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E_1936_Zeitung_Nr.074

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BERN, Freitag, II. September 1936 Nummer 20 Rp. 32. Jahrgang - N» 74 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jtbrlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gen. Unfallversich.) rierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Wer übernimmt die Verantwortung? Noch entzieht barmherziges Dunkel die Höhe des Fehlbetrages, welchen das neue Budget der eidg. Alkoholverwaltung ausweisen wird, den Augen der 'Oeffentlichkeit. Je nach Bewertung der Vorräte, die unter dem Zepter von Direktor Tanner bekanntlich beängstigendes Ausmass annahmen, kann diese « Ueberraschung » recht verschieden ausfallen. Kaufmännisch gerechnet, böte die Kalkulation allerdings kaum Schwierigkeiten. Doch dieser landwirtschaftlich orientierte Regiebetrieb misst eben mit anderer Elle : •Als wäre solches Geschäftsgebaren durchaus in Ordnung, werden an Stelle errechneter Millionengewinne seelenruhig Millionenverluste ausgewiesen. Um den ganz ordentlich verfahrenen Karren der eldg. Alkoholverwaltung wieder flott zu machen, hat, wie allgemein bekannt, der verantwortliche Kutscher dann das famose Projekt der Beimischung von Alkohol zu Motortreibstoffen ausgeheckt. Der Bundesrat seinerseits baute dies Notventil folgsam ins zweite Finanzprogramm ein und so sah sich der Benzinkonsument eines Tages vor dem unentrinnbaren Zwang, früher oder später, wenn auch nicht 'gerade den überflüssigen Alkohol, so doch den aus der Beimischung resultierenden Preisaufschlag schlucken zu müssen. Diese wachsende Verkoppelung automobilistischer Interessen mit den Bedürfnissen der eidg. Staatskasse, vor allem aber die Heranziehung gänzlich unbeteiligter Kreise zur Sanierung eines Regiebetriebes, hat zu Spannungen geführt, die je länger je mehr explosiblen Charakter tragen. Motorfahrzeugbesitzer and Benzinkonsumenten verkörperten in den Augen der Behörden allzulange eine Milchkuh frömmsten Gemütes. Protestierende Stimmen identifizierte man mit Hetzern ohne Gefolgschaft und wiegte sich hinsichtlich der Engelsgeduld der über 100,000 Motorfahrzeughalter in trügerische Sicherheit. Erst der 5. Juli 1936 projizierte auf die eidg. Leinwand ein getreues Bild der herrschenden Stimmung. Gross war die Verwunderung, als man sich plötzlich einer geschlossenen Einheit gegenübersah, als man erkannte, dass selbst politische, konfessionelle, kantonale, ja sogar örtliche Verschiedenheiten hier vor dem Willen zur einmütigen Kundgebung zurücktraten. * F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 9. Fortsetzung. Der Chauffeur lenkte in die neue Kurve, gab Warnungssignale. Die Hupe bellte durch die Nacht « Verliebte », dachte er. « Die haben's gut. Manchmal möcht' man doch wieder jung sein...» Er erinnerte sich, dass ihm vor zwanzig Jähren jeder Weg zu kurz war, wenn er ein Mädel heimbegleitet hatte. Drei Worte, ein paar Küsse — und ohne dass man wusste, wie man hingelangt war, stand man plötzlich vor ihrem Haus, musste sich trennen. Adieu, nach drei Worten und ein paar Küssen — das war bitter... Er schaltete um, fuhr langsamer. Der Zeiger fiel zurück. Fünfzig, fünfundvierzig, dreissig... Vielleicht gab es ein ordentliches Trinkgeld, aber das war nicht wichtig. Er tat es einfach, weil er ein gefühlvoller Mensch war, seine Teilnahme andeuten wollte. Dreissig- Erseheint