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E_1936_Zeitung_Nr.094

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BERN, Freitag, 20. November 1936 Nummer 20 Cts. 32. Jahrgang - N° 94 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. IC- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.l vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit tnsassenvenicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Ge«ehSrts«t«u> Zarieht I.öwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif InsCTatensehlus* 4 Tage vor Erscheinen der Nummer Arbeitsbeschaffung durch die Wehranleihe Von der Friedens- zur Wehrwirtschaft. — Flugzeugbeschaffung. — Passiver Luftschutz. — Motorisierung. — Treibstofflager. — Strassenbau. 335 Millionen Schweizeriranken hat unser Volk seiner obersten Landesbehörde in einer ausgesprochenen wirtschaftlichen Depressionsperiode zum Zwecke der Aufrüstung unserer Armee zur Verfügung gestellt. Zusammen mit den verschiedensten Wehrreformen •der letzten Jahre werden diese Mittel nun die einzig mögliche Basis schaffen, welche einen wirksamen Schutz unseres Landes oder dessen bis zum äussersten gehende Verteidigung ermöglicht. Zu diesem grossen Erfolg der Wehranleihe mag übrigens der Gedanke, den verschiedensten Zweigen von Industrie und Gewerbe auf diese Weise vermehrte Aufträge zu verschaffen und damit nicht zuletzt der Krisennot und Arbeitslosigkeit wirksam entgegenzutreten, ein gut Teil beigetragen haben. Im Mittelpunkt der nun zu lösenden Aufgaben stehen vor allem der Ausbau unserer Flugwaffe, die Schaffung einer ausreichenden Flugabwehr und die Weiterentwicklung des passiven Luftschutzes. Daneben gilt es, die auf Grund der beiden ausserordentlichen Materialkredite-zur Verfügung gestellten. Gelder für eine möglichst rationelle Beschaffung von Kriegsmaterial einzusetzen. Im Interesse der Arbeitsbeschaffung sind gerade hiefür weitgehendst alle irgend in Betracht fallenden Industrie- und Gewerbebetriebe* aller Landesteile zu berücksichtigen. Es hat lange gedauert, ehe man sich auch bei uns endlich zur Erkenntnis durchrang, dass die Ausgaben für Heer, Luftwaffe und für den Schutz der Zivilbevölkerung die Wirtschaft nicht nur einseitig finanziell belasten, sondern gleichzeitig in hohem Masse produktiv Sind. Vornehmlich am Beispiel diktatorisch regierter Staatswesen hatten wir in den letzten Jahren vollauf Gelegenheit, die Umstellung ganzer Industriezweige auf die Herstellung von Kriegsmaterialien, die Wiedereinschaltung von Beschäftigungslosen in den Arbeitsprozess durch den Bau eher militärisch als touristisch bedingter Strassen, den Versuch einer Sicherstellung der produktionstechnischen Basis moderner Kriegführung durch grösste Anstrengungen auf dem bedeutungsvollen Gebiete der Ersatzstoffwirtschaft aus nächster Nähe zu beobachten und die notwendigen Lehren zu ziehen. Ganz automatisch ist auch die Schweiz in diesen Kreislauf verflochten worden. Interessanterweise nun hat das Volk die hieraus resultierenden Konsequenzen viel schärfer erfasst als selbst der Bundesrat, der, ungeachtet der dringenden Finanzbedürfnisse, die für die Aufrüstung bestimmten Beträge auf ein Mindestmass herabsetzen zu müssen glaubte. So anerkennenswert jede Spartendenz unter den heutigen Verhältnissen auch ist, hier war sie fehl am Platze und es gereicht dem Schweizervolk zur Ehre, dass es die unumgänglich