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E_1936_Zeitung_Nr.080

E_1936_Zeitung_Nr.080

BERN, Freitag, 2. Oktober 1936 Nummer 20 Cts. 32. Jahrgang - N° 80 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 10.— Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1, mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97. Bern Telephon 28.222 • Postcheck III414 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschtftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREISs Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserat« nach Spezialtarü Inseratenscbluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummer Nach der Abwertung Seinem Abwertungsbeschluss vom letzten Samstag hat der Bundesrat bereits am Montag, bevor das Parlament noch davon «in zustimmendem Sinn Kenntnis genommen», die ersten praktischen Ausführungsbestimnuingen folgen lassen: den Beschluss gegen die Preiserhöhungen, der dem Volkswirtschaftsdepartement die gesetzliche Waffe in die Hand gibt, um eine spekulative Ausnützung der durch die Abwertung gesehaffenen Lage zu verhindern, das Verbot der Preissteigerungen und die Anordnung von Bestandesaufnahtnen für gewisse Warenkategorien, darunter auch das Benzin. Wenn auch diese Massnahmen den Willen unserer Exekutive dokumentieren, mit starker Hand zuzugreifen, um allenfalls aufkeimende * freibeuterische» Gelüste zu ersticken, so kann von einer Abklärung der Situation noch keine Rede sein. Völlig undurchsichtig liegt sie vor uns und mehr als dürftig sind die Anhaltspunkte, welche den Kurs andeuten könnten, den der Bundesrat jetzt einzuschlagen •gedenkt. Davon aber hängt alles ab, damit entscheidet sich die Frage über Sinn oder Unsinn der Abwertung. Was wir heute kennen, ist lediglich das Gefäss; von seinem Inhalt dagegen wissen wir nichts. ,Wir tappen vorläufig noch im Dunkeln darüber, wie die Umorientierung unserer Handels-, Zoll-,und Fiskalpolitik sich schliesslich präsentiert, anders ausdrückt: was aus der Abwertung gemacht wird. Dass sie, soll sie nicht zum grossen Teil zur Illusion herabsinken und sich selbst aufgeben, eine solche Neugestaltung zwangsläufig erfordert, daran allerdings kann nicht der leiseste Zweifel aufkommen, Und wir haben diese Auffassung auch bereits ausgesprochen, als wir schrieben, dass der Bund nur die Wahl habe, entweder die nachteiligen iFolgen der Abwertung durch Zollerleichterungen und Lockerung der Kontingentierung zu kompensieren oder — im umgekehrten Fall — durch eine Schwächung der Kaufkraft des Volkes unsere Wirtschaft dem Chaos und der Verelendung auszuliefern. Konsequenzen. Dürfen wir es als Hoffnungsschimmer dafür deuten, der Bundesrat werde mit seiner absurden Subventionspolitik, der als Korrelat die ebenso unsinnige fiskalische Auspowerung anderer Wirtschaftskreise, allen voran des Automobils, gegenüberstand, nunmehr aufräumen und die Parole der Entlastung auf seine Was geschieht mit dem Benzinpreis? Fahne schreiben, nachdem Bundespräsident Dr. Meyer erklärt hat, das Volumen des Verkehrs müsse jetzt wieder zunehmen? Soll der Verkehr wirklich neuen Auftrieb erhalten, dann heisst das 1. dass die aus der Abwertung resultierende Erhöhung des Benzinpreises um 4 Rappen nicht etwa dem Strassenverkehr überbürdet, sondern vom Bund getragen werde; 2. dass der Plan der Spritbeimischung, die unmittelbar auf eine Verteuerung hinausläuft, endgültig ad aeta gelegt werde und 3. dass man an eine fühlbare Herabsetzung der gegenwärtigen Zollansätze herantrete. Wird der Band ein Opfer bringen ? Wir warten auf die Taten des Bundesrates, dem in seinen Vollmachten das Instrument zur Verfügung steht, das Ansteigen des Kostenniveaus in der Binnenwirtschaft auf ein Minimum zu beschränken. Schlag auf Schlag, so hat er verkündet, sollen sich seine Anordnungen folgen. Was uns Automobilisten anbelangt, die wir uns ja; von seiten des Fiskus Von jeher einer besonders liebevollen, sozusagen einer «Vorzugsbehandlung», erfreuen durften und ihm in Form von Zöllen und Abgaben nahezu eine halbe Milliarde eingebracht haben, so drängt sich natürlich in erster Linie die Frage auf, wie sich die Dinge mit dem Benzinpreis entwickeln werden. Nun, wir sind der Kopfrechnung darüber enthoben. Niemand anders als Bundesrat Obrecht hat sie für uns besorgt, demonstrierte