Aufrufe
vor 5 Monaten

E_1936_Zeitung_Nr.062

E_1936_Zeitung_Nr.062

20 Automobil-Revue —

20 Automobil-Revue — N°62 Monte di Zocca, vom Aufstieg zum Ago gesehen., (Photo Graber) Die Stande des Berges Von Alfred Graber. Sieger über den Abgründen. Wer weiss, im nächsten genommenen Seiles wurde ihr Widerstand besiegt. Äugenblick vielleicht schon ihr Opfer Inzwischen Langsam kamen wir dem Gletscher näher, wir kletterten immer in einer gewissen Hast aus Furcht vor war Simon Rähmi das Kletterkunststück gelungen, den- fast grifflosen Gipfelblock zu überlisten. Er dem Steinschlag. Die letzten Felsen wurden im stand oben. Bald traten nun auch wir zwei den Sturm genommen, der weiche Gletscher betreten. luftigsten Gang unseres Lebens an. Die braven Auf einem Geröllband schauten wir uns um. Nun Kletterfinken griffen nach jeder Rauhigkeit des war der Kampf der letzten Stunden vorbei, nun Gesteins. Dann tauchte ich urplötzlich in den Luftraum, wir waren alle oben, nach siebeneinhalb fühlten wir unsere Müdigkeit erst und hielten eine lange Rast. Unglaublich schien es uns, dass wir vor Stunden Aufstieg. wenigen Stunden auf jener spitzen Nadel dort hoch Die Weite des Himmels war um uns, nur diese oben gestanden hatten. Wir konnten das in unserem zwei Quadratmeter Erde gab es noch, auf denen müden Heimwärtswandern nicht begreifen. Einen wir standen, sonst war da das Nichts: die Niederflucht des Raumes zu allen Seiten. In dieser Stunde und ich dacjite mit Wehmut daran, dass ich nie mehr letzten Blick warf ich zurück auf die hohe Spitze schien es uns, dass wir zum Mittelpunkt der Welt wiederkehren werde zu diesem hohen Berge, dass geworden seien, um den sich die Planeten drehen. ich mit ihm den ersten und letzten Kampf gefochten Was war alle Rundsicht gegenüber dem Bewusstsein hatte. Ein- Tag war uns gemeinsam. Doch ist das der vollendeten Tat. Simon Rähmi sass zufrieden da. nicht viel? Er fasste sein kurzes Lob in die Worte: «Heute haben wir Schneid gehabt!» Weit unter uns lag die Erde, Der Abend war so kampflos und feierlich, als wir jene grüne, unverständlich schöne Erde mit ihren der Hütte zuwanderten. Das kleine Haus schützte weissen Dörfern und Kastanienhainen, die nie begehrenswerter erscheint, als wenn man durch so Gedanken ertragen, dass wir von so gewaltigen uns vor dem Dunkel der Nacht und liess uns den ungeheuerliche Abgründe von ihr getrennt ist. Bergen umstanden waren. Bald mussten wir an den Abstieg denken. Ueber Nun sind Jahre vergangen. Ich habe weiterhin die obersten Gipfelfelsen seilten wir ab. Am heikelsten gestaltete sich die Traverse nach dem tiefen dert. Meine Ziele in den Bergen waren nun nicht Gipfel erstiegen und bin in andere Länder gewan- Kamin. Fast wäre ich gestürzt, als ich lange Zeit mehr so schwere. Das ist nicht wichtig. Es gibt auch nach dem einzigen Griff tastete, der vorhanden war, noch viel gefahrvollere Spitzen in den Alpen als und den ich nicht erreichen konnte. Unter mir die den Ago di Sciora, und viele andere Bergsteiger Tiefe von Sciora, vor mir die glatte Wand, in die ich haben heiklere Wände und Grate bestiegen als ich. mich schon soweit vorgewagt hatte, dass es kein Ich gestehe das ohne Neid zu, und ich weiss auch, Zurück mehr gab. Was konnte ich da anderes tun, dass es darauf gar nicht ankommt. Wesentlich ist, als mich hart an die Wand geschmiegt gegen den dass man an einem Gipfel dieser Erde das Phänomen Berg in seiner ganzen Gewalt verspürt. Der Griff gleiten