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E_1936_Zeitung_Nr.074

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12 Automobil-Revue —

12 Automobil-Revue — N° 74 Tessiner Leben Ich lebte arm und einsam im Tessin und schrieb Gedichte. Das ist keine einträgliche Beschäftigung. Meine Tafel war danach besetzt, aber mir würzte Zufriedenheit das Mahl. von Johannes Vincent Venner. Im Kamin ging das Feuer nicht aus, denn in den Wäldern lag Abfallholz, das den Armen gehörte. Ueber dem Feuer hing an der Kette i. Stunde vorbehalten, das Bild dieses prachtvol- ein Kupfertopf, in dem ich jeden Morgen Polenta kochte, die für den Tag ausreichte. An Wer zwei Jahrzehnte hindurch, im Frühling, len Mannes in den weichen Farben seiner Hei- Sommer, Herbst und Winter, zwischen Gott- «nat festzuhalten. Nur Beginn und Ausklang Hunger litt ich nicht; nein, gewiss nicht... hard und Chiasso, zwischen Fusio und Acqua- unserer Freundschaft möge diesen Blättern ancalda, zwischen Camedo und San Bernardino vertraut sein, mich ab und zu wie ein Alpdruck überfiel; Ich litt vielleicht unter der Einsamkeit, die all die grünen Talschaften und Sonnenhänge, _ * die sich zu Zeiten gleich einer würgenden die Seeufer und weichen Hügel der Südschweiz Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen Angst auf meine schlaflosen Nächte legte. durchstreifte und auch zu dem verborgensten wäre, wie ich vor vielen Jahren, nach einer Aber diesen Nächten folgte ein junger Morgen und weltverlassensten Dörflein, das mit be- tüchtigen Talwanderung, hungrig und durstig und die Sonne schien wieder über meinem scheidenem Campanile aus dem hochstäm- das erstemal im Grotto «Mai Morire» einmigen Kastanienwald schimmert, hinaufstieg, kehrte. Ein Roccolo? Das ist ein kleiner Turm im Roccolo. hat dieses Land der Sehnsucht kennen gelernt. Es war im Herbst. Die Trauben hingen prall Kastanienwald, der vor Zeiten für wandermüde Vögel errichtet wurde, die auf ihrem und blau an den Stöcken und in den Pergolas. • Von den Wiesen erklang talauf, talab das Geis«*- der weidenden ' ten suchte ich, wo ich hinkam, zuerst den Cu- Cu- Jj u dc r Auf allen meinen Tessiner Entdeckungsfahrr langen Südlandflug rasten wollten. Diese Rast jf t ödenden Herden. "In n mächtigen wurde den gefiederten Sängern zum Verhängnis. rato und seine Kirche auf, sah mich im Chor Hutte * ^ugen Frauen goldgelbe • «—••-' Maiskolben Nicht Liebe zur Kreatur hatte den Turm er- und im Schiff nach Fresken und Basreliefs, l om / cl . dc . heim ' um "» 2Um Ausreifen an baut, sondern der Bauer, dem uccelli mit Po- nach Tafelbildern und Holzskulpturen und in Fenstereinfassungen und in Lauben aufzuhän- lenta köstlich mundeten, der Sakristei nach Truhen, Altargerät und Messgewändern um. Von dem liebenswürdigen Pfarrherrn erhielt ich bereitwillig Auskunft über das Archiv, über die Schicksale des Sprengeis und die Chronik seiner Geschlechter. Am Abend setzte sich der geistliche Herr zuweilen mit mir ein Stündchen an den Kamin einer verrauchten Osteria. Respektvoll rückten die Bauern zusammen und machten uns am Feuer Platz. Hier lauschte ich ergriffen den Erinnerungen der Auswanderer. Sie haben in der neuen Welt ihr Glück versucht und sind arm, wie sie gegangen, aber mit brennendem Heimweh in der Seele zu der von den Vätern ererbten Scholle zurückgekehrt. Wenn man mit feuchten Augen ihre Liebe zu dieser magern, steinigen Stiefmuttererde, die doch so unendlich schön ist, erlebt hat, dann weiss man tief um das Geborgensein im engen Kreise von Wiege, Herd, Kirche und Grab. Bald ist es Herbst II. Im Tale der kristallklaren, forellengesegneten Maggia liegen neben üppigen Mais- und Getreidefeldern kärgliche, von