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E_1936_Zeitung_Nr.072

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BERN, Freitag, 4. September 1936 Nummer 20 Kp. 32. Jahrgang - N» 72 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Aasgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlieb Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.5Ö Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Grosskampftage in Sicht! Bundesrat und Via Vita. — Diskussionen um die eidgenössische Verkehrssteuer. — Vor- und Nachteile des Umlageverfahrens. Mittwoch, den 26. August a.c, setzte sich bekanntlich der Bundesrat, resp. der Chef des Finanzdepartementes und der Vorsteher des eidg. Post- und Eisenbahndepartementes, mit den in der Via Vita zusammengeschlossenen Vertretern des motorisierten Verkehrs an den Verhandlungstisch. Um es vorweg zu nehmen : Zu irgend einer Beschlussfassung kam es nicht. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren; als habe der Bundesrat im Hinblick auf den 5. Juli 1936 in väterlicher Weise durch Handbieten zu einer Möglichkeit des «Kropfleerens» die erbosten Landeskinder besänftigen wollen. Von all den vielen Problemen, welche die Motorfahrzeugbesitzer und Benzinkonsumenten zur demonstrativen Stillegung ihrer Vehikel gezwungen, wurde nicht gesprochen. So bedauerlich es anmutet, auch diese Konferenz muss als Hornbergerschiessen qualifiziert werden. Nicht Beimischungszwang, Abbau der Motorfahrzeugsteuern, Revision der bundesrätlichen Benzinzollpolitik standen im Brennpunkt der Diskussionen. Dahin hatte der Eise.nbahnminister geschickt die Sanierung der Bundesbahnen, resp. die Einführung einer eidg. Verkehrs- und Benzinsteuer geschoben. Diese verhandlungstaktische Geschicklichkeit verdient besonders erwähnt zu werden, denn durch die Aufrollung des Problems einer eidgenössischen Verkehrssteuer Erscheint Jeden Dienstag and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gtlbe List«" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 • Postcheck III414 * Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Versucht er nicht mehr und nicht weniger als die Front vom 5. Juli a. c, d. h. die am motorisierten Strassenverkehr interessierten Gruppen in zwei Lager zu scheiden. Eine alte Tatsache — getrennt ist der Feind leichter zu schlagen ! Und nachdem einzelne am Umlageverfahren besonders interessierte Verbände den Bundesrat durch Eingaben über die Ansichten und Marschrichtungen der verschiedenen, der Via Vita angeschlossenen Gruppen orientierten, dürfte es diesem nicht mehr allzu schwer fallen, den grossen und kleinen Benzinkonsumenten das Gesetz des Handelns zu diktieren. Mittwoch, den 2. September a. c, hat sich nun die Via Vita in einer zahlreich beschickten Sitzung mit dem ebenso weitschichtigen wie noch unabgeklärten, schwer erfassbaren Problem einer eidgenössischen Verkehrssteuer befasst. Bezeichnend genug, dass an dieser Aussprache all diejenigen Gruppen nicht teilnahmen, resp. entschuldigt abwesend waren, welche, da sie sich von dieser Massnahme eine merkbare Belebung ihrer unter den Auswirkungen der praktizierten Motorfahrzeugsteuerpolitik stagnierenden Branche versprechen, die eidgen. Benzinsteuer auf ihre Fahne geschrieben haben. Immerhin gibt es auch erfreuliche Gegenstücke hiezu; beispielsweise die Einstellung des Grossteils der Traktorenbesitzer. Trotzdem diese durch eine solche Umlage ja nur gewinnen könnten, sind sie mit Rücksicht auf die Gesamtinteressen des Motorfahrzeugverkehrs und in richtiger Erkenntnis der mit diesem Projekte verbundenen grossen Gefahren dafür nicht zu begeistern. Zweifellos hat die Ablösung der kantonalen Motorfahrzeugabgaben durch eine eidgenössich zu erhebende Benzinsteuer auf den ersten Blick etwas unendlich Faszinierendes. Wer versteht besser als die Automobilisten, die nun schon seit Jahren gegen den nimmersatten Fiskus in all seinen Formen kämpfen, dass dieses, durch die Motion Walter ausgelöste und vom Vorsteher des Eidgen. Eisenbahndepartementes eifrig unterstützte Projekt in weiten Kreisen freudiges Echo findet? Die reine Betriebsstoffsteuer schliesst unter gleichzeitiger Verkörperung des gerechten Steuerprinzips eine Menge derart grosser Vorteile in sich, dass sich eine weitgehende Befürwortung