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E_1936_Zeitung_Nr.079

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BERN, Dienstag, 29. September 1936 Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jlhrlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversieh.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicheruns) vierteljährlich Fr. 7.50 Der Vorentwurf zu einem dringlichen Bundesbeschluss über die Verkehrsteilung — ein unannehmbares Projekt Den Meldungen, die von einem in Wurf liegenden Projekt unseres Eisenbahnministers für die Regelung der Frage Bahn-Auto zu berichten wussten, ist nunmehr die Tat gefolgt. In den letzten Tagen hat das eidg. Postund Eisenbahndepartement den zuständigen Stellen und den interessierten Verbänden seinen Voreniwurf zu einem dringlichen Bundesbeschluss über den Transport von Personen und Gütern mit Motorfahrzeugen, sowie über die Einführung einer eidgenössischen Verkehrsäbgabe unterbreitet und sie ersucht, ihm bis zum 3. Oktober ihre Stellungnahme dazu bekanntzugeben. Nach der Verwerfung des Verkehrsteilungsgesetzes tritt damit die Entwicklung des Problems Schiene-Strasse in ein neues Stadium. Dass die Situation unserer Verkehrswirtschaft nach einer Klärung rief, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren, aber wenn wir nach all dem, was in die Oeffentlichkeit durchsickerte, den neuen Vorschlägen des Eisenbahndepartementes mit gemischten Gefühlen entgegensahen, dann finden wir heute unsere Befürchtungen noch übertroffen. Was uns nämlich in diesem Entwurf vorgelegt wird, geht ungleich viel weiter und greift ungleich viel tiefer in unser Strassentransportwesen ein, als man annehmen zu dürfen geglaubt hatte. Unverhüllt gibt er die Absicht zu erkennen, von der sich sein Schöpfer leiten Hess, die Absicht, zu Nutz und Frommen der Bahnen die Strassentransporte zu erschweren, abzudrosseln und zu verteuern. Zugegeben, dass eine gesetzliche Regelung der gewerbsmässigen Güter- und Personenbeförderung kommen musste. Aber der Entwurf beschert darüber hinaus auch dem Werkverkehr den Konzessionszwang, er verheisst — und darin gipfelt die «Angleichung» zwischen Bahn und Auto — eine neue Erscheint Jeden Diensten und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal ..Gelbe Liste- Telephon 28.222 • Postcheck III414 • Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 eidgenössische Verkehrsabgabe. bringt also neben den Konzessionsgebühren und einem ganzen Schock weiterer Auflagen neben dem bereits bis zur Untragbarkeit gesteigerten Benzinzoll noch eine abermalige zusätzliche Belastung. Wobei wohl einmal mehr der Wunsch des Gedankens Vater war, den Bahnen die Autokonkurrenz vom Halse zu halten. Gane unumwunden gesteht das Bunderat-Pilet-Golaz auch ein, wenn er in seinem Begleitschreiben zum Beschlussesentwurf sagt, die Erhebung einer Verkehrsabgabe erweise sich für die Hilfsaktion zugunsten der Bahnen als absolute Notwendigkeit. Deutlicher und unmissverständlicher Hesse es sich nicht mehr ausdrücken, dass das Automobil unmittelbar zur finanziellen Hilfeleistung an die Schiene herangezogen werden soll. Als ob ihnen damit geholfen werden könnte! Man gebe sich keinen Trugschlüssen hin: Schon vor uns hat das Ausland dieses Experiment praktiziert, ebenfalls in der Hoffnung, den Bahnen damit auf die Beine helfen zu können. Und der Erfolg? Ein vollkommenes Fiasko! < Der Bundesrat hat nur nach schweren Bedenken seinen Beschluss gefasst», verkündete am Sonntag Herr Bundespräsident Meyer an% Radio. «Er verhehlt es sich nicht, dass eine Abwertung gewisse-Nachteile mit sich bringt, die namentlich in Form von Preis-, erhöhungen eine unerwünschte Wirkung ausüben können. Die Preiskontrolle wird hier ihres wichtigen Amtes walten müssen.» Wir setzen aber einige Zweifel in die Wirksamkeit dieser bureaukratischen Massnahme gegenüber den unerbittlichen Gesetzen des Angebotes und der Nachfrage. Um der Verlockung zur Vornahme von Preiserhöhungen entgegenzutreten, müsste man die Gelegenheit dazu unterbinden. Das Mittel hiefür heisst Abtragung der Zollschranken, so dass die Preise für die von uns eingeführten Waren unverändert bleiben, heisst aber auch Aufhebung der Kontigentierung, sobald der schweizerische Produzent etwa Lust verspüren sollte, seine Erzeugnisse zu verteuern. Und