, während bei uns die eigentliche Uebungszeit nur zwei Wochen pro Jahr beträgt. Während der übrigen 50 Wochen müssen die Fahrzeuge in kostspieligen Bauten untergebracht und mit erheblichen Aufwendungen durch Zivilpersonal unterhalten werden. Die Ausnützung der Fahrzeuge ist deshalb sehr gering. Zudem weiss jedermann, dass ein Motorfahrzeug durch Nichtgebrauch erheblich leidet. Im weitern darf die Kostenfrage nicht ausser acht gelassen werden. Ein leistungsfähiges, geländegängiges Motorfahrzeug kostet heute Fr. 20,000 bis 30,000 , ein kleiner Panzerwagen von 4 Tonnen Gewicht mit Ausrüstung ca. Fr. 80,000.— und ein solcher von 7 Tonnen ca. Fr. 100.000.—. Die Motorisierung unserer Feldartillerie, um ein Beispiel anzuführen, käme auf ungefähr 30"MilL Franken zu stehen,,ohne die nötigen Bauten für die 100Q Fahrzeuge und deren Unterhalt einzurechneir und ohne Einbezug eines Betrages für die Erneuerung des Fahr- zeugparkes. Dabei, das sei nebenbei gesagt, ist die Motorisierung der Feldartillerie gar kein zwingendes Erfordernis, indem sie mit Pferdezug immer noch und überall hin unserer Infanterie zu folgen vermag. Die Motorisierung der Artillerie wird sich bei uns wie anderswo auf die der Korps- und Artneeartillerie, die rasch verschoben werden muss, beschränken und die Feldartillerie nur dort einbeziehen, wo es sich um Zuteilung von Batterien an leichte Truppen handelt. Dann ist darauf hinzuweisen, dass unser Gelände in vielen Teilen anders gestaltet ist als dasjenige der grossen Kämpfe des Weltkrieges. Einschnitte, Wälder, steile Hänge usw. hindern ausserordentlich das Verlassen der Wege. Wir haben ungleich mehr sog. tanksicheres Gelände als anderswo. Wir haben wohl einige leistungsfähige grosse Verkehrsstrassen für Lastwagen. Sind wir aber gezwungen diese zu verlassen, so kann eine einzige Panne in einer Lastwagenkolonne den ganzen Verkehr lahmlegen, weil infolge eines Grabens oder einer Böschung seitlich der Strasse in sehr vielen Fällen nicht ausgewichen werden kann. Unser Strassennetz 2. und 3. Klasse ist dem Lastwagenverkehr nur teilweise gewachsen, was für den Nachschub der Heeresbedürfnisse ausserordentlich hemmend ist. Sogar wichtige Durchgangsstrassen sind für Kreuzungen und Nachtverkehr zu eng, man denke nur an die Strassen in Graubünden und im Wallis. Endlich darf auch nicht ausser acht gelassen werden, dass unser Land keine Betriebsstoffe produziert, so dass wir im Falle eines Krieges einzig auf die im Lande liegenden Vorräte angewiesen sind. Vermehrte Motorisierung erfordert jedoch grössere Vorräte. Diese Erwägungen zwingen uns, mit aller Vorsicht an die Motorisierung heranzutreten. Man wird diesen Ausführungen entgegenhalten, dass Abessinien auch ein Gebirgsland ist und dass die Italiener ihre Erfolge zum grossen Teil ihrer Motorisierung zu verdanken hatten. Dieser Schluss ist irreführend. Die Kriegführung in einem Lande, das so jgross wie Deutschland und Frankreich zusammen ist, kann nicht mit der in Europn verglichen werden. Mit 400,000 Mann lässt sich in Leichter Vickera-PanzerwaCTn der schweizerischen. Armee. Europa kein so grosser Landkomplex erobern. In Abessinien spielten sich die Operationen längs der wenigen grossen Strassen und Wege ab, weil die Siedlungen sich dort befinden, und drangen nicht in das Seitengelände. Den bestehenden Verkehrswegen kommt dort eine viel grössere Bedeutung zu als bei uns. Der Erfolg der Italiener