jeden Dienstan and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlieh 1 mal „Gelbe Ust»" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Schon wiederholt hörten wir die Ansicht, dieser Wink mit dem Zaunpfahl sei zu zart gewesen, von solchen Protesten lasse man sich im Bundeshaus nicht ins Bockshorn jagen. Nun — das war auch nicht die Absicht der am motorisierten Strassenverkehr interessierten Kreise. Die Stilllegungsaktion wollte in erster Linie mit gewissen Vorurteilen aufräumen und dartun, dass die Verwechslung der Steuerschraube mit einer Mostpresse selbst den zahmen Automobilisten in Wut versetzen kann. Doch die ßuehe nach neuen "eidg. Einnahmequellen geht trotz dem 5. Juli a.c. emsig weiter. Man ist wirklich bald versucht, von einer « Steuerschlacht» zu reden. Mit Interesse verfolgen Motorfahrzeugbesitzer und Benzinkonsumenten das Ringen um die Erhöhung der Biersteuer. Mit Recht wird auf die psychologischen Wirkungen hingewiesen, welche eine Erhöhung der Detailpreise nach sich ziehen müsste, und es findet dies Argument auch weitherum starke Unterstützung. Die Kräfte hinter den Kulisi sen scheinen hier recht stark zu sein. Jedenfalls erinnert sich der Automobilist nicht ohne Bitterkeit daran, dass, als die Tanksäulenpreise für Benzin am 25. Juni 1935 von 36 auf 42, resp. 43 Rp. pro Liter schnellten, kein Hahn danach krähte. Wieder und wieder> wurde seither unsern Bundesvätern von den verschiedensten Seiten das Steuereinmaleins vorgerechnet. Man Hess nichts unversucht, um sie von der Tätsache zu überzeugen, dass eine Erhöhung der Steueransätze nicht unter allen Umständen grössere, sondern im Gegenteil von einer gewissen Grenze an bestimmt kleinere Einnahmen bringe. Umsonst ! Wünschelrutengängern gleich wussten sie immer neue Finanzquellen aufzuspüren. Und der Erfolg? Rückläufige Zoll-, Stempel- und Couponssteuereinnahmen ergeben für das laufende Jahr bereits einen Fehlbetrag von 50 Millionen Fr., der sich pro 1937 auf 70—80 Millionen Fr. erhöhen dürfte! Sicherlich ist die Situation, in der sich unser Bundesrat heute befindet, mehr als nur verzwickt. Bestimmt verstände es auch nicht jeder der immer zahlreicher werdenden Kritikaster besser zu machen. Eines aber steht fest: Der Bundesrat hat die Voraussetzungen für diese wenig vertrauensvolle Entwicklung teilweise selbst geschaffen. Man denke Kilometer-Tempo hiess diskretes Mitfühlen. Er war Chauffeur und sein Herzschlag vom Geschwindigkeitsmesser abzulesen. Die beiden sassen nebeneinander, nur darauf bedacht, sich nicht zu berühren. Lukas sah zur Seite und zählte die Laternen. Sybil studierte den Rücken des Chauffeurs. Armer krummer Rücken im abgetragenen Rock. Dies klapprige Auto und der schwerhörige ausgediente Mensch waren einander ähnlich wie Geschwister. Warum fuhr er jetzt so langsam ? Irgendwo, tief unten in der Stadt, zählte eine Glocke die Stunden ab, andere antworteten, schwer und dunkel kamen ihre Stimmen durch die Stille. Ach was — lass die Glocken rufen. Konstantin ist betrogen worden ! Einen Tag vor der Hochzeit, ein paar Stunden vor der Abreise nach Zürich —, ist Konstantin betrogen worden... Nun, ob dieser Kuss früher oder später geküsst worden wäre, tat eigentlich nichts zur Sache; es ging Sybil in diesem Augenblick auch nicht darum, dass sie Konstantin betrogen hatte. In ihren Gesetzen stand « Gerechtigkeit! » — aber jetzt dachte sie nicht daran, über