niedern Steinmäuerchen umfriedete, dem — vom Bergsturz •••••••••••BHiHiHaHBi und Steinschlag verschlungenen — Boden ' mühsam abgerungene kleine Aecker mit Kartoffeln und Buchweizen. Neben mächtigen, ur- gen. In einigen Tagen sollte die Vendemmia, alten Kastanienbäumen und wohlgepflegten die Leset, beginnen. Weinbergen ranken sich ausgeblutete, müde, Ich hatte mich unter den Kastanienbäumen knorrige Reben an verkropften Weiden und vor dem Haus an einen Granittisch gesetzt und nackten Maulbeerstrünken empor. Neben wür- eine Flasche Nostrano bestellt; dazu einen digen, reichgeschmückten, auf hoher Warte tüchtigen Imbiss. thronenden Kirchen stehen rührend beschei- Die Schalen der Kastanien klopften fast im dene Kapellen und Votivaltäre und neben Gleichklang rings um mich auf die Erde und stattlichen Palazzi armselige Hütten. die reifen Früchte sprangen braun und glän- Wenn man in diesem stillen Tale da und zend aus ihrem stachligen Schoss. dort etwas wie Reichtum — das wäre zuviel' Wie gut man hier sass und wie tief man bei wie Behaglichkeit und Wohlhabenheit antrifft, dieser köstlichen Ruhe in Herz und Seele hordann stammen sie von kalifornischem Golde. chen konnte. Das Glockengeläute der Herden Es gab eine Zeit, die noch nicht so weit zu- und das helle Lachen der Frauen waren die rückliegt, da kannte jeder Bursche im Maggia- einzigen Töne, die in meine Versonnenheit tal nur das eine Ziel, auszuwandern und als klangen, in meine weiche Versponnenheit, reicher Mann in sein Dorf heimzukehren. Fast welche mich wie eine rosenrote Wolke umgab, alle, die ausgewandert sind, kamen zurück. Dann trat der alte Serafino mit einer Wenige reich, und der franziskanische Hauch, Flasche und zwei irdenen Boccalino an meinen der über dieses Tal hinweht, ist geblieben. Tisch. Wie der Himmelspförtner in eigener Die Dörflein liegen am Fluss. Einige rechts, Person war das prachtvolle Greisenhaupt in die meisten links von der Maggia. Alle sehen meiner Träumerwolke aufgetaucht. Sein « Persich ähnlich wie Geschwister. Die alten Hau- messo Signore!» klang gütig und kam von ser stehen um die Kirche wie Kücken um die Herzen. Er setzte sich an den Tisch, ent- Glucke. Und wo ein Campanile gen Himmel korkte die Flasche und füllte die Tonkrüglein, weist, gibt es auch einen Grotto und eine Wir stiessen lachend an und waren bald im Bocciabahn, damit der Teufel, nach einem tiefsten Gespräch. Der Nostrano floss wie alten Tessiner Spruch, auch zu seinem Rechte Milch durch die Kehlen und unsere Worte komme. klangen wie Amselrufe auf den Lippen. Zwischen Avegno und Gordevio liegt an der Seither suchte ich Serafino oft auf, und immer waren die mit ihm verbrachten Stunden Strasse der Grotto « Mai Morire »... Auf meinen vielen Wanderungen durchs voll Anregung und Fruchtbarkeit. Maggiatal hielt ich oft geruhsame Einkehr, Dann wurde ich krank. Lange lag ich zwitrank aus irdenem Boccalino roten Nostrano sehen Tod und Leben in einem schmalen Spiund spielte mit dem Wirt eine Partita. Den talbett. Als ich nach der 4 schweren Operation feurigen Politikern um mich herum — und die aus der Narkose aufwachte, stand am Bett fehlen in keiner Osteria und in keinem Grotto mein alter Freund und fing meinen ersten su- — Hess ich ihren Willen und ihr Paradies. Ob chenden, aus dem Nirwana zurückgekehrten es regnete, ob es schneite, ob die Sonne zu Blick auf. heiss schien: an allem war ihr «Governo ladro» Er lächelte mir zu. schuld. Serafino wusste um meines Herzens Not und * Bitternis. Während ich in Fieberdelirien den Der Wirt war von gutem Schrot und Korn, einen süssen Namen hauchte, hatte mich die Seine siebzig Jahre trug er rank und aufrecht, geliebte Frau