ist ihrer überlegenen Ausrüstung und besonders dem bewundernswerten Strassenbau zuzuschreiben, der unmittelbar hinter den vordersten Truppen einsetzte. Dass sie bei ihrem Vormarsch auf diesen grossen Distanzen vornehmlich Motorfahrzeuge einsetzten, ist einleuchtend. Nur der Strassenbau ermöglichte diesen Fahrzeugen, das Gelände zu überwinden. Die Italiener haben für diesen Krieg so viel als möglich Motorfahrzeuge aus ihrem Fünfmillionenheer herausgezogen, die jetzt zum grossen. Teil wieder erneuert werden sollten. In einem europäischen Krieg ist die italienische Armee nicht mehr motorisiert als die andern der uns umgebenden Großstaaten. (Fortsetzung auf Seite 2.) INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtaril. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute Ober: Protest durch den «Verkehrsstreik». Schon wieder Nuvolari — dies* mal in Budapest. Eröffnung der Gandriastrasse. Genfer Grossrat gegen Spritbeimischung. Neuordnung der Automobilabgaben. Beschleunigung. jMkoholfrageti vor dem Parlament. Der Bundesrat holt sich bei der Volksvertretung eine Schlappe. — Unsere Opposition gegen den Beimischungszwang triumphiert! Wackelt Herrn Tanners Thron? Um die Quintessenz gleich vorwegzunehmen: der Nationalrat hat in seiner Sitzung vom vergangenen Freitag auch das zweite Alkoholbudget, das ihm der Bundesrat mit seiner Nachtragsbotschaft vom 15. Mai vorgelegt hat und dessen Haupterrungenschaft die Aufnahme neuer Vorschläge über den allein seligmachenden Spritbeimischungszwang bildete, mit 44 gegen 39 Stimmen abgelehnt Anders der Ständerat: er hiess am Samstag den Voranschlag gut, worauf das Geschäft promptestens wieder an die Volksvertretung zurückging, die jedoch keine Lust verspürte, ihre Zeit nochmals auf diese Angelegenheit zu verwenden und den endgültigen Entscheid darüber auf die Septembersession verschob, womit das Problem der Sanierung der Alkoholverwaltung weiter in der Schwebe bleibt Allerdings berührt dieser Aufschub die Frage des Beimischungszwanges keineswegs, denn der famose Beschluss, womit uns der Bundesrat zu überrumpeln beliebte und der die Schnapspanscherei sanktioniert, wird natürlich von dieser Wendung der Dinge auf dem parlamentarischen Boden nicht betroffen und die Exekutive kann, gestützt darauf, die Beimischung trotzdem in Kraft setzen. Mit diesem verwerfenden Entscheid, wobei er den Anträgen Lachenal und Schnyder folgte, hat der Nationalrat der Exekutive und damit auch unserem vielgeliebten Alkoholdirektor Tanner eine saftige Abfuhr erteilt und ihnen in einer Art und Weise, die an FJeutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, zu verstehen gegeben, dass er nicht daran denkt, das vollständige Versagen dieses Regiebetriebes zu billigen. Die Absage an die Aera Tanner und die Abrechnung mit dem Herrn Direktor sind derart gründlich ausgefallen, dass er, stände er einem privaten Betrieb vor, wohl oder übel die Konsequenzen aus einem solchen « zarten » Wink ziehen und sein Bündel schnüren müsste. Es wetterleuchtete mächtig, es hagelte Ausdrücke wie « Fiasko », « Schlendrian », « Alkoholmisere », «Skandal» usw. Schwüle, dicke Luft für die verantwortlichen Behörden! Von den zehn Rednern nämlich, die zum Wort gekommen waren, bis um 7 Uhr der Präsident die Guillotine in Funktion setzte und die Debatte abschnitt, obwohl noch weitere fünf eingeschrieben waren, hat mit Aus- Feuilleton „Der Seewolf" Seite 8