sich Gericht zu halten. Etwas viel Schlimmeres war geschehen, etwas Schreckliches: die Liebe selbst ist ver- nur an die bei allen passenden und unpas- 1 senden Gelegenheiten vertretene These der Anpassung und die Unmöglichkeit, die durch den Bundesrat ergriffenen Massnahmen damit in Uebereinstimmung zu bringen. Ein anderer Vorwurf, der sich zusehends in den Vordergrund drängt und sowohl eidgenössisch« als kantonale Behörden trifft, ist das zaudernde Eingreifen, die sogenannte Pflästerchenpolitik. Ein in seiner Art typisches Beispiel hiefür liefert der bundesrätliche Ergänzungsbericht zu den beiden Alkoholbotschaften vom 18. Mai und 15. Juni 1936 betreffend den Voranschlag über den Betrieb der eidg. Alkoholverwaltung für die Zeit vom 1. Juli 1936 bis 30. Juni 1937. Zweifellos wird dies, hoffentlich letzte Elaborat Tanners angenommen werden. Wen kümmert's, dass es bedenkliches Flickwerk darstellt und keinesfalls als saubere Lösung angesprochen werden darf! Da Automobilisten und Benzinkonsumenten jedoch ziemlich sicher einen Teil dieser Zeche berappen müssen, können wir nicht umhin, einzelne Stellen dieser Botschaft etwas näher zu beleuchten. Die Frage der Beimischung von Alkohol zu den Motortreibstoffen berührt sie nicht. Dagegen zieht sich durch den ganzen Bericht wie ein roter Faden das Alpha und Omega der. = Ueberzeugung des zurücktretenden Alkofeoldirektors: Ich bin Landwirt und habe als solcher in erster Linie und utn jeden Preis die Interessen dieser durch die Krise besonders betroffenen Kreise zu schützen. Zwar sind die Automobilisten die letzten, welche die schwierige Lage der schweizerischen Landwirtschaft verkennen. Das hindert sie aber nicht daran, wehmütig die Millionen zu schätzen, welche die Politik des auf eine Karte Setzens, wie sie die eidgenössische Nebenregierung in Brugg praktizierte, gekostet haben mag. Einer der hauptsächlichsten Förderer dieser Politik, der ehemalige Chef des Volkswirtschaftsdepartementes, sucht heute sein Heil in der Frankenabwertung. Seiner Ansicht nach der einzige verbleibende Ausweg, nachdem gerade mit seiner Hilfe die landwirtschaftlichen Produktenpreise auf übersetzte Höhe getrieben wurden. Und der erwähnte Ergänzungsbericht bewegt sich in einem nicht sehr verschiedenen Fahrwasser, heisst es doch darin: «In Mittelbetrieben mit einer durchschnittlichen Verarbeitungsmenge von 50 Wagen Obst lassen sich nach zuverlässigen Erhebungen die Brennkosten mit rund Fr. 70.— je hl Branntwein 100 % ermitteln. In Grossbetrieben mit einer Verarbeitungs- raten worden. Die grosse Liebe zweier Jähre, alle Tränen und Kämpfe sind verraten worden. Wenn das geschehen konnte, dann hielt überhaupt nichts mehr fest, dann durfte man seinem eigenen Herzen nicht mehr glauben... Sybil starrte auf den krummen Chauffeurrücken. Sie dachte : Ich bin ein verlorenes Geschöpf. Was ich anfasse, ist wie Sand und rinnt mir durch die Finger. Kann ich nicht einmal meine Liebe festhalten ? Bin ich vielleicht nur eine kleine Verliebte, die blind in jeden Arm fällt, der sich nach ihr ausstreckt ? Eine mondaine Dame, die nach einer koketten Geste gesucht hat, um von ihrer Freiheit Abschied zu nehmen ? Oder hat diese drückende Luft Schuld, Neugierde, die Musik der Nacht... Nein, nein, ich liebe Konstantin, nichts auf der Welt lieb ich so wie ihn, das hab ich zwei Jahre lang geglaubt und glaub es noch jetzt. Konstantin ist mein Schicksal und die