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E_1936_Zeitung_Nr.084

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10 Automobil-Revue —

10 Automobil-Revue — N" Der Fernseher alle drei Türen des Raumes verschlossen hatte, öffnete Holt mit breitem Grinsen sein unförmiges Gepäck und stellte es respektlos pfeifend auf den Schreibtisch des Stadtoberhauptes. «So!» sagte er trocken, indem er ein Gummikabel am Steckkontakt des Pultes bebeftigte, « was wünsohen Sie zu sehen? » « Washington! Kapitol! » verlangte der Bürgermeister geschäftig. Holt zog eine Landkarte heraus, legte den Kompass darauf und drehte den objektivähnlichen Aufsatz seines Apparates in südöstlicher Richtung. Dann drückte er einen kleinen Hebel herunter und fingerte am Sucher herum, bis die näselnde Stimme eines Mannes aus dem eingebauten Lautsprecher ertönte, « Das ist Senator Butler, das alte Haust » meinte Currie gelangweilt. • « Ja, und hier können Sie ihn auch sehen! » erwiderte der Erfinder schnippisch, indem er auf die Rückseite seines Kastens wies. Und tatsächlich war dort auf einer Milchglasscheibe von Lexikongrösse der im Kapitol zu Washington versammelte Senat in wunderbarer Schärfe zu erblicken. Der verblüffte Bürgermeister hüpfte wie ein Kind vor dem Bild herum und schrie in einem fort die Namen der ihm bekannten Senatoren. «Knox! Silverstone! Childs! Eaton! Warren! — Verdammt nochmal, Holt, dies ist die wunderbarste Erfindung aller Zeiten! Kann ich noch mehr sehen? » , « Selbstverständlich.» Holt Hess die Stimme des immer noch sprechenden Senators zu dröhnender Stärke anschwellen, um den au'sser Fassung geratenen Stadtvater vollends närrisch zu machen, und brach dann plötzlich ab. « Miami, Strand! » befahl Mike Currie. « Sofort! » Kleine Wendung des geheimnisvollen Objektivs nach Süden, zwei Griffe, und schon Der vorsichtige Automobilist orientiert sich durch den LABICO-SERVICE. Allan Holt, der durch bedeutende Erfindungen auf dem geheimnisvollen Gebiet der hier in New York der Regen gegen die Fen- war Miami da. Schönstes Wetter, während X-Strahlen und der Radiotechnik bekannt geworden war, stand am 1. April 1941 mit einem man konnte die Gesichter der Leute deutlich ster peitschte. Das Bild war etwas grell, aber Koffer von ungewöhnlicher Form vor Mike erkennen. Lautes Stimmengewirr, durch das Currie, dem neuen Bürgermeister von New die Klänge des Strandorchesters und das Rauschen des Meeres vernehmbar waren. York. Nachdem Holt in etwas ^übertriebener « Wunderbar! Einfach wunderbar! » brüllte Aengstlichkeit sich vergewissert hatte, dass sie der aufgeregte Bürgermeister. « Weiter, Holt! allein seien und Currie vereinbarungsgemäss Noch mehr! » Jetzt stellte Holt seinen Wunderkasten auf New York ein und begann, die eine Hand am Sucher, die andere am Objektiv, beide langsam zu drehen. « Halt, hören Sie auf, das ist eine Gemeinheit! » schrie Currie plötzlich, aber das Bild war schon verschwunden. « Unvermeidlich! » meinte Holt trocken. Die Frau Bürgermeister war eben im Bild erschienen, wie sie im Bad sass. Geschäftsräume, Schlafzimmer, Küchen, Bureaux, Automobile, Untersuchungsgefangene, Krankenbetten, Kartenleserin — alles flitzte in verwirrender Reihenfolge vor den staunenden Augen des Bürgermeisters vorüben Diese Satansmaschine kannte kein Geheimnis