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E_1936_Zeitung_Nr.053

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BERN, Dienstag, 30. Juni 1936 Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N° 53 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlieh Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Untallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Im Zeichen der Stillegungsaktion Der eiserne Wille, mit dem diese auf den 5. Juli a. c. angesetzte Protestkundgebung der Benzinkonsumenten vorbereitet wird, verfehlt selbst in denjenigen Kreisen, welche vor der Existenznot der gesamten schweizerischen Automobilwirtschaft krampfhaft die Augen schliessen, einen gewissen Eindruck nicht Je näher der Tag rückt, um so ungemütlicher scheint man sich vielerorts zu fühlen, und aus den an der Durchführung des Beimischungszwanges oder an der weitern Erhöhung des Benzinpreises und nicht zuletzt in den am Bahnverkehr interessierten Kreisen mehren sich die Zeichen grosser Nervosität Als Ausfluss äussersten Unbehagens muss wohl auch die an die eidgenössischen Automobilbesitzer, d. h. an diejenigen Bundesbeamten, welche ein Motorfahrzeug ihr eigen nennen, ergangene Aufforderung, dasselbe am 5. Juli a. c. recht ausgiebig zu benützen, betrachtet werden! Uns würde es wenig erstaunen, wenn diesen privaten eidgenössischen Benzinkonsumenten zum Zwecke demonstrativen Abrollens einiger hundert Kilometer an diesem {Tage verbilligter Bundestreibstoff zur Verfügung stände. Die Taktik, Womit der Staat hier eine Selbstschutzaktion der Privatwirtschaft zunichte zu machen sucht, dürfte gefährlich sein. Man überlege: Der den Benzinkonsumenten aufgezwungene Kampf, der heute nicht allein mehr um Wahrung der Steuergerechtigkeit und Schaffung erträglicher Fiskalbelastungen, sondern um die Existenz der schweizerischen Automobilwirtschaft, also um das Brot von 40 000 in dieser Beschäftigten geht, richtet sich in erster Linie gegen die üppig ins Kraut geschossene Misswirtschaft der eidg. Alkoholverwaltung. Mit dem Versprechen, aus den Alkoholmillionen einen Fonds zur Schaffung einer allgemeinen Pensions- und Hinterbliebenenversicherung zu äuffnen, hat man das Schweizervolk seinerzeit für das neue Gesetz gewonnen. Nachdem nun aber in Tat und Wahrheit durch einseitige Handhabung des Erlasses Millionenverluste an Stelle der Gewinne sich ergaben, nachdem eine Minderheit von Bürgern nicht gewillt ist, sich diese Defizite auf die Schultern zu laden und dergestalt die unhaltbaren Geschäftspraktiken der eidg. Alkoholverwaltung auch für die Zukunft zu ermöglichen, sollen ausgerechnet die eidgenössischen Beamten, deren Pensionen der Staat, resp. der Steuerzahler gewährleistet, am 5. Juli a. c. durch die Benützung ihrer Motorfahrzeuge hervortreten. Wir sind also .glücklich soweit, dass eine durchaus legale Schutzaktion ausgerechnet durch Leute sabotiert werden soll, die nur dank der Opferwilligkeit des Volkes und den der gesamten Privatwirtschaft auferlegten Lasten noch immer zu den Privilegierten gehören und von der Unerbittlichkeit der gegenwärtigen Wirtschaftsverhältnisse weitgehend verschont bleiben. Nachfolgender, der Nf. 26 des«Eisenbahner» entnommener Ausspruch zeigt deutlich, wie die Automobilbesitzer in Eisenbahner-, besonders aber in S. B. B.