verlassen. Nie erschien die in- Unter dem schlohweissen Haar sprang eine nig Ersehnte unter der offenen Tür, nach der hohe, zerfurchte Stirne hervor, und zwei Augen ich vom Erwachen bis zur Dämmerung mit träblitzten einen an, die von ihrer Jugendglut nenblinden Augen hinsah, nichts eingebüsst hatten. Serafino Guggini war Als ich wieder gehen konnte, war er bei mir auch einer von jenen Glücksuchern, der drüben und führte mich in das geliebte Tal, in seinen das Glück nicht angetroffen hat und als Gold- Grotto, wo eben die Kastanien ihre weissen Wäscher kein Gold fand. Der sich dann als Blütenkerzen angesteckt hatten. Dort genas Kuhhirt, als Tramp und Kellner, als Hand- ich vollends von meiner Krankheit, aber nicht langer und Feldarbeiter durch die Staaten ge- vom Weh der Sehnsucht. Die Wunde des schlagen hat, bis ihn ein glücklicher Stern wie- Herzens wollte nicht vernarben und riss bei der der der Heimat zuführte. leisesten Berührung wieder blutend auf. Es Wir waren Freunde geworden und der alte gibt Wunden, die nie heilen; vielleicht schmer- Serafino hat mir oft von seinen Erlebnissen zen sie nach Jahren nicht mehr so brennend, erzählt Es sei einer besonders begnadeten aber man bleibt doch ein Krüppel. Wie rasch kommt der Herbst, wo die Trauben reifen Und Nebel ziehen über das Land ... Dann möchte ich wieder südwärts streifen, Zu dir, bei der ich einst Heimat fand. Du warst mein Frühling, du warst mein Sommer, Du warst mein heiliges Lebenslied. Du hast mich gütig gemacht und frommer, Dass ich alle -lauten Freuden mied. Noch lachet die Sommerlust im Herzen Und glüht die Seele, die um dich wirbt: Wie bald bringt der Herbst die Abschiedsschmerzen, Wenn im November die Rose stirbt. ni. Johannes Vincent Venner. Ein Judasvogel, der dick gemästet wurde, verriet mit Jubilieren seine Brüder und Schwestern und lockte sie auf die bereitgestellten Leimruten. (an der Thunstrasso) Telephon 4 Forellen, Hanune, Güggeli, Nidleplatte, Glace. Neues, heimeliges Gartenrestaurant. Nachmittags-Tee. Unterhaltung. Bescheidene Preise. Höflich empfiehlt sich Familie Künzi. Altbekannter Gasthof an der Autostrasse Kirchberg- Burgdorf-Bern. Gutgepflegte Küche und Keller. Leb. Forellen. Güggeli. Parkplatz und Werkstatt für Autos. Schattiger Restaurationsgarten. Benzintank. Tel. 74.92 Ferd. Grossenbacher-Stauffer Vierlinden Seit Monaten war ich Burgherr dieses Roccolos, der hoch oben auf der Collina d'Oro lag. Zwischen den hochstämmigen Kastanien hindurch lachte der See blau zu mir herauf. In den Pergolas der Rebberge, die sich gegen den See hinab zogen, wurden die Trauben immer praller und blauer, und auf den kleinen Getreideäckern neigten sich die Halme mit goldgelben Aehren, tiefer noch unter der Last der schweren Fruchtkolben die hochgewachsenen Stengel des Mais. Alles wuchs der Ernte entgegen und trachtete nach Vollendung und Reife. • Wenn in diesen Tagen des südlichen Herbstes das Hinausweh zu tief in mir bohrte, schloss ich mein enges Turmverlies und schlenderte durch Kastanienwald und Rebberge hinunter zum See. Da kannte ich einen kleinen Grotto, wo der Nostrano, aus dem irdenen Boccalino getrunken, köstliches Labsal war. Wie oft sass ich am mächtigen Granittisch und schickte meine Träume über den See zum südlicheren Gestade. Drüben war ja Italien. Ich stand an der Pforte und sah mit heissem Blick in das Land meiner Sehnsucht. Dort unten wartete das Florenz Dantes und der Mediceer, wartete das ewige Rom und die Griechenküsten von Sizilien, der Königin der Inseln, des erglühten Herzens. Immer wieder wandelte ich träumend nach diesen geweihten Stätten und wünschte mir Ikarus Flügel, um Berg und Meer zu überwinden und trotz* aller