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E_1938_Zeitung_Nr.008

E_1938_Zeitung_Nr.008

BERN, Freitag, 28. Januar 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 8 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE» Anifab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. IC- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieb abonniert Ausgab« B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dlensta« und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gflhc U«te" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitcnrainslr. 97, Bern Telephon 28.823 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwcnstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: DU Mhtgetpaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif Inseratensehlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummer Wir stellen die Frage zur Diskussion: Wie halten Sie es mit dem Trinkgeld? Vorbemerkung der Red.- Mit der öffentlichen Diskussion über das Trinkgeldwesen schneiden wir, dessen sind wir uns bewusst, ein Problem an, das weit davon entfernt ist. einer einheitlichen Betrachtungsweise zu unterliegen. Bestimmte Usanzen haben sich unseres Wissens im Trinkgeldwesen des Reparaturund Garagengewerbes nicht herausgebildet. Jeder Automobilist bemisst seine Spende «zu Händen» der dienstbaren Geister aer Garagen, Tankstellen usw. nach persönlichem, individuellem Gutfinden. Aber gerade dieser Mangel an einer gewissen Norm schafft ein Gefühl der Uneicherheit. Was ist angemessen, wieweit darf und soll ich gehen, habe ich zu wenig oder zuviel gegeben und überhaupt: wie verhalte ich mich, wenn ich als anständiger Kerl gelten will? — so ungefähr lauten die Fragen, vor welche sich ein jeder von uns fast tagtäglich gestellt sieht. Denn so einfach wie im Gastgewerbe, wo man schlankweg seine 10% erlegt und damit seine «Schuldigkeit» tut, gestalten sich die Dinge in der Branche nicht, mit der wir es zu tun haben. Die «A.-R.» hat sich deshalb entschlossen, zu Nutz und Frommen ihrer Leser eine Rundfrage über die Trinkgeld-Angelegenheit durchzuführen, wobei der Versuch unternommen wurde, die Sache anhand dreier praktischer Beispiele zu beleuchten, nämlich: 1. Der Automobilist hat den Wagen in seiner Garage waschen und schmieren lassen und rechnet dafür, einscbliesslich aller kleinen Nebenarbeiten, mit einer Ausgabe von Fr 10.—. Die Bezahlung erfolgt auf Grund monatlicher Abrechnung. Wieviel Trinkgeld gibt man nun beim Abholen des Wagens? Ö. Es muss am Auto eine Reparatur im Gesamtbetrag von Fr. 150.— vorgenommen werden. Nach deren Beendigung bringt der Mechaniker den Wagen vors Haus. Soll er mit einem Trinkgeld belohnt werden und wie hooh darf es sein? 3. Irgendwo unterwegs werden, sagen wir, 30 Liter Benzin gefasst, dazu lässt man sich das Kühlwasser nachsehen, den Reifendruck und den Oelstand kontrollieren und die Windschutzseheibe reinigen. Was für ein Trinkgeld darf der Mann von der Tankstelle erwarten? Und nun möchten Sie wissen, wie unsere Leser in diesen Fällen urteilen? Hier die erste der uns zugegangenen Antworten: Schon lange hat uns keine Frage mehr ein derartiges Kopfzerbrechen verursacht, wie die Ihrige, da in der Trinkgeldfrage ein einheitlicher Gebrauch, soweit es sich um das Automobilgewerbe handelt, nirgends existiert. Trotzdem