notwendigen Bedürfnisse der Landesverteidigung erkannte und entsprechend gehandelt hat. Allein schon der Entschluss einer Regierung, dem Lande durch den Aufbau einer starken Wehrmacht die notwendige Sicherung zu schaffen, genügt, um den wirtschaftlichen Kräften neuen Auftrieb zu verleihen. Die Entwicklungen in Italien Deutschland, Japan und jüngstens auch in England bestätigen diese Tatsache in vollem Ausmasse; der militärischen Aufrüstung folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung. Und* gerade weil der Neuorientierung unserer Wirtschaftspolitik noch starke Kräfte hindernd entgegenwirken, erfordert die eingeengte Lage unserer Inlandwirtschaft neben dem äussern Antriebsmotor der Abwertung noch einen weitern, einen innern. Die Arbeitsbeschaffung durch die Wehranleihe wird hier hel'fend eingreifen. Was anfänglich den Anschein eines unglücklichen Zusammentreffens trug, nämlich das zeitliche Zusammenfallen des Abwertungsbeschlusses mit dem Auflagetermin der Wehranleihe, kann uns zum Segen gereichen. Abwertung und Wehranleihe müssen zwei mächtige Antriebsmotoren für unsere Wirtschaft ergeben, soll diese jemals wieder gesunden, jeder einzelne der beiden Faktoren ist an und für sich tiefschürfend genug, um unser Volk endlich aus der Gleichmütigkeit eines sich in Kleinigkeiten erschöpfenden Alltags herauszureissen, um den einzelnen wieder einmal über das kleine Ich herauswachsen zu lassen zu einem verantwortlichen Gliede des Volksganzen. Heute werden der Wirtschaft unseres Landes neue Aufgaben zugewiesen, Aufgaben, die vielfach ausserhalb ihrer bisherigen Tätigkeit liegen, ihr aber neue Möglichkeiten geben und sie zu neuen Erfolgen führen können. Hinsichtlich der Stellung unserer einheimischen Wirtschaft im Rahmen der durch die Aufrüstung bedingten Aufträge ist nun unbedingt danach zu trachten, das Maximum des Erreichbaren — selbst auf die Gefahr höherer Stückpreise hin — im Lande selbst herzustellen. Man bedenke, dass wir im Ernst- falle auf Gedeih und Verderb auf diese einheimischen. Materiallieferanten angewiesen sind und dass das dannzumalige Aufziehen einer auf die Bedürfnisse unseres Heeres zugeschnittenen Kriegsfabrikation vergebliche, reichlich verspätete Mühe sein dürfte. Ebenso sinnlos wäre es aber, auf der andern Seite sich auf die Herstellung von Produkten versteifen zu wollen, für deren Fabrikation uns nicht nur die Praxis abgeht, sondern ausserdem alle pröduktionstechnischen Notwendigkeiten fehlen. Wir müssen eine kriegswirtschaftliche Orientierung nach unsern grossen Nachbarn oder Weltreichen, wie die Vereinigten Staaten und Grossbritannien, unbedingt vermeiden; was diesen frommt, gereicht uns noch lange nicht zum Vorteil. Allein schon unsere Armut an Kohle, Erz und Erdöl, den drei Hauptträgern moderner Kriegswirtschaft, machen die Sonderstellung der Schweiz auf diesem Gebiete verständlich. .Das Wenige aber, worüber wir verfügen, die Umstellfähigkeit unseres Industriekörpers, der in Tausenden von Schweizern schlummernde Erfindergeist, die grosse Anpassungsfähigkeit unserer Privatwirtschaft und nicht zuletzt den bei uns heimischen initiativen Unternehmergeist gilt es zu wecken, zu fördern und in den Dienst der Gesamtheit unseres Volkes und unseres Vaterlandes zu stellen. Zugegeben, die Bewaffnung -und Ausrüstung einer Armee kostet viel Geld und es muss dieses durch die Arbeit des Volkes, durch