Erdenschwere eines Morgens unter den Rosenbüschen von Taormina zu erwachen. Arme, verirrte Seele... Das Posaunen eines Esels vor dem Karren eines Früchtehändlers schreckte dich aus versonnenen Träumen. Der Rest des Weines war schal geworden und über dem italienischen Ufer erlosch die Sonne. Langsam stieg ich die Hänge wieder empor, meinem Roccolo zu... Ich schürte die Glut des Kamins, legte Reisig und dürre Aeste darauf und setzte mich still an die auflodernde Flamme. Nun war wieder Abend und Stille um mich. Mit gefalteten Händen lächelte ich ins Feuer und dankte dem Tag für sein Glück und die Sehnsucht, die er in mir wach gehalten. So kamen und gingen die Tage und Nächte über meinen Roccolo dahin und brachten der bereiten Seele Glück und Trauer, und nach dem Gefühl der Geborgenheit wiederum die Angst der Heimatlosigkeit und die ewige Unrast des Fernwehs. Bald fällt Schnee. Dann führen über die weisse Decke keine Spuren mehr von meinem Roccolo zum See hinunter. Im Kamin wird die Flamme erloschen sein und die verwaiste Sehnsucht einer andern gefühlsamen Seele zufliegen. Auswärts essen? Gasthof Sternen Bozberfi A.C.S. T.C.S. •» befriedigen jeden Automobilisten. Konferenzzimmer. Saal. Schattiger Garten. Tel. Vierlinden 41.532. - Benzin. - Oel ' Höfl. empfiehlt sich: Farn. Daetwyler Grillroom und Restaurant. Vorteilhaft bekannt für gute Küche und Keller Neuer Inhaber: L. Stampf - Linder Worb Vertrauenssache darum Telephon 4 Ä. C. S. T. C. S. Soigniert in Küche und Keller R. Schneiter, Küchenchef Zäziwil i.E. Gasthof zum Weissen Rössli T.C.S. 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NO 74 Automobil-Revue Hermann Sommerfrische — sagen die Leute und fliehen den Sommer der Städte und der Niederungen und gehen der Kühle nach und fühlen sich wohl in der Nähe von Gletschern und ewigem Schnee. Frisch muss es sein: Nicht zu heiss und nicht zu kalt. So ist es uns Menschen aus der gemässigten Zone recht. Einige aber lieben die Hitze und ihre seltsamen Wirkungen auf die menschliche Seele oder auf die Seele überhaupt, welcher Art und Höhe der Organisation sie auch sei. Und Heben •die Zuständlichkeit aller Dinge, die wie ein Drösser Mittagstraum über allem Erfüllten ruht -und in allem Vollkommenen schläft: Diese Hitze findet man in Gandria; eine wahrhaft tropische Hitze, wüstenhaft und unbesonnen. Hier ist der Ort, wo man den tropischen Blick find den tropischen Gang bekommt, ob man •will oder nicht. Eine tropische Seele wächst in einem auf: Man tut alles, was getan werden -muss, man vergisst nichts; aber alle Verrichtungen vollziehen sich wie von selbst. Die be- »vusste Seele ist klein und unscheinbar geworden und wirkungslos, man ist wie ein Automat, »der sicher funktioniert. Es ist, als ob man keine Seele mehr habe: nordisch gesprochen. iNein, man hat keine mehr; aber man ist eine geworden, eine grosse und unbekümmerte, jrag- und probenlose Seele, eine grosse Selbstverständlichkeit. Die Sonne glüht den Verstand aus oder brennt ihn weg; die löblichen logischen Funktionen verblassen wie Edelsteine im Feuer; die Sonne zeichnet den Menschen und er wird wissend durch das viele •icht und weise in seinem Blut und wird wieuer ein Mysterium, wie er es einst war, bevor 4er nach Norden wanderte und eingefror. Mit solcherweise veränderten Gesten geht man durch diese engen, immer sauberen Gassen oder sitzt in diesen übereinander geschichteten Häuschen, von denen man nicht weiss, weshalb sie noch nicht in den See gefallen sind, über dem sie alle hängen. Und geht durch schmale Wege vorbei an Oel- und Maulbeerbäumen, setzt sich unter Rebenlauben. Es ist, Hiltbrnnner: Gandria als ob man nicht gehe; doch ist der Weg hier übersät