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E_1936_Zeitung_Nr.086

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10 Automobil-Revue —

10 Automobil-Revue — N° 86 Ehe — auf den ersten Bliek Liebe auf den ersten Blick — das kennt man und kommt oft vor. Aber dass zwei Menschen, die einander zuvor bei Haut und Haar nicht kannten, gleich heiraten, das war bis jetzt kaum üblich. Die Zeitungen berichten von zwei solchen Fällen, von denen der eine einen unglücklichen, der andere einen Ungewissen Ausgang genommen hat. Das «Prager Tagblatt» weiss aus Wien zu berichten: Bei dem Bummel, der nach ihrer Promotion veranstaltet wurde, lernte die frischgebackene Aerztin Helene den Doktor der Philosophie Paul kennen. Paul gefiel Helene, Helene gefiel Paul, und' um Mitternacht verliessen die beiden die lärmende Gesellschaft und Helene liess sich von Paul nach Hause begleiten. Das war an einem Mittwoch. Am Freitag begannen schon Helenes Freundinnen über die neue «Bekanntschaft» zu klatschen, am Sonntag meinte Helenes Tante, bei der sie wohnte, dass man «So etwas» doch den Eltern nach Hause schreiben solle, und am Dienstag wurde Paul von seinen Freunden mit seiner neuen Flamme gehänselt. Als sich die beiden nun am Mittwoch trafen, beschlossen sie, allen Redereien die Spitze abzubrechen und zu heiraten. In kurzer Zeit waren die Papiere in Ordnung gebracht und das Aufgebot bestellt. Helene war konfessionslos, Paul evangelisch; folglich heiratete man auf dem Standesamt. Nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise begannen Paul und Helene ein möbliertes Zimmer zu suchen, das sie gemeinsam bewohnen konnten. Da sie aber nichts Passendes fanden, gaben sie ihre Bemühungen bald wieder auf und blieben bei ihren bisherigen Quartierfrauen. Bis auf den Vermerk « verheiratet » auf den Meldezetteln hatte sich in ihrem Leben überhaupt nichts geändert. Als diese «Ehe» acht Monate gedauert hatte, fanden sie durch Zufall ein zweibettiges Zimmer, das ihnen zusagte, und zogen nun zusammen. Und da zeigte sich bald, dass jeder der beiden ganz, ganz anders war, als der andere es erwartet hatte. Helene arbeitete gerade im Anatomischen Institut. Tagtäglich kam sie, völlig erfüllt von den Erlebnissen des Tages, nach Hause. So lange sie von ihrer zukünftigen wissenschaftlichen Karriere schwärmte, hörte Paul geduldig zu. Wenn sie aber Details aus ihrer Arbeit zu erzählen begann, wurde ihm regelmässig übel. Paul war nämlich ein zartbesaiteter Lyriker, der den Gedanken, dass seine Frau am Seziertisch arbeitete, nicht ertragen konnte, am Sonntag Wanderungen durch die romantischsten und unwegsamsten Gebiete des Wienerwaldes unternahm und heimlich daran arbeitete, einen Band Sonette fertigzustellen. Die jungen Eheleute lebten, wie sie bisher gelebt hatten, von Privatstunden und Unterstützungen ihrer Verwandten. Paul arbeitete ausserdem für kunsthistorische Fachzeitschriften. Als er einmal ein grösseres Honorar erhielt, verwendete er es nicht, wie Helene wollte, zum Ankauf von Kochgeschirr, sondern er unternahm eine Reise nach Gurk, um den berühmten Dom zu studieren. Als er nach Hause kam, schmollte Helene, weil er das Geld, wie sie sagte, zum Fenster hinausgeworfen hatte. Es gab einen