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E_1936_Zeitung_Nr.067

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16 Regie des

16 Regie des Kilometerfressens Fortsetzung von Seite 14. Versuche, durch Kurzwellen eine ständige Verbindung zwischen Wagen und Boxe aufrecht zu erhalten, haben bislang keine befriedigenden Resultate ergeben, weshalb man allgemein zu der altbewährten Signalisierungsmethode durch Schwenken farbiger Flaggen und Hochhalten von Tafeln mit verabredeten Buchstaben- und Zahlengruppen zurückgekehrt ist Jeder « Stall» hat seinen eigenen, streng gehüteten Signalcode, der überdies von Rennen zu Rennen geändert wird, damit die böse Konkurrenz nur ja nicht hinter die Bedeutung der einzelnen Zeichen kommt. Endlich ist der grosse Moment des Starts da. Die Wagen stehen in Reih und Glied aufgebaut, die Motoren dröhnen schon ungeduldig, der Rennleiter geht noch einmal von Fahrer zu Fahrer, um jedem die Hand zu drücken und Hals- und Beinbruch zu wünschen. Der Starter senkt die Fahne — los braust die wilde Meute. Die « Regie » tritt in ihre letzte und entscheidende Phase ein: der Rennleiter wird zum Feldherrn, bei dem alle Fäden aus Front und Etappe zusammenlaufen. Endlos dehnen sich die Minuten, bis die Wagen aus der ersten Runde zurückkommen. Wer wird an der Spitze liegen ? In was für Abständen folgen die übrigen ? Das sind immer die beiden wichtigsten und für die Linie der einzuschlagenden Taktik bestimmenden Fragen. Da: Kompressorgeheul schwillt auf, ein Rudel niedriger brüllender Schatten rast an den Boxen vorbei, Dutzende von Stoppuhren werden im Zeitraum weniger Sekunden gedrückt. Nun weiss man, wie es auf der Strecke aussieht und "kann die bereitliegenden Flaggen und Signaltafeln in Aktion treten lassen. Da hat ein Fahrer die im Schlachtplan des Rennleiters vorgesehene Rundenzeit aus irgendwelchen Gründen überschritten und muss energisch zum Schnellerfahren aufgefordert werden, damit der Anschluss an die Spitzengruppe nicht verloren geht. Ein anderer droht vor Übereifer seinen Motor vorreitig lahmzulegen — der braucht also einen Die Grossen des Volants, die jetzt fast allwöchentlich vor Hunderttausenden von Zuschauern im Kampf um Sieg und Ruhm ihren Kopf riskieren, die vor keinem Risiko, keiner Niederlage zurückschrecken — was tun und treiben sie, wenn sie zuhause sind, allein, ohne Rennmaschine, ohne Kameraden und Konkurrenten, sich selbst überlassen? Wie verbringen diese schnellen Männer, die um fit zu sein, ausgeruhte Nerven, ein schnelles Auge, körperliches Wohlbefinden und Lust und Liebe in die Schlachten mitbringen müssen, wie verbringen Sie ihre «freie Zeit»? Sind sie verheiratet, sind sie ledig, haben sie einen anderen Beruf — kurzum, womit beschäftigen sie sich, wie lenken sie sich ab oder bereiten sie sich vor für ihren Beruf, an dem sie so leidenschaftlich hangen? Nur selten sind die Rennfahrer Familienväter. Drei unter ihnen sind uns als solche bekannt Das sind die beiden italienischen Matadoren Fagioli und Nuvolari, ebensogute Familienväter wie grosse Künstler des Volants, und Philippe Etancelin, der in Rouen mit seiner Frau und seinen drei blonden Kindern ein glückliches Heim besitzt. Fagioli ist Fabrikant und eifriger Jäger. Vor seiner Flinte ist kein Wild sicher. Er