zu lassen. Das Glück war mit mir, meine Hand umkrallte ihn. Der lange Kamin, die Einstiegfelle in die Nadel, alles hatte seine gewissen Tükleben, ein anderer braucht dazu eine schmale eine mag das an einem gewöhnlichen Grasberg erken, die sich im Abstieg besonders gut einprägten. Felsenlanze oder eine eisgepanzerte Gletscherspitze. Das Wie spielt keine Rolle. Nur wer von dem Endlich aber erreichten wir den Sattel und schlüpften in die Schuhe. Lange Stunden aber kostete die innerlichen und aufwühlenden Erlebnis, von der hohe Wand Bis zum Gletscher noch in der heissen einen grossen Stunde des Berges gepackt worden Nächmittagssonne. Der Neuschnee war rutschig ist, der weiss, was Berge sind und was Bergsteiger geworden, und als besonders heikel erwie^s sich sein bedeutet. Im Ago di Sciora erlebte ich alle wiederum die grosse Platte. Im Schütze des doppelt Berge der Welt. Es ist jetzt schon viel Zeit über jenen Tag hinweggegangen. Manche Dinge haben sich seither ereignet wichtige und unwichtige, schmerzliche und erfreuliche. Wenig aber nur ist bei mir geblieben und hat gedauert im Strom der Geschehnisse. Mit diesem Wenigen ein grosser Bergtag meines Lebens: die Besteigung des Ago di Sciora im Bergeil. Vielleicht schreibt man über eine solche Fahrt anders, wenn die Jähre dazwischenliegen und man nicht mehr erfüllt ist von der ersten Freude des Gelingens. Man vergisst das Mühselige des Tages und das Schöne schält sich stärker hervor. Griffe und Tritte im Fels, die erkämpft werden mussten, sind vergessen bis auf wenige, aber die Wesenheit des Berges ist geblieben, ein Fanal durchjdie Tage. Die Sciöranadel ist ein schwerer Berg. Der Blick in die Abgründe, die über alle Masse sind, ist mir jetzt nach zwölf Jahren noch gegenwärtig. Aber man betritt die schmale Gratscheiae zwischen Sein und Nichtsein leichter, wenn man noch sehr jung ist, man wertet den Tag in der Gefahr höher als Gewinn und weniger hoch als Einsatz. Jedes echte Bergsteigerleben weist bleibende Höhepunkte auf: einmal erlebt man das Rätsel Fels, einmal mit Erschütterung im Herzen die Weite der Gletscher, und einmal die schwersten Stunden, nach denen man für immer weiss, was Berge sind. Dieses Bewusstsein gab mir der Ago di Sciora. Simon Rähmi, der Führer, mein Bruder und ich bildeten das Trio. Für uns war der Ago noch ein kaum im Traume gewagter Berg, als Rähmi von ihm sprach und ihn für unsere Gedanken langsam wirklich machte. Wir wanderten zur verlassenen Albignahütte, wir übten uns am ränkereichen Gallo, an der granitenen Punta dell'Albigna, Rähmi war mit uns zufrieden. So kam die Reihe an die-Scioranadel. Es war ein blauer Tag, so schön und blau, wie wir ihn uns für dieses Unternehmen nur wünschen konnten. Aber der Gedanke an- den Kampf der kommenden' Stunden lastete auf uns. Ueber der nahen Zukunft lag ein schweres Fragezeichen, und wir zweifelten sehr, ob wir dem Berge gewachsen wären. Wir wussten noch gar nichts von diesem Gipfel, denn von keinem der umliegenden ha'tten wir ihn zu Gesicht bekommen. Es vergingen ein paar Stunden der Erwartung, während denen wir den sanft geneigten Albignagletscher aufwärtsgingen, bis wir von aller Ungewissheit befreit wurden. Um eine Felsecke bogen wir, da lag plötzlich dieser Berg vor uns, eine gelbe GranitnadeJ, die in einem gelösten' schwindelnden Schwünge zur Stille des Himmels sich .aufwarf. Noch nie hatte ich so stark das Phänomen Fels begriffen. Ueber ein halbes tausend Meter hoch