Erfüllung meines Lebens. So ist es ! Ich will, dass es so ist... Lukas hatte aufgehört, die Laternen zu zählen, aber sie waren trotzdem wichtig geblieben ; bei jeder Lampe tauchte Sybils Gesicht aus dem Dunkel, schweigsam und verzweifelt INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren^Raum 45 Rp. Grässere Inserate nach SpezialtarU. lUMratcnsehlnss 4 Tnne vor Encheinen der Nummern Wir berichten heute über: Zürcher Verfeehrssteuera. Grosser Preis von Italien. Sicherung gegen das Zurückrollen am Hang. Strassenverbindung Glarus- Bündner Oberland. Beilage: menge von 200 Wagen betragen die entspre*' chenden Kosten Fr. 55.—.» Nun geht jedoch die durchaus glaubhafte Mär, es hätten Unterorgane der Alkoholverwaltung diese Brennkosten bei Grossbetrieben auf Fr. 30.— und bei Mittelbetrieben auf Fr. 42.— je hl errechnet. Die erste Kategorie soll beispielsweise für in Auftrag gegebene Brennarbeit ganze Fr. 15.— je hl 100% igen Alkohol verlangen! Um die Grossbrennereien aber vor Schaden und Konkurs zu bewahren, habe der Alkohol direktor grossmütiges Entgegenkommen gezeigt. Eines steht fest: Qer eingesetzte Uebernqhmepreis von Fr. 160.—; resp.< Fr, 155.— je hl Branntwein ist weiterhin als übersetzt zu bezeichnen. Ein solcher von Fr, 12Q.— gäbe den Grossbrennereien noch immer genügend Gewinnchancen. Einmal mehr — Bevorzugung der Grossen und Benachteiligung der Kleinen, denn die Kleinbrenner, auf die die geringste Quote der Gesamtproduktion entfällt, kommen auch diesmal nicht auf ihre Rechnung. Dass die Alkoholerzeugung sich für die Grossen unter dem neuen Gesetze zu einer lukrativen Angelegenheit entwickelt haben muss, geht aus folgender Tatsache hervor: Brennereien wie Münsingen und Düdingen, die vordem gar kein Obst brannten, kaufen heute systematisch Obst zu Brennzwekken auf. Zum Kapitel «Verwertung der Kernobsternte ohne Brennen» stellen wir folgendes fest: Hier wird die Forderung nach Frachtbeiträgen zwecks Erleichterung des Exportes von Mostobst gestellt. Dieselbe Botschaft aber sieht die Hauptursache der heutigen Belastung der eidg. Alkoholverwaltung im Wegfall des Mostobstexportes und berechnet weiter an Hand von Zahlen die Bedeutung des Mangels an Ausfuhrmöglichkeiten für die eidg. Alkoholverwaltung beispielsweise bei Sie war doch kein Schulmädchen, das zum erstenmal seinen Mund verschenkte und getröstet werden wollte ! Warum hatte sie ihn geküsst, wenn sie vorhatte, deshalb gekränkt zu sein ? Jetzt sass sie da, stumm, verängstigt, und wenn sie den Mund auftat, würde sie sicher sagen : < O Gott, was hat man mir getan !» Lukas redete sich in eine schöne, anklagende Wut hinein. Er wusste nicht, was nach diesem Kuss hätte sein sollen — aber s o hätte es nicht sein dürfen! Er fühlte sich betrogen, um wunderbare und nie erlebte Dinge, die für ewig verloren waren; wenn ihn Sybill jetzt in Stich Hess. Zum Teufel, wenn sie jetzt ihr Gewissen erforschte und an Konstantin, dachte wie eine armselige Ehebrecherin ! Vielleicht würde sie nicht klagen, sondern pathetisch werden ? « Was hab ich getan...» Gut, nur zu — er war bereit, jede Enttäuschung zu ertragen. Lukas litt, weil sie neben ihm sass, ohne dass er sie berühren durfte, weil sie sich nach diesem Kuss zurückgenommen hatte, ohne ihm ein Wort oder einen Blick zu schenken. Er war sich bewusst, dass sie nicht gekränkt war. Viel schlimmer : er hatte sie traurig gemacht Das war so unverzeihlich,