-Kreisen ebenfalls zur restlosen Durchführung dieser eidgenössischen Durchführung bereit sind: «Der Fussgänger wird am 5. Juli sicherlich noch genug fahrende Personenwagen zu sehen bekommen^ Hoffen wir, dass die eidgenössischen Beamten wirklich den Mut aufbringen, an diesem Tage mit ihren Motorfahrzeugen kreuz und quer vom Genfer- zum Bodensee und vom Rhein über die Hochstrassen unserer Alpen bis zum Lago Maggiore zu rollen! Denn bestimmt werden noch andere als nur Benzinkonsumenten grossen Wert darauf legen, diese motorisierten Staatsbeamten als Beschützer eines der Erscheint jeden Diensten und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Etat»** REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainitr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 traurigsten Kapitel staatlicher Wirtschaftspolitik kennen zu lernen. Das ganze Volk wird bestimmt an diesen Pensionsberechtägten, welche in Verteidigung der eidgenössischen Alkoholregie auf Jahrzehnte hinaus die Bereitstellung der Gelder zur Schaffung einer allgemeinen Alters- und Hinterbliebenenvörsicherung verunmöglichen helfen, grosse Freude haben! Aus Anlass des in der «A.-R.» erschienenen Berichtes über die Versammlung des A. C. S. Bern produziert der bereits erwähnte «Eisenbahner» ausserdem: « Die sich so aussein, wenn ihnen Im Interesse der Staatsflnanzen ein tragbares Opfer zugemutet wird, sind äsum schönen Teil jene Kreise, die den schärfsten Lohnabbau beim Bund unterstützen.» Randbemerkungen dieser Art stehen den Eisenbahnern allerdings sehr schlecht an. Haben sie sich nicht jahrzehntelang als eine besonders privilegierte Klasse von Bürgern gefühlt und auch entsprechend aufgeführt? Hat ihre Devise: " ' ' Die Schweizerbahnen den Eisenbahnern nicht weitgehend zur heutigen Verschuldung der Schweiz. Bundesbahnen beigetragen? Leuten, denen das Schweizervolk trotz prekärster Wirtschaftslage und schwer lastenden Fiskalabgaben nun jährlich weitere 70 Millionen Franken zur Sanierung ihrer Defizitwirtschaft hinlegen soll, täten gut daran, erst selbst für Ordnung zu sorgen, ehe sie sich zum Retter und Beschützer der eidgenössischen Alkoholmisere aufwerfen! Noch steht das Problem Schiene-Strasse auf der Traktandenliste des Schweizerlandes; noch bietet es die Möglichkeit diesen Staat im Staate in gebührendem Masse in seine Schranken zu weisen. Motorfahrzeugbesitzer! Benzinkonsumenten! Seid Ihr Euch nun klar, um was es am 5. Juli a. c. geht? Um die Existenz der gesamten schweizerischen Automobilwirtschaft — darum, ob Eure Erwerbsmöglichkeiten um ein Mehreres erschwert, vielleicht verunmöglicht werden! Gibt es unter Euch noch Glückliche, welche auch durch eine erneute Belastung in ihrer automobilistischen Bewegungsfreiheit nicht allzu sehr gehemmt würden, dann mögen diese daran denken: Ueber 80% unter uns sind hinsichtlich Fiskalbelastungen an der Grenze des Tragbaren angelangt, und das gesamte Automobilgewerbe mit seinen Tausenden von Beschäftigten steht vor dem Ruin. Wir wiederholen: Es bedeutet nicht nur Ungerechtigkeit, sondern wirtschaftlichen Unsinn, diesen Regiebetrieb durch Kunstkniffe, wie der Beimischungszwang einen darstellt, durchpäppeln zu wollen. Es ist ein Unding, eine unfähige Verwaltung in ihren Praktiken durch dauernde Ermöglichung derselben zu unterstützen, und noch weit unerhörter, zugunsten einiger landwirtschaftlicher Grossen einen ganzen schweizerischen Erwerbszweig aufreiben zu wollen! Die Methode der «zwei Fliegen auf einen Schlag» (denn nicht nur den 150 000 kleinen und grossen Schnapsbrennern, sondern auch gerade noch den Eisenbahnen soll geholfen werden) ist auf das schärfste zu verurteilen. Nicht nur die Benzinkonsumenten, nein — das ganze Volk hat endlich genug davon, Miss- und Defizitwirtschaften aller Art zu sanktionieren und direkt oder indirekt zu berappen! Alkoholverwaltung — Käseunion, beides landwirtschaftliche Schutzreservate, in denen.es so durchaus ehrlich und redlich zugeht, deren Geschäftsgebaren kein Wässerchen zu trüben vermag, stellen markante Eckpfeiler einer einseitigen Wirtschaftspolitik dar, die nimmermehr zum Guten führen kann. Wirklich, der den Benzinkonsumenten aufgezwungene Kampf ist eines der bedenklich- sten Kapitel der eidgenössischen Finanz- und Fiskalpolitik. Was hätten wir nötiger, als «ein einig Volk von Brüdern» inmitten unserer waffenstarrenden Nachbarn zu sein? Besteht nicht eine erschreckende Aehnlichkeit zu den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts? Die Bürger sind in zwei Lager geteilt — auf der einen Seite diejenigen, die nur zu bezahlen, und viel zu bezahlen, aber nichts zu sagen haben — auf der andern Seite aber wird nichts oder nur wenig bezahlt, dafür jedoch die grosse Pauke geschlagen! Um jeden Preis soll das Rad der Zeit zurückgedreht, das Gummirad durch dasjenige aus Eisen ersetzt werden und die monopolistische Herrschaft des letztern sich ungehindert ausweiten können! Dass bei diesem Kampf Späne fliegen, ist nicht zu verhindern. All den durch diese Stillegungsaktion vermeintlich direkt oder indirekt Geschädigten. vor allem dem Gastwirtschaftsgewerbe, sei einmal mehr die ganze Tragweite dieses Selbstschutzes vor Augen geführt: Gelingt es, die Bedeutung der mit sämtlichen Wirtschaftszweigen unseres Landes engverflochtenen Interessen am Motorfahrzeugverkehr' darzutun, gelingt es, den Schaden, der unserer Volkswirtschaft aus der Vernichtung des Autogewerbes entstehen muss, eindrücklich zu dokumentieren, dann war kein Opfer zu gross! Der Motorfahrzeugbesitzer und Benzinkonsument wird am 5. Juli a. c. seine Ausgaben auf ein Minimum beschränken. Der entstehende Ausfall dn den verschiedenen Wirtschaftszweigen wird jedoch nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was der Ruin der Automobilwirtschaft auslösen müsste. Am 5. Juli 1936 kämpfen alle am motorisierten Verkehr direkt und indirekt Interes- Um das nachgerade zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Budget der Alkoholverwaltung vor den Kammern zu retten und um ihnen die unumgängliche Notwendigkeit des Spritbeimischungszwanges mundgerecht zu machen, hat unser Finanzminister im Nationalrat wie im Ständerat u. a. auch das Interesse der Landesverteidigung an der Erstellung von Entwässerungsanlagen beschworen. Sofern er indessen hoffte, mit diesem «groben Geschütz» die Gegnerschaft des melange federal zum Schweigen zu bringen, erlebte et, in der Volksvertretung wenigsten, eine bittere Enttäuschung. Die Taktik verfing nicht, der Nationalrat liess sich auch durch «militärische» Argumente nicht kirre machen. Was nützen denn der Armee schon die Spritvorräte, wenn der Bund auf der andern Seite die Motorisierung erschwert dadurch, dass er die Zoll- und Steuerschraube anzieht, bis es dem Automobilisten schwarz vor den Augen wird, bis er diesem unerträglichen Druck weicht und sein Fahrzeug einpökelt oder losschlägt. Bei dieser Lage der Dinge grenzt es schon an Spiegelfechterei, die Unerlässlichkeit des Beimischungszwanges durch militärische Rücksichten untermauern zu wollen. Wie unhaltbar diese Begründung ist, das offenbart schlagend jene Feststellung von Oberstdivisionär Labhart in seinem kürzlich an dieser Stelle erschienenen Beitrag über Motorisierung und neue Truppenordnung: dass bei uns als Folge der steigenden Autosteuern, der Versicherungen und der Benzinpreiserhöhungen die Zahl der Motorfahrzeuge einen Rückgang verzeichne, wobei zum Beispiel der Bestand an Motorrädern von 45,000 vor einigen Jahren auf 30,000 gesunken sei und dass wir im Interesse der Landesverteidigung gut daran täten, diese Verhältnisse zu überprüfen. So spricht einer der höchsten Offiziere unserer Armee. Wenn der Chef des Finahzdepartementes zu derartigen Mitteln seine Zuflucht nimmt, um die Sache der Alkoholverwaltung zu ver- INSERTIONS-PREIS: Die achtfespattene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Rp. Grötiere Inserate nach Spezialtaril. Inseratcnsehluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute Gbtr: Paßstrassen könnten Magnete der Autotouristik sein! Ein Bugatti-Sieg am Grossen Preis von Frankreich. Der ERA und seine Konstrukteure. Lüftung. Verkehrsluftfahrt und Wissenschaft Chaos im Verkehrswesen. Beilage: Alpenstrassen und Tourismus. sierten denselben Kampf um die Erhaltung ihrer Existenz, jeder einzelne setzt sich ein, um Unzähligen Brot und Verdienst zu erhalten, alle helfen mit an der Errichtung eines ersten Dammes gegen die überbordenden Ansprüche des Staates, vereint finden sich die verschiedenen Erwerbsgruppen zur ersten Phase des Kampfes hie Staatswirtschaft — hie Privatwirtschaft Diejenigen aber, welche in höherem Auftrage an diesem Tage durch die Strässen rollen, mögen bedenken: Ihr Tun bezeugt der Mehrzahl des Volkes ihre Bereitwilligkeit zur Bezahlung noch höherer Motorfahrzeugbelastungen. Der Staat braucht Geld — die beste Gelegenheit, um diese Opferfreudigen Zu erfassen! Glossen zur Spritbeimischung teidigen, dann muss es faul darum stehen. Und das tut es auch. Für die Abwälzung der Folgen der in diesem Betrieb herrschenden, jeder Kritik spottenden Zustände auf den Rücken der Automobilisten aber, dafür bringen wir nicht das geringste Verständnis auf. «Die Beimischung ist keine rentable Sache, sie bringt finanzielle Nachteile», um dieses Bekenntnis, das den ganzen Widersinn der Mixerei offen zugibt, kam selbst Herr Bundespräsident Meyer nicht herum. Trotzdem besteht er unerschütterlich darauf, aus dem ebenso «einleuchtenden» wie «zwingenden» Grund, weil Platz für die neue Sohnapsernte geschaffen werden muss. Das ist Don Quichotterie in Reinkultur. Der Bund, der mit seinem Finanzprogramm die letzten Reserven aus unserer Volkswirtschaft, herausholt, um seinem Haushalt das Gleichgewicht bewahren (und die Subventionsbezüger weiter hätscheln) zu können,' dieser nämliche Bund opfert leichten Herzens 9 Millionen — denn auf dieses kokette Sümmchen kommt ihn die Beimischung zu stehen —, nur um die verheerende Alkoholflut nicht eindämmen und den Schnapsbrennern nicht auf die Füsse treten zu müssen. Das heisst man • den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Und zu derartigen Machenschaften sollen wir Hand bieten ? Nie und nimmer! Es handelt sich beim Beimischungszwang um eine Verteilung der Lasten, hat der Herr Finanzminister verkündet und damit einen Ausspruch wiederholt, den er schon in der letzten Januarsession vor dem Nationalrat Lesen Sie unser Feuilleton „Der Seewolf" Seite 7