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E_1936_Zeitung_Nr.056

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BERN, Freitag, 10. Juli 1936 Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N» 56 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. IC- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gen. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Was sagen sie ? Publikum und fresse zum 5. juli Der 5. Juli hat uns eine Erkenntnis erschlossen, deren Wert nicht hoch genug veranschlagt werden kann : Die Erkenntnis von der unverbrüchlichen Solidarität der Benzinkonsumenten. Darin liegt schlussendlich das Fazit dieses in mancher Hinsicht so bedeutungsvollen Tages. Es fehlte — weit weniger in den Reihen der Motorfahrzeugbesitzer als im Volk draussen — nicht an Skeptikern, die den Erfolg unseres friedlichen Protestes in Zweifel zogen und ob der Wahl des Mittels ihr weises Haupt schüttelten. Sie werden, wie übrigens auch der Bundesrat, umlernen müssen. Eine gewaltige Ueberraschung ist nicht nur ihnen, sondern dem ganzen Land zuteil geworden. Wie ein Mann sind an diesem denkwürdigen 5. Juli Automobilisten, Motorradfahrer und alle jene, die sich mit ihnen verbunden fühlen, aufgestanden. In bewunderungswürdiger Disziplin, die man gemeiniglich bei den « Herren > niemals vermutet, haben sie sich in lückenlos geschlossener Front zusammengefunden, geeint von einem einzigen Willen: sich zu wehren und der unerschöpflichen Begehrlichkeit des Bundes endlich ein kategorisches «bis hieher und nicht weiter » entgegenzusetzen. Der Wurf ist glänzend geglückt. Und wenn sich die Bilanz für uns so erfreulich präsentiert, dann danken wir es, so paradox das auch klingen mag, letzten Endes dem Bund, dessen seit Jahren und mit Beharrlichkeit betriebene Politik der Daumenschraube Früchte gezeitigt hat, die ihm wohl kaum gelegen kommen : den Zusammenschluss all jener, welche unter dem Druck der unerträglich gewordenen fiskalischen Belastung litten. Dieser Druck hat sie zusammengeschweisst. Dem von höchster Stelle unternommenen Versuch, einen Keil zwischen sie zu treiben, dass man die Wortführer der Verbände gegen die eigentlichen «Lastenträger» ausspielte, ist eine unmissverständliche, eindeutige Antwort^ zuteil geworden. Uns die Gelegenheit zu dieser in ihrer Einmütigkeit schlechthin imposanten Kundgebung verschafft, das Bewusstsein unserer Kraft geweckt, uns Mut und Vertrauen für die Zukunft verliehen zu haben, worin der grösste moralische Gewinn des Tages liegt, daran fällt unsern Behörden kein geringes Verdienst zu. Der Schuss ist ihnen hinten hinausgegangen. Eine Demonstration von solcher Eindringlichkeit lässt sich nicht einfach übersehen, wenn man nicht die Konsequenzen auf sich nehmen will, jene Konsequenzen, welche der Bundesrat uns in die Schuhe zu schieben sich so auffällig beeilte. Wie stark das Echo war, welches die Abwehraktion in der Oeffentlichkeit auslöste, davon zeugen die Kommentare der Tagespresse vor und nach dem 5. Juli. Weit über die Kreise der unmittelbar Beteiligten hinaus Hess die Stillegungsaktion aufhorchen. Und wenn durch die Erörterung der Angelegenheit in der Presse das Publikum wachgerüttelt, wenn ihm die Augen geöffnet wurden über die zum Aufsehen mahnende Lage, in welche das unverantwortliche Verhalten der Behörden unser schweizerisches Automobilwesen und alle jene hineinmanövriert, hat, deren Existenz von ihm abhängt, dann hat unser Protest allein schon damit sein Ziel teilweise erreicht. Denn Aufklärung tat bitter not. Es ging und geht weiterhin um Sein oder Nichtsein eines Wirtschaftszweiges, dessen unlösbare Verbundenheit mit dem Körper unserer Gesamtwirtschaft in ihrer vollen Tragweite leider noch Erseheint Jeden Dlenstan und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97. Bern Telephon 28.222 - Postcheck III 414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 immer nicht erkannt wird, und dessen enorme Leistungen an den Fiskus man vielerorts als Selbstverständlichkeit hinzunehmen geneigt ist. Die Resonanz in der Oeffentlichkeit. Indessen gebietet es die Loyalität, festzustellen, dass die Communiques der Via Vita immerhin bei einem Teil unserer Presse offene Türen gefunden haben und dass die Resonanz sowohl hier wie in der Bevölkerung nicht ausgeblieben ist, zum mindesten was die prinzipielle Frage der Abwälzung der Defizite verfuhrwerkter Staatsbetriebe auf einen Einzelnen, an den Misserfolgen völlig- unbeteiligten Stand anbelangt. Diese empörende Zumutung stiess, von vereinzelten Unbelehrund Unbekehrbaren abgesehen, durchs Band weg auf apodiktische Ablehnung, und der Ausspruch jenes < Mannes von der Strasse », den wir am Sonntag selbst mitangehört haben : Der Automobilist werde