mehr. Ihr Strahlenblick durchdrang die dicksten Mauern, die grössten Entfernungen. Mike verspürte ein Gefühl des Schwindels, wenn er an die Möglichkeiten und Folgen dieser sensationellen Einrichtung dachte. Aber sein Hang zum Neuen war viel stärker als sein Weitblick, und so Hess er alle Bedenken fallen, die anfangs in ihm aufgestiegen waren. Während der Erfinder sich eine Zigarette ansteckte, hatte das Strahlenauge auf den Räumen der Regierungsbuchhaltung halt gemacht. Da hockte Bill Füller, der Dickwanst, zigarrenrauchend in seinem Ledersessel und las Zeitungen. «Das falsche Aas!» lachte der BürgermeU ster, «und mir hat er gestern weismachen wollen, er komme nicht einmal mehr daheim dazu, eine Zeitung anzuschauen. Glaub' schon, wenn er sie im Bureau auf Staatskosten liest!» « So! » sagte Holt gelassen, indem er seinett Apparat abstellte. « Sind Sie einverstanden?^» «Selbstverständlich! » erwiderte Currie «ii-j frig. « Ich werde Ihnen das Geld versch,affen> Sie werden Präsident der Gesellschaft..» ,j; « Thanks! » sagte Holt und klappte seinen Wunderkasten zu. Am folgenden Tag wurde die « Holt-Ferasehapparate-Gesellschaft» gegründet, nach 3 Tagen wurde die Fabrikation aufgenommen, und schon nach sechs Wochen wurden täglich fünftausend Apparate auf den Markt geworfen, die kaum genügten, um wochenalte Bestellungen zu erfüllen. Die ungeheure Bedeutung der Erfindung Holts lag darin, dass man mit seinem Apparat nicht wie bei den andern Fernsehapparaten auf die staatlichen oder privaten FunKbildsender angewiesen war, sondern unabhängig von jeder Sendestation in jeder Rieh- 1 tung und Entfernung sehen und hören konnte. Was wollte der Mensch mehr? Die ganze Welt lag tatsächlich vor seinen Augen. ' Nach kaum einem halben Jahr War in NeW York allein annähernd eine Million der Holtschen Apparate verkauft worden — zum Aerger und zur Erbitterung der Bevölkerung. Und trotzdem wurden täglich Tausende von Apparaten verkauft, denn wenn der Nachbar schon einen hatte, dann musste man notg¥drungen ebenfalls einen haben ( Holts Erfindung hatte das ganze öffentliche und private Leben der Millionenstadt gänzlich verändert. Unzählige Familienzwistigkeiten, Charakterschwächen, üble Gewohnheiten — dies alles konnte jetzt jedem bekannt werden, der einen Holtschen Fernsehapparat besass. Selbst von äusserlich glücklichen Ehen stellte sich heraus, dass sie daheim in den vier Wänden nichts weniger als glücklich waren. Das Heimleben der Prominenten wurde zum Stadtgespräch. Neid, Wunderfitz und Schadenfreude nahmen überhand, und die Erpressungen ebenfalls. Alles lebte in beständiger Angst, ein unbedachtes Wort, eine unüberlegte Bewegung könne beobachtet werden. Viele Leute legten sich in den Kleidern ins Bett. Spannung und Misstrauen schafften Gehässigkeit, die zu Streitigkeiten und Trennung führten. Kein Mensch wagte mehr, in seinem eigenen Badezimmer zu baden, denn Hunderttausende mochten ihm zuschauen. Bereits hatten findige Geschäftsleute wieder öffentliche Badeanstalten eingerichtet, deren meterdicke Bleiwände den forschenden Strahlen der Holtschen Apparate Halt geboten. Die Zahl der Ehescheidungen hatte sich in den letzten Monaten verzwanzigfacht. Auf den Gerichten häuften sich die photographisch festgehaltenen Fernsehbilder von den Seitensprüngen würdiger