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E_1936_Zeitung_Nr.073

E_1936_Zeitung_Nr.073

BERN, Dienstag, 8. September 1936 Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N« 73 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS.PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjahrlieb Fr. 5.-, jährlich Fr. 1 O.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtiich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Besser spät als gar nicht Treffender Iässt sich die vom Bund und auch von einigen Kantonen befolgte Strassenbaupolitik, insbesondere hinsichtlich des eigentlichen Alpengebietes, nicht charakterisieren. Jahrelang sah die Schweiz tatenlos zu, wie das benachbarte Ausland sein Gebirgsstrassennetz, und zwar nicht zuletzt auf Grund strategischer Ueberlegungen, im Eiltempo ausbaute. Eine grosszügige und für kommende Entwicklungen berechnete Kombination militärischer und touristischer Gesichtspunkte schuf unsern vier Nachbarstaaten innert wenigen Jahren auf autotouristischem Gebiete Möglichkeiten, denen wir Gleichwertiges nicht gegenüberstellen können und die uns daher noch auf Jahre hinaus im Wettbewerb um den Fremdenzustrom schwer benachteiligen. Dass man aber heute an verschiedenen, leider nicht unmassgebenden Stellen weiterhin die Augen vor den im internationalen Autotourismus sich vollziehenden Wandlungen krampfhaft verschliesst, dürfte auf Faktoren zurückzuführen sein, die ihren Ursprung teils in Verkehrs- oder militärpolitischer Kurzsichtigkeit, teils in der Angst um die Schiene haben. Doch das Rad der Zeit aufhalten oder zurückdrehen kann niemand; ja — nicht einmal versuchen wird man es ungestraft. Verfolgt man aufmerksam die Entwicklung des über unsere Grenzen rollenden ausländischen, motorisierten Tourästenstromes, dann erkennt man ganz deutlich gewisse Ermüdungserscheinungen. Wohl ist die Schweiz mit den auf kleinem Raum zusammengedrängten Naturschönheiten, mit ihren wirkungsvollen Kontrasten auch heute noch einer der Magneten des internationalen Reiseverkehrs. Vor allem aber unter dem Drucke der innenpolitischen Verhältnisse, sowohl im Süden als im Norden, im Osten wie im Westen unseres Landes, freut sich mancher Fremde, wenigstens während einigen Tagen die freiheitlichere Luft unserer Heimat atmen und vielleicht den Schnabel, der allzulange schon verbunden, öffnen zu dürfen. Doch wenn der eidg. Oberbauinspektor, wie dies kürzlich, in Lausanne der Fall war, behauptet: «Das gefürchtete Umfahrenwerden der Schweiz hat noch nicht begonnen», dann irrt er sich gewaltig. Das ist eine Amtsstubenansicht — von der Wirklichkeit himmelweit entfernt! Dem Rufer in der Wüste gleich, machten wir seit Jahren wieder und wieder auf die Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „CMbe Lütt" Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 • Passtrassen die von ffiS-Kausgebautive/ven • Strassenprojekte die'voraussichtlich'zur'Ausführung -. Andere tlpenstrassen - Mmeß Gr.? Bernhard REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern unserem Fremdenverkehr infolge des tmausgebauten Gebirgsstrassennetzes drohenden Gefahren aufmerksam. Schmale, in endlose Staubfahnen gehüllte Paßstrassen sind abschreckend und nicht anziehend, mag das durchfahrene Gebiet daneben auch ausserordentlich reizvoll sein. Hatte ein Automobilist seinen Wagen erst einmal durch die Dolomiten, über den Grossglockner oder die Packstrasse, vielleicht auch über die teilweise geteerten französischen Pässe gesteuert, dann zog es ihn unwiderstehlich immer wieder nach diesen Gefilden, wo das Fahren' selbst für den Wagenlenker einen Genuss bedeutet. Um wie vieles leichter noch muss sich der Ausländer durch den beissenden Staub unserer Pässe, deren Befahren teilweise eine ans Akrobatische grenzende