schoss die Felswand aus dem schrundigen Gletscher auf, und über den Gratkamm hinaus hob sich die Nadel noch hundertundfünfzig Meter einsam in die Luft. Die Besteigung wird mit der der Aiguille duDru im Montblancgebiet verglichen. Hätten wir aber nicht gewusst, dass dieses Felsgebilde vor uns schon bestiegen worden ist, wir hätten es nicht geglaubt. Dieses Wissen erst half uns den Mut zu finden, den Tag diesem Gipfel zu opfern. Die Spalten des Gletschers mehrten sich, und die Wände wuchsen immer drohender vor uns auf. Der Neuschnee auf den Kämmen glitzerte. Plötzlich krachte es dröhnend in diesen Wänden. Steine sausten durch die Luft und vergruben sich tief in den Gletscher. Unser Einstieg in die Felsen war vom Steinschlag bestrichen. Wir rannten der schützenden Wand entgegen. Wenn jetzt eine neue Salve kam, dann war es schlimm um uns bestellt. Doch der Fels schwieg. Unter einem Ueberhang fanden wir Schutz und entledigten uns der Steigeisen. Wir mussten in den Schuhen klettern, der Neuschnee erlaubte eine Verwendung der so angenehmen Kletterfinken einstweilen leider nicht. Der Weiterweg war gegeben: Wir mussten die Agoscharte über die sechshundert Meter hohe Wand erreichen. Die genaue Route kannte selbst Rähmi damals nur ungefähr, war er doch in seiner Führerlaufbahn erst zweimal auf dieser Spitze gewesen. Der Fels, ein etwas brüchiger Granit mit guten Griffen, erlaubte ein rasches Klettern. Zwei Stellen erwiesen sich als besonders heikel: ein Kamin, der von Schmelzwasser tropfte'und sich oben zu einem kleinen Ueberhang verengte, und eine riesige geneigte Platte, die mit rutschbereitem Schnee bedeckt war und uns viel Arbeit und Zeit kostete durch eine sorgfältige Seilsicherung. Unter uns wuchs stetig der Abgrund. Eine Erholung war es, von Zeit zu Zeit um sich bjicken zu können und den stolzen Monte di Zocca zu betrachten mit seinen unheimlichen, 'Vereisten -Steilwänden. Ueber seine gezackten Grate stiegveine Brosse Wolkenwand und verdeckte den Monte deila isgräzia, den schönsten Berg Italiens. Ueber Felsstuf.e.n und Bänder, immer gegen rechts haltend, erreichten wir schliesslich die Agoscharte, jenen in seiner fremden Einsamkeit eindrucksvollsten Ort, den ich in den Alpen gefunden hatte. Vor uns schoss jäh die letzte Riesennadel auf in plattigen Wänden und senkrechten Absätzen. Hinter uns erhob sich, der Kamm gleichfalls zu finsteren Türmen und gegen Sciora hinunter blickten wir in eine neue unglaubliche Tiefe, der ein tiefeingeschnittenes Schneecouloir zustürzte. In den Kletterschuhen traten wir zum letzten Kampf .an. Es war ein Genuss zu sehen, wie Simon Rähmi in den ersten Riss einstieg und sich höher schob. Bald stand "er -wohl zehn Meter senkrecht Ago di Socira (Photo Graber) über uns, Mein Bruder folgte und ich zwängte mich unterdessen eng an die Felsmauer. Doch bevor noch ein Vorwärts für mich ertönte, fiel der Ruf: «Achtung, Stein!» Im gleichen Augenblick schon spürte ich einen leichten Schmerz auf der rechten Schulter. Der Stein verschwand im Dunkel des Abgrunds. Nun wusste ich, dass es ernst galt. Wie auf einer Leiter ging es gegen den blauen Himmel. Ein langer Stemmkamin nahm uns auf. Er bot uns Halt nur durch die Körnigkeit des Gesteins, die Wir voll ausnützen mussten. Nicht nahe genug konnte ich mich an den Kamingrund schmiegen. Musste ich aber anhalten und warten, so schaute ich eine ungeheuerliche Tiefe, die mir vor den Augen zu flimmern begann,, bis ich den Blick wegwandte. Der