er doch dem Nationalrat gerade am Exempel des Benzins die Auswirkungen der Abwertung auf die Preisgestaltung. Wie die Rechenoperation aussieht? Nun, der heutige Säulenpreis von 43 Rappen umfasst 24 Rappen an Zoll, 5 Rappen für die Pumpenhalter, 4 Rappen für den Grossisten, zusammen somit 33 Rappen. Also stellen sich die Warenpreiskosten auf 10 Rappen. Nur dieser Betrag unterliegt 'der durch die Abwertung bedingten 40prozentigen Verteuerung. Was besagt, dass das Benzin um vier Rappen pro Liter ansteigen würde. Macht nach Adam Riese einen Aufschlag von 43 auf 47 Rappen. Nun hat allerdings Bundesrat Obrecht in diesem Zusammenhang eine Anspielung darauf gemacht, der Bund könnte diese Steigerung auf dem Weg einer Zollreduktion kompensieren. Beginnt es wirklich und wahrhaftig zu tagen? Bricht doch endlich die Einsicht durch, dass die fiskalische Tragkraft des Automobils an ihrem Ende angelangt ist, dass der Bund sich selbst und der ganzen Wirtschaft den denkbar schlechtesten Dienst erweisen würde, wollte er dem Strassenverkehr ein neues Opfer zumuten? Er könnte auf dem Benzinzoll einen Abstrich vornehmen... Ob aber auch der Wille dazu vorhanden ist, diese Konsequenz zu ziehen, die nicht mehr und nicht weniger bedeutet als eine vollkommene Abkehr von der dem Auto gegenüber bisher praktizierten Politik der endlosen Steuerschraube? Die Botschaft hören wir wohl, allein ob der Bundesrat die. fast übermenschliche Selbstüberwindung aufbringt, die nötig wäre, um sich zu einer Entsagung durchzuringen, das steht auf einem andern Blatt (Fortsetzung Seite 2.) Paris, 30. Sept. 1936. Der Pariser Salon hat es in sich, kein Wunder also, dass vor seiner Eröffnung jeweils ein Rätselraten anhebt, was das kommende Jahr im Automobilbau wohl Neues bringen werde. Man hört meist vorher schon aller- Jiand munkeln über technische Neuerungen, über neue Modelle, die der Oeffentlichkeit 'zum erstenmal hier vorgeführt werden sollen, und ist gespannt, ob sich die gehegten Erwartungen in jeder Weise erfüllen. Es wäre wohl nicht leicht, die vielen Gründe zu eruieren, die dazu führten, dass gerade der Pariser Salon diese wichtige Rolle der Neuorientierung für die kommende, automobilistische Saison übernommen hat. Jedenfalls zählt es. schon zur Tradition, dass sich die massgebenden konstruktiven Richtlinien meist schon hier fürs ganze kommende Jahr sehr deutlich abzeichnen und an den entsprechenden Ausstellungen in den andern Ländern nur noch klarer herausarbeiten. Sicher ist es nicht allein der Zeitpunkt, welcher der grossen Veranstaltung der alten Seinestadt diesen Vorrang gesichert hat. Es spielen im Gegenteil noch andere Motive mit, die ihr hierin sehr zustatten kommen. Wer würde es wohl abschlagen, einmal für ein paar Tage die Lebendigkeit der französischen Kapitale, ihr sprudelndes Etwas, das nicht so leicht zu beschreiben ist, auf sich einwirken zu lassen, besonders wenn das Angenehme Wir berichten heute über: Spritbeimischung sanktioniert Fragen der Verkehrswerbung. Montlh§ry-Rennbahn wieder in Schwierigkeiten. Luftrennen London- Johannisburg. Störungen in den Feldspulen der Lichtmaschinen. Beilage: Technische Vorschau zum Pariser Salon 1936 noch mit dem Nützlichen verbunden werden kann? Und dann darf man wohl behaupten, dass sich die Ausstrahlungen dieser pulsierenden Grossstadt und ihre stets freundliche Geisteshaltung auch in der Ausstellung bemerkbar machen,, was ihr das Gepräge des Gelösten und Erfrischenden zu geT>en vermag. Es ist deshalb gewiss keine schlechte Politik, wenn nicht nur die französischen, sondern auch ein Teil der ausländischen Fabriken ihre neuen Modelle gerade hier debütieren lassen und nicht warten, bis ihre eigene, nationale Ausstellung eröffnet wird. So geschieht es, dass der Pariser Salon punkto internationaler Vertretung nicht so leicht zu überbieten ist. Es gibt Zeiten, in denen die Entwicklung einen stürmischen, beinahe revolutionären Verlauf nimmt, und wieder andere, in denen sie sich auf den Ausbau der neuen Konstruktionsmerkmale und ihre technische Verfeinerung konzentriert Und soweit sich aus einer ersten Besichtigung ergab, befinden wir uns gerade jetzt in einer solchen Periode des langsamen Fortschrittes. Einigen Stürmern i|nd Drängern unter den Konstrukteuren scheint allerdings die