Fahrkunst 'voraussetzt, vom Besuche der Schweiz abhalten lassen! Neulich erst sind die Insassen eines französischen Automobils beim Befahren der Forclaz verunglückt. Für jeden Kenner dieser Strasse (?) hatte die Nachrkht wenig Ueberraschendes; meist wundert man sich nur, dass nicht noch mehr passiert. Und dabei handelt es sich um den bedeutungsvollen Uebergang Chamonix-Martigny. In Chätelard und auf dem Col de Morgins sind die Grenzsteine zugleich Marksteine eines rückständigen, schweizerischen Alpenstrassenausbaues. Auf französischem Boden je eine mindestens um 2 Meter breitere, geteerte Strasse, im Reiseland par excellence dagegen staubige, eher ah einen Geissenweg als an eine Autostrasse erinnernde Pfade, auf denen jedes Ueberholen ausgeschlossen ist und das Kreuzen einem Kunststück gleichkommt. Nicht viel besser sind die Strassenverhältnisse beispielsweise bei Gondo an der Simplonstrasse, am Splügen und am Umbrail. Seit Jahren wurden Stimmen laut, die diese Rückständigkeit betonten und auf ihre üblen Auswirkungen aufmerksam machten. Längst schon verlangte man positive Arbeitsbeschaffung durch den Ausbau unseres Gebirgsstrassennetzes. Die Krisennot hat drückend und die Arbeitslosigkeit entmutigend werden müssen, ehe unsere Behörden sich ermannten. Wohl riet der eidgenössische Oberbauinspektor zu wiederholten Malen: «Anfangen, weiterfahren,* wenig reden, weniger schreiben» — doch erst im Jahre 1936, am letzten Freitag, stimmte der Bundesrat einem sich über sechs Jahre erstreckenden, also bis 1942 aufgestell- Das schweizerische Alpenstrassennetz, welches mit Hilfe der Eidgenossenschaft wahrend den nächsten 6 Jahren ausgebaut wird. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeüe oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschlnss 4 Tone vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Spritbeimischung zu Oel. Int. Alpenwertungsfahrt für Nutzkraftfahrzeuge. Englische Tourist Trophy. Motorfahrzeug-Aussenhandel. Verkehrsteilung durch dringlichen Bundesheschluss. ten Teilprogramm für den Ausbau unserer Alpenstrassen zu. In Berücksichtigung der vorhandenen beschränkten Mittel beschloss unsere oberste Landesbehörde, die aufzuwendenden Gelder in Höhe von 27 Millionen Franken für den Ausbau bestehender Strassenanlagen zu reservieren. Nun verbleibt aber von den durch die eidgenössischen Räte bewilligten Krediten eine Summe von 12 Millionen Franken, die dann für die Erstellung neuer Strassen, von denen das Susten-, das Pragel-, das rechtsufrige Wallenseestrassenprojekt oder an dessen Stelle dasjenige des Panixer, eventuell das Segnesprojekt in Frage kommen dürften. Das genehmigte Programm sieht für die nächsten sechs Jahre den Ausbau der folgenden Strecken vor; Im Zuge der touristisch und militärisch wichtigen Verbindung Genfersee—Vierwaldstättersee, als Parallele zur exponierten und bedeutend später fahrbaren Strecke Brig— Furka—Oberalp—Chur die Strasse Aigle-Col des Mosses-Chäteaii d'Oex-Saanenmöser-Zweisimmen-Spiez. Die Strecke Aigle-Le Sepey-Einmündung des Col des Mosses in den Col de Pillon ist geteert, teilweise ausgebaut, vielfach aber noch zu schmal. Auf der Nordrampe des erstem Passes, zwischen Les Moulins und l'Etivaz, wurden bereits grössere Steindepots für die Ausführung des Strassenbettes angelegt. Die Simmentaistrasse ist streckenweise ebenfalls ausgebaut; der überwiegend grössere Teil jedoch harrt der Inangriffnahme. Baustellen befinden sich u. a. bei Weissenburg und im Zweigstück Wimmis-Gwatt. Die Bevorzugung des Col des Mosses ist auf die Möglichkeit der leichtern Offenhaltung im Vergleich zum 100 Meter höher gelegenen Col de Pillon zurückzuführen. Ausserdem drängten vor allem die Waadtländer auf den Ausbau dieses Strassenzuges, obschon eigentlich die Strasse Diablerets-Col de