grossen Krach, und Helene ging schlafen. Paul blieb wach und schrieb die ganze Nacht an einem lyrischen Gedicht. Als er es seiner Frau aber -in der Früh vorlesen wollte, sagte Helene, sie sei nicht neugierig und er sei ein «unnötiger Idiot». Das Ende vom Lied war ein einverständlicher lS Antrag auf Ehetrennung. Das Gericht spracff tatsächlich die Trennung aus und stellte fest, dass das grössere Verschulden den Mann treffe, der nichts getan habe, um die Frau zu erhalten und einen gemeinsamen Haushalt zu errichten. In London heiratete ein Soldat kurz vor seiner Abreise nach Palästina. Das ging laut « Hamburger Fremdenblatt » so zu: In England staunt man über die Fixigkeit und Entschlossenheit des britischen Infanteristen Fred Green, der alle bisher bestehenden «Eherekorde» in den Schatten stelle. Er führte nämlich eine Frau zum Altar, die er vor zweieinhalb Stunden noch nicht einmal gekannt hatte. Rezept bei Erkältungen: Einfach das elektrische Heizkissen SOLIS auflegen; die Wärme heilt. V SOLIS hat vier l Wärmestufen und I ist schon zu Fr.21.- l V erhältlich. Heiratsantrag vor der Drehtür Als Miss Iris Ward, eine niedliche kleine Stenotypistin, an diesem Morgen in ihr Büro in der Cumberland Avenue ging, ahnte sie nicht, dass sie am Mittag dieses Tages schon Ehefrau sein sollte. Sie entstieg dem Autobus und eilte ihrer Arbeitsstätte zu, wobei sie gär nicht bemerkte, dass der junge Mann, der neben ihr im Omnibus gesessen hatte, sie verfolgte. Eben war Fräulein Ward an der Drehtür des grossen Geschäftshauses angelangt, als sich ihr Verfolger ein Herz nahm und sie ansprach. Man bedenke, dass das Ansprechen von Damen auf der Strasse in Grossbritannien mit einer Polizeistrafe belegt wird und dass der Unbekannte ein Angehöriger der britischen Wehrmacht war. Miss Ward glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als ein bescheidener junger Herr neben sie trat und .vor Aufregung stotternd die Worte hervorstiess: « Bitte, mejn Fräulein, wollen Sie mich heiraten?», Anfänglich glaubte die Stenotypisten, es mit einem Irren zu tun zu haben und versuchte,,an ihm vorbei in das Bürohaus zu kommen. Aber der junge Mann s.ah sie so hilflos und flehendlich an, dass sie zögerte und schliesslich bereit war, dem sonderbaren Antragsteller zuzuhören. Sie erfuhr, dass Fred Green Angehöriger des Infanterie-Regiments von Colne in Lancashire war, das gerade an diegem Morgen den Befehl erhalten hatte, nach Palästina abzureisen, um die dortigen britischen Streitkräfte zu verstärken, Fred Green hatte sich bisher wenig um Herzensangelegenheiten gekümmert, nun aber, da er von der Heimat fort, einem Ungewissen Schicksal entgegenfahren sollte, schmerzte es ihn, keinen Menschen zu haben, an den er denken und dem er schreiben konnte. So kam er auf den seltsamen Einfall, an diesem letzten Vormittag, den er in der Heimat zubrachte, noch zu heiraten. So .undurchführbar dieser Plan in jeder Hinsicht erschien, Fred Green war nicht davon abzubringen. ?! Halb lächelnd, halb gerührt, hörte das junge Mädchen sich diese abenteuerliche Geschichte an. Vielleicht lockte sie das Merkwürdige, Schicksalhafte dieser Begegnung, vielleicht gefiel ihr der junge Soldat in seiner Hilflosigkeit so gut, jedenfalls sagte