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E_1936_Zeitung_Nr.083

E_1936_Zeitung_Nr.083

BERN, Dienstag, 13. Oktober 1936 Nummer 20 Cts. 32. Jahrgang — N° 83 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISES Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5—, Jährlich Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschiftssteüe Zürich! Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INS ER TIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Rp. Grossere Inserate nach SpezialtarU Inseratensrhlnss 4 Tagt vor Erscheinen der Nummer Die Stellung der Industrie zur Benzinsteuer Der Vorschlag, die kantonalen Automobilsteuern aufzuheben und durch eine eidgenössische Brennstoffsteuer zu ersetzen, hat auf den ersten Blick etwas Bestechendes. In der These, dass, wer wenig fährt, auch wenig zu bezahlen habe, scheint eine gewisse Gerechtigkeit zu liegen. Auch wirtschaftliche Gründe werden für die Steuerumlagerung angeführt. So erwartet insbesondere das Autogewerbe die vermehrte Verwendung älterer, starkmotoriger Wagen, deren Unterhalt ihm in der gegenwärtig sehr schweren Zeit Verdienst bringen soll. Den wirklichen und scheinbaren Vorteilen stehen aber auch schwerwiegende Nachteile gegenüber. Vor allem würden mit der neuen Besteuerungsart jene Bevölkerungskreise fiskalisch mehr belastet, die sich des Automobils zu ihrem Lebensunterhalt bedienen müssen. Und da muss man sich fragen, wo die Gerechtigkeit bleibe. Gewiss, derjenige, der seih Fahrzeug nur zu gelegentlichen Ausflügen benützt, nützt die Strassen wenig ab. Er besitzt aber offenbar die Mittel, sich einen gewissen Lebensstandard zu leisten und wird daher auch in der Lage sein, durch die Automobilsteuer seinen Obolus an die guten Strassen beizusteuern. Anderseits gibt es weite Volksschichten, denen das Automobil das Mittel zur Erhaltung ihrer Existenz bedeutet und die jetzt schon schwer unter der fiskalischen Belastung des motorischen Verkehrs leiden. Wir meinen damit vor allem die Geschäftsreisenden, die kleinen Handelsleute und Gewerbetreibenden, die gewerbsmässigen Transportunternehmer und die zahlrei- '> chen Betriebe, welche für die Beförderung ihrer eigenen Waren das Motorfahrzeug nicht entbehren können. Sie alle entrichten als grosse Benzinkonsumenten mit dem Benzinzoll schon jetzt dem Staat weit höhere Beträge als die Gelegenheitsfahrer und Sportleute. In den letzten Jahren hat sich infolge des unerträglichen Drucks der Zölle und Steuern ein Umschwung in der Automobilhaltung vollzogen. Das starke Fahrzeug wird immer mehr durch das schwachmotorige, infolge der Fortschritte der Technik trotzdem aber leistungsfähige Automobil verdrängt. Auf diese Entwicklung hat die Automobilsteuer zweifellos einen Einfluss ausgeübt; noch grösser ist aber jener des hohen Brennstoffpreises. Die Steuer wird in der Regel nur einmal im Jahre bezahlt, Dutzende oder Hunderte von Malen kriegt aber der Automobilist die hohen Brennstoffkosten beim Tanken zu spüren. Und dieses immerwährende Gefühl, viel Geld für das Fahrzeug auslegen zu müssen, drängt mehr als die Steuer zum Entschluss, bei erster Gelegenheit das starkmotorige Fahrzeug durch ein betriebswirtschaftlicheres zu ersetzen. Die Erhöhung des Brennstoffpreises durch eine Benzinsteuer würde zweifellos die Umstellung auf den Kleinwagen noch fördern (eine Entwicklung, welche sich mit der Notwendigkeit der Motorisierung unserer Armee kaum in Einklang bringen lässt, Red.), daneben aber die Automobilisten veranlassen, die Fahrten so weit wie möglich einzuschränken. Das psychologische Moment darf hier nicht äusser acht gelassen werden. Der hohe Brennstoffpreis würde genau gleich abschreckend auf die Reiselust wirken wie die hohen Fahrpreise der Eisenbahnen. Nun muss man sich aber in erster Linie vergegenwärtigen, dass sich der Bundesrat beim Vorschlag um Einführung der Automobilsteuer nicht von dem frommen Wunsche leiten Hess, die Automobilisten zu entlasten, vielmehr hatte er damit nur das Wohl seiner Bahnen im Auge. Von behördlicher Seite gibt man das ja auch zu. Die Rechnung ist einfach: Im Lastwagen und im Auto, das dem Geschäftsverkehr dient, erwächst den Eisenbahnen eine Konkurrenz. Wird sie durch die Verteuerung des Betriebes erschwert, so können sich die Bahnen dabei ins Fäustchen lachen. Darin liegt des Pudels Kern. Welche Folgen aber eintreten, sofern den Bahnen ihr Vorhaben glückt, daran