Abgrund war für mich kaum mehr erträglich. Ueber uns und um uns die granitenen senkrechten Mauern. Und immer wieder fand sich eine Möglichkeit des Weiterkommens, ein Riss, ein Band, eine Wahdstufe. Spielend hätte hier die Natur jeglichen Weg verwehren können, und auf immer unbesiegbar wäre die Scioranadel gewesen, ein Mons iaealis des Wanderers. So aber nutzten uns die kleinsten Schwächen im Fels, um durchzukommen.,Ein heikler Quergang, der fast keine Griffe bot, lenkte uns zu einem nassen, tiefen Kamin, ob'dem wir endlich etwas, rasten konnten. Ueber uns leuchtete die letzte Spitze., Wir klommen ihr entgegen über die letzte Wand. Dann.kam ein Augenblick, der mich an einen wackligen Block fesselte. Ich musste mich dort verankern, warten und sichern. Simon Rähmi: war am Gipfelblock. Ich hatte Zeit zu Betrachtungen am Rande des Luftraumes. Niemals mehr werde ich wohl in meinem Leben an einer solchen Stelle stehen vor einer Tiefe, in die schweigende Wände lotrecht abwärtsschossen. Unbegreiflich weit unten waren die gelben Felsen von silbernem Gletscherstrom.umbordet. Ich spürte einen starken und zähen Lebenswillen in mir, ich war der Radio-Empfang überall — auch im Auto Die Zeiten liegen nicht allzuweit zurück, da der 'Besitz eines Radio-Empfangs-Apparates etwas Ausserordentliches bedeutete, sozusagen ein Privileg höherer Klassen war. Dennoch hat das Radio bald Eingang, in sämtliche Volkskreise gefunden, hat seinen einmal begonnenen Siegeslauf ununterbrochen fortgesetzt, ist wie kaum etwas anderes zum Allgemeingut geworden und noch steigt die Zahl der Konzessionäre immer weiter an. Sie finden das Radio überall. In der Großstadt wie in den abgelegensten Bergtälern, zur Luft und auf dem Meere" werden die Aetherwellen ieingefangen und — vorausgesetzt, dass Sie ein Auto Ihr Eigen nennen — ist es soweit, dass Sie, wo immer Sie sich auch befinden mögen, gewissermassen nur auf den Knopf zu drücken brauchen, um in den Bereich der wichtigsten Sender Europas zu gelangen. Zwar hat man schon vor Jahren Versuche für einen störungsfreien Empfang im Automobil gemacht. Dies, war keine einfache Sache, denn jede Kerze musste entstört werden, und trotz dieser Massnahme erwies sich der Empfang nicht als einwandfrei. • •, Dies ist nun alles anders geworden. Der Auto- Radio «Philco», welcher in einer der grössten amerikanischen Radio-Fabriken hergestellt wird und zur obligaten Ausrüstung von 29 der bekanntesten Automobilmarken der Welt (u. a. Ford, :Studebaker, Nash, Chrysler, Byick, Hudson» • Terraplane etc.) gehört, stellt zweifellos ein vollkommenes Gerät auf diesem Gebiet dar. Es handelt sich um einen 6-Röhren-Apparat; der sich in kürzester Zeit in jedem Wagen mit zwei Schrauben befestigen lässt. Bei offenem Wagen wird die Antenne mit Vorteil unter dem Trittbrett, bei geschlossenem unter der Bedachung montiert. Der Erfolg dieses Modells darf als eklatant bezeichnet werden. Da starten Sie beispielsweise an einem herrlichen Tage zu einer Ueberlandfohrt, schaffen Kontakt, die Kilohertz-Skaia neben dem Uhrenbrett wird hell beleuchtet, dann ein Drehen, Sie stellen ein und hören irgendwelche Station auf eine Art und Weise, die Ihnen schlechthin Bewunderung abnötigt. Prachtvoll der, Klang, der Ihnen entgegentönt, rund und voll der Ton und, was das Wesentlichste ist, ohne jedes, vom Motor herrührende Nebengeräusch: Kein Knacken und Rattern ^DAI f4ne Datinkonn Inaal beeinträchtigt die Sendung. Die Entstörung