Pillon- F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 8. Fortsetzung. Da standen sie nun, Freunde, denen man einmal ein kleines Mitleid geboten und die dafür ein Stückchen Treue zurückgeschenkt hatten. Sie hatten ihre Liebeshändel und Geschäftssorgen, ihre Tennisplätze, ihre Bureaux, ihre Clubs. Inmitten der Wirklichkeit lebten sie und sassen mit gesundem Hunger am Tisch der Jugend. Dankbar genossen sie, was es zu geniessen gab, Arbeit, Liebe und Feste. Sybil war unter ihnen aufgewachsen oder hatte sie freiwillig als Kameraden gewählt — aber jetzt betrachtete sie einen nach dem andern und überlegte: < Sind das wirklich meine Freunde ? Gestern hab ich es noch geglaubt — morgen glaub ich es vielleicht wieder, aber gerade jetzt... Tibor soll mich nicht so anstarren, und fieses zankende Ehepaar macht mich nervös. Catherina ist sicher falsch. Lilli ist noch die beste, aber sie stört mich auch. Und Tony, diese leere Paragraphenmaschine... > Sybil verriet in einem einzigen Augenblick alle ihre Freunde und verteidigte sich lautlos : Darf es sein, dass mich diese Spatzen überfallen und mir die Ohren vollärmen ? Nein, das darf nicht sein ! Dieser Abend gehört mir, nur mir, ich muss Abschied nehmen —aber nicht von euch. Die Spatzen sprachen laut und eifrig durcheinander «Hast du schon Suzannes Kindchen gesehen ? Es ist so reizend, du musst unbedingt ...» «Muschi ist jetzt in der Schweiz, vielleicht ...» «Bleiben Sie auch im Winter in Zürich ? » «... vielleicht triffst du sie. Sie ist in Locarno... Ach so, das ist weit von dir ? > «... musst es dir unbedfngt ansehen ! Suzanne wäre sehr gekränkt.» Sybil schwieg, horchte, nickte. Manchmal erinnerte sie sich, dass sie mit diesen plappernden Automaten befreundet war, vergangene Jahre mit ihnen geteilt hatte, Wünsche und Freuden. Dann lächelte sie erstaunt und suchte angestrengt nach freundlichen Worten. Da sind hungrige Spatzen und zudringliche Bettler, sie sagen : wir wollen ein bisschen Futter, meine Liebe, wir wollen einen Groschen, und das ist unser Recht! «Lilli, du musst mich in Zürich besuchen ! Ihr andern auch, natürlich, alle müsst ihr kommen ! Segeln, Schwimmen und Schwyzerdütsch lernen. Wir haben auch einen Garten, Konstantin sagte mir am Telephon, dass ein grosser Garten zum Haus gehört — es wird euch sicher gefallen. > Baby war entzückt: « Wundervoll! Tibor kann uns in seinem neuen Wagen hinfahren ! > « Tja, das kann ich. > Tibor wandte sich zu Sybil und erklärte : «Ein Mercedes-Benz — schauerlich gute Sache ! » Er tat einen Schritt zu ihr hin, vorsichtig wie ein Seiltänzer, dem Abgründe drohen. Sybil schien ihm liebenswerter als je, und er war entschlossen, ihr das mitzuteilen. Aber Baby trat dazwischen. « Sei still, unglücklicher Knabe! » * Warum ? » fragte Tibor. Im Saal knatterte die Trommel, verstummte jäh. Dann brach das Orc^0*'^ los : Ain't she sweet... Sybil wurde vergnügt. «Kinder, ihr wollt doch tanzen... Nein,, ich bin zu müd dazu. Aber lasst euch nicht stören. Aux armes citoyens ! > «Los ! » befahl Baby. < Wir kommen nachher wieder zurück, Sybil. > « Ja, ja.» Ain't she nice... Sybil winkte ihnen nach und flüsterte Lukus zu : « War es arg ? Gleich ist es vorbei! » Sie lachte und winkte zur Tür hin. «Lieber, rufen Sie schnell den Kellner. Wir müssen uns beeilen, um fortzulaufen! Und das wollen wir doch, nicht wahr, wir wollen fortlaufen ? » Das Taxi war klapprig und altersschwach. Aber es war nicht genug Zeit, um einen andern Wagen telephonisch herzurufen, auch konnte man nicht zu Fuss in die Stadt zurückmarschieren. Und Sybil hatte es eilig wie ein Pferdedieb. « Schnell, vite, avanti! > Sie sprang in den Wagen. < 0 nein ! * sagte der Chauffeur « tschuldigen schon, aber ich bin bestellt. » Er war empört, sein weisser Schnurrbart zitterte.