Weisheit, dass man bestehende Stellungen auch in der Technik erst ausbauen soll, bevor man zu neuen, aufs Ganze gehenden Angriffen ansetzt, noch nicht zum Bewusstsein gekommen zu sein. Hieraus erklärt sich die auf verschiedenen Ständen beobachtete Tendenz des sprungweisen •Uebergehens zu Formen, die F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 15. Fortsetzung. Lukas hielt Sybils Hände umklammert und erzählte. Er sah dies verschollene Garderobenzimmer vor sich, als hätte er es seit jenem Abend nie mehr verlassen. Er dachte an Rosina, als wäre sie die einzige Geliebte seines Lebens und das Leben selber gewesen. Jetzt, nach vierzehn Jahren, begriff er, was ihm damals geschehen war. « Nach ein paar Minuten hat es geläutet. Die Pause war um, wir mussten uns verabschieden. Und dann...» Dann war das Wunderbare geschehen: dass Rosina zu ihm trat, zu ihm, diesem Nichts von Fähnrich. «Ich fahre mit dem Nachtschnellzug nach Prag — ein Gastspiel für vierzehn Tage. Wenn ich zurückkomme, werden Sie eine Tasse Tee bei mir trinken, Herr Fähnrich ? » Sie sah ihn an, reichte ihm die Hand. Ihr Mund stand halb offen, ein nacktes, scharlachrotes Tier.".. Das war alles gewesen. Eine Woche später wurde Lukas zur Marschkompagnie eingeteilt, in die Karpathen verschickt. «Im Frühjahr hab ich den Säbelhieb über die Stirn bekommen, kam heim, ins Krankenhaus .» Jetzt erinnerte er sich an alles, sogar an Dinge, die er nie zu denken gewagt, vor sich selbst verborgen hatte, in den geheimsten Kammern des Herzens. «Damals, verstehst du damals hab ich geheiratet. Ich habe Angst vor Rosina gehabt. > Das geschnitzte Eichentor fiel zu, es gab ein kurzes, dumpfes Dröhnen. Dunkler, steinkühler Flur. Dann kam der Hof, von vier hohen Hausfronten begrenzt. Leitungsdrähte spannten sich von einer Seite zur andern, ein dichtes Netz. Und über allem der Himmel, unendlich, blau und hoch. Die Wolken hatten sich verzogen, blasser Mond stand über den Dächern. Sybil blieb stehen, bog den Kopf zurück. «Der Mond...» Sie hob die Hand und deutete hinauf. «Wie schön auch Sterne, viele Sterne!» Eine Kirchenglocke rief tief und langsam: Zwölf! «Hör nicht hin», flüsterte Sybil. «Liebling, hör nicht hin.» Dann gingen sie weiter, Himmel, Mond und Sterne über sich. Siebentes Kapitel. Die rotsamtene Liftzelle schwebt hoch, die Stockwerke schweben mit und auch das Herz. So leicht und schön ist alles, aber trotzdem wird man ein wenig schwindlig von diesem Gleiten, Steigen, Aufwärtsfliegen. Erste Etage, zweite Etage. Lukas atmete dünnen, rosigen Nebel ein und lächelte. Er war glücklich, er musste lächeln, mit halbgeöffnetem Mund und blanken Zähnen. An die Glastür gelehnt, sah er Stockwerke hinuntertauchen, breite Mauern vorbeiziehen. Leuchtend stieg der Lift durch die Dunkelheit empor. Schwebende Kammer aus Samt und Holz, Sybil, kühle, glatte Glasscheiben — Lukas erinnerte'' sich an Worte wie * Gipfel des Lebens» — und fand sie voll Musik und Sinn. Jetzt schien ihm, als hätte er diese Worte schon seit Jahren und Jahren in sich getragen, ohne sie aussprechen zu dürfen. Bei der dritten Etage dachte Lukas an Gertie. Er klagte sie nicht an, er versuchte nur, ihr ganz objektiv die Situation klarzumachen : « Viele Wege mit dir, schöne, reinliche mit Meilensteinen und einem Ziel. Aber immer auf ebener Erde gegangen ! Erst jetzt, Gertie, erst jetzt...» Sybil sass auf dem schmalen roten Bänkchen, schweigsam und ernst. « Was hast du ? » erkundigte sich Lukas besorgt « Nichts, Liebling.» Unmöglich, Lukas zu sagen, dass Stasi wahrscheinlich noch nicht schlief, im Vorzimmer sitzen würde, um ihr Kommen zu erwarten. Stasi, die seit dreissig Jahren Ruhe, Eigentum und Würde der Familie bewachte. Konnte man von der Seele einer armen Haushälterin verlangen, dass sie verstünde, was Liebe und Schicksal heisst? Dass sogar ein Dichter diese Stunde aus Sybils Leben vorausgeahnt und gesagt hatte : Herzen haben keine Erziehung... Aber Stasi wusste nichts von, solchen Dingen. Sie würde nur das begreifen: um zwölf Uhr nachts kommt ein fremder Mann ins Haus ! Sybil presste die'Lippen zusammen und war entschlossen, über jedes Hindernis hinwegzustürmen. Wenn Stasi dabei den Glauben an die Menschheit verlor, so tat es auch nichts. Es war sinnlos, an anderes zu glauben als an Liebe...