ist verblüffend gut gelungen, so gut, dass man sich keiner Uebertreibung schuldig macht, wenn man sagt, dass dieser Apparat mit jedem Haus-Radio getrost rivalisieren kann. Dabei verfügt er über eine ausgezeichnete Trennschärfe — eine unscheinbare Drehung nach links oder rechts bringt die eherne Caruso-Stimme, die Sie eben hörten, zum Verschwinden, und der Sprecher der Nachrichtenagentur vermittelt Ihnen einen Bericht über die Arbeiten des Dreizehner-Komitees und des Achtzehner-Ausschusses, oder Sie schmachten plötzlich in den Klängen eines melodiösen Tangos des B.B.C.-Orchesters. Die einwandfreie Wiedergabe der Tonfarbe der einzelnen Instrumente und Stimmen verdient besondere Erwähnung. So vereinigt denn dieser Apparat, der zudem äusserst preiswürdig ist, alle guten Eigenschaften in sich, die man von einem Radio heute verlangen darf. Erfreulich ist sodann die saubere Präsentation der Anlage, die einem beim Betreten des Wagens gar nicht in die Augen fällt, und wenn schliesslich Einwände darüber laut werden sollten, dass das Auto- Radio den Fahrer ablenke, so kommt uns einmal mehr die Statistik zu Hilfe, welche besagt, dass unter anderm in den Vereinigten Staaten vor» Nordamerika die als Folge des Auto-Radios registrierten Verkehrsunfälle sich gegenüber andern Unfallsursachen verschwindend gering ausnehmen, IlL Das führende Geschäft für Photographie und für die Behandlung Beste Arbeiten. Uebliche Preise. Druck, Cliches und Verlag: HALLWÄG A.-G» Hallersche Buchdruckerei und Waznersche Verlazsanstait. Berp Ihrer Ferienaufnahmen ^* _ ^ _ ^_ _ ^ _. » . _ . ^_ ^\ T »_._ >^_^^ ^^^ ^*m W« #« *V*1IP TnUfn« OC AOQ Praktische Bureaumöbel erleichtern die Arbeit! Ich liefere Ihnen komplette neuzeitliche BD.roeinrichtungen und Herrenzimmer. Auch Einzelmöbel wie Diplomaten und Bücherschränke In verschiedenen Ausführungen. In beliebigen Holzarten in Nussbaum, Eiche, Buche, Lim. .iba, auch halbhart in erstklassiger Ausführung, mattspritzlackiert oder anpoliert. Bitte Katalog verlangen. A. ERNST, Möbelfabrik HOLZIKEN (Aargau)

IV. Blatt Automobil-Revue Nr. 62 BERN, 31. Juli 1936 JLila Anemonen Lila Anemonen dunkelblaues Band hangen über grünen Vasenrand. Blumenschalenformen knetet Gottes Hand, Borgen schwerer Erde adelig Gewand. Frauenhände legten, blütenbleich und bloss, diese Anemonen In den Schalenschoss. A Wien. r -.. -v" AJ Lippenblütler Botanische Studie von M. Cramer. Der Lippenblütler, bekannter unter dem mehr volkstümlichen als wissenschaftlichen Art- und Sammelnamen Kuss — und deshalb in den nachfolgenden Betrachtungen weiterhin als solcher bezeichnet — gehört zu jenen Gewächsen, welche mit Vorliebe im Verborgenen blühen; er ist sozusagen ein ungiftiges Nachtschattengewächs. Seine Heimat liegt grösstenteils in Europa, Amerika und Australien; in Asien und Afrika kommt er weit spärlicher vor. Auf einsamen Landwegen,, hinter umfangreichen Bäumen oder dichtem Gebüsch kann man ihn gut beobachten, denn im allgemeinen scheut er die Oeffentlichkeit. Grelles Tageslicht schadet seinem Gedeihen, er bevorzugt träumerische Dämmerung und vor allem dunkle Nacht, — obwohl mondhelle Nächte seiner Verbreitung und seinem Wachstum sehr förderlich sind. Gedämpftes Mondlicht, besonders in warmen Sommernächten, kann ein solch massenhaftes Auftreten des Kusses verursachen, dass man ihm in nachtstillen Parkanlagen, in einsamen Gehölzen und Strassen auf Schritt und Tritt begegnen kann, — ja er wuchert dann manchmal so