Familienväter, harmlos scheinender Hausmütterchen. Auch Mike Currie, der Bürgermeister, war längst geschieden, denn seine Gattin hatte ihn im Fernbild ertappt, wie er mit einer bekannten Schauspielerin ins Flugzeug stieg, nachdem er sich mit dem Vorwand einer wichtigen Besprechung vom häuslichen Mittagessen gedrückt hatte. Ja, es war schlimm. Der kleine Jackie, der seinen Finger aus dem Naschen nehmen sollte, verwahrte sich dagegen, weil der Herr Papa, der immer so gesittet tat, im Bureau sich jüngst auf die gleiche Weise betätigt hatte. Jackie hatte das im Fernsehbild genau beobachtet, und der ertappte Vater gab ihm deswegen eine fürchterliche Ohrfeige. Unglücklicherweise war diese Ohrfeige ganz zufällig von Fräulein Bessie Hollingworth, Präsidentin der Liga für Kinderschutz, im Fernbild gesehen worden, und auch den Knall der Ohrfeige hatte sie gut gehört. Jackies Vater^musste zehn Dollar Strafe bezahlen und verfolgte deswegen die kinderfreundliche Bessie wochenlang im Fernsehapparat, bis er herausfand, dass Bessie heimlich trank. Es gab einen Skandal und Bessie Hollingworth musste das Präsidium abgeben, um das sie jahrelang intrigiert hatte. Holt hatte durch seine geniale Erfindung gegen zwei Millionen Dollar verdient, musste aber die meiste Zeit in einem luxuriös ausstaffierten Panzergewölbe seiner Villa zubringen, denn er war der meistgehasste Mann in den USA., und wo er sich öffentlich zeigte, IBiulraUtmm Paul BacMumn Er ist der letzte Erbe des verstorbenen Sommers, und was seine Vorgänger nicht mehr einzuheimsen vermochten, fällt ihm zu. Da er aber nicht mehr auf allen Gebieten aus dem Vollen schöpfen kann, so trägt er um so grössere Sorge zu dem, was noch zu gewinnen ist. Ueberdies bemüht er sich, auch noch für die Zukunft zu sorgen; deshalb sammelt er nicht bloss die letzten Früchte der Felder und Gärten, sondern auch den Samen der Blumen und Gemüse. Er hebt noch die letzten Rüben aus, bestellt das Wintergetreide und pflügt bereits gewisse Felder im Hinblick auf die Frühjahrsarbeiten. So ist er tätig, als wäre nicht des Herbstes, sondern des Frühlings Zeit. Auch mit den Blumen hat er allerhand zu schaffen, ohne dass er selber noch die Freude ihres Blühens zu erleben hoffen dürfte. Er verpflanzt die Nelkenableger in die Winterkästen, setzt die noch im Freien stehenden. Ziersträucher und Blattpflanzen, z, B. Verbenen und Fuchsien,, in Töpfe und bringt sie.in Schutz;, denn, • wer weiss, über Nacht könnte schon der Winter seine Vorposten ins Land senden und verschiedenes Unheil anrichten. Also tut Vorsorge not. Ist der September sozusagen « der Mai des Herbstes », So ist der Oktober gleichsam der April dieser Jahreszeit Denn wenn der letztere zwischen Winter und Sommer steht, von beiden gleich weit entfernt, so der Oktober in gleicher Weise zwischen Sommer und Winter. Beide haben denn auch ihre oft wechselnden Launen, und es kann geschehen, dass auch der Oktober an gewissen Tagen noch in sommerlicher Wärme schwelgt, an ändern schon mit winterlichen Schneeflocken Bekanntschaft ma- Der Oktober Von Emil Hügli. Sie haben noch eine Chance Die Einsendefrist ist auf allgemeinen Wunsch bis zum 20. Oktober verlängert worden wurde er jämmerlich verprügelt. In einer nebligen Novembernacht verschwand er spurlos. Man sagte, er sei nach Neuseeland