dieser Besteuerungsart sehr wohl begreifen lässt. Sicherlich sprechen zahlreiche Gründe für die Ersetzung der nach 25 verschiedenen Berechnungsmethoden erhobenen Verkehrs-* steuern durch eine einheitliche, auf dem Treibstoff zur Erhebung gelangende Belastung, besitzt diese doch ausserdem den Vorzug einer indirekten und sukzessiven Besteuerung. Das sind Lichtseiten der reinen Treibstoffsteuer; sie hat aber auch Schattenseiten, und zwar sowohl technischer als wirtschaftlicher, verfassungsrechtlicher und nicht zu- letzt politischer Natur. Schwerer als all diese Bedenken aber fällt die Erkenntnis ins Gewicht: niemand und nichts bietet Gewähr, dass es unter den herrschenden und stets grösser werdenden Finanzkalamitäten bei der. dem heutigen Motoffahrzeugsteueraufkommen entsprechenden Mehrbelastung von lOVi—// Rappen pro Liter Benzin sein Bewenden hat. Gebrannte Kinder fürchten das Feuer, und sowohl Automobilisten als Benzinkonsumenten haben mehr als einmal Lehrgeld bezahlt, weil Bundesratsworte über fiskalische Gerechtigkeit, denen sie Glauben schenkten, in Tat und Wahrheit dann so anders aussahen! Am 27. September 1924 erklärte beispielsweise einer der Besten und Wägsten unserer obersten Behörde : «... es wird allen Kantonen eine Limite gestellt für die Belastung der Automobile und was darüber aufgelegt wird, von seiten des Bundes, das wird zusammen in eine Kasse gelegt und der hinterste Rappen strömt wieder hinaus in die Kantone.» Und a.Bundesrat Häberlin war nicht der Mann, der seinen Worten nicht auch die Tat folgen zu lassen verstand ! Wo aber soll man heute und für die nahe Zukunft den Glauben hernehmen, nachdem von den 50 Millionen Fr. Benzinzolleinnahmen des Bundes pro 1935 nicht weniger als drei Viertel in der Tiefe der Bundeskasse verschwinden? In Nr. 408 des « Bund > steht zu lesen: «Direktor Tanner von der Alkoholverwaltung hat in aller Form seine Bereitschaft zum Rücktritt von seinem Amt erklärt. Stimmen der Kritik, die anlässlich von Kommissionssitzungen laut wurden, veranlassten Herrn Tanner zu der Erklärung, dass seine Person für die Zukunft kein Hindernis bieten solle.» Die « N.Z.Z.» schreibt: «Dr. Karl Tanner, Direktor der eidg. Alkoholverwaltung, hat dem Bundesrat seine Demission eingereicht. Der Bundesrat hat dazu noch nicht Stellung genommen, er wird aber sehr wahrscheinlich dem Begehren entsprechen. * Während der «Bund» die Absicht des eidg. Alkoholdirektors, die Geschäftsführung für diesen Regiebetrieb einer andern Kraft zu überlassen, nur andeutungsweise übermittelt, scheint dies längst fällige Ereignis nach der «N.Z.Z.» eine feststehende Tatsache zu INSERTIONS-PREIS: ; Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp>- GrOssere Inserate nach Speziaitaril. InseratMischlnss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Berufsmäßiger Fahrunterricht. Seaman gewinnt die 200 Meilen von Donington. Fliegerische Ereignisse im Inimd Ausland. Ratgeber zur Sicherstellung guter Wagenleistungen. Beilage: Kein Wunder, wenn die Via Vita in einem heute nachmittag dem Vorsteher des eidg. Post- und Eisenbahndepartementes zu übergebenden Schreiben sich hinsichtlich der unterbreiteten Vorschläge eine reservierte Haltung vorbehält. Ein Umlageverfahren, das weder eine Erleichterung noch eine Mehrbelastung mit sich bringen solle, vermöge kaum zu überzeugen. Was der schweizerischen Automobilwirtschaft bitter not tue, seien Erleichterungen, und zwar merkbare, nicht 'rein fiktive. (Fortsetzung Seit» 2.) Geht ei» oder ^£eh£ er nicht I sein. Eingezogene Erkundigungen lassen die Richtigkeit dieser letztern Version vermuten. Dass es sich um ein neues Märchen des Alkoholgewaltigen handle, vermag man trotz allem nicht zu glauben. Das Ergebnis des 5. Juli 1936 war zu niederschmetternd; solche Scherze kann sich selbst ein eidg. Beamter nicht leisten. Allerdings hat die eidg. Alkoholverwaltung unter der Leitung Direktor Tanners dem Schweizervolke verschiedentlich Überraschungen gebracht, die durchaus nicht angenehmer Natur waren. Millionendefizite derartigen Ausmasses sind vor allem unter den heutigen Wirtschaftsverhältnissen kein erfreuliches Präsent. Bleibt also vorsichtshalber die offizielle Bestätigung dieser Demission abzuwarten. Die Automobilisten allerdings werden diesem Kapitän, der