scheinen viele Automobilisten bisher nicht gedacht zu haben. Für die Ablösung der Automobilsteuer muss der Bund den Kantonen eine bestimmte Einnahme sichern. Bisher betrug sie rund 30 Millionen Franken im Jahr. Natürlich will er an dem Handel nichts verlieren, also muss die Benzinsteuer jährlich diese 30 Millionen wie- I der einbringen. Nach den Berechnungen des Post- und Eisenbahndepartementes würde dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen einer Steuer von 10,5 bis 11 Rp. pro Liter Brennstoff entsprechen. Aber die Rechnung stimmt nicht, weil sie sich auf das ganze importierte Brennstoffquantum bezieht, während ein Teil der Benzinbezüger, wie Post, Armee und konzessionierte Automobilunternehmun- gen, den Zoll gar nicht oder nur teilweise zu bezahlen haben. Der Aufschlag auf den Benzinpreis würde also mindestens 11 Rp., wahrscheinlich aber 12 Rp. betragen. Wird nun aber der von den Behörden beabsichtigte Zweck der Einschränkung der Konkurrenz erreicht und sinkt der Verkehr der Lastwagen und der dem Geschäftsverkehr dienenden Personenautomobile, so schrumpfen automatisch auch die Einnahmen aus dem Benzinzoll und der Benzinsteuer zusammen. Und damit haben wir den springenden Punkt der ganzen Frage aufgedeckt. Zumal der Bund die Kantone voll entschädigen muss, wird und muss sich als unabwendbare Folge eine Erhöhung des Steuerzuschlags einstellen. In kurzer Zeit wird er auf vielleicht 15 Rp. oder noch höher anschwellen. Damit geraten wir in den schönsten circulus vitiosus hinein: Verteuerung, Verkehrsrückgang und nochmalige Verteuerung. Gleichzeitig wird der Druck, der zur Umstellung auf den Kleinwagen führt, stärker, und die vom Automobilhandel und dem Autogewerbe erhofften Vorteile schwinden dahin. Dass wir mit dieser Entwicklung rechnen müssen, haben die Erfahrungen in- Frankreich gezeigt, wo sich der « Conseil national economique » zur Rettung der Industrie und des Autogewerbes zur Forderung einer 50%igen Herabsetzung der Brennstoffsteuer gezwungen sieht. Die Verbände des Strassenverkehrs haben sicti in den letzten Jahren bemüht, von den Kantonsregierungen gewisse Erleichterungen in der Bezahlung der Automobilsteuern zu Zu Anfang dieses Monats ist die Gültigkeitsdauer der österreichischen Lastwagen- Ordnung, womit man- 1933 die Bahnen einer neuen Blütezeit entgegenführen zu können glaubte, deren Endeffekt aber nichts als eine vollständige Lahmlegung des Lastautoverkehrs war, abgelaufen. Und da geschah etwas, das man sich auch bei unsern S. B. B. hinter die Ohren schreiben sollte: Ungeachtet des Protestes der österreichischen Bahnen wurde das famose Dekret nicht mehr verlängert, was soviel besagt, als dass heute alle gesetzlichen Einschränkungen und Bindungen des Lastwagenverkelirs gefallen sind, dass — anders ausgedrückt — im Verhältnis zwischen Bahn und Auto wieder die freie Konkurrenz waltet. Wir berichten heute über: Andr6 Citroen, der französische Ford. Sportsaison-Büanz 1936. Die int. Rennformel 1938-40. Der Wagen im Herbst Motorfahrzeug-Aussenhandel. Beilage: Wein und Weinlese. erlangen. Sie hatten damit teilweisen Erfolg, und in den meisten Kantonen können die Steuern quartalsweise entrichtet werden. Andere Kantone sind noch weiter gegangen und räumen Erleichterungen für Altwagen ein. Dieses Verständnis der Kantone für tiie Bedürfnisse des Strassenverkehrs ist teilweise auf den engen Kontakt der Behörden mit den Verkehrsinteressenten zurückzuführen, teilweise aber auch auf den Einfluss, den diese mit dem Stimmzettel in kantonalen Angelegenheiten ausüben können. Mit der Umlagerung der Steuer aber würde dieser Einfluss dahinfallen, und der Automobilismus sähe sich dem mehr oder weniger grossen « Wohlwollen » der Bundesbehörden ausgeliefert. Was ^eh« nun ^€>*i Bahninteresse oder Wehrkraft der Armee ? Schluss auf Seife 2. Woher die Absage an die bisherige Politik, woher die entscheidende Kursänderung? Den Ausschlag haben die Interessen der Landesverteidigung gegeben. Nach dem Erlass der Verordnung, die das Heil der Bahnen in einer konsequenten Unterdrückung und Abwürgung des Lastautoverkehrs suchte, machte man die Entdeckung, dass der Bestand an Fahrzeugen dieser Gattung unaufhaltsam zusammenschrumpfte — wie es ja gar nicht anders kommen konnte. Denn die beispiellosen Lasten und Schikanen, womit die Strassentransporte « zu Nutz und Frommen der Bahnen > bedacht wurden, erstickten