die Wirtschaft, aufgebracht werden. Nun entscheidet aber das in Friedenszeiten hiefür angelegte Kapital vielleicht einmal über Sein oder Nichtsein dieses selben Volkes, über Vernichtung oder Fortbestand und Weiterentwicklung dieser selben nationalen Wirtschaft. Diese Feststellung an und für sich genügt schon, um die Aufwendungen für unsere Wehrhaftigkeit zu rechtfertigen. Es gibt aber noch eine weitere Seite dieser Angelegenheit, und das ist die immer enger werdende Verflechtung der Armee mit der Volkswirtschaft und der Industrie. Die militärischen Forderungen an das Kriegsgerät, die Entwicklung neuer Waffen und anderer Heeresmaterialien geschehen in unmittelbarer Zusammenarbeit von Armee, Wirtschaft und Industrie. Vor allem letztere erfährt durch diesen engen Gedankenaustausch dauernd neue Befruchtung; die fortlaufende technische Entwicklung der Kriegsgeräte feuert sie zu immer besseren Leistungen an. Die von der Armee zwecks Untersuchung und Abklärung bestimmter Probleme der Wirtschaft zur Verfügung gestellten Summen kommen nicht zuletzt der ganzen Volkswirtschaft zugute. Als Beispiel hiefür sei nur die britische Automobil- und Flugzeugindustrie angeführt, haben doch in Grossbritannien gerade die hochgeschraubten militärischen Forderungen frühzeitig zu Pionierleistungen auf dem Gebiete des Motoren- Seite 16: 9er Sustenpass im 3ild Sondernummer: Lotterie. baues geführt. Dank der Wehranleihe wird nun die Armee sich künftig auch bei uns vielmehr, als dies bisher der Fall war, als starke Triebfeder für die Wirtschaft auswirken. Bereits sind bescheidene Vorarbeiten geleistet, welche die Grundlagen einer Wehrwirtschaft, d. h. die Möglichkeit einer Ueberbrückung der Anlaufs- und Umstellzeit von der Friedens- zur Kriegswirtschaft schaffen sollen. Wichtige Gesichtspunkte der friedensmässigen Vorbereitung kriegswirtschaftlicher Tätigkeit sind: Sicherstellung der Rohstoff- und Lebensmittelversorgung für eine bestimmte Zeitdauer; Verkürzung der Umstellperioden bei den für die Armeelieferungen wichtigen Werken, Erzwingung eines sparsamen Verbrauchs wichtiger Rohmaterialien oder besserer Ausbeute vorhandener Rohstoffe (Holz), Ermöglichung der Einführung neuer Stoffe. Im weitern erwächst der Wirtschaft auch aus den Erfahrungen der Armee auf dem Gebiete des Materialgebrauches mancher Nutzen; wir denken etwa an die Leichtmetallverarbeitung, an die Schweiss-, Schmiede- und Gusstechnik. Die militärischerseits , gestellten HÖchstanforderungen bilden eine gute Grundlage zur An- Wendung für nichtmüitärische Zwecke. Konnte man diese Wechselwirkungen schon während der letzten Kriegsjahre in bescheidenerem Umfange beobachten, so sind die Verbindungen Heer—Wirtschaft infolge der heutigen materialtechnischen Entwicklung neuzeitlicher Armeen zu einem Hauptfaktor der Kriegführung geworden. Die Wirtschaft muss in neuerer Zeit hinsichtlich der Vorhaben der Armee mindestens in grossen Linien auf dem Laufenden sein, denn nichts kann so verhängnisvoll werden, als zu knapp bemessene Termine und allzugrosser Wechsel in den Produktionsrichtlinien. Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich aber auch die Notwendigkeit einer äusserst initiativen und wendigen Wirtschaft; die Kriegskunst ist ein recht launischer Geselle und jede neue Erfindung macht ein Gegenmittel notwendig. (Schluss folgt.) F E U I L L E T O N Musik der Nacht. Roman von Joe Lederer. 