reitet sein Steckenpferd mit solcher Passion, dass er vielleicht sogar mitten aus dem Rennen zur Jagd fahren -ÄÜTOMOBIE-REVÜE DIENSTAG, 18 ' AutiUöT WS8 —» ken und Reifenwechseln, was immer einen der spannendsten Momente im ganzen Rennen bedeutet. Kaum ist der Wagen mit knirschenden Bremsen zum Stehen gekommen, da stürzt sich auch schon ein Trupp von Monteuren über ihn, um mit fliegender Hast und trotzdem äusserster Akkuratesse die nötigen Arbeiten daran vorzunehmen. Jeder Handgriff ist vorher hundertmal eingeübt, jedes Werkzeug liegt haargenau am richtigen Platz, jeder Mann ist ein vollendqter Künstler in seinem Fach, aus einer Riesenschar von Bewerbern sorgsam ausgesiebt In weniger als einer Minute sind die Reifen ausgewechselt, die Tanks aufgefüllt — der Motor springt wieder an und der Fahrer zieht von neuem in den Kampf. Rennfahrer ohne Autos... würde, wenn ihm Jemand zuriefe: «Du, Luigi, da unten ist ein Schnepfenstrich im Vorbeiziehen...». Dieser starke, dunkle Italiener liebt das Rennen mehr als die Vorbereitungen dazu und in den letzten Jahren, in denen er Mercedes fuhr, haben "Vorübergehende oft gehört, dass ihn der 'Rennleiter Neubauer wiederholt bat und anhielt, dieses oder jenes an seinem Wagen zu versuchen, worauf Fagioli abwehrend beide Hände von sich streckte und immer wieder flehentlich erwiderte : «Nix probieren — nix probieren». Sein Konkurrent, nicht nur im Rennwagen, sondern besonders auch auf weidmännischem Gebiet, ist Achiille Varzi, der in der Nähe von Mailand ein kleines Gut sein eigen nennt, auf dem er vor allem Früchte «züchtet». Seine Erdbeeren geniessen beinahe Weltruf und auch sein Salat und Gemüse munden ihm und seiner Familie ausgezeichnet. Achille, temperamentvoll oind doch gutmütig, hält sich eine Anzahl «aufgelesener» Hunde, die er betreut und die ihn lieben. Auch er ist von Jagdfieber befallen und es gibt nur wenige Dinge, die ihn davon abhalten können. Achille trägt die auserlesensten und am elegantesten geschnittenen Anzüge und ist mit seiner Familie, seinen beiden Brüdern und seinen Eltern ein Herz und eine Seele. N*tff Was treiben sie c in Zivil» ? Immer wieder schwirren Briefe durch" die Welt, die Sensationelles aus dem Privatleben der Fahrer wissen wollen und die besonders die Zeitungsredaktionen unbeantwortet lassen müssen. In den letzten Jahren sind es da vier Fahrer, von denen die Oeffentlichkeit immer! wieder alles Mögliche und Unmögliche in Erfahrung bringen möchte. «Was macht der Caracciola, wenn er keine* Rennen fährt? Was isst der Nuvolari am liebsten, wie lange ist er verheiratet und hat er tatsächlich einen erwachsenen Sohn? Hat der Stuck zwei Brüder, die ihm ähnlich sehen : und welcher davon ist der Skifahrer und lässt er sich nicht bald scheiden? Wie alt ist der. junge Rosemeyer, wohnt er in Berlin oder im Rheinland — was ist seine Lieblingsfarbe?» Solche und ähnliche Fragen 1 gehen auf Hunderten von Postkarten durch die Hände der Postbeamten und bleiben meist unbeantwortet. Nun, wir wollen einmal versuchen, ein wenig hinter die Kulissen zu leuchten und herauszuspionieren, was zu spionieren ist Hundeliebhaber und Bastler... Der vorjährige Europameister, «Rudi» oder «Caratsch» genannt, ist im Privatleben ein bescheidener, stiller Mann, der am liebsten