von Blüten und Blütenblättern des Granatbaumes. Das war vorhin nicht — man ist also doch gegangen. Und dann kommt einer, der hält dir seine zinnoberroten Blüten ins Gesicht. Aber du wunderst dich nicht darüber, weil du weisst, dass es hier so sein muss. Hat man plötzlich ein feineres Gehör und ein sensibleres Geruchsorgan? Riecht oder hört man das Wehen der Düfte dieser immerblühenden Gärten, diese nie blumenlosen Ufer? Ist da nicht ein Ton in der Luft, der wie der Ton einer Flöte ist? Tausend Neuigkeiten sind da; aber sie verwundern dich nicht und wollen niemand in Staunen versetzen; denn sie wissen und alles weiss es, dass es nicht anders sein kann. Bäume und Sträucher, die wir im Norden in Gärten und Töpfen züchten und die wir oft mit der Sonne hin und herrücken müssen, wachsen hier an den Ufern ohne Pflege und Aufsicht und blühen, ohne beachtet und bewundert zu werden. Wann ist nördlich des Gotthard der Sommer so warm, dass der Oleander zur Vollblüte gelangt? Hier blühen sie unbändig, man versteht es, es kann nicht anders sein. Wen aber eines Abends die Fische im See sprangen und nachts der Mond mit einem Hof seine Wege ging und 'am Morgen die Ringelblumen geschlossen blieben, dann dunkelt es gegen Mittag und das Tal ist so, als ob es noch nie das Licht der Welt überblickt hätte und dann fängt es auf eine zackige Art zu donnern an, als ob der Donner sich erst aus vielen Haken von den Höhen losreissen müsste und erst dann stürzt er auf den See nieder und setzt den Wellen Schaumkronen auf. Dann donnert es einfach fortwährend und anhaltend wohl eine Stunde lang und die Häuslein zittern, nicht aus Angst, sondern weil es sich gehört, hier mitzuzittern, und ein heisser Regen fällt auf die heissen Dächer und klingt auf dem See. Die Barken sind schon alle aus der Stadt zurück. Und nun zieht der Regen über den See wie ein Spiel von Mandolinen und wie der leichte Tanz von tausend kleinen Fassen. Er trippelt in Schauern von einem Seeufer zum andern und wenn sich die Donner in die Piemonteserberge zurückgezogen haben, verklingt Spiel und Tanz und Land und Wasser sind wieder voll Licht und Hitze und Duft, und die Wellen flüstern etwas, was kein Mensch versteht und das doch vielleicht jeder weiss. Und dann kehrt der Tag zurück mit der sengenden Hitze, die Wunsch und Willen rötet, lähmt und plötzlich wieder weckt... Und die lauernde Ruhe, die glüht, bis sie in Blitzen Feuer fängt: Und alles dieses geht über ins Blut, als ob es eine lang schon erwartete Speise gewesen wäre. Denn einige lieben die Hitze: sie ist unbesonnen und klar, bestimmt und entschlossen; eine Sprache, die geradeaus geht, eine gewaltige Sprache, die unverklausuliert und unproblematisch die grössten Dinge der Welt sprach und die dennoch voller Rätsel ist und ein Mysterium. — Unten aber sitzt einer mitten im goldenen Nachmittag. Dieser Mann findet Zeit, sein Instrument zu spielen. Es ist Werktag; aber niemand ärgert sich hierüber. Hier weiss jeder f was wir im Norden vergessen haben: Nichts eilt; Zeit ist noch das einzige, was wir haben. Sein Spiel aber ist wie Regen, der auf dem See trippelt und prickelt, und oft ist es wie das leise Geräusch der Wellen, die an meinem Fenster wie eine Wallfahrt vorüber wandern. — Es ist alles so seltsam selbstverständlich, und diese Selbstverständlichkeit eben ist das Mysterium. Die Sage vom Bireliloch Das höchst gelegene Dörfchen im Tessin ist Bosco, weit hinten im Maggiatal. Die Einwohner nennen es Gurin, ein deutscher Name; denn sie sprechen deutsch. Vor vielen hundert Jahren sind sie aus dem Oberwallis herübergekommen. Es ist ein tüchtiger Volksschlag, der sich schlecht und recht von den kargen Berghalden