28. Fortsetzung. « Wenn jetzt ein Schiff ginge — wir könnten sofort reisen ! Senor da Silva ist mein Pate, er ist brasilianischer Konsul... Der würde uns Empfehlungen an seine britischen Freunde geben — er kennt alle Menschen, die ganze Welt. Du würdest sofort Aufträge bekommen!» « Ach so du meinst... ? » «Er täte es gern für mich», versicherte Sybil ahnungslos. « Er ist charmant, er liebt mich. » « Ich kenne mein Handwerk ! » sagte Lukas. «Ich baue mit Zirkel und Lineal. Aber nicht mit den Empfehlungsschreiben eines liebenswürdigen und einflussreichen Herrn. Warum beleidigst du mich?» «Ich dachte nur... Sicher bist du ein ausgezeichneter Architekt, aber... versteh mich doch, Lieber: wer weiss, ob das in Camberra gilt ? Du kennst die Engländer nicht, sie sind sehr sonderbar...» « Dann gehen wir eben nicht hin », sagte Lukas verdrossen. «Es gibt noch andere Länder. Ein Kollege von mir, der Franz Ulmann hast du schon' von ihm gehört ? Nein? Der ist seit zwei Jahren in Sao Paolo und hat mir ein dutzendmal geschrieben, ich sollte hinüberkommen...» Sie schwiegen beide. Sie sprachen kein Wort und sahen sich scheu an. Endlich sprang Lukas auf. Mit grossen Schritten durchwanderte er das Zimmer. «Diese Qual, diese sinnlose Qual! Alle Möglichkeiten zu sehen, zu wissen: es könnte sein, das alles wartet, man muss nur fertig bringen, die Hand danach auszustrecken, und ... Mit dir nach Sao Paolo reisen — immer bist du da, sitzt am gleichen Tisch, lebst im selben Haus mit mir! Ich weiss ja nicht einmal, wie du aussiehst, wenn du schläfst und wenn du aufwachst! Dabei sein, wenn du Bücher liest, in der Sonne liegst, deine Schuhe anziehst. Ich würde arbeiten, es macht nichts, wenn ich nochmals von neuem anfangen muss, ich komm hoch, ich schaffe mir meinen Platz...» Fort von Europa, fort ! Sybils Indianerhaar flattert wie eine Standarte. Sich einmal losreissen und den Mut haben, um sein Glück zu raufen ! Endlich ein Schiff besteigen und der Sehnsucht der Knabenjahre nachziehen ! Am Bug steht Sybil, schimmernde Gallionsfigur... « Wir müssten Zeit haben, viel, viel Zeit, um uns zu lieben ! Tausend Nächte, nur um deine Stirn anzusehen, mich daran zu freuen, wie schön und rein deine Schläfen sind... Tausend Nächte, um mit dir zu schweigen, die grosse Ruhe zu fühlen...» Sybil lauschte angestrengt und hielt die Hand auf den Drachen georesst, der ihr Herz bewachte : o Gott, ich will nicht wissen, wie unsere Zukunft sein könnte ! Tausend Nächte — — aber wir haben nur diese eine einzige Nacht. Ich will nichts hören, er soll still sein, es gibt keine Zukunft... Aber dieser trunkene Schuljunge schwieg nicht, er musste zu Ende sprechen, gierig sein Schicksal beschwören, das er nie erreichen würde. «Für dich ein Haus bauen ! Ich wohne jetzt in einem Miethaus... das ist auch so eine Sache : nie bin ich dazu gekommen, für mich selbst zu bauen. Aber drüben, in Sao Paolo...» Sybil blickte ihn an, wie er rastlos durchs Zimmer schritt, schmalhüftig, gestreckt, mit breiten, energischen Schultern. Er ging sehr leise, sprungbereit, es war Freude, ihn anzusehen. «Kannst du dir unser Haus vorstellen, Sybil ? Ein Landhaus müsste es sein, mit einer grossen Halle, holzgeschnitzten Treppen — — es soll nicht modern sein, nein, ich will Raum verschwenden ... Für dich passt kein praktisches Haus, in dem jeder Quadratmeter a'i^ertützt ist.» Fortsetzung folgt.