geflüchtet. Mike Currie verlor kurz nach seiner Scheidung auch den Bürgermeisterposten, denn sein Privatleben war keineswegs so gewesen, dass es einen Fernsehapparat schadlos ertragen hätte... Er gründete daraufhin eine « Anti-Holt-Gesellschaft», deren Mitglieder sich eidlich verpflichteten, ihre Fernsehapparate öffentlich vernichten zu lassen. Die Regierung unterstützte die Bestrebungen der Gesellschaft und erliess ein Gesetz gegen den Holtschen Apparat. Nach zwei Monaten waren sämtliche Fernsehapparate vernichtet worden und die Fabrikation neuer. Apparate verboten, mit Ausnahme einiger weniger, die für polizeiliche und militärische Zwecke Verwendung fanden. So wurde es langsam wieder ruhiger in New York, und das entlarvte Glück bürgerte sich wieder ein. Die grösseren und kleineren Skandale gelangten nur durch Zufälle in die Öffentlichkeit, wie es sich einer zivilisierten und kultivierten Bevölkerung geziemt. M. R. chen muss. Freilich, den tollen Jugendübermut des April hat der Oktober nicht mehr im Blute; dagegen ist iKm eine reife männliche Heiterkeit eigen, gepaart mit einer gewissen Wehmut über die Vergänglichkeit der Zeiten, Und wenn sich ringsum das Laub entfärbt hat und die Wälder und Obstgärten schon in allen möglichen bunten Farben prangen, so weiss er wohl, dass dies nicht der Glanz neuen. Lebens, sondern vielmehr das letzte Aufflammen der sterbenden Natur bedeutet. Wenn den Oktober jedoch die Schwermut ankommen will, dann geht er in seine Rebberge, wo die blauen und goldenen Trauben an den Rebstöcken hangen. Er pflückt sich von den strotzenden Früchten, trinkt den Saft der Beeren und kostet deren Süsse. Und eines Tages bekränzt er seine Stirn mit purpurrotem Rebenlaub und ruft in die Lande hinaus: « Evoe, jetzt ist die Zeit gekommen! » Dann beginnt seine persönlichste, seine eigenste Ernte, die Trauben- oder Weinernte; denn umsonst wird der Oktober nicht auch der Weinmonat genannt. Er ruft die Winzer in die Rebberge, und sie kommen mit ihren Holzbütten, Eimern und Zubern, und nun geht es um die Wette an ein Traubenschneiden und -sammeln, an ein Jauchzen und Holeien, als wäre diese Arbeit das grösste Vergnügen. Wenn alsdann in den Torkeln der erste Salt einem Brunnen gleich aus den gekelterten Trauben in die Fässer fliesst, wenn der junge Wein als süsser oder gärender Sauser getrunken werden kann, so wird auch wirklich ein frohes Fest gefeiert mit Tanz und Sang und Lustbarkeit, Da setzt sich der Oktober an seine Festtafel und trinkt den süssen, prickelnden Traubensaft in Fülle und isst dazu die fast ebenso süssen Kerne der Baumnüsse, die er von den Aesten geschüttelt hat. Und er trinkt und trinkt, bis seine herbstlaubbraunen Augen seltsam zu leuchten beginnen und seine Wangen glühen gleich dem Rebenlaub, das er sich um die Stirn gewunden hat. Auf einmal erhebt er sich auch etwa und singt ein begeistertes Lied zu Ehren der Göttergabe, des Weines. So hat er also doch auch die Kraft, froh und heiter zu sein, der Oktober, Gerne hüllt er aber auch gleich nach einem solch frohen Fest die Landschaft in dichte, graue Schleier ein; und wenn sich die Nebelschwaden wieder verziehen, so zeigt es sich, dass Bäume und Sträucher neuerdings viel Laub verloren haben. Und siehe, im Handkehruro ist auch der Oktober selber dahingegangen.