einen der Importartikel, der dieses Abbaues, dieser Lockerung in erster Linie teilhaftig werden sollte, stellt das Benzin dar. Gestern noch kostete es franko Grenze 7 Rappen per Liter. Heute müssen wir 10 Rappen dafür bezahlen. Frage aber: Wer kommt für diese Differenz auf? Kann sich der Bund entschüessen, ans Automobilisten von einem Einen Ausgleich zwischen den sich bekämpfenden Verkehrszweigen zu erzielen, so umschreibt das Departement den Endzweck der von ihm vorgesehenen gesetzlichen Regelung, einen Ausgleich «im Interesse des ganzen Landes ». Inwiefern aber dieses Interesse auch das Hineinregieren des Bundes in den Werkverkehr, vor allem die Erhebung einer neuen Steuer in Gestalt der Verkehrsabgabe erfordert, anders ausgedrückt eine abermalige fiskalische Belastung der Wirtschaft und damit eine weitere Verteuerung der Lebenshaltung, das könnte schleierhaft bleiben, wenn nicht der Zweck der Uebung so eindeutig herausgestellt würde, der eben heisst: den verfuhrwerkten Karren der Bahnen auf Kosten des motorischen Strassenverkehrs und durch das probate Mittel einer neuerlichen .Schröpfkur wieder flott zu machen. Und es hört sich nicht gerade verheissungsvoll an, wenn das Departement bemerkt, es handle sich bei diesem Bundesbeschluss lediglich um einen neuerlichen Aufschlag zu verschonen und ihn auf seine eigene Kappe zu nehmen, auch wenn er den Bahnen dabei einen Strich durch die Rechnung machen muss? Ob der Fiskus sich selbst zur Ader lassen wird, will uns allerdings zweifelhaft erscheinen. Wir kennen unsere Pappenheimer! Aber es gibt ja für ihn gar keine andere Wahl, denn eine Wiederbelebung der Wirtschaft ohne deren gleichzeitige Erleichterung von den drückendsten Lasten ist" schlechterdings undenkbar. Um sich die nötigen Einnahmequellen zu erschliessen, kann er sich nur zwischen zwei Mitteln entscheiden: die ohnehin am Boden liegende Wirtschaft noch weiter auszuhöhlen, oder aber ihr durch Verminderung der Lasten wieder neues Leben einzuhauchen und sich dabei mit einem geringeren Zoll zufrieden zu geben. Bisher hat der Bund die erste dieser beiden Methoden praktiziert. Möge ihn die Frankenabwertung auf den zweiten Weg führen! Sie würde damit, wenn auch ungewollt, zum Wohl des Landes beitragen. Soweit das Automobil in Frage steht (Wagen, Karosserien und Zubehör), so spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass die französischen Erzeugnisse im Preis unverändert bleiben, diejenigen der übrigen Länder dagegen um 30 % steigen. Frankreich würde somit aus unserer Massnahme den grössten Nutzen ziehen. Nummer 20 Cts. REVUE 32. Jahrgang — N° 79 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Uebers Ziel hinausgeschossen REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Frankenabwertung und Benzinpreis \ INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach SpezialtariL Imeratenscbluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir berichten heute über: Alkoholzusatz zum Benzin als Motortriebstoff. Geschichte der Coupe Vanderbilt Pflege der hydr. Bremsen. Die Aufwendungen der Kantone f. den Strassenbau 1934. ersten Schritt auf dem Wege zur Lösung . der Transportkrise. um die Erledigung der dringendsten Aufgabe, die Schaffung einer Grundlage für die künftige dauernde Ordnung. Darin liegt der Grund, weshalb man zum befristeten, dringlichen Bundesbeschluss greift, der später durch eine umfassende Gesetzgebung abgelöst werden soll. Die Grundelemente des ersten Teils bilden die Einführung des Konzessionszwangs für den gewerbsmässigen Personen, und Gütertransport wie für den Werkverkehr, des Tarifzwangs und Verbandszwangs. Wie die Unterstellung der Personenbeförderung unter den Konzessionszwang begründet wird? Mit dem Hinweis darauf, dass wir es «dem für das Land so eminent wichtigen Touristenund Fremdenverkehr schuldig seien, die ärgsten Auswüchse der vernichtenden gegenseitigen Konkurrenz der Verkehrsmittel auch in diesem Gewerbe zu beseitigen und den Wettbewerb auf eine gesündere Grundlage zu stellen.» Wer ist konzessionspflichtig ? Einer Transportbewilligung (Konzession) bedarf nach dem Entwurf, «wer mit Personenwagen mit über sieben Sitzplätzen Personen gegen Entgelt befördert», « wer mit Lastwagen und Anhängern über eine bestimmte (noch nicht festgelegte) Mindestentfernung Güter