Miss Ward nicht nein, wenngleich sie kopfschüttelnd erklärte, kein Standesamt werde bereit sein, in zweieinhalb Stunden eine Trauung zu vollziehen. Aber Fred Green wollte nur die Zustimmung seiner zukünftigen Frau haben, alles andere solle sie ihm überlassen. Und dann setzte sich der frischgebackene Bräutigam in eine Autotaxe und fuhr von Behörde zu Behörde, Man hatte Verständnis für sein liebebedürftiges Herz. In einer Stunde hatte ihm der Bischof von Buckingham, mit dem er ein Telephongespräch führte, die ausserordentliche Heiratserlaubnis besorgt. Das Kriegsministerium war nach einein Blick in die Führungsliste des Soldaten ebenfalls einverstanden. In einer Stunde wären Trauzeugen und Brautjungfern, Leute aus dem Publikum, die an der Sache Gefallen fan-. den, im Auto zusammengeholt, die Braut hatte sich schnell ein Kleid gekauft und betrat am Arm des Bräutigams Punkt 12 Uhr mittags die Kirche. 50 Minuten später ging das-Schiff ab, da**- das Regiment; zusammen mit dem glückstrahlenden jungen Ehemann Fred Green nach Palästina beförderte. Er winkte seiner Frau mit dem Taschentuch und sang aus Leibeskräfr. ten das alte englische Soldatenlied, das er nun zum erstenmal richtig verstand: «The Girl I lef t behind me...» Spätherbst Es schreibt ins Gästebuch Natur sich farbensprühend ein der Tod; Erfüllung folgt ihm auf der Spur, bis jede Pflanze gross und klein im Farbenrausch verloht. Und wenn sich dann von Busch und Baum löst Blatt um Blatt und schwebt im Wind, dann eilt er in den weiten Raum, wo er aus Silber Nebel webt, in die er sich versinnt. Bis er dann in des Rauhreifs Pracht zum letzten Leben hin sich neigt, und müd 1 in stiller Sternennacht des Jahres letzte Träume fliehn und alles, alles schweigt. Ein gerissener Amateurdeteiitiv Mr. Charles Zanger hat sich zwar nur in einem einzigen Falle als Amateurdetektiv betätigt, da aber mit solchem Erfolg, dass man ihm den Antrag stellte, sich der Polizei zur Verfügung zu stellen. Mr. Zanger hat aber abgelehnt, da er als Direktor einer der grössten Schuhfabrikskonzerne Amerikas so viel verdient, dass er auf die Polizei- , karnere verzichten -zu können glaubt. v ;Sein ungewöhnliches Deduktionstalent kam in einem iMordfalle zutage. In der Stadt Cincinnati warf.ein Ehepaar ermordet worden. Die Hockfields besassen in einer Vorstadt ein kleines Schuhgeschäft. Eines. Abends betrat ein Käufer den Laden, der aber seine Entscheidung, welche Schuhe er kaufen wo|lte, so lange hinausschob, bis die letzten Kunden gegangen waren. Mrs. Hockfield hatte den Eindruck, dass dieser Mann, wie sie sterbend später angab, einen Raubüberfall versuchen wollte. Da zog er auch schon einen Revolver aus der Tasche und richtete ihn gegen die beiden Hockfields. Hilferufend warf sich die Frau vor die Kasse, aber der Verbrecher feuerte. Schwer verletzt fielen die Besitzer des Geschäftes zu Boden, als der Verbrecher auf der Strasse Menschen kommen sah, die durch die Schüsse herbeigelockt worden waren, und flüchtete, ohne das Geld zu berühren. Niemand wagte ihn aufzuhalten, da er die geladene Pistole in der Hand trug. Er verschwand im Dunkel der Nacht. Das Ehepaar starb wenige Minuten, nachdem es in ein Spital eingeliefert worden war. Man wusste von dem