N° 84 — Automobil-Revue 11 Geschichten, die das Leben schrieb (Fortsetzung): Unter den russischen Emigreinten, die nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches an der Azurküste in Nizza ihre Zuflucht gefunden hatten, befand sich auch Olga Korsakow. Sie •war nicht mehr jung, doch trug ihr blasses, trauriges Gesicht noch unverkennbar die Spuren einstiger grosser Schönheit. Stets in Trauer, zog ihre ebenmässig geformte hohe Gestalt, ihre stolze Haltung, unwillkürlich die Augen auf sich, wenn sie die Promenade des Anglais entlangschritt, um sich an der Sonne des Südens zu erfreuen. Etwas Vornehmes, Aristokratisches lag in ihrem Wesen, aber auch etwas unsagbar Verbittertes und Verstörtes. Wer sie kannte, wusste, dass Olga Korsakow vor vielen Jahren in den ersten Kreisen der Petersburger Gesellschaft eine gewisse Rolle gespielt hatte und auch am Hofe des Zaren einstmals eine der schönsten und umworbensten Frauen gewesen war. Näheres über ihr überaus tragisches Schicksal wurde indes erst bekannt, als sie im Jahre 1934 starb. Da erfuhr man aus dem Munde ihrer nächsten Bekannten folgende seltsame und durch ihre tragischen Umstände ergreifende Geschichte. Schon mit 16 Jahren wurde Olga, die Tochter eines Generals, der bei dem Zaren in hoher Gunst stand, am Hofe des Zaren eingeführt. Ihr Erscheinen war ein Triumph der Jugend und Schönheit. Sie war eine ausgezeichnete Tänzerin und ihr anmutiges und bescheidenes Wesen bezauberte jeden, der sie kennenlernte. War es ein Wunder, dass die jungen, eleganten Gardeoffiziere sie mit Huldigungen überschütteten und sie die begehrteste Tänzerin war? Sie war jung, reich und schön und das Glück schien nur auf sie gewartet zu haben, um sie mit seinen reichen Gaben zu überschütten. Doch es kam anders! Unter dem Schwärm ihrer Verehrer, die sich um ihre Gunst bemühten, befand sich der junge Hauptmann in einem Garderegiment, Roswolski. Diesen schien Olga unverkennbar zu' bevorzugen. Sie tanzte mit ihm am häufigsten und sprach mit ihm öfter und länger als mit den anderen Offizieren. Ohne Zweifel hatte er von allen anderen die grössten Chancen bei ihr. Und so war es auch. Olga Korsakow liebte den schneidigen, draufgängerischen Gardehauptmann, von dem sie eigentlich nicht viel mehr wusste, als sie mit ihren eigenen Augen sah. Aber das genügte ihr vollkommen, und sie war fest davon überzeugt, dass er sie ebenso leidenschaftlich liebte wie sie ihn. Sie war bereit und fest entschlossen, seine Frau zu werden und zögerte nicht einen Augenblick, als er sie darum bat, ihm ihr Jawort zu geben. Soweit war demnach alles schön und gut, bis der Tag kam, an dem Roswolski bei ihrem Vater um ihre Hand anhielt. Fröhlich lächelnd und selbstbewusst war er gekommen und voller Wut und niedergeschlagen war er wieder gegangen, nachdem eine ziemlich erregte Aussprache zwischen ihm und dem General stattgefunden hatte. Kaum hatte Roswolski das Haus 1 verlassen, als ihr Vater sie zu sich in sein Arbeitszimmer rufen Hess und ihr mitteilte, dass an eitle eheliche Verbindung mit Roswolski nicht zu denken sei und er ihm daher eine abschlägige Antwort erteilt habe. Dies sei nur zu ihrem Besten, denn Roswolski sei als Trinker und Spieler bekannt und sein grosser Landbesitz infolge seines ausschweifenden