möchten wir den Versuch wagen, Ihnen im Nachstehenden unsere eigene Meinung bzw. unsere eigenen Gepflogenheiten bekannt zu geben, nach denen wir uns seit Jahren richten : In grundsätzlicher Hinsicht stellt das Trinkgeld im Autogewerbe nicht wie im Gastgewerbe eine vom Kunden geschuldete Bezahlung für Dienstleistungen dar, die er sonst selber verrichten müsste, sondern der Automobilist zeigt sich durch ein Trinkgeld erkenntlich für kleine Handreichungen, zu denen der Bedienstete eigentlich nicht verpflichtet ist, oder es stellt einen Ausdruck der Dankbarkeit dar für die besonders sorgfältige und schnelle Ausführung eines Auftrages, zu dessen korrekter Erledigung der Angestellte wohl ohnehin verpflichtet und wofür er bezahlt ist, wobei er aber das Zustandekommen des Werkes durch besondern Eifer gefördert hat. Wenn man sich diese Richtlinien stets vor Augen hält, so sollte es eigentlich nicht schwer sein, in jedem Fall das Richtige zu treffen. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen Angestellten, die mit dem Kunden ständig und solchen, die mit ihm selten oder nie in Berührung kommen. Zur ersten Kategorie gehören Tankwarte, Portiers, sehr oft Lehrlinge, auch gewisse Bureauangestellte; zur letztern dagegen die Werkstättenarbeiter. Von einem Lehrling weiss man nun ohne weiteres, dass er einen geringen Lohn empfängt; hier wird man wahrscheinlich mit dem Trinkgeld weniger zurückhaltend sein. Hat mir beispielsweise ein Lehrling Windschutzscheiben und Fenster gewaschen oder sonst eine kleine Handreichung geleistet, so erhält er dafür seine 20 Rp.,. weil dies Arbeiten waren, die eine Gefälligkeit darstellen. Bei Tankwarten und ähnlichen Angestellten liegt der Fall schon wieder einigermassen anders : diese Leute sind stets vom Geschäftseigentümer zur Ausübung solcher Tätigkeit verpflichtet, sie sind dafür bezahlt, weil die zuvorkommende und aufmerksame Bedienung für die Konkurrenzfähigkeit der betreffenden Tankstelle sehr wichtig ist. Man merkt nun aber sofort, ob der Angestellte seine Arbeit willig oder nur gezwungenermassen tut; im ersteren Falle ist auch hier ein kleines Trinkgeld von etwa 20—30 Rp. am Platze, im letztern Fall nicht. Bureauangestellte, deren Arbeit sich meistens auf Entgegennahme des Auftrages, Ausschreiben der Rechnung und Einziehen des Geldes beschränkt, sind unseres Erachtens nicht trinkgeldberechtigt. Im Falle der zweiten Kategorie, also der Werkstättenarbeiter, stellt sich die Sachlage wesentlich anders dar, die Arbeit dieser Leute besteht in der Regel nicht in der Leistung kleiner Gefälligkeiten, sondern in der Ausführung oft sehr weitgehender Reparaturen. Grundsätzlich ist der Arbeiter zur korrekten und fachmännischen Ausführung der Reparatur selbstverständlich verpflichtet und hiefür wird er voll bezahlt, er ist also auf ein Trinkgeld nicht angewiesen. Doch kann die Hoffnung auf ein solches, besonders was beispielsweise die Dauer der Arbeit anbelangt, manchmal die Fähigkeiten des Arbeiters in ungeahnter Weise aufstacheln. Schluss auf Seite 2. Auffallend wirkt bei der Betrachtung der vorstehenden Zahlen die Häufigkeit der Unglücksfälle um und nach Mitternacht, wobei auch die Mitbeteiligung libermässigen Alkoholgenusses nicht ganz übersehen werden darf. Ein paar Beispiele dafür : Personenwagen. Unfallzeit morgens 