Mörder nichts, als dass er keinen Bart getragen hatte. Aber dieser negative Hinweis war völlig ungenügend. Da holte man Mr. Zanger, den Schuhfachmann. Er trat in das Geschäft, betrachtete die alten Schuhe, die ' der Mörder zurückgelassen hatte, und schlitzte sie mit seinem Taschenmesser auf. Fünf Minuten später sagte er: «Der Mörder ist sehr gross, beinahe zwei Meter. Er ist jung, wiegt ungefähr achtzig Kilogramm, hat längere Zeit ausserhalb des Staates Ojiiö gelebt, ist also hier in Cincinnati fremd oder befindet sich auf Reisen. Er ist Mr. Zangers verblüffende Schlüsse hatte er aus folgenden Beobachtungen gezogen: die Schuhe des Mörders waren so sehr aus der Form gegangen und. so schlecht gepflegt, dass man annehmen konnte, er hätte keine Leisten verwendet und die Heinrich Lämmlin. Die Sclmlie verrieten Hin ... Absatz. Er stammte von dem häufigen Stemmen der Füsse gegen die Messingstange der amerikanischen Bars; aber zu dieser Zeit war es in Ohio verboten, in Bars Alkohol auszuschenken. Man erhielt ihn nur in Restaurants und musste ihn an Tischen trinken. An Bartheken ausgeschenkt wurde er nur in anderen Staaten. Diese Angaben genügten tatsächlich, um des Mörders habhaft zu werden. Er hiess Norman Peacock, war fast zwei Meter gross, wog einundachtzig Kilogramm, war zweiundzwanzig Jahre alt, ein starker Trinker und hatte bei seinem Vater in San Francisco gelebt. Er gestand seine Tat und wurde zum Tod durch den elektrischen Stuhl verurteilt. Der scheintote auf dem Scheiterhaufen Nach dreijährigem Prozess ist in Dacca in der indischen Provinz Bengalen einer der geheimnisvollsten Fälle, die sich jemals in Indien zugetragen haben, aufgeklärt worden. Der Rajah Rajendra Roy, ein Fürst, den man seit 24 Jahren für tot gehalten hatte, konnte mit Hilfe von beinahe 1000 Zeugen seinen Identitätsnachweis führen. Bereits im Jahre 1921 tauchte in der indischen Provinz Bengalen ein ärmlich gekleideter Mann auf, der von sich behauptete, er sei der Rajah Rajendra Roy aus Dacca, der im Jahre 1909 für die Welt starb, um das Leben eines einsamen Yogis zu führen. Nun sei er zurückgekehrt, geläutert und weise geworden, um sein Erbe wieder anzutreten. Man hielt den Mann allgemein für einen Schwindler, der auf diese seltsame Weise versuchte, sich in den Besitz der unermesslichen Schätze zu setzen, die der junge Rajah Rajendra Roy bei seinem Tode hinterliess. Man erinnerte sich, dass der Fürst im Jahre 1909 auf einer Erholungsreise in Darjeeling von einem plötzlichen Tode ereilt wurde. Als sich der Trauerzug zu dem Scheiterhaufen begeben hatte, auf dem nach alt-indischer Sitte der Leib des Verstorbenen verbrannt werden sollte, brach gerade in dem Augenblick, da man das ziemlich nachlässig gekleidet, lebt in finanziell Holz in Brand setzte, ein furchtbares Unwetter drückenden Verhältnissen und trinkt gerne. Die Schuhe sind vor einem halben Jahre gemacht, ohne los. Die Trauergäste stoben auseinander und suchten Schutz gegen den heftigen Gewitterguss. Später wollte man dann die Verbrennung vornehmen, Unterbrechung vier Monate getragen und von jemandem repariert worden, der nicht viel von sei-entdecktnem aber, dass der Leichnam vom Scheiter- Metier verstand. haufen verschwunden war. Der unbekannte