Lebens mit Schulden überhäuft. Sie sei zu schade, um ihr Leben an das eines Mannes zu ketten, der in einem so schlechten Rufe stehe. Zugleich verbot er ihr in strengem Ton in Zukunft jeden persönlichen Verkehr mit dem Geliebten. Als Olga diese harten und anklagenden Worte aus dem Munde ihres Vaters, dessen Strenge und Unerbittlichkeit sie kannte und fürchtete, vernahm, war sie der Verzweiflung nahe. Aber sie dachte nicht daran, Roswolski aufzugeben und glaubte auch nicht, dass er ein so schlechter Mensch sei, wie ihn ihr Vater geschildert hatte. Ihr Gefühl sagte ihr, dass seine Liebe zu ihr echt war Und er vielleicht leichtsinnig sein mochte, aber nicht verdorben. Hauptmann Roswolski fühlte sich durch die schroffe Abweisung, die er bei Olgas Vater gefunden hatte, tief gekränkt. Er fühlte sich um so mehr getroffen, als er innerlich zugeben musste, dass er in der Tat ein Bruder Liederlich war. Das Schlimmste aber war für ihn, dass er mit Olga nicht mehr zusammenkommen sollte. Diesem Verbot konnte sich seine Leidenschaft zu dem schönen Mädchen niemals unterordnen. Es gelang ihm, die Gouvernante, die Olga auf ihren Spaziergängen begleiten musste, zu bestechen, so dass er wenigstens mit der Geliebten sprechen konnte. Beide beteuerten sich auf Spaziergängen in entlegenen Strassen und verschwiegenen Teestuben ihre Liebe und schwuren sich ewige Treue. Roswolski versprach ihr auf ihren Wunsch, sich zu bessern und den Kreis von Spielern und Trunkenbolden, mit denen er die Nächte zu verbringen pflegte, zu meiden. Vielleicht würde dann ihr Vater, so hoffte Olga, seine Meinung über ihn ändern und schliesslich doch seine Zustimmung zur Heirat geben. Angefeuert durch die Aussicht auf diese Möglichkeit, versuchte Roswolski allen Ernstes, ein neues Leben zu beginnen. Mehrere Wochen hindurch fasste er keine Karte an und hielt sich von den Trinkgelagen seiner Kumpane fern. Roswolski wird ein Mönch, hiess es unter seinen Bekannten, die diese überraschende Wendung bei ihm nicht begreifen vermochten. Auch aus den Boudoirs der galanten Damen verschwand der schmucke Gardeoffizier und in seinen mit verschwenderischer Pracht eingerichteten Appartements fanden seine zahlreichen Freundinnen, die blonde Lydia, die rassige Maria und andere verschlossene Türen. Er hatte seinen Diener angewiesen, sie nicht mehr vorzulassen und ihnen mitzuteilen; er sei erkrankt oder verreist. Alles dies tat > Roswolski, um Olga zu gewinnen, deren jugendfrische Unberührtheit und aufrichtige Liebe dem Lebemann begehrenswerter dünkte als die raffinierten Liebeskünste der Kurtisanen. Olga ihrerseits Hess nichts unversucht, um eine Sinnesänderung ihres Vaters herbeizuführen und suchte ihn dazu zu bewegen, sich davon zu überzeugen, dass Roswolski tatsächlich ein anderer geworden sei. Ihr Vater, in dem festen Glauben, dass Roswolski ein unverbesserlicher Sünder sei, beauftragte einen Detektiv mit der Beobachtung des Gardeoffiziers. Er lenlos an der Seite Roswolskis dem allgemeinen Taumel hin. Als das Fest nach Mitter- Sieselbst tat dies, um seiner Tochter den Beweis zu liefern, dass sie sich vergebliche Hoffnungen gemacht habe und um ihren Glauben an den Ge- eine wüste Orgie auszuarten drohte, verliess AUSFÜHRUNG VON nacht seinen Höhepunkt erreicht hatte und