5.30 Uhr. Personenauto H. fuhr bei einer Abzweigung mit ca. 60 km Geschwindigkeit geradeaus über eine Böschung. Im Flug wurde ein eiserner Gartenzaun durchschlagen. Dem Anprall an eine Tanne folgte ein Sturz über 4 m Höhe. Führer leicht verletzt, Auto total demoliert. Vermutliche Ursachen: Einschlafen am Steuerrad. Angetrunkenheit nach durchwachter Nacht. Unfallzeit morgens 6 Uhr. Der Mann besuchte den Sängertag und dehnte ihn in verschiedenen Wirtschaften bis morgens 5 Uhr aus. Auf der Heimfahrt schlief er ein und überrannte eine Fuissgängerin. Verletzungen: leicht. Unfallzeit 5.45 Uhr. Nach Erledigung der Geschäfte machte X. in einem Restaurant um 15 Uhr halt und verblieb dort bis 5 Uhr, wobei er doch wohl mehr trank, als ihm bekömmlich war Ca. 4.45 Uhr andern Tags ereignete sich auf der Heimfahrt der Zusammenstoss mit dem korrekt rechts haltenden Radfahrer, der dabei getötet wurde. Die polizeiliche Untersuchung «teilte fest, dass der Autoführer offenbar in übermüdetem Zustand und unter dem Eiivfluss zu starken Alkoholgenusses auf der linken Strassenseite fuhr und den entgegenkommenden Radfahrer nicht sah. Alkohol und Ermüdung. Die Fahrzeugkategorien sind an den Unfällen, bei denen sich Ermüdung mit einem Wir berichten heute über: « Autohypochonder ». Internat. Sternfahrt nach Monte Carlo. Fahrstil und Motorlage. Wenden in enger Strasse. Neue Parkordnung in Bern. Beilage: Ermüdung und Verkehrsunfälle * Siehe Nr. 7. Von E. Joho, Leiter der Beratungsstelle für Uniallverhütung, Bern. (Schluss) * Zuviel an Alkohol paart, wie folgt beteiligt : Bei Personenwagenführern in 12 Fällen mit 10 Verletzten. Bei Lastwagenführern in 5 Fällen mit 3 Verletzten. Bei Motorradfahrern in 2 Fällen mit 1 Verletzten und 1 Toten. Bei Velofahrern in 3 Fällen mit 3 Verletzton. Bei Fnhrwerkführern in 1 Fall mit 1 Verletzten und 1 Toten. Ermüdungserscheinungen nach der Mittagszeit. Dass sich nach dem Mittagessen, besonders bei heisser Witterung, leicht Erschlaffungszustände einstellen, ist eine allgemein bekannte Tatsache, die an einigen Beispielen illustriert sei: Personenwagen. Unfallzeit 13 Uhr (drückende Hitze). Ohne ersichtlichen Grund rannte der Autolenker in eine Telephonstange. Unter der drückenden Hitze war er offenbar einen Moment eingeschlafen. Verletzte: 2 Mitfahrer. Lastwagen. Unfallzeit 14 Uhr. Der Chauffeur geriet mit «einem Lastwagen, völlig unerklärlich, über das Stras- «enbord hinaus, wobei sich der Wagen überschlug, den Chauffeur tötete und zwei Mitfahrer schwer verletzte. Zwei weitere Mitfahrer kamen mit dem Schrecken davon. Nach den ärztlichen Feststellungen muss der Mann bei der heissen Witterung nach dem Mittagessen eingenickt sein und so die Herrschaft über das fahrende Vehikel verloren haben Es mag Angelegenheit der Physiologen sein, die Ursachen dieser Unfälle genauer zu untersuchen. Möglicherweise Hesse sich durch Aufstellung gewisser Richtlinien über F E U I L L E T O N Blatt im Wind. Von Joe Lederer. /. Bach. 11. Fortsetzung. Er presste das Gesicht ins Kissen und schloss die Augen. Das Meer rauschte und er horchte zu. Er hörte das Steigen und Fallen der Wellen und dachte an Cary, und gegen Morgen schlief er ein. Aus Genua kam ein Telegramm: «Vergiss mich nicht ganz, vergiss überhaupt nichts», und dann ein drittes, aus Tarvisio, mit «Auf