Mann, der 12 Jahre später auftauchte, erklärte nun, er sei der Rajah, der damals nur scheintot gewesen sei und, als er vom Scheiterhaufen herabstieg, von wandernden Yogis mitgenommen wurde. Zwölf Jahre lang arbeitete Schuhe nicht oft genug reinigen lassen. Also war er als Diener und Knecht, um sich das notwendige er auf sein Aeusseres nicht bedacht. Die Beschaffenheit von Sohle und Absatz zeigte die un- im Jahre 1933, konnte er darangehen, seine An- Geld für seinen Prozess zu beschaffen. Endlich, gefähre Grosse, die Länge des Schrittes und das sprüche gerichtlich zu verfechten. Gewicht des Trägers an. Die Armut des Mörders ergab sichrdaraus, dass er die Schuhe ununterbrochen Ein Monstreprozess begann, wie ihn Indien selten erlebt hat. Drei Jahre lang dauerten die Ver- getragen und niemals gewechselt handlungen, zu denen beinahe 1000 Zeugen er- hatte, so' dass er offenbar kein zweites Paar besäss. Die Schlussfolgerung, dass er nicht aus Ohio schienen waren, um ihre Aussagen zu dem rätselhaften Fall zu machen. Nach dem Plädoyer des war und gern trank, zog Mr. Zanger aus ein und Staatsanwalts, das 30 Tage dauerte, sprach das derselben Beobachtung, nämlich aus einem metal-* lischen "Schimmer an der Sohle, dicht vor dem Gericht in Dacca dem wiedererstandenen Rajah feinen gesamten Besitz zu.

N" 86 — Automobil-Revue In meinem Garten Von Peter Pee Es ist schlimm und peinlich, wenn ein Automobil nicht mehr will und der Fahrer nur zwei Sachen tun kann: Kopfschüttelnd dastehen oder aber einer Reparaturwerkstätte telephonieren. Das Dastehen und Kopfschütteln ist vollbracht. Der vorbeifahrenden Automobilisten wegen habe ich ächzend und, mir der Sinnlosigkeit meines Tuns absolut bewusst, die linke Seite der Motorhaube geöffnet. Dann blicke ich hinein und beschliesse sofort, und zwar energisch, den zweiten Weg einzuschlagen: Reparaturwerkstätte. Die Motorhaube wird geschlossen. Ich mache mich auf die Telephonsuche. Es ist schönes Wetter, aber noch nicht sehr heiss: Frühling. Die Strasse ist nicht staubig und dort vorne steht schon ein Haus, von welchem freundlicherweise eine Telephonleitung ausgeht. Alles wäre an und für sich nett und gut, ich habe sogar genügend Zeit zur Verfügung. Nur allein das Gefühl: Dort hinten steht ein Wagen und kann nicht mehr das ist unangenehm. Wie in einem Film unter erstklassiger Regie klappt alles: Kaum bin ich vor dem Haus, kommt auch schon ein freundlicher Mann unter die Türe, erfasst sofort die Situation und führt mich zum Telephon. Nicht nur das, nein, er sucht mir sogar noch die Telephonnummer der Garage heraus und zieht sich dann, etwas vor sich hin murmelnd, zurück. Ein Angestellter der Garage komme in einer halben Stunde, heisst es am Telephon. Ich hänge ein und suche den Hausbesitzer, um mich zu bedanken und zu bezahlen. Plötzlich, nachdem ich das Auto und mich wohlversorgt weiss, überlege ich: Was brummte der Mann, während ich die Nummer verlangte? Und mein treues Unterbewusstsein lässt mich nicht im Stich, sondern wiederholt brav: «Auto! Fahrt durchs Landl Ziellos! Ohne Heim, ohne Ruhe! Auto-Blödsinn! » Aha, denke ich mir, ein Fussgänger. Ist vielleicht einmal angefahren worden. Oder auch nur erschreckt von einem Auto. Der Film dreht