zahlreich, dass er für überempfindliche, zimperliche Seelen geradezu ein Aergernis bildet. Es ist sogar schon vorgekommen, dass von obrigkeitswegen gegen die Ueberhandnahme des Kusses eingeschritten werden musste, aber seine Lebenskraft und seine Zähigkeit sind so gross, dass er bis jetzt alle Massnahmen zu seiner Ausrottung oder auch nur Verminderung siegreich überwunden hat. vielen drohenden Gesten begleitet; obschon ich massigen Bauch eines Militärs, der mir als nur wenig von der Sprache Cervantes verstand, war mir doch klar, dass nicht Wohl- eine Entschuldigung und blicke in ein Comandante T... vorgestellt wird. Ich stammle Gesicht, haberinnen finden, so erfreut ein zu feuchter Kuss sich doch keiner grossen Beliebtheit. Ob der .Kuss zu den nützlichen oder schädlichen Gewächsen gezählt werden muss, ist eine in weitesten Kreisen heissumstrittene Frage. Dass er wohltuend und von äusserst lindernder Wirkung sein kann, weiss man sp ziemlich allgemein, ob aber der von ihm fast ebensooft angestiftete Schaden seinen Nutzen aufwiegt, ist bis heute noch nicht festgestellt worden. Hier wartet eine interessante Aufgabe auf den Statistiker. In Amerika kann ein zur Unzeit gepflückter oder geraubter Kuss sehr unliebsame Folgen nach sich ziehen. Geldbussen, vo4 mefirereji hundert Dollar und mehr oder weniger lange; Gefängnisstrafen, sind keine Seltenheit. Ja, es ist vorgekommen, daSs der Uebeltäter ohne lange Umschweife zu « lebenslänglich » verurteilt worden ist. , Noch eine Eigentümlichkeit des Kusses ist, dass er bei dauernder und neugieriger Betrach- j tung urplötzlich verschwinden kann, ein Phä- | nomen, welches die Wissenschaft bisher nicht 5 restlos aufgeklärt hat. Man vermutet aller- [ dings, dass die übergrosse Scheu des Kusses j dabei eine Rolle spielt. — Denselben Erfolg s hat z.B. auch die unerwartete Bestrahlung mit ! einer Taschenlampe oder mit Autoscheinwerfern. Wie mancher, in schönster Entwicklung begriffene Kuss ist dadurch nicht schon in seinem Wachstum gehemmt worden und elend zugrundegegangen! Allerdings nur zeitweilig zugrundegegangen, denn bei wieder eintretender Dunkelheit erholt er sich meistens rasch wieder. Jedenfalls ist der Kuss lichtempfindlich. Deshalb findet man ihn fast nie im Sonnenschein, in hellen Strassen oder auf verkehrsreichen Plätzen. Wohl trifft man hier und da einige verkümmerte, schwächliche Exemplare auf Bahnhöfen und Schiffsstationen an, die aber den Vergleich mit der üppigen, vollentwickelten Art der in der Einsamkeit Gediehenen in keiner Hinsicht aushalten können. Das Kussgewächs verlangt übrigens wenig Pflege, es ist ausserordentlich anspruchslos, ein wenig Liebe und Aufmerksamkeit genügen, um es in kurzer Zeit zur schönsten Entwicklung zu bringen. Ohne viel Uebung kann jedermann sich mit seiner Kultur befassen, und schon nach kurzer Zeit recht lohnende und schöne Resultate erzielen. Die Davos-Parsennbahn Es wäre falsch, wenn man annehmen wollte, dass der Kuss nur in der freien Natur zu finden sei. Sorgfältige Beobachter und tiefschürfende Forscher haben ihn schon hinter Türen, auf dunkeln Treppenabsätzen, in Zimmerecken, ja sogar in Kellern angetroffen; auch auf Heuböden, in Scheunen und hinter höheren Gartenmauern zeigen sich manchmal ganz gut entwickelte Kussexemplare. Eigentümlich ist, dass die Entstehung des Kusses sehr oft mit einem sozusagen schnalzenden Geräusch verbunden ist, dessen Aufeinanderfolge und Stärke jeweils vom mehr oder weniger hohen