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E_1936_Zeitung_Nr.078

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BERN, Freitag, 25. September 1936 Nummer 20 Cts. 32. Jahrgang - N» 78 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5 , jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Untallversich.) vierteljahrlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Was die Fahrprüfung lehrt Dass Jemand eine Fahrprüfung ablegt, ist heute weder ein seltenes noch ein weltbewegendes Ereignis, und trotzdem stellt sich jeder, der sich einer solchen Prüfung unterzieht, wieder anders dazu ein. Das heisst keine Fahrprüfung sieht wie die andere aus. Im Grunde genommen ist das ja auch ganz natürlich, denn wohl kaum bei einer anderen Prüfung treten die individuellen Charakteranlagea so stark in Erscheinung, spielen sie eine so entscheidende Rolle, wie gerade hier. Es ergibt sich daraus ohne weiteres, dass die Fahrprüfung nicht nur eine fahrtechnische und theoretische Angelegenheit ist, sondern dass, speziell für den Prüfungsexperten, auch das psychologische Problem in den Vordergrund rückt. Und dieses psychologische Moment richtig zu erfassen und zu verwerten, ist nach meiner Ansicht die schwierigste Aufgabe, welche die Abnahme der Prüfung an den Experten stellt. Durch Beobachtung und Gespräch wird er sich rasch ein oberflächliches Charakterbild des Kandidaten schaffen müssen, um diesen dann entsprechend behandeln und beeinflussen zu können. Aus der Fülle der daraus resultierenden Erkenntnisse seien hier nur einige der am meisten auftretenden Typen herausgegriffen. I. Der « Nervöse » und « Aufgeregte >. Dieser Typ ist sehr häufig und stellt meist ein Produkt der «Prüfungspsychose» dar, deren Ursache nicht unbedingt beim Prüfling selbst liegen muss. Meist rührt diese Psychose daher, dass Aussenstehende die Prüfung in den schwärzesten Farben schildern und gewissermassen «den Teufel an die Wand malen ». Wenn dann der arme Prüfling dadurch aus dem Konzept gerät und versagen muss, so kann das weiter nicht verwundern. Durch solche düsteren Geschichten leistet man also dem Prüfling einen denkbar schlechten Dienst. Der geringste Fehler bringt ihn in Verwirrung. Und der Erfolg: dass er alles verloren gibt. Der Experte hat dann das angenehme Vergnügen, Beruhigungsversuche anzustellen, um das, was dumme Schwätzer eingebrockt haben, wieder gutzumachen. Es gibt nun aber auch siebenmal schlaue Kandidaten, die jeden Fehler auf Konto «Aufregung» setzen, in der Meinung, damit durchschlüpfen zu können. Das ist natürlich ein naiver Glaube. Die F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 13. Fortsetzung. Sie Hess sich herbei, endlos Klavier zu üben, mit Donnergetöse, die Blicke starr auf die Tasten gerichtet. Bei Spaziergängen kam sie regelmässig an Häusern vorbei, in denen irgendeine Freundin wohnte. «Verzeiht bitte ! Ich muss einen Moment hinaufgehen — es dauert nicht lang. > Carola oder die Beschützerin der heimlichen Liebe. Sie spielte ihre neue Rolle mit hinreissender Begabung und beherrschte die Szene. Verschwendete ihr Talent vor diesen beiden Dilettanten, aus denen sie unbedingt Helden machen wollte. « Warum entführst du sie nicht, Lukas ? Es wäre sehr kompromittierend, aber...» < Erst kommt das Abitur ! •> sagte Lukas. «Nachher werde ich mit Gertie sprechen. Und dann muss ich doch noch an die Hochschule ...» Der Star Carola seufzte. «Ich hab mir die Leidenschaft spannender vorgestellt! So viele Jahre zu warten, langweilt dich das nicht ? » Langweilen! Wenn er fast täglich Gertie Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Galhe Elite" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Brcltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 • Postcheck III414 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 Erfahrung und Sachverständnis des Experten lassen ihn ohne weiteres die Ursache und Herkunft eines Fehlers erkennen und taxieren. Ob ein Schnitzer auf das Konto der Aufregung oder der ungenügenden Ausbildung zu setzen ist, zeigt sich z.B. in der Häufigkeit des nämlichen Fehlers. II. Der « Gleichgültige » tritt etwas seltener auf als Typ I. Er arbeitet flüchtig, nimmt die Sache nicht so genau. Ihm ist die Hauptsache, wenn nichts passiert. Ob dabei z. B. Kurven geschnitten werden, kümmert ihn wenig. Der Verantwortung