sich weiter. Eine Türe geht auf. Der Mann steht freundlich vor mir, nimmt ohne Umstände die Bezahlung und den Dank an und erkundigt sich, wann der Mechaniker komme. In etwa einer halben Stunde. « Ja, » nickt der Mann, « ja, die Herren Automobilisten haben's eilig. Jetzt verlieren Sie eine ganze halbe Stunde. Eine halbe Stunde Verlust in Ihrem Leben, die Sie selbst mit der höchsten Geschwindigkeit nicht mehr einholen können. » « Aber ich bitte Sie, im Gegenteil: Ich habe 2 x mit dem gleichen Los zu gewinnen, das bietet nur GEFA. Treffer Fr.1>O,OOt/.- Fr. 100,000.-, Fr. 50,000.-, Fr. 20,000.-, Fr. 10,000.- usw., alle in bar. Ueber s / 4 Millionen werden an die Gewinner verteilt! Sämtliche verkauften Lose nehmen an der Zwischenziehung und der grossen Schlussziehung teil. Los p reis Fr.10. - Zehnerserie mit mindestens einem sichern Treffer, Fr.100.- Postcheckadresse: Lotteriebureau GEFA, Grenchen Va 1821. Briefadresse: Postfach 37, Grenchen 79. Diskrete Zustellung der Lose nach allen Kantonen, auch gegen Nachnahme. Für Porto 40 Rp., für Ziehungsliste 30 Rp. beifügen. Telephon 85.766. — Auch erhältlich bei den solothurnischen Banken und der Basellandschaftlichen Kantonalbank. — Auszahlung der' Treuer nach allen Kantonen der Schweiz ohne jeglichen Abzug. Hauptziehung: 20. Dez. 1936 Zwischenziehung: 14a KOVi alle Zeit. Niemand erwartet mich und ob ich jetzt eine halbe Stunde früher oder später nach Hause komme, ist doch einerlei.» Ein Zufall, dass der Mann grösser ist als ich. Durch diese Schicksalsfügung jedoch kann er mich von oben herab sehr mitleidig und etwas erniedrigend ansehen: « Nach Hause? Sie reden von einem Zuhause. Ihr Zuhause ist ja nur eine Station und kein Bleiben. Morgen fahren Sie wieder weiter. Da spricht einer von Zuhause, der sicherlich nicht einmal einen Garten besitzt. » Er schüttelt den Kopf. « Nein, allerdings besitze ich keinen Garten. Dafür leiste ich mir ein Auto. » « Ein Auto! Das ist es ja eben! », fährt der Alte auf und hat plötzlich zwei böse Aeuglein, die mich gehässig anfunkeln. Er ballt die Fäuste, hält sie in Kopf höhe und tobt: « Was habt Ihr von 'em modernen Zeugs? Welchen Lebensinhalt kann Euch etwas geben, das gar kein Leben in sich hat? » « Aber erlauben Sie, » unterbreche ich ihn, «ein Motor ist doch lebendig. Er läuft, er dreht sich, er dröhnt! » « Ja, » lacht der Alte, « wenn der Mensch ihn laufen lässt. Motor, Metall, zusammengesetzte Teile: Mein Herr, das ist kein Leben. Aber da draussen ist Leben. Da draussen ist ein Zuhause und das ist der Grund, warum ich mehr vom Leben habe als alle Automobilisten zusammen. Kommen Sie in meinen Garten. Dann verstehen Sie, warum ihr durch die Natur fährt, ohne etwas von der Natur zu haben und wieso ein Mensch innig mit der Natur zusammenlebt, ohne je aus seinem Garten herausgekommen zu sein. » Ein komischer Kauz. Er stapft schwer durch den Hausgang hinaus. Ich habe ja Zeit, ich geh' mal mit. Vielleicht hat er in seinen Ansichten nicht so unrecht — wahrscheinlich aber ist er in seinen Garten verliebt und verdammt aus diesem Grunde alles, was nicht damit zusammenhängt. Und hier der Garten. Der -alte Mann stellt sich in Positur, räuspert und blickt über seine Prärie, die, gut geschätzt, den