Aufrufe
vor 7 Monaten

E_1936_Zeitung_Nr.096

E_1936_Zeitung_Nr.096

AUTOMOBIL-REVUE

AUTOMOBIL-REVUE Schweissungen von Zylinderblöcken und schwierigen Gußstücken sind seit Jahren eineSpe- • zialität unseres Hauses Keine inneren Spannungen G a r a n t i e für Haltbarkeit Succurs.a Lausanne 47Avenue duS/mp/on Druck, Cliches und Verlag: HALLWAG A.-G., HaUersche Büchdruckerei und Wagnersche Verlagsanstalt, Bern.

BERN, Freitag, 27. November 1936 Automobil-Revue, II. Blatt - Nr. 96 8>ey H A N S R U D O L F S O H M I D : Wenn man in den Kanton Bern kommt, ist einem zu Mute, man trete in eine warme Stube. So philosophiert ein alter Landstreicher und Schnapsbrüder bei Jeremias Gottheit und Leute dieser Gattung haben ein feines Temperaturempfinden. Ist es nur deswegen, weil im Bernerland auch der Fremdling mit dem intimen Anruf clhr> empfangen wird, weil der Bauersmann nicht in den Eisenbahnwagen tritt, ohne ein vernehmliches «Grüss Gott!» zu bieten? In Zürich oder Basel ist sie viel kühler, die Temperatur von Mensch zu Mensch, und dabei geht der Zürcher oder Basler doch viel rascher aus sich heraus als der Berner — aber dieser Bär hat einen dicken und — warmen Pelz! Die alten Bäume und die alten Häuser sind im. Bernerland daheim. Anderswo wurden sie gefällt, hier bleiben sie stehen und wachsen fröhlich weiter in die neue Zeit hinein. Auf den Märkten begegnet man immer noch den Bauern im gelbbraunen; selbstgewobenen Halbleinen und Frauen in den malerischen, mit Silberketten behangenen Trachten. Gewaltige Bauernhöfe stehen in den Baumgärten, oft seit Jahrhunderten unverändert vom Vater auf den (jüngsten) Sohn vererbt — alte, edle Häuser säumen die Gassen der Städte, in dtnen westliche Kultur mit germanischer Kraft umgeformt ist; Schlösser und Landhäuser aus dem zierlichen 18. Jahrhundert, klotzige Schlösser aus burgundischem Mittelalter zeigen an, dass dieses Land eine aristokratische Tradition hat. Aber nicht nur der Herr, auch der Bauer ist hier ein Aristokrat in seiner Art, und wenn Jeremias Gotthelf noch heute recht haben sollte, so lugt ein Berner Bauer, der auf einem bezahlten, das heisst schuldenfreien Hofe sitzt, selbst den König Salomo für einen Schnuderbub an neben sich. Pie Berner haben harte Köpfe, aber ihre Sprache ist weich, melodisch und unendlich schmiegsam. Sie sind etwas herb, aber grundgut, gemütvoll und doch etwas «gytig», nicht immer entgegenkommend, aber stets hilfsbereit. Das Bärndütsch hat einen phantastischen Wort- und Formenreichtum, etwa wie das Italienische, mit Färbungen und Gefühlsnuancen, wie sie die Schriftsprache niemals wiedergeben kann. Kein Wunder, dass sie einer ganzen Reihe von Mundartdichtem das Wort erteilt hat; sie sind, etwa mit Ausnahme des Sfadtberners Rudolf von Tavel und des Emmentaler Schriftstellers C. A. Loosli, fast alle Lehrer und Pfarrer, vom AIt(schul)meister Simon Gfeller bis zum Pfarrer Emanuel Friedli, dem Schöpfer des grossen «Bärndütsch»-Werkes — denn in diesem Bauernlande sind Lehrer und Pfarrer sozusagen die einzigen legitimen Idealisten. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Man hat zwar viele Worte für lässiges Umherstehen und redseliges Säumen: «Zaaggen, chniepen, tampen, laferen», aber quch der «Gispel», der «Zwaspli» und der «Schwadli» sind so wenig nach dem Sinn des Berners wie der «Stürmi». «Nume nid g'sprängt!» heisst sein erster Grundsatz, sein zweiter: cAber gäng hü!» Nervosität ist keine verbreitete Krankheit. «Bären» und «leuen» sind zwei verschiedene Formen des Ausruhens, und weil die Wirtshäuser zumeist «zum Bären» und «zum Leuen» genannt sind, geht man in dtn «Bären go leuen» und in den «Leuen go baren». Und als ein Knabe seinen Vater fragte, ob'hinter dem Gurtenberg auch Leute wohnen, erhielt er die beruhigende Antwort: «Ching, mer wey nid grüble!» Aus diesem Boden heraus sind Künstler gewachsen, die nicht zu den Schlechten gezählt werden: Albert Anker, der Seeländer, Ferdinand Hodler, der Sohn des Berner Mattenquartiers, das unglückliche Genie Karl Stauffer, der Burgdorfer Bauernmaler Max Buri, und der Solothurner Cuno Amiet, der auf der Oschwand bei Herzogenbuchsee wohnt—r und doch könnte man nicht, sagen, den Künstlern werde der Erfolg leicht gemacht. Hodler hat es erfahren, aber nicht minder quch Karl Stauffer, der In Berlin schon längst der gesuchteste Porträtmaler war, als er 1889 In Bern ein Bild ausstellte, über welches die Leute sich entrüsteten, weil der dargestellte Mann weder Kragen noch Krawatte trug. — Das Kunsthandwerk: Nebst den Brienzer Schnitzern und den Oberl der Spitzenklöpplerinnen erscheinen die Heimberger Keramiken, die meist als Heim verfertigt werden; ein besonderes Lob ve auch die Porzellanfabrik in Langenthai, die der Schweiz, deren Erzeugnisse übrigens den gleich mit Bavaria, Rosenthal und Sevres wohl aushalten. Die bernische Küche hat Rühmens nicht nStig, und sie braucht sich weder mit «Rösti» noch mit der «Berner Platte» zu begnügen, noch etwa mit «Hamme u Laffli» (so heissen Schinken und Achselstück beim Schwein), noch mit Schlagrahmdesserts. Daneben dauern und leben alte Landstädtchen fort: Buren, Aarberg und Wangen an der Aare, Laupen, Burgdorf, am Bielersee Nidau, Erlach und Neuenstadt — Nester, in denen Alfred Kerr, wie einst in Rapperswil, vergnüglich knurren könnte: «Spitzweg ist ein Hund dagegen!» Dieser Kanton Bern ist ein Grenzland, er steht an einer Sprach- und Kulturscheide, aber so nahe die Berner auch beim Esprit francais zu Hause sind, sie sind weder dem französischen noch sonst einem Geist tributpflichtig geworden — hat nicht Albrecht von Haller sein eigenes Ringen mit einer Schrift «Ueber die Nachteiligkeit des Geistes» desavouiert? Ein Berner selbst, nämlich Gottfried Bohnenblust, ist es, der von den Bernern sagt, sie würden es nicht beklagt haben, wenn die Erfindung der Buchdruckerkunst unterblieben wäre! «Geist», etwas Geistiges, bedeutet hier soviel wie Alkohol, und «geistreich» werden in dieser Sprache höchstens Hunde und Pferde genannt. Freilich (und hier nimmt einer das Wort, der nicht aus diesem Boden stammt) sind die Berner weder selbst geistreichelnd, noch haben sie dafür den anerkennenden Sinn, und wenn in der Hauptstadt dieser aristokratisch-bäurischen Republik die Lehren von Descartes verboten und die Schriften Spinozas durch den Henker verbrannt wurden, so strahlen seine Bewohner dafür andere Kräfte, Werte und Tugenden aus, die vielleicht näher an Saat und Scholle, an der Erde und ihrer Wirklichkeit sind: Sie haben Gedanken, sie haben Gefühle: sind Gotthelf und Hodler nicht Gedankenmenschen von höchsten Einsätzen? Liegt nicht im bernischen Volkslied ein Reichtum warmer, natürlicher Empfindung und primitiver Naturverbundenheit? Es ist nirgends so tief und unergründlich im Volkstum verwurzelt wie im Kanton Bern; der grösste Teil des lebendigen schweizerischen Volksliederschatzes ist hier beheimatet, nirgends blüht auch die populäre Dramatik wie in Bern, wo eine «Zytglogge-Gesellschaft» aus der Mundart eine Bühnensprache hervorzaubert. Wenn der Reisesommer angebrochen ist, kann man in Bern fast an jeder Strassenecke Wanderer Set Sifcelemättt ift in vollem