nährt. Den ganzen kurzen Sommer mähen die Flauen (die wenigen ansässigen Männer sind auf der Alp, die andern sind ausgewandert) barfuss an den Halden das kümmerliche Gras und tragen et zu den zerstreut liegenden Heugaden, damit sie im langen Winter ihr Kühlein, ihre Ziegen und Schafe füttern können. Es kommt selten vor, dass jemand aus dem Tal in diese unwirtliche Gegend hinauf- Landschaft Schäumt über das Quellenbecken, vom Kusse des Strahls erschrocken, schütteln goldene Locken die Aehren der Ackerstrecken. Stösst die Herde die Hörner beim Saufen in volle Fluten, speisen die Gluten des Mittags Beeren und Dorner. Kreist in des Birnbaums Mitte Sonne im Bienengeraune, zupft am schattigen Zaune Mädchen die Margueritte. Bin ich hinauf, wo schütter das Gras steht, auf Felsen gestiegen, schaukeln im Tale die Wiegen Madonnen und lächelnde Mütter. Kilian Kerst. heiratet. Und doch soll es nach der Sage einmal vorgekommen sein. — Ein Guriner Jüngling fand im Tale eine Lebensgefährtin und zog mit ihr in sein Heimatdörfchen, um das väterliche Heimwesen zu bewirtschaften. Aber Berg und Tal kommen nicht zusammen, das zeigte sich auch hier. Die junge Frau fand wenig Gefallen an der einfachen, kargen Lebensweise da oben. Wenn die Frauen einmal an Besseres gewöhnt sind, können sie sich schwer in einfachere Verhältnisse zurückfinden. Die eintönige Kost: Milch und harter Käse, Polenta und manchmal eine Mehlsuppe werden der Frau aus dem Tale wenig zugesagt haben. Eines Tages wollte sie «Bireli» haben, wie die Guriner statt Birnen sagen. Solche wachsen natürlich in dieser Höhe nicht mehr. Der Mann, dem wohl wegen der ewigen Zerwürfnisse mit der anspruchsvollen Frau die Galle überlief, führte sie hinauf auf den Berg und an den Rand einer wilden Schlucht. Er zeigte hinunter, wo an der Felswand einige Heidelbeeibüsche standen: « Da hast du Bireli» und stiess sie hinab. Diese Geschichte erzählte mir, als ich heuen half, eine immer lustige, alte Jungfer, Elisa Della Pietra mit Namen, deren Grossvater sich noch Zumstein schrieb. U. F. WORINGER BERN Tun Sie diesen Schachzug - den vielleicht besten Ihres Lebens... noch heute! Die täglichen losbestellungen haben einen Umfang angenommen, der sogar für die Seva einen Rekord darstellt. Ziehung kurz bevorstehend. Lospreis Fr. 20.- (10-Los-Serie, worunter 1 sicherer Treffer, Fr. 200.-) plus 40 Cts. Porto auf Postche III 10026— Adresse: Seva Lotterie, Bern. Kleines Film-Magazin Lehrfilme für die militärische Ausbildung. Das Anwendungsgebiet des Lehrfilms beschränkt sich nicht auf die Schule: Das französische Kriegsministerium arbeitet einen Plan aus, um alle Truppengattungen durch militärische «Muster-Filme» zu erziehen.' In militärischen Kreisen rechnet man damit, dass ein regelmässiger Filmunterricht die theoretische Kasernenhofausbildung ausgezeichnet ergänzen und die Kampfkraft der Truppen im Manöver und natürlich auch im «Ernstfalle» erheblich verstärken wird. Der Film, der kulturelle Eroberer Abessiniens. In dem von Italien entworfenen ostafrikanischen Kultur-Programm, durch das Abessinien der europäischen Kultur zugänglich gemacht werden soll, spielen die Kinos eine grosse Rolle. Es ist vorgesehen, dass jeder einigermassen bedeutende Ort in Abessinien ein eigenes Kino bekommt, in dem Filme aufklärenden Inhalts vorgeführt werden; für die ärmere Bevölkerung soll der Eintritt unentgeltlich sein. Di« grosse Tragik der kleinen Shirley Temple. Kürzlich feierte die allerliebste Shirley ihren 7. Geburtstag, zu dem sie ihre zahlreichen kleinen Freunde einlud und reich beschenkte. Mit viel Kuchen und anderem feinschmeckendem Naschwerk wurde das grosse Familienfest von den jüngsten Filmleutchen