Umfang von 6X8 Meter hat. Es sind auf diesen paar Quadratmetern einige saubere Beete, aus denen dürftiges Grünzeug die Köpfchen hervorstreckt; irgendwo in einer Ecke sind zwei, drei Sträucher, und am Rand blüht etwas. Das ist dem Herrn sein Garten. Der alte Mann blickt mich mit einem Ausdruck an, wie wenn er sagen wollte: «Na, mein Lieber, jetzt bist du aber geschlagen! » Er schnuppert mit seiner Nase, die er möglichst vorstreckt, seine Gartenluft ein, dass die aus 9Cumac im 9ioiel Ein Gast wischt sich in einem Gasthaus Messer und Gabel am Tischtuch ab. «Ist das bei Ihnen zu Hause Sitte?» fährt ihn der Wirt an. — «Nein,» antwortet der andere, «bei uns zu Hause kommen nur reine Bestecke auf den Tisch!» Es war sein erster Besuch in Amerika, und er wurde ärgerlich, als man immer wieder seine Papiere zu sehen wünschte. Der Hotelbesitzer erklärte: «Wie soll ich sonst feststellen, dass die Dame wirklich mit Ihnen verheiratet ist.» — Tourist: «Wundervoll. Ich gebe Ihnen hundert Dollar, wenn Sie beweisen können, dass sie es nicht ist.» I «Dafür leiste ich mir ein Auto» könnte auch der Korber sagen, der in diesem vorsintflutlichen Taxi Quartier hezogen hat. Wo er nur die Hafersäcke des Bundes gemaust haben mag, die ihm als Fenstervorhänge dienen? — Auch eine Art des «neuen Wohnens». (Photo Gattiker, Bern.) den Nasenlöchern wuchernden Haare zittern: « Das ist Landluft, » bemerkt er stolz, « so riecht nur mein Garten! Aber setzen wir uns, dort ist die Bank. » Die Bank ist selbst' verfertigt, unter einem Kirschbaum. Es gibt Nägel darin, die nicht ganz eingeschlagen wurden. Man kann sich die Kleider zerreissen. Aber das spielt doch keine Rolle, im eigenen Garten! Der Cicerone beginnt: «Hier ist Schnittlauch. Dort drüben Kressen. Nebenan im Beet Rettiche und Blumenkohl. Lauch ist links, dort beim Spinat. Im letzten Beet dort kommt Sellerie und Rübkohl. Kopfsalat säe ich das nächste Jahr.» Ich bin erschüttert. Wer hätte das gedacht?! Diese kleinen Unkräuterchen sind richtiges Ge- Smüse in jugendlichem Stadium. Um nicht zu 'unwissend zu erscheinen, setze ich eine ganz ernste Miene auf, lobe vorerst das angepflanzte Gemüse und bemerke dann leichthin aber fachkundig: «Und dort, unter dem Mist, werden wohl die Kartoffeln sein? » „ « Dummes Zeug, Kartoffeln! Das sieht man doch, dass das keine Kartoffeln sind. Das wächst doch schon! Aber ein Automobilist kennt natürlich Zwiebelblätter nicht! » Es will mir mit dem besten Willen nicht gelingen, länger als eine Minute die noch sozusagen leeren Beete zu bewundern. Ich komme daher auf « Allgemeines » zu reden: « Braucht ein solcher Garten wirklich so viel Pflege und, was mich eigentlich noch mehr interessiert, ersetzt Ihnen der Garten die Freuden, welche uns die weite Welt bietet? » Ich hätte dies nicht sagen sollen. Der alte Mann wird bleich und röchelt asthmatisch. Ich befürchte einen Schlagahfall. Doch er umfasst mit zitternder Hand seinen Kirschbaum und hält seine R«de. Die Rede war wohlvorbereitet. Er muss sie schon hundertmal gedacht haben. Beim Säen der Kressen und beim Pflanzen des Spinats — oder wird vielleicht Spinat gesetzt? — immer, bei allen Arbeiten in seinem Garten, wird er an der Rede herumgefeilt haben. Genau erinnere ich