gegen Entgelt befördert», und «wer über eine bestimmte (noch nicht festgelegte) Mindestentfernung für eigene Bedürfnisse Güter mit eigenen Fahrzeugen und eigenem Personal befördert.» Von der Konzessionspflicht ausgenommen sind Wagen mit weniger als sieben Plätzen, F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 14. Fortsetrang. Aber das durfte Sybil nicht erfahren, Lukas erzählte nur, wie Paulchen um das dicke Bürgermeisterkind warb, endlich ein geheimnisvolles Billetdoux bekam : « Zwischen fünf und neun beim Franziskanerkloster ! > Vier Stunden Wartezeit — und dann erschien das halbe Offizierskorps beim Kloster. Ein roher Scherz, ja — aber sie waren doch alle noch so jung und dumm... « Und was ist'dann mit dem Paulchen geschehen ? » < Ich glaube, er hat nach dem Krieg seine Herzdame geheiratet», log Lukas. « Ganz bestimmt, er hat sie geheiratet, und sie sind sehr glücklich geworden. > Sybil war erstaunt. € Wirklich? Er ist glücklich mit ihr geworden ? > « Ja >, sagte Lukas langsam. < Er hat sie doch geliebt, ganz verrückt war er vor lauter Liebe nach ihr. Sie war auch ein ganz ordentliches Mädchen, weiss und rot er hat sie geliebt, sich nach Ihr gesehnt, und dann hat er sie bekommen. Ist das nicht schön ? > So machte Lukas frommen Herzens gut, was das Schicksal verweigert hatte; dichtete für den toten Freund ein Paradies, in dem ein böhmisches Weibsbild wandelte und Liebe gab. ' Lukas seufzte und sah ins Leere. Zwischen Erde und Himmel schwebte das Land der Vergangenheit, mit blutigen Aeckern und holden Blumengärten. Hinauf und hinab führten die Wege, sinnlos verwirrt « Lukas...» Er blinzelte, wie einer, der geschlafen hat «Ja?» « Hat es für dich kein Bürgermeisterkind gegeben ? Nichts ? Keine einzige Frau ? » «Mehrere. Aber die zählen nicht. Das war nicht Liebe, nicht einmal Gier T— nur Angst vor dem Sterben. Morgen konnte schon alles zu Ende sein —. Nein, eigentlich hab ich gar nichts erlebt. Das ist gekommen, vorbeigegangen — und ich hab es vergessen.» < Aber irgendeine wird doch dabeigewesen sein ... Eine, die Namen und Gesicht gehabt hat, an die du dich erinnerst ? » Lukas konnte sich an nichts erinnern. Er schüttelte den Kopf und sagte: «Da sind die Museen. Wollen wir uns setzen ? » Gross und feierlich streckten sich die Geschwisterbauten ins Dunkel. Lukas und Sybil schwiegen. Sie verliessen die Hauptstrasse, gingen langsam den Kiesweg hin, an leeren, dunklen Bänken vorbei. Steine knirschten unter ihren Füssen, feuchter Duft kam von Rasenflächen und Bosketten. Die beiden horchten, starrten in das bleichsüchtige Licht der Gaslaternen. Die Nacht schlief, ihr Atem war warm und schwer. Prunkvoll wuchs aus der Mitte des Platzes das Denkmal der Kaiserin auf. Die Marmorstufen schimmerten im Laternenlicht hell und glatt, Pferdeleiber, im Galopp zu Stein erstarrt, hoben sich empor. Aber um ihre Reiter flutete schon das Dunkel. Hoch über ihnen die mächtige Silhouette der Kaiserin. Ihr ausgestreckter Arm wies kühn und gnädig in die Nacht. «Guten Abend», sagte Sybil der gekrönten Steinfrau und setzte sich auf die Marmorstufe. « Eine Zigarette, Lukas! Ist es hier nicht hübsch ? » Sybil sass korrekt und anmutig auf dem Stein, als wäre er eine seidene Bank und der grosse Platz ihr Privatsalon. Lukas bewunderte stumm ihr souveränes Talent, überall zuhause zu sein. Er hätte nicht gestaunt, wenn plötzlich ein schwarz-weisses Stubenmädchen mit Erfrischungen erschienen wäre. Sybil betrachtete ernst ihre Zigarette. « Was du vorhin erzählt hast — dass alle diese Frauen unwichtig waren, dass du nichts mehr von ihnen weisst ist das wahr ? » «Ja», sagte Lukas und beugte sich zu Sybils Schulter. Er küsste ein Stückchen dünne Seide, zarte, warme Haut, einen goldenen Armreifen und fünf schmale Finger. « Sybil...» « Ja, mein Engel ? » Er legte seine Wange auf ihren Handrücken und schwieg. Sanfte Hand, schöne Hand... Sie war braun wie Metall und so sonderbar leicht. «Lukas, ich muss dir etwas sagen. Aber noch nicht jetzt. Du wirst Geduld haben, ja, ich werde es dir später sagen...» Lukas nickte. Jetzt küsste er die Innenseite ihrer Hand. « Bemerkst du nichts ? » erkundigte sich Sybil. « Was ? » «Ich bin in diesen Wochen braun geworden wie ein Wüstenmädchen, aber meine Handteller sind weiss geblieben. Siehst du ? Ganz weiss...»