unerkannt seine Ruhe geniesst und seine Ferien mit Freunden verbringt, von denen sein Intimus der erfolgreichste deutsche Langstreckenfahrer Bernet ist. Er hat eine «grosse Liebe» und das ist sein Dackel «Moritz», schon 8 Jahr& bei ihm, Tag und Nacht, aber mitunter «herrischer» als sein Herr. Caracciolas Leidenschaft sind die Autos, Maschinen und Motoren. Er bastelt gern und ist Fachmann auf diesem Gebiet. Sein Privatwagen ist der beste Spiegel seines eigenen Ichs. Er liest viel und spielt mit Feuereifer «Belotte», : ein Kartenspiel, das er allen anderen vorzieht Durch seine Verletzung ist er in der Ausübung anderer Sports gehandicapt aber bei seinem regelmässigem Leben und dem langen Schlaf hält er — wenns drauf an-^ kommt — länger und zäher durch als der / Jüngste. Kräftig Holzhacken... Alls Stallgenossen von Caracciola nennen wir gleich den immer freundlichen und trotz seiner Pechsträhnen nie unglücklichen oder verzagenden Manfred von Brauchitsch. Er lebt bei seiner Mutter in Berlin und sein Freund, Ratgeber und Manager ist sein Bruder Harald. Manfred ist ein kühner Schwim- (Fortsetzung Seite 18.) »?•*. Die Zündung, die Sie brauchen Im modernen Leben ist die Abnützung der Nervenkraft, wie Sie als Automobilist wissen, ungeheuer. Nur eines kann entgegenwirken: Verbesserte Ernährung. Sie müssen Ihrem Motor den besten Brennstoff, das beste öl zuführen, wenn er dauernd eine hohe Tourenzahl laufen muss. Für den menschlichen Korper ist Ovomaltine der beste Betriebsstoff. Trinken Sie davon morgens und abends eine Tasse. Sie werden die gute Wirkung bald verspüren, wenn der Motor wieder regelmässig arbeitet. OVOMÄLT] stärkt auch Sie! Warten Sie nicht erst eine Panne ab, um Ihre Zündkerzen zu wechseln, sondern tun Sie dies jetzt schon. Preise: Fr. 3.60 Fr. 2.- kleinen Dämpfer für seinen Tatendrang. Manchmal mögen den Fahrern die Anweisungen der Boxe reichlich spanisch vorkommen, doch befolgt werden sie in jedem Fall ohne Zögern — denn : die Boxe weiss alles, der Fahrer nichts, die Boxe befiehlt und der Fahrer gehorcht. Nur der Rennleiter vermag den Stand der Schlacht wirklich zu übersehen und die nötigen taktischen Entscheidungen zu treffen. Wenn jeder Fahrer auf eigene Faust wie ein Wilder drauflosrasen wollte, wäre das Resultat aller Wahrscheinlichkeit nach kein Sieg, sondern lediglich ein unentwirrbares Chaos. Runde um Runde geht das Rennen weiter. Zum festgesetzten Zeitpunkt erhält jeder Fahrer von der Boxe den Befehl zum Tan- die Buchse zu 500 die Büchse zu 250gr Dr. A. WANDER A.-G., BERN Verkauf durch die Garagen, Mechaniker und Bosch-Dienste

JJ° 67 — DIENSTAG, 18. AUGUST 1936 AUTOMOBIL-REVUE 17 Rennfahrer ganz privat Nuvolari mit Frau und Sohn, zur Abwechslung mal unter den Zuschauern. Sie kennen ihn doch? Caracciola, der sonst auf Sekunden und Sekundenbruchteile, Jiier aber auf «greifbarere» Dinge Jagd macht. Familie Brauchitsch zu Hause, rechts Manfred, der famose Rennfahrer, links sein Bruder und Manager Harald. Tennis, Golf, Jagen, Ski- und Motorbootfahren, das sind nur ein paar von Stucks sportlichen Passionen. Unser Bild zeigt ihn und .seine Frau im Gespräch mit «Mr. G.>, König Gustav v. Schweden. Er und Sie und ihr Steckenpferd: Rosemeyers geht nichts über das Fliegen. HERM. GRABER Carrossier, WJCHTRACH