als Lenker eines Motorfahrzeuges ist er sich gar nicht bewusst und darum auch nicht wert, mit einem Führerausweis «beglückt» zu werden, womit er andere Strassenbenützer in Gefahr bringt. III. Der « Eingebildete » ist bei Anfängern selten, bei Absolventen einer Nachprüfung aber sehr häufig zu finden. Er ersetzt Mängel in der Fahrausbildung durch Einbildung und sieht es überhaupt als Unsinn an, dass man von Ihm noch eine Prüfung verlangt. Ein Alleswisser und Besserwisser lässt er sich nie vom Gegenteil überzeugen. Zu dieser Gruppe gehören auch die « Jähzornigen », welche ihre Einstellung erst zeigen, wenn das Prüfungsresultat negativ ausfällt. Es fehlt ihnen eben die Einsicht und die Selbsterkenntnis. Der Typ III ist es auch, der nach der Prüfung am meisten schimpft und keinen guten Faden mehr am Prüfungsexperten lässt IV. Der « Draufgänger » ersetzt Mängel der Ausbildung oder auch Fehler, die ihm in der Aufregung unterlaufen, durch allzu forsches Fahren. Meist kommt er dabei ins « haudern», bedient das Fahrzeug schlecht (Schalten) und fährt unkorrekt (Kurven und Kreuzungen). Macht man ihn darauf aufmerksam, dann lautet die wirklich klassische Antwort: «Es ist ja nichts passiert». Dabei ist es gewöhnlich dem «Anderen» zu danken, wenn die Sache glimpflich verläuft, und wenn dieser «Andere » auch der Experte ist, der im richtigen Moment die Handbremse zog oder das Lenkrad herumriss... sehen, ihre helle, vergnügte Stimme hören durfte. « Lukas, ich hab schon wieder die Mathematische verhaut! Ich bin halt dumm, aber der Papa ist noch viel dümmer. Warum gibt er nicht nach und lässt mich etwas lernen, das mir Freude macht ? » Gärtnerin hätte sie werden wollen oder Krankenpflegerin, irgend etwas, wo man richtig arbeiten muss und nützlich ist. «Am liebsten aber Kinderfräulein. Wenn ich verheiratet bin, will ich zumindest sechs Kinder haben — und dann spielen wir Wettlaufen und. arbeiten im Garten und sind immer lustig! Nicht eins von den sechs muss ins Gymnasium gehen, das schwör ich ! > Sie schwur wirklich, mit braunen, festen Fingern und entrüsteter Stimme. Lukas entsann sich dunkel einer erträumten Frau, die eine Mischung aus jungem Krieger und heiliger Elisabeth sein sollte. Dies Mädchen Gertie hatte nicht viel Aehnlichkeit mit ihr, dazu war es zu bescheiden und kindlich. Aber es schien doch, dass es aus der gleichen Familie stammte, eine entfernte Verwandte der Traumfrau war. Gertie war sechzehn, als ihre Eltern starben. Nach kurzen Krankheiten gingen sie fort, leise und unauffällig, zuerst der Vater, ein halbes Jahr darauf die Mutter. Lukas war stolz auf Gerties Tapferkeit. Das Leben hatte sie vom sicheren Boot Für den Experten sicher der dankbarste Typ. Er zwingt sich zur Ruhe, kommt erst zur Prüfung, wenn er die Ausbildung wirkich für abgeschlossen hält, und sieht beim Versagen die Richtigkeit der Taxierungsnote « Ungenügend » ein. Für Ratschläge zur Verbesserung der Fahrweise zeigt er sich durchaus zugänglich und ist dankbar dafür. Natürlich kommen diese fünf Prüflingstypen nicht immer in Reinkultur vor. Unsere Auslese soll ja auch nur den Einfluss der Charaktereigenschaften auf die Führerprüfung offenbaren und dartun, dass das psychoogische Moment durch den Experten ebenfalls in Rechnung gestellt werden muss. Ueber die psychologische Seite der Führerprüfung liessen sich Bände schreiben, ohne dass der Stoff erschöpfend behandelt wäre. In bezug auf die Fahrprüfung selbst gelten in erster Linie die Bestimmungen des Bundesgesetzes und der Vollziehungsverordnung, welche besagen, dass die Prüfung in einen theoretischen und einen fahrtechnischen Teil zerfällt. Der fahrtechnische Teil muss Aufschluss geben über: • Ein privates Geschäft, das einen jährlichen Fehlbetrag von 100 Millionen aufweisen würde, hätte sicherlich schon längst Anstrengungen gemacht, um durch eine Sanierung diese Schuldenlast zu verringern. Nicht so unsere Bundesbahnen. Obschon der Ertrag der Betriebsrechnung von Monat zu Monat mehr zusammenschmilzt und die Verzinsung der Schuldenlast insgesamt 153 Millionen Franken erfordert, ist bis heute noch nichts vorgekehrt worden, um diese bedenkliche Lage unseres grössten Staatsunternehmens zu verbessern. Der wahrscheinliche Betriebsüberschuss dieses Jahres wird höchstens noch 56 Millionen Franken erreichen. Dem steht ein Schuldenberg