in und Ihre Persönlich* keit spiegelt liebten zu erschüttern. Das Verhängnis wollte Roswolski mit seiner Geliebten die ausgelassene Gesellschaft und begab sich mit ihr in es, dass gerade an dem Tage, an dem der Detektiv mit der Beobachtung Roswolskis begann, seine Wohnung. Olga sträubte sich nicht und 3hr Brief wider. Er wirkt stets Fürst Lubatow, einer der besten Freunde des gab sich ihm hin. Früh am Morgen kehrte sie erstklassig, wenn Gardehauptmanns, ein Fest gab, um seinen nach Hause zurück, wo zum Glück niemand Abschied aus Petersburg zu feiern. Roswolski ihre Abwesenheit bemerkt hatte. Aber das Unglück wollte es, dass sie auf dem Maskenfest hatte der Einladung nicht Folge geleistet und sein Fernbleiben mit Krankheit entschuldigt. trotz Maske und Kostüm erkannt worden war. Sihlporteplatz 3 / Er sah voraus, dass er den Versuchungen, die Es war die blonde Lydia, die sich von ihr bei ihn dort erwarteten, nicht widerstehen könne, Roswolski verdrängt sah und aus Eifersucht musste er doch damit rechnen, unter den eingeladenen Gästen seinen alten Sauf- und dem General mit, was geschehen war. und Neid sie verriet. Ein anonymer Brief teilte MaschineHü Spielkumpanen zu begegnen. Als aber um Mit- Olgas Vater war fassungslos vor Wut und eine Erika ist. -^^-- friha NAUMANN 5 Modelle ab Fr. 190.- verlangen Sie ausführlich. Gratisprospekt u.d.Adresse der nächsten Erika-Vertre- Die Bluthochzeit an der Neva Tatsachenbericht von Christian Windecke W. Häusler-Zepf,- Ol ten ternacht der Gastgeber selbst in Begleitung der blonden Lydia im Auto vor seiner Wohnung erschien und ihn anflehte, mitzukommen, da vermochte er nicht nein zu sagen und unterlag der Versuchung. Das Fest endete mit einer wüsten Orgie. Champagnerflaschen flogen wie üblich in die Spiegel und es wurde getanzt und gespielt. Roswolski verlor eine gewaltige Summe beim Baccarat und suchte Vergessen bei der blonden Lydia, in deren Armen er, von Wein und Schnaps berauscht, seine Copyright 1936 by the Author Reue zu ersticken suchte. Diesen Vorgang hatte nun aber der Detektiv beobachtet, dem es gelungen war, in dem allgemeinen Durcheinander des nächtlichen Festes in das Palais des Fürsten einzudringen. Er war auch Roswolski gefolgt, als dieser zusammen mit der blonden Lydia im Morgengrauen nach Hause gefahren war und hatte beide im Bilde festgehalten, als sie gerade in das Haus, in dem die Wohnung Roswolskis lag, hineingingen. Diese Aufnahme lag zusammen mit einem ausführlichen Bericht bereits am gleichen Tage auf dem Schreibtisch von Olgas Vater. Der General zeigte das belastende Material seiner Tochter mit der Bemerkung, sie möchte sich nun selbst von der Aufrichtigkeit der Sinnesänderung und der Treue Roswolskis überzeugen. Olga fühlte ihr Blut in den Adern erstarren, als sie die komprimittierende Aufnahme erblickte und den Bericht des Detektivs las. Sie schrieb sofort einen Brief an den Geliebten, in dem sie ihm kurz mitteilte, dass sie ihn freigebe, da er sie getäuscht und betrogen habe. Roswolski erwiderte ihren Brief, in dem er sie flehentlich um eine Zusammenkunft bat, damit er ihr seine Unschuld beweisen könne. Da Olga nichts sehnlicher wünschte, als seine Treue erwiesen zu sehen, stimmte sie seinem Wunsch zu. Als sie sich trafen, zeigte sie ihm, ohne