ein ziellos auf ungeheurer Schnapsflut umherirrendes Schiff verlässt, kaum eine Träne F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 7. Fortsetzung. Sie nahm die Golddose aus der Tasche und puderte sich. «Ich möchte Sie um etwas bitten », sagte Lukas. «Ja?» Hinter ihrem Kopf stand die dunkle Nacht, schwarze Silhouetten der Bäume. Dann griff überm Wald ein bleicher Scheinwerferarm hoch, glitt ruckweise über den Himmel und versank am Horizont. Ein Warenhaus sandte ruhelos seine leuchtende Reklame aus. «Ich möchte Sie bitten... Sie sollten mir versprechen...» « Der Brief ? » Sybil klappte die Dose zu. « Ja, zerreissen Sie ihn doch, werfen Sie ihn jetzt fort! Es steht etwas Böses darin, oder Sie wollen Böses darin finden... Es ist nicht gut für Sie, diesen Brief zu behalten, vielleicht werdei Sie etwas lesen müssen, das Sie traurig macht...» Lukas brach ab. Man konnte ihr doch nicht sagen : Es ist furchtbar für mich zu denken, dass Sie traurig wären. Oder das Schrecklichste : dass Sie zornig wären. Dies Gesicht darf nicht von Tränen und nicht von Zorn verletzt werden! Es ging nicht an, ihr eine lange Rede zu halten, verwirrte und inbrünstige Variationen über das Thema: .Erspar mir dieses Elend, dich leiden zu sehen und nicht helfen zu können P «Wenn Sie mir versprechen wollten...», wiederholte er laut, und es war für eine Frau nicht'schwer, aus seiner Stimme all die heimlichen und leisen Worte herauszuhören. « Soll ich versprechen, was ich nicht halten kann ? » Sybil sagte : « Sie verstehen ja nicht, um was es geht! Vielleicht ist es ein harmloser Brief — und nur weil ich ihn nicht lese, im letzten Augenblick korrekt bleiben will, werde ich gegen zwei Menschen voll Misstrauen und Bitterkeit sein. Wäre es nicht schändlich, trotzdem an Korrektheit, an dieses widerliche ,Dastutmannicht' zu denken ? » Sybil lebte nach ihren eigensten Gesetzen. Darin hiess es : diesen Brief zu nehmen, war ganz in der Ordnung. Man muss vor niemand erröten, weil man gestohlen hat. Erniedrigt und verächtlich wäre man erst dann, wenn man ohne Grund andere für niedrig und verächtlich hielte. « Aber vielleicht stehen Dinge in diesem Brief, die mich ins Herz treffen und mein Leben zerschlagen. Gut. Dann werde ich die Wahrheit ertragen.» Wer konnte wissen, zu welchen Göttern dies Indianermädchen betete und die sie mit Kraft beschenkten. Aber es war ihr zuzutrauen, dass sie jede Wahrheit ertrug. «Ich kann nichts versprechen. Ich muss den Brief lesen. Noch bevor ich abreise...» Lukas sah plötzlich einen langen Eisenbahnzug vor sich, der die Bahnhofhalle verliess. Endlos viele Waggons — und in jedem sass Sybil. Hundertfach blickte sie aus den Fenstern und fuhr zu Konstantin. «Vergessen Sie mich nicht ganz in Zürich », bat er. Sie wandte sich zu ihm und betrachtete ihn ernst. «Nein ! Lieber, wie dürfen Sie glauben, dass ich Sie vergessen werde...» Ihre Augen waren ganz nah, Lukas konnte die schimmernden Splitter in den Pupillen erkennen, grün und bernsteinfarben. Dann fühlte er ihre Finger auf seinem Handrücken, sie lagen still und rührten sich nicht. Hätten sie streicheln sollen ? Sich anschmiegen ? Diese Hand waf frei von aller Koketterie, sie lag auf der seinen, leicht, matt und suchte Ruhe. «Ich habe viele Freunde», sagte Sybü. « Hier und in andern Städten. Vernünftige und kindische und gute Freunde, aber... Aber es war doch immer nur eine Art Händel. Man hat ein kleines Mitleid geboten und dafür ein Stückchen Treue zurückbekommen; Wärme gegen Aufrichtigkeit eingetauscht Und nichts war umsonst, alles musste bezahlt werden... Es kann sein, dass wir sogar noch stolz darauf waren, uns nichts schenken zu lassen.» Warum sah sie ihn nicht mehr an ? Was suchten ihre Augen am Himmel? Sie waren weit offen und tranken sich voll mit Dunkelheit. « Sie waren heute sehr gut zu mir. Idi habe es mit nichts verdient, dass sie so gut und warm mit mir sind. Und zärtlich. Männer haben im bestei Fall für ihre Geliebten ein bisschen Zärtlichkeit, aber nie für fremde Frauen, die langweilige Geschichten von fremden Männern erzählen...» Ihre Blicke Hessen die Dunkelheit los und kehrten sanft zu ihm zurück. « Wie froh ich bin, dass ich Sie gefunden habe, Lukas !» Sie lächelte, sie sagte .Lukas'. Und ihre Hand lag noch immer auf der seinen.