nächstens noch ein Pfund Käse und einen Liter Vin föderal genehmigen müssen, bevor er am Morgen mit seinem Wagen abfahren dürfe, diese Stimme aus dem Volk wirkt im vorliegenden Zusammenhang geradezu symptomatisch. Wie urteilte die Presse ? Die Betrachtungen, welche die Tagespresse dem 5. Juli widmet, sind, wie es kaum anders zu erwarten stand, auf einen recht verschiedenartigen Ton abgestimmt. Alles in allem genommen treffen wir dabei jedoch wohl nicht stark daneben, wenn wir die Behauptung wagen, dass die Zeitungen in ihrer Mehrheit das Bestreben verrieten, den Verzicht der Automobilverbände objektiv und sachlich auszudeuten und dem Unternehmen der Via Vita Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Häufig genüg kehrt dabei als Refrain die Anerkennung und Achtung vor der Solidarität und der Disziplin wieder, welche die Benzinkonsumenten bei ihrer Kundgebung an den Tag gelegt. Darüber hinaus weiss die Presse auch das Opfer zu würdigen, das die an der Aktion teilnehmenden Kreise damit dargebracht haben, dass sie bei dem prachtvollen Wetter vom Sonntag zu Hause blieben. Richtig schälen einzelne Blätter die Motive der Demonstration heraus, wenn sie schreiben, die Geduld der Automobilisten gegenüber der eidg. Verkehrspolitik sei nun einmal zu Ende und die Ablehnung des Beimischungszwanges in jeder Weise gerechtfertigt. Als bezeichnend für den Stimmungsumschwung in der Oeffentlichkeit darf es auch gelten, wenn ein freisinniges Blatt die krasse Herausforderung brandmarkt, die sich der Bundesrat ausgerechnet im Moment des Protestes gegen die unaufhörlichen Belastungen damit geleistet, dass er eine einseitige Begünstigung der landwirtschaftlichen Benzinmotoren verfügte. Noch höher freilich als dieses Urteil bewerten wir, mit Rücksicht auf ihren grundsätzlichen Gehalt, jene Stimmen, welche das restlose Gelingen des 5. Juli als Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit des Volkes . bezeichnen, das den Irrwegen der heutigen Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht mehr zu folgen vermöge. Hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, dass unsere Warnung an die Exekutive auch in bedeutenden Schichten des Volkes Zustimmung gefunden, er wäre allein schon mit diesen Aeusserungen Der Pont du Mont-BIanc in Genf am 5. Juli. Wo es sonst von Fahrzeugen wimmelt, « strömte » sine einzelreisende Droschke daher. (Photo P. Geiselhard, Genf.) *lflif» INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtaril. Inseratensehlass 4 Tage vor Enchelnen der Nummern Wir berichten heute Ober: Weitere Zunahme der Internat. Autotouristik. Querschnitt. Sport aus aller Welt. Entwicklung des Weltrekord- Flugmotors. Brems- und Steuerpferde. Feuilleton «Der Seewolf» S. 5. Beilage: der Presse erbracht. Doch dabei hat es sein Bewenden nicht. Wie tief die Mißstimmung sitzt, was für eine Kluft Regierung und Regierte heute schon trennt, erhellt weiter daraus, dass gerade der Automobilistenprotest einzelnen Blättern die Zunge gelöst' hat. Redete man früher drumherum, so wird jetzt das Kind beim richtigen Namen genannt, wenn man dem Bundesrat nahelegt, seine Politik neu zu orientieren, bevor es zu spät ist tind die Folgen mit unabwendbarer Gewissheit eintreten. ...Und die uns nicht gewogen sind. Daneben wird uns in der Presse allerdings auch wacker am Zeug geflickt. Erstaunlich, was da an krausen Gedankengängen das Licht der Welt erblickt, befremdend der Mangel an Sachkenntnis und die Verständnislosigkeit gegenüber den Gründen unserer Aktion, deprimierend geradezu die bewussten oder unbewussten Verdrehungen, worin man sich in Blättern aller Schattierungen gefiel. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man gewissen Leuten auch mit dem Nürnberger Trichter nicht beibringen kann. Voreingenommenheit und Verbohrtheit haben auch diesmal wieder etliche bedauerliche Entgleisungen auf dem Gewissen, so jene hämische Glosse einer ostschweizerischen Zeitung, welche den 5. Juli als «schönsten Sonntag» besingt und ihren Bericht über den bitterernsten Abwehrkampf der Automobilisten mit dem Satz einleitet: « Der Herrenstreik hat geklappt.» Ob sie geflissentlich Verwendung fand oder nicht, auf jeden Fall ist die Redewendung «Herrenstreik» dazu angetan, gegen das Auto Stimmung zu machen und den Motorfahrzeugbesitzer zum vornherein zum reichen Mann zu stempeln. Dabei kann sogar der Bundesrat nicht umhin, zuzugeben, das Auto diene heute nur noch zum Teil Luxusbedürf- Links: Das Publikum von Lausanne nimmt Partei für die Protestaktion und äussert sein Missfallen gegenüber einem Wagen ohne Bewilligung. Rechts:,Place Bei-Air in. Laueanne, ein stark besuchter Parkplatz, Am 5. Juli sah man dort bloss zwei Wagen, beides Ausländer. (Photo F. Schmid. Laueanne.)