Wiedersehn». Hubert hatte keine Ruhe mehr. Nach sechs Tagen packte er seine Koffer und bestellte die Post ins Parkhotel, Wien. Irgendeiner von seinen Shanghaier Bekannten war einmal dort abgestiegen, er erinnerte sich genau an den Namen. • Als die Koffer ins Auto verladen wurden, fühlte er sich besser. Er lachte. Er verteilte grosse Trinkgelder. «Sie werden uns wieder die Ehre geben?» «Ein grosser Park», sagte Hubert zu dem fragte der Hotelbesitzer. Stubenmädchen. «Bestimmt», sagte Hubert. Er war glücklich. Er sagte auch dem Portier: «In ein paar und zog die Schubfächer auf. Sie legte die Bürsten auf den Toilettentisch Jahren komm ich wieder!» «Das ist Schönbrunn», sagte sie. Als Hubert in Wien ankam, regnete es. Er «So», sagte Hubert. kam vormittags an, und alles war grau und Der Park zog sich weit hin, unübersehbar kühl. Der Frühling hatte noch nicht begonnen. Hubert fror. Er zog die Schultern hoch. im Regenschleier. Das Parkhotel war ziemlich weit draussen. «Der gnädige Herr ist zum erstenmal in in einem altmodischen Viertel. Es hatte eine | Wien?» erkundigte sich das Stubenmädchen. weite Halle, mit dunkeln Lehnstühlen und «Ja», sagte Hubert. Er wünschte, sie würde Perserteppichen. Ein paar Leute sassen herum und lasen. Es war totenstill. Wenn draus- geschlossen hatte, war er vollständig allein. bald gehn. Aber als sie die Tür hinter sich sen das Tram vorbeifuhr, begannen die geschliffenen Glastropfen des Kronleuchters zu Jetzt war er in Wien. Aber das war auch Hubert wusste nicht, was er anfangen sollte. beben und stiessen mit zartem Klingen aneinander. der Himmel blieb grau, nur über dem Park alles. Nachmittags hörte der Regen auf, aber Hubert bekam ein grosses Zimmer, mit von Schönbrunn zerrissen die Wolken, und weissen, gerafften Tüllvorhängen vor den ein Stück Blau kam hervor, frisch und sehr Fenstern und kolorierten Stichen an den Wänden. Hubert bestellte sich eine Taxe und fuhr hell. Das Stubenmädchen packte seine Handtasche aus. Hubert sah auf die Strasse. Ge- sieben. in die Innere Stadt, zum Kohlmarkt Nummer genüber war ein hohes Pärkgitter und dahinter eine endlose Allee von verschnittenen vielleicht nicht vor dem übernächsten, aber Cäry konnte erst am nächsten Tag da sein, Bäumen. Die Aeste waren nackt und nass. er wollte wenigstens das Haus sehen. Das Auto fuhr durch kleine Gassen mit alten Häusern und dann die lange Mariahilferstrasse hinunter. Der Asphalt war noch nass vom Regen und spiegelnd blank. Zwei Kirchen waren am Weg, vor der einen stand ein graues Denkmal, ein Mann in Escarpins und Perücke. Der Wagen fuhr ziemlich rasch. Sie kamen durch das äussere Burgtor und fuhren unter den glatten Säulen durch. Zu beiden Seiten breiteten sich verregnete Wiesenflächen aus, und rechts stand ein Schlossflügel, hoch, prunkvoll und alt. Weiträumig zog sich der Rasen hin. Ein Reiterstandbild hob sich massig gegen den grauen Himmel. Durch ein hallendes Steingewölbe kam die Taxe in den zweiten Burghof, es war ein grosser Platz, von vier langgestreckten Bauten umzogen. Unzählige Fenster blinkten. Die Mauern waren glatt und schwärzlich. Gleich hinter der Burg war wieder eine Kirche, mit einem steinernen Flügel über dem Tor, die Taxe bog in eine schmale Strasse ein und hielt. «Ist das schon der Kohlmärkt?» «Ja», sagte der Chauffeur. «iKohlmarkt sieben.>