von 153 Millionen gegenüber, so dass ein Betrag von fast 100 Millionen ungedeckt ist. Wo der Bund diese hundert Millionen hernehmen soll, ist rätselhaft. Im Finanzprogramm sind sie jedenfalls nicht vorgesehen. Jede Woche steigert das Defizit der Bundesbahnen um eine weitere Million. Aber der angekündigte dringliche Bundesbeschluss — INSERTIONS-PREIS: Dte achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. GrSssere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmern V. Der « Verantwortungsbewusste ». Wir berichten heute über: Ausländischer Autotourismus nach der Schweiz. Internat. Sportkalender 1937. Indien braucht Strassen. Vom Tank zum Vergaser. Beilage: 1. Saubere und korrekte Bedienung des Fahrzeuges in jeder Situation. 2. Verkehrssicheres Fahren unter Berücksichtigung der Regeln und jeweiligen Situationen. 3. Einwandfreies Manövrieren beim Parkieren, Wagenwenden, Berganfahren, Rückwärtsfahren uew. Schluss folgt. Fehlbetrag: 100 Millionen Franken der zu Beginn der Herbstsession vorliegen sollte — ist nach den neuesten Meldungen noch nicht reif und soll erst im Dezember dem Bundesrat vorgelegt werden können. Diese Entwicklung muss auf unseren Staatskredit zurückwirken. Ungestraft kann man schliesslich Millionenschulden nicht anwachsen lassen. Der Bundesrat verlangt nach allen Seiten die Anpassung — bei seinem grössten Unternehmen aber pressiert es ihjn nicht damit. Die Löhne der Bundesbahner sind heute noch im Vergleich zu denjenigen der Privatindustrie weit übersetzt. Von einer Anpassung der Tarife ist keine Rede. Im Gegenteil will man noch durch gesetzliche Massnahmen den Automobilverkehr belasten und den Güterverkehr mit Lastwagen verteuern. So versteht man die Anpassung im Bundeshaus! Angesichts dieser Tatsachen mutet es direkt erheiternd an, wenn der «Eisenbahner» in einem Artikel «Positive Bundesbahnpoli- plötzlich ins Wasser geworfen, aber Gertie war kein Feigling, der um Hilfe schrie. Sie streckte sich und schwamm... «Nur die erste Zeit ist- so schrecklich, Gertie ! Halt den Kopf hoch ! > «Ich nehm' mich doch ohnehin zusammen. Wenn nur die Tante nicht wäre.. .> Gertie war so gross gewesen wie das Schicksal, das sie traf, hatte stillgehalten und ihm in die Augen geblickt. Sie war das richtige Wiesenmädchen, Sturm und Mahd konnten darüber hingehen, ohne es zu zerstören. Sie war voll gesunder, starker Säfte und bereit, immer neu zu blühen. Aber die Tante, bei der sie nun lebte, war eine verwitwete Dame, kinderlos und schweigsam. Das Lyzealstudium schien ihr überflüssig, sie schickte Gertie in eine Schule für Hauswirtschaft. Mit kühlen, nebligen Augen überwachte sie die Nichte und fand alles, was sie erblickte, tadelnswert. In diesem einfachen Witwenhaushalt roch es nach Ordnung und Stundenplan, selbst die Luft schien chemisch gereinigt und nach Vorschrift, temperiert. Gerties flockiges Haar war nicht mehr von Wind durchweht, jetzt wurde es niedergebürstet, lag glatt an den Kopf gepressl Lukas merkte nicht, dass Gerties Kraft langsam hinschmolz. Er wollte nicht seinem Verstand, sondern seinen Wünschen glauben und las aus ihrem freudlosen, verzagten Gesicht das Heldentum einer Jeanne d'Arc heraus. Aber dies arme Waisenkind im schwarzen Kleid hatte nichts gemein mit der jungfräulichen Hirtin als die Fähigkeit, Träume zu erkennen. Erst nach Monaten fand es die Stärke, ihm begreiflich zu machen, wie sehr er irrte. « Glaubst du, dass ich dieses Leben bei der Tante noch lang aushalten kann ? Lukas, es zerbricht mir das Herz.. .> Lukas begrub seinen Traum vom Wiesenmädchen und der Heldenjungfrau. Er lernte die Wirklichkeit verstehen, in der es Herzen gibtr die brechen können... Ein achtzehnjähriger Knabe und ein siebzehnjähriges Mädchen wechselten die ersten Küsse und besprachen die gemeinsame Zukunft. Sie würde beseligend sein, voll Liebe und Arbeit. Keine Schwierigkeit stand ihnen im Weg als die Zeit. Aber "die Jahre würden vergehen... « Wenn ich erst mein Diplom habe, Gertie ! Wirst du so lange warten ?» « Ja.» « Und dann wird alles gut sein ! » « Ja, dann wird alles gut sein...» Lukas war dreiundzwanzig Jahre, sein Studium fast beendet. Man schrieb Juni 1914. Wie eingesprengte Silberfäden glänzten die Trambahnschienen im Grau der Pflastersteine. Lukas und Sybil waren zur Hauptstrasse eingeboten. Sie schritten über das Trottoir,