natürlich jegliche Lust zu Neuanschaffungen, zum Ersatz unbrauchbar gewordener Lastwagen im Keim. Und die Folge: eine vollständige Ueberal- F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 17. Fortsetzung. Mechanisch zupft sie im Vorbeigehen die weissen Laken zurecht, mit denen die Möbelstücke verhängt sind. Sie starrt die nackten, vorhanglosen Fenster an — tappt näher, blickt hinaus. In den Wohnungen gegenüber brennt kein Licht, alles ist finster, die Menschen schlafen. So gehört es sich auch, es ist Mitternacht vorbei, man hat zu schlafen ! Um sechs Uhr geht der Zug ! denkt Stasi verzweifelt, die Handtasche muss noch gepackt werden, ich hätt' diesen fremden Mann nicht ins Haus lassen sollen, das ist ein Verrückter, und Sybil ist auch verrückt geworden, sie haben mich alle zwei angeschaut wie die Narren... Stasi horcht: hat es jezt geklingelt ? Nein, niemand klingelt, niemand braucht sie, die beiden haben vergessen, dass noch ein dritter Mensch in ihrer Nähe ist. Was soll ich dem Onkel Johannes sagen ? denkt die Alte. Was soll ich dem Herrn Albert sagen und dem Ferdinand... Sechzig Jahre bin ich alt geworden, um diese Schande zu erleben ! Die Hochzeit... der Herr Konstantin, um sechs geht der Zug, aber es gibt ein Unglück. Dieser Lump, dieser Hergelaufene, der hat Sybil den Kopf verdreht, der stürzt mein Kind ins Unglück. Sie schlürft angstvoll durch die kahlen Zimmer, auf. ihrer zerknitterten Stirn glänzen Schweisstropfen. Vielleicht ist alles noch gut, sie reden halt, gleich wird Sybil läuten, damit ich den Menschen zum Tor begleite. Und ich schau ihr in die Augen, und dann sagt das Kindchen «Stasi, was glaubst du von mir ! In allen Ehren haben wir gesprochen, du weisst doch, dass ich jetzt nie schlafen kann — wenn man spricht, vergeht die Zeit schneller, und das war alles ! » Wenn nur schon die Nacht vorbei wäre, heilige Maria, Du bist gebenedeit ... und bitte für uns. ich war dabei, wie das Kindchen auf die Welt gekommen ist, hab sie aufgezogen, aber sie dankt mir's schlecht, wenn sie heut' Nacht vergisst, wer sie ist, dann kenn' ich sie nicht mehr... Schrecklich ist es, durch die Zimmer zu wandern, in die tiefe Stille hineinzuhorchen, in der nichts laut wird als der eigene beklommene Atem und das Ticken der Uhr. Zwölf Uhr zehn — zwanzig — halb eins. Stasi schleicht bfs zum Schlafzimmer, sie kommt zur Tür und denkt: Ich kenn' doch mein Kind... nichts ist geschehen, alt werd ich, misstrauisch, Gott wird mir's verzeihen, ich tu' nur meine Pflicht. Sie horcht. Mit den Ohren, mit entsetzten Augen, mit ihrem ganzen verängstigten Körper lauscht- sie: Ich muss sie doch sprechen hören, ich muss doch jetzt hören, wie sie in allen Ehren sprechen! Mich werden die Verwandten fragen, und... -warum ist es denn so still, so still — — ist es, so... Eine Männerstimme tönt auf, gedämpft, aber voll Unruhe. Dann erschrickt die Alte bis ins Herz : Es weint im Zimmer, laut, jammernd, das ist ein keuchendes Schluchzen und nimmt kein Ende. Stasi lehnt sich an den Türrahmen, sie streichelt das glatte Holz und sagt lautlos : « Kindchen, Kindchen...» Im Zimmer drinnen ruft Sybil etwas, Stasi versteht es nicht, sie hört nur diese wilde, feindselige Stimme. Der fremde Mann antwortet — verstummt... Langsam dreht sich Stasi um, Schritt für Schritt durch den Korridor, so, da ist ihre Kammer. Den Riegel vor! « Weil du nicht gehorchen kannst...», flüstert Stasi. « Hast du geweint ? Du wirst noch mehr weinen ! Ach Kind, Kind was tust du mir an...» Achtes Kapitel. Lukas wusste später nicht mehr, wie er auf die Strasse hinuntergekommen war. Er hatte auch keine Ahnung, wie lang er schon durch die Nacht rannte. Uebrigens war es ihm gleichgültig. Die Wirklichkeiten dieser Welt waren unwichtig neben seiner Verzweiflung. Eine feurig-flüssige Flammensäute, so wefyte sie ihm voran und erhellte die Wüste seines Lebens... Manchmal, für Sekunden, teilte sich der glühende Nebel, und Lukas konnte einzelne Bilder erkennen. Wie abgerissene Filmszenen stiegen sie auf, flimmernd und verwirrt. Lukas beglotzte sie stumpfsinnig; aber er gab sich keine Mühe mehr, ihren Zusammenhang herauszufinden. Sybil läuft durchs Zimmer und ruft: «Warum quälst du dich so ? Hier ist der Torschlüssel ! Geh, o Gott, so geh doch ! » Sybils Gesicht, erschreckend nah wie bei einer Grossaufnahme : am Kinn ist ein dunkler Fleck, vergängliches Mal eines vergesse-