Hollywoods fröhlich gefeiert. Plötzlich wurde jedoch der muntere Jubel jäh unterbrochen. Was war geschehen? — Als das reizende Geburtstagskind einen grossen Bissen Torte zu sich nehmen wollte, blieb eines ihrer kleinen Zähnchen darin stecken. Welch grosses Unglück für einen jugendlichen Filmstar, wenn er ins kritische Alter kommt, wo man die Milchzähne verliert. In der Tat macht sich diese Alterserscheinung selbst während den Aufnahmen unangenehm bemerkbar, so dass man kaum von einer Szene zur andern gehen kann, ohne dass sich irgend ein Zahndefekt einstellt. Bei der Ausführung von Shirleys neuem Film «Curly Top» befindet sich stets ein Zahnarzt im Atelier, um die allfälligen Flüchtlinge sofort durch falsche Milchzähnchen zu ersetzen. — Armes kleines Wunderkind — noch so jung und schon so grosse Sorgen 1 «Rekonstruktion» der Entdeckung Amerikas. Die althistorischen Reisen werden in letzter Zeit Mode. Nachdem ein Amerikaner es unternommen hat, mit einem Schiff genau dieselbe Strecke zurückzulegen, die vor über 2 Jahrtausenden Odysseus gefahren war, und nachdem der amerikanische Journalist Haliburton mit einem Elefanten auf Hannibals Spuren über die Alpen wollte, hat sich nunmehr eine Gruppe von spanischen Matrosen zusammengefunden, die nochmals Amerika entdecken wollen. D. h. sie wollen die Reise auf einer genauen Rekonstruktion der Santa Maria durchführen, auf der Kolumbus gefahren ist, und sie wollen auch genau denselben Weg machen, wobei die wahrscheinlich eintretenden Abweichungen durch die Aenderung der Windrichtung durch einen kleinen eingebauten Motor ausgeglichen werden sollen. Auch dadurch wird sich die Entdeckung Amerikas 1936 von ihrer Vorgängerin unterscheiden, dass die neuzeitlichen Kolumbusse von einer Artzahl von Journalisten und Filmreportem begleitet werden sollen, deren Gesellschaften durch ihre finanzielle Beihilfe den Plan der spanischen Matrosen überhaupt erst zur Wirklichkeit verhelfen wollen. Amerikanischer Scharfblick. Ramon Novarro betrat eines Tages eine Bar in New York. An der Wand bemerkte er eine Anzahl Photographien, worauf sich sechs oder sieben mehr oder weniger ähnliche « Ramon Novarro» befanden. Der Barbesitzer betrachtete ihn einige Zeit stillschweigend, dann sagte er ihm: «Sie kommen wahrscheinlich für den Doppelgängerwettbewerb — ich will ihnen gern einen Gutschein für den Photographen geben, doch glaube ich kaum, dass Sie viel Glück haben werden — es sind alle ähnlicher als Sie!» Ramon Novarro lächelte und meinte bescheiden: « Es hat keinen Zweck, ich eigne mich ja doch nicht zum Photographieren! » In guter Gesellschaft. Unlängst kam ein Engländer nach Kairo, bestieg ein Kamel und ritt hinaus nach Gizeh, um sich in den Anblick der Pyramiden zu versenken. Umwoben von der Stimmung einer vieltausendjährigen Vergangenheit, fühlte er sich aller Zivilisation fern entrückt. Beim Heimritte half der malerische Sohn der Wüste seinem Gast, den Rücken des Kamels erklimmen. « Wie heisst denn dein Kamel? » fragte er den Araber. « Greta Garbo, Sir», antwortete der Kamelführer. Was ist ein alter Film wert? Der Wert eines Films, dessen Herstellung eine Million Dollar gekostet hat, beträgt nach einem Jahrzehnt rund 8 Dollar. Diese kommen dadurch zustande, dass man für da* aus der alten Kopie herausgewaschene Bromsüber 6,50 Dollar, für den Zellstoff weitere 1,50 Dollar erzielen kann. «In jedem Film lassen mich die Filmdichter fast nackt herumlaufen», klagte die Filmschauspielern! Mae West. «Ich bin nur froh, dass ich wenigstens einmal täglich Gelegenheit habe, anständig bekleidet zu sein. » — «In Gesellschaft? » fragte man. — « Auch dann nicht», antwortete die West. «Wenn ich zu Bett gehe.»