Feuchtigkeitsgehalt der beiden Blütenhälften abhängt. In Fachkreisen spricht man deshalb von einem trockenen und einem feuchten Kuss; und wenn auch beide Abarten ihre Liebhaber und Liebführt von Davos (1550 m ü. M.) in 20 Minuten nach dem Weissfluhjoch (2660 m) in ein vielfältiges, botanisch, geologisch und landschaftlich einzigartiges hochalpines Wandergebiet. Der Höhenweg (von der Mittelstation Höhenweg der Parsennbahn) und der neugebaute Schia-Felsweg (vom Weissfluhjoch aus) verbinden das Parsenngebiet mit dem Strelagebiet und der Schatzalp. Busi ist gwundng IMe spanische Polizei. wollen aus der Rede des Carabinero spricht. Wie der leibhaftige Erzengel Michael steht er da, um mich aus diesem Paradies von Meer und Sonne zu verjagen, nur trägt er ein Gewehr statt des feurigen Schwertes! Immer härter wird sein Blick und immer Mit geschlossenen Augen liege ich im staubfeinen Sand der baskischen Küste. Hin und wieder blinzle ich auf das weite Meer, das wie blaue Seide sich vor mir ausdehnt. Plötzlich fühle ich mich beobachtet und werde auch gleich darauf nicht eben sanft angeredet, um den Annäherungsversuch eines Caballero kann drohender seine Haltung. Mich verteidigen es sich also kaum handeln. Ich öffne die Au- kann ich nicht, meine schüchternen französischen Einwendungen bleiben unverstanden, ja gen und zu meinem grossen Erstaunen gewahre ich vor mir einen Carabinero in drohender diese Sprache scheint den Fanatiker noch mehr Haltung, mit strengem" Blick* So können nur zu reizen. Schliesslich bleibt mir nichts an- die « Augen des Gesetzes » blicken! Schnell deres übrig als das Feld zu räumen, es geht nicht ohne Spiessrutenlaufen unter den neu- unterziehe ich mich mein Aeusseres einer flüchtigen Inspektion und konstatiere: alles gierigen Blicken, die mir folgen. Missmutig in Ordnung, ja es ist Tatsache, dass ich so- und verärgert kehre ich ins Hotel zurück und gar weit mehr angezogen oder weniger aus- verberge mein Strandpyjama zu unterst in meigezogen bin als sämtliche Strandnachbarn. nem Reisekoffer. Mein Strandpyjama lässt in dieser Hinsicht Am folgenden Morgen — ich mache gerade nichts zu wünschen übrig, es reicht vom Hals Reisepläne und studiere den Fahrplan —- bis zum Fussknöchel und doch scheint es, als — klopft es: ich möchte hinunterkommen, zwei ob dieses vom Hüter der Moral irgendwie als Offiziere möchten mich sprechen. Mein Herz anstössig empfunden wird. Jedenfalls scheint klopft, wäre es möglich, dass hierzulande ein es auf ihn einen ähnlichen Eindruck zu machen harmloses Strandpyjama samt seiner Trägerin wie das rote Tuch auf den Stier. Warum? als gesetzeswidrige Objekte eingesperrt werden Vielleicht weil dieses Strandkleid seinen Ein- könnten?? «Hinter den Pyrenäen fängt Afrika gang in diesen Strand im Norden Spaniens an,» fällt mir ein; wer es gesagt hat, weiss noch nicht gehalten hat? In seinem Eifer übersieht der gute Mann, dass rechts und links Weiblein und Männlein vorschriftswidrig ohne Bademantel nen, gesetzeswidrig erscheint ihm heute nur mein Pyjama. Ein Redeschwall verweisender Worte übergiesst sich über mich, von ebenso- (Tuggener Photo) und mein Strandpyjama ich nicht mehr, aber irgendwo steht s geschrieben, und vielleicht ist doch was Wahres daran? Solchermassen sind meine Gedanken, sich son- und mit Herzklopfen gehe ich meinem Schicksal entgegen. Ich sehe Uniformen, goldene Galons und in meiner Verwirrung kollidiere ich fast mit dem nicht mehr ganz Ordonnanz-