mich nicht mehr. Ungefähr lautete sie so: " « Mein Herr! Ich gab Ihnen Einblick in meinen Garten. Doch haben Sie erst die Hälfte gesehen, dort drüben ist der Blumenpark mit Stiefmütterchen, Primeln, Buchs, Goldregen und Vergissmeinnicht und zwei Rosenstöcken. Mein Herr! Sie glauben auf Ihre Art das Leben geniessen zu können — ein wahrer Genuss ist nur, einen Garten zu besitzen, Vater zu sein von so vielen lebenden Pflanzen, sie zu betreuen, zu pflegen, ihnen Wasser zu geben — » Ich unterbrach rasch halblaut: « Und sie zu essen! » Er überhörte den Einwurf geflissentlich und fuhr fort: « Die Freude zu haben, ihr Wachstum beobachten zu dürfen und stolz sein zu können auf den eigenen Grund und Boden, der so Wunderbares von sich gibt. Ein Gärtner, mein Herr, hat wohl zugleich den verantwortungsvollsten und erfreulichsten Beruf. Mein Leben ist mein Garten! » Wie erwartet, kommt -nun ein gelbliches Schnupftuch zum Vorschein, das an die Augen geführt wird, obwohl diese keineswegs tränen. Um jedoch den tragischen Moment im Garten des Herrn abzukürzen, erlaube ich mir einige Fragen zu stellen: « Ihr Garten ist herrlich. Daran - gibt es nichts zu tippen. Aber schliesslich und endlich sind Sie doch auch ein Mensch, der in der Zeit lebt, der mit der Zeit geht, der also Zeitungen liest — » « Zeitungen! Ich werde schon Zeitungen lesen! Während ihr in den Zeitungen herumschnüffelt, schneide ich meine Rosen! Für Zeitungen habe ich keine Zeit! » « Aber Sie werden doch einmal abends in einen Kino gehen oder Sie haben bestimmt einen Radio oder vielleicht einen Grammophon? » ,, «Was kann mir ein Kino bieten? Und Radio? Da ist mir mein Kopfsalat wichtiger, und allein die Ueberlegung, wohin ich nächstes Jahr die grünen Erbsen pflanze, gibt mir manchen Abend zu tun. » « Na ja, da werden Sie somit wohl abends bei einem Glas Wein mit Ihrer Frau alles mögliche über Ihren schönen Garten besprechen. » «Wein? Habe ich etwa Wein in meinem Garten gepflanzt? Ich pflanze keinen und mache mir auch nichts daraus. Und mit Frauen lassen Sie mich gefälligst in Ruhe. Frauen bringen Unruhe in das Leben, sie füllen den Kopf mit dummen Gedanken und wenn man sie pflegen will, wie man seinen Garten pflegt, dann werden sie frech, weil man sie verwöhnt. Mein Garten aber bleibt immer freundlich und gütig spendend. » Es liegen mir noch einige Fragen auf der Zunge: Bücher — Reisen — andere Leute und Länder kennen lernen — vielleicht nur einmal in einem grossen fremden Wald spazieren gehen. Aber ich wage nicht zu fragen. « Der Mechaniker ist da, » sagt der Mann freundlich und weist auf die Strasse. Der Film dreht: Wir drücken uns die Hand. Er stapft in seinen Garten zurück, ich gehe zu meinem Auto. Der Schaden ist, wie erwartet, in wenigen Minuten behoben. Beim Vorbeifahren sehe ich den Mann in seinem Garten, gebeugt, und heute noch überlege ich mir: « Hat er damals wohl seine Rettiche gestochen? Oder sticht man nur Spargeln und Rettiche nicht? » Das führende Geschäft für Photographie Unsere Vergrösserungen und übrigen Photoarbeiten sprechen für sich selbst. - Entwickeln nach eigen, einzigem Verfahren. Genossenschaft für. Arbeitsbeschaffung. GRENCHEN Zeitgemässe Preise. Bahnhofstrasse M, vorm. Goshawk Telefon 36.0&J