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E_1938_Zeitung_Nr.019

E_1938_Zeitung_Nr.019

BERN, Dienstag, 1. März 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 19 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS El A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jihrlleh Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht Postamt lieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgab* C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dtenstaa und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 Postcheck III 414 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gesctilftastelle Zürich t I.öwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS- PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach SpezialtarU Inseratensehlnss 4 Taoe vor Ersehelnen der Nummer Nochmals Kohlenoxydgas und Auto 2. Wenn man einen normalen Kohlenoxydgehalt von nur 30%« an der Auspuffrohrmündung annimmt, so träte bei glatter Abströmung sehr rasoh eine so weitgehende Verdünnung ein, dass die toxische Grenze, die bei einer Verdünnung von rund 1:100 liegt, dabei unterschritten würde. Leider lässt aber die äussere Luftströmung an einem fahrenden Automobdlkonventioneller Form ein derart glattes AMliessen der Auspuffgase nicht zu. M&n fahre nur einmal in geringer Entfernung hinter einem Wagen mit qualmendem Auspuff: man erkennt dann deutlich den von unten nach aussen aufwärtsdrehenden Wirbel, in dem die Auspuffgase hochgerissen und so im Soggebiet des Wagens dauernd mitgeführt werden. Windkanal- und Fähnchenversuohe haben sogar gezeigt, dass — besonders bei Seitenwind — auf der Leeseite eine Strömung in Fahrtrichtung, also der Wagenseitenwand entlang naoh vorn vorbanden ist (vergl. Abb. 1). So erscheint es nun weiter gar nicht verwunderlich, wenn bei offenen Abb. 1. Stromlinien in der Umgebung des Limousinen-Aufbaues orthodoxer Form (schematisch). Oben: Man erkennt deutlich die über und besonders hinter dem Wagen hergeschleppten Wirbel; die hochgerissene Strömung ist über einen grossen Bereioh nach vorne gerichtet. Mitte: Im Grundriss (es ist nicht der ganze Wagen, sondern nur der Aufbau gezeichnet) ist die Strömung ähnlich zerrissen. Nur ein kleines Gebiet an der Windschutzscheibe zeigt üeberdruck (horizontal schraffiert). Unten; Bei Seitenwind — die Bildung der resultierenden VR aus den Komponenten VF und VS zeigt das kleine Diagramm — ist die Ueberdruckrone noch kleiner. Ausserdem zeigt sich sehr klar die rückläufige (nach vorn gerichtete) Strömung an der Wagen-Leeseite. Seitenfenstern keine Frischluft, sondern eine stark mit Auspuffgasen angereicherte Luft in das Wageninnere eintritt Aber es ist nicht einmal nötig, dazu die Seitenfenster zu öffnen. Die an den Kanten des Wagenkastens abreissende Luftströmung bewirkt ein ausgedehntes Unterdruckgebiet ausserhalb des Wagenkastens, und zwar nicht nur an der Bückwand, sondern auch an den Seitenwänden, über dem Dach, z. T. auch unter dem Boden, ja sogar — bei Seitenwind — an der Frontscheibe. Nur ganz kleine und bei derart kantigen Körpern, in der Lage gar nicht genau bestimmbare Gebiete, stehen unter Üeberdruck. Deshalb muss auch der (Schluss) * Innenraum, bedingt durch alle Oeffnungen und. alle undichten Stellen an den Türen, Fenstern usw stets Unterdruck aufweisen. Das Einsaugen verunreinigter Luft geschieht fast zwangsläufig. Kurz zusammengefasst: Mit der kantigen Form der konventionellen Kastenkarosserie untrennbar verbunden ist der im Wageninnern vorhandene Unterdruck und damit die dauernde Möglichkeit des Einsaugens der an den Wagenwänden entlang streichenden verunreinigten Luft, Es ist klar, dass auch alle Lüftungseinrichtungen, die auf eine Entlüftung des Wageninnern beruhen, hier versagen, denn auch sie erzeugen Unterdruck. Und solche, die eine B e lüftung bewirken, sind bei den konventionellen Karosserien wegen des Fehlens einer genau festliegenden Stauzone nur in Form von sog. • Siehe~Nr. 18. Von Oberingenieur P. Jaray, Luzern. Druckhutzen verwendbar; diese Bauart benötigt aber für eine gute Wirkung ziemlich viel Platz, der nur bei grossen Wagen zur Verfügung steat. So hängt also die Gefahr der schleichenden Kohlenoxidvergiftung im fahrenden Auto in der Hauptsache von der Form und Bauart der Karosserie und ihrer Lüftungseinrichtungen ab. Damit sind aber auch schon die Richtlinien gegeben, die für die Beantwortung der dritten Frage massgebend sind. 3. Eine Verringerung des Kohlenoxydgehalts im Innenraum des fahrenden Autos lässt sich in der Tat einesteils durch eine sehr wirkungsvolle Druckbelüftung und andernteils durch die Schaffung besserer Bedingungen für das glatte Abströmen der Auspuffgase hinter dem Wagen erzielen. Also: dauernde Zufuhr von Frischluft unter Üeberdruck! Sie erfordert zunächst einmal eine gute Abdichtung des Wageninnern gegen alle Stellen äusserern Unterdrucks. Dann ist die Schaffung einer auch bei starkem Seitenwind nahezu unveränderten Zone von Üeberdruck nötig, ferner die Anordnung einer in dieser Zone sich befindenden regulierbaren Verbindung zwischen dem Auesen- und Innenraum, und schliesslich muss der ganze Wagen so geformt sein, dass der Fahrtwind glatt anliegt und auch das Wagenende ohne grosse Wirbelbildungen verlässt, so dass kein Hoch- oder gar Nachvornreissen der Auspuffgase stattfinden kann. Das eidg. Automobilgesetz wird ergänzt durch die bundesrätliche Vollziehungsverordnung vom 15. März 1932. Hiezu hat das eidg. Justiz- und Polizeidepartement eine Reihe von Kreisschreiben an die für das Automobilwesen zuständigen kantonalen Behörden gerichtet, in denen zunächst die « Ansicht» des Departements über Vorschriften der Vollziehungsverordnung kundgegeben, dann aber auch Gebote und Verbote aufgestellt werden. Für die kantonalen Strafgerichte stellte sich damit die Frage, ob diese Kreisschreiben für sie rechtsverbindlich seien, ob auch solche Handlungen zu bestrafen seien, die zwar nicht gegen das MFG und die Vo. wie sie in einem dieser «Interpretationskreisschreiben> ausgelegt und ergänzt worden waren. Einige kantonale Strafrichter bejahten dies, wandten also die Kreisschreiben an wie einen Strafrechtssatz, andere verneinten es und gelangten in solchen Fällen zu einem Freispruch. Dies führte zu einer gewissen Rechtsunsicherheit und eine Abklärung war um so wünschbarer, als kürzlich auch eine private Sammlung dieser Kreisschreiben veröffentlicht wurde. Ein Urteil des bundesgerichtlichen Kassationshofs hat nun diese Abklärung herbeigeführt. In La Chaux-de-Fonds führte ein Spengler seinen Lehrling mit zur Arbeit auf dem für den Warentransport eingerichteten Seitenwagen seines Motorrades. Er wurde deswegen unter Anklage gestellt, weil dies nach dem Kreisschreiben vom 19. Juni 1935 untersagt sei. Ueber das Mitführen von Personen auf Motorrädern bestimmt die Vo in Art. 56: « Das Mitführen einer zweiten Person auf einem nicht dazu eingerichteten und geprüften Motorrad, sowie das Anhängen von Fahrzeugen an das Motorrad und das Nachschleppen von Gegenständen sind untersagt. Das Mitführen von Gegenständen auf Motorrädern ist untersagt, sofern dadurch die sichere Führung des Fahrzeugs beeinträchtigt oder andere Strassenbenützer gefährdet werden. Gefährliche Gegenstände wie Sensen usw. müssen gesichert sein. > Zu diesem Art. 56 Vo bemerkt das Kreisschreiben des Diese Forderungen fuhren zwangsläufig m einer strömungstechnisch richtig gestalteten Form: der Stromlinienform. Bei ihr gibt es auch bei Seitenwind eine fast unveränderte Zone genügenden Ueberdriicks, an der sich eine regelbare Oeffnung bequem anbringen lässt (vergl. Abb. 2). Sie bewirkt auch ein glattes Abströmen des Fahrtwindes und damit der Auspuffgase. Die mit Stromlinienwagen gleichzeitig mit den vorerwähnten Messungen vorgenommenen Gasversuohe haben erwiesen, dass in keinem Fall selbst bei nur ganz wenig geöffneter Belüftungsklappe und langsamer, unbeeinflusster Fahrt ein Kohlenoxydgasgehalt von 0,2 %o, also die toxische Grenze erreicht werden kann. Bei von anderen Fahrzeugen beeinflusster Fahrt, also z. B. hinter Lastwagen, sind vorübergehend auch im Stromlinien wagen höhere Kohlsnoxydgehalte festgestellt worden, niemals aber auch nur annähernd so viel wie beim Kastenwagen. Und während es bei diesem lange Zeit dauert, bis sich der Kohlenoxydgehalt verringert, sinkt er beim Stromlinienwagen, falls er überhaupt einen nennenswerten Betrag erreicht, in wenigen Sekunden auf einen ganz unbedeutenden Wert herunter. So ergeben die Freiburger Versuche bei Fahrt hinter einem Benzintransportwagen 0,05 %o bei halb offener und 0,02 %o bei ganz offener Lüftungsklappe. Deshalb wurde ein Standversuch mit Zigarren- und zigarettenrauchenden Insassen unternommen. Er lieferte einen Kohlenoxydgehalt von 0,22%«. Trotzdem die Insassen nach erfolgtem Start weiterrauchten und die Lüftungsklappe nur halb geöffnet war, ging der Kohlenoxydgehalt nach 30 Sekunden auf 0,04 %o zurück. Die Frankfurter Messgerätversuche, die eine längere Zeitspanne erfassten, lassen einen Nachweis des Kohlenoxyd-Anreioherung beim Fahren hinter Autolastwagen zu. Die Kraftfahrzeug-Ueberwaehungsgesellschaft berichtet' hierüber, dass unter nterpreta onskreisschreiben zum MFG für den Richter nicht bindend (Aas dem Bundesgericht.) Departements vom 19. Juni 1935. Art. 53 Vo erlaube das Mitführen von Arbeitspersonal ausserhalb des Führersitzes nur auf Lastwagen und darum gelte diese Erlaubnis nicht für die zum Gütertransport bestimmten Motorräder mit Seitenwagen. «Personentransport auf derartigen Seitenwagen ist daher untersagt Eine allfällige Begleitperson kann dagegen auf dem auch für Motorräder mit Seitenwagen zulässigen Soziussitz Platz nehmen. » Ferner wurden die kantonalen Polizeiorgane angewiesen, Widerhandlungen anzuzeigen. Im vorliegenden Falle berief sich der Motorradfahrer darauf, dass nach dem Fahrzeugausweis insgesamt drei Personen auf dem Rad fahren dürfen und die Neuenburger Gerichte gelangten zum Freispruch weil sie das Kreisschreiben nicht als bindend betrachteten. Die kantonale Staatsanwaltschaft erhob dagegen eine Kassationsbeschwerde. Durch Urteil des Bundesgerichts vom 11. Februar ist die Beschwerde abgewiesen, der Freispruch geschützt und die