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E_1936_Zeitung_Nr.053

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ÄUTÖMDBIL-REVUE

ÄUTÖMDBIL-REVUE DIENSTAG, 30. JUNI 1936 « N° 5 Uebei die Selige««* JSklpenstivassen Endlich ist die neue Touristenstraese din dem Verkehr übergeben worden: Kunstbauten der Gandriastrasse. Strasse über den Sattel im Kanton Schwyz. Erinnert sie nicht an eine Seelandschaft? Kerenzerberg — die moderne Aussichtsstrasse hoch über dem Walensee. Oberer Teil der Simplon-Nordeeite mit den beiden Tunnels und Galerien. Südrampe des San Bernardino: Teilstück San Giäcomo^San Bernardino-Dorf, Umbrail unterhalb der italienisch-schweizerischen Grenze. Grosser St. Bernhard: Oberster Teil der Nordrampe mit Hospiz. Die bekannten Splügenkehren auf der Nordseite unterhalb der Passhöhe. (Die fünf sommerlichen Alpenstrassenbilder werden mit Bewilligung der eidgenössischen Landestopographie veröffentlicht.) Gleicht nun auch der im Winter fahrbare Julier nicht einer Bobbahn?

IV. Blatt BERN, 30. Juni 1936 Revue N° 53 IV. Blatt BERN, 30. Juni 1936 Graubänden, das Land der Burgen und Ruinen Wer die Mannigfaltigkeit und Grosse Graubündens nicht offenen Auges bereits selbst erlebt hat, wird vom zahlenmässigen Begriff des «Landes der 150 Alpentäler » nicht loskommen; ungerufen wird diese merkwürdige Ziffer, die an sich weder gross noch klein, nicht schön noch hässlich ist und doch einen merkwürdig faszinierenden und verlässlichen Vergleichswert darstellt, vor unserem Blick erscheinen und uns anzulocken suchen. Freilich! wir reisen nach Graubünden und beginnen das Vorhandensein der «wirklich hundertfünfzig Täler » keineswegs gleich nachzuzählen. Denn nicht nur als Touristen, sondern als Menschen fahren wir in dieses grosse Bergland ein, als Romantiker, die wir nun einmal sind, und hinter einer noch so prosaischen Ziffer, die aus dem geographischen Additionsverfahren stammt, wittern wir unmaterialistisch das bunte Leben, das abenteuerliche Fremde, das Uns mit neuen Worten und Formen ansprechende Vertraute, das Interessante, Schöne, Packende, mit einem Wort: das Wunder, dem zuliebe wir unsere Rösslein gesattelt haben und ausgezogen sind, um in schweizerischem Sinne einmal gen unser eigenes Ostland zu reiten. Gar keine Rede kann davon sein, diesmal im Bündnerland bloss nach Bergen, Wäldern, Gletschern und besonnten Alpenseen auf die Pirsch zu gehen, obwohl die Jagdgefilde der Grauen Puren gerade in dieser-Hinsicht sehr ergiebig sind. Noch edleres Wild, buchstäblich edles, soll jetzt unsere Strasse kreuzen. Eigentlich hat man es schon immer gewusst, dass Graubünden neben seinen vielen Schönheiten noch über eine Romantik des Mittelalters verfügt und einen Burgenzauber von ausgesprochener Intensität wie kein anderes Gebiet der ganzen Schweiz ausstrahlt. 'Seltsam genug müsste es anmuten, wenn das uralte strategische Land der Pässe, der Verbindungswege zwischen italienischer und germanischer Welt zu seiner Zeit nicht bis zu den Zähnen befestigt und bewehrt, gepanzert und bewaffnet worden wäre! Schon wer bei Maienfeld die lichtvolle Schale des Rheintales betritt und sie bis gegen Chur durchmisst, fühlt sich von Dorf zu Dorf in stärkerem Masse ritterlich umgeben, ihn grüssen der mächtige Turm von Maienfeld, das Gemäuer von Aspermont, die schöne Ruine Wynegg, die den Eingang ins Prättigau markiert; das stolze Herrenschloss Marschlins, Castrum Marsilinum genannt und auf Befehl Pippins des Kurzen 755 erbaut (von 1770—1777 Sitz des berühmtesten Erziehungsinstitutes der Schweiz), mit herrlichem Innenausbau, ladet zum Besuche ein. Und von der Strasse aus schwelgt das Auge zur Neuenburg, zum Lichtenstein, zum Haldenstein hinüber, ja zum Rappenstein, der als Höhlenburg tief in den grauen Bergspalt des Cosenzbaches eingefügt, fast eingegossen ist. Wahrlich: das Gebiet der « Herrschaft» und der « Fünf Dörfer » vermittelt keine schlechte Ouvertüre zur Bündner Burgenschau. Wir sind im schweizerischen Rheinland und der Rhein bleibt auch in seinem Ursprungsland der Strom, «wo Burgen von den Hügeln winken..., wo Giebel stolzer Städte blinken..., wo Trauben in die Fluten sinken ». Und wie leicht ist es dem Strassenbenützer in Graubünden gemacht, des Burgenzaubers, in dem das Land verschwenderisch schwelgt, mit allen Sinnen und Träumen teilhaftig zu werden! Man sieht es ja fast mit verbundenen Augen, dass die grossen Passwege, die Bünden nach allen Seiten durchschneiden, genau so durchschneiden wie vor tausend Jahren, auch die Häufigkeit der Burgansiedelungen bestimmten. Das zieht hinauf von der Luziensteig dem Vorderrhein entlang bis zur Ruine Pontaningen, deren Reste bei Rueras, unmittelbar unter dem Aufstieg zur Oberalp, aufmerksamen Beobachtern sichtbar sind: Burg an Burg, Ruine an Ruine, mindestens dreissig an der Zahl, darunter Hohentrins, Grüneck, Jörgenberg, Schlans, Fryberg bei Truns, Ringgenberg, Saxenstein und viele mit romanischen Namen. Die Häufigkeit deutscher Namen in diesem seit uralters romanischen Tal erklärt sich mit einer sprachlichen Germanisierung, der sich das Rittertum, gewiss im Zusammenhang mit höfischen Sitten und Gebräuchen, frühzeitig unterwarf. Nicht minder burgenreich ist das Domleschg, durch das der Hinterrhein, aus der ungeheuren Viamala tretend, Reichenau entgegendrängt. Wie Chur HWiHi und die « Herrschaft» die strategische Schlüsselstellung ganzGraubündens innehatten, beherrscht der milde Obstgarten des Domleschgertales den Zugang aller Südlandpässe. San Bernhardino und Splügen. Julier und Albula, in weiterer Ausdehnung der Maloja- und Berninapass vereinigen sich zu Thusis — kein Wunder, dass hier von adeligen Herren einträgliche Interessen verwaltet werden mussten. Am linken Hochufer des Hinterrheins unmittelbar bei Reichenau thront die grosse Festung von Räzüns klosterähnlich überm lieblich auf getanen Land (jetzt Ferienheim für Auslandschweizer und als solches wahrlich ein feudaler Sitz); Nieder-und Ober^Juvalta, erster es in Verbindung mit einer Strassensperre, folgen in kurzer Distanz und präsentieren ihr malerisches Ruinengemäuer t der stolze Ortenstein, eine Gründung der berühmten Freiherrn von Vaz und noch gegenwärtig bewohnt, trotzt von hohem Burgfelsen herab; hier trauerte Katharina von Planta, die Lukrezia in C. F. Meyers Jürg Jenatsch, über dem Andenken ihres ermordeten Vaters. Auch der Rietberg,.die Mordstätte selbst, ist noch in bestem Zustand, nur durch Canova und Almens vom Ortenstein getrennt Es folgen, rechts überm Hinterrhein, der zerfallende runde Bergfried von Hasensprung, Scharans, Baldenstein und Hohenrätien, das als der romantische Schauplatz der « Richterin » von C. F. Meyer gelten darf und in der Meisternovelle Malmort genannt ist. Die Talseite links überm Strom, der Heinzenberg und nach Herzog Rohans Urteil «der schönste Berg der Welt», schmückt sich nicht minder mit dem Juwel zerbröckelnder Rittersitze — es gibt da ein Schloss Heinzenberg, einen Turm Rantiel, eine Bergfriedruine Ehrenfels... und wie das klingt: Ehrenfels, Ortenstein, Baldenstein, Hohenrätien, Räzüns! Die Namen allein müssten es verkünden, wenn man zu hören weiss! Bis hoch hinauf gegen Splügen läuft die Reihe der Ruinen, und über Tiefenkastei hinaus setzt sie sich bis fast zur Julierhöhe empor fort; das Vorderrheintal strahlt sie aus ins Lugnez, ins Vals, ins Safiertal hinein; Schanfigg (Arosa entgegen!) und Prättigau (bis Klosters), das italienisch sprechende Bergell und die süsse Mesolcina, letztere mit der zyklopenhaften Talfestung Mesocco, sie alle weisen ernst und innerlich die Finger ihrer Burgen und Mauerwerke zum hellen Bündner Himmel. Vergessen ist in unserer Gegenwart, was einst lebendig war und fröhlich durch die Hallen spielte, verklungen ist der Minnesang, der auf Bündens Burgen nicht vereinigt durch seine bevorzugte geographische Lage, seine grossartige Gebirgswelt, seine mannigfaltigen Kurmittel (Weltbäder und Luftkurorte) und seine Sportplätze, seine Alpen-Äutostrassen und Bahnen, welche durch malerische Talschaften bis in die Gletscherregionen führen, alle Vorzüge in sich, die das Land zu einem der hervorragendsten Touristen-, Kur- und Sportgebiete Europas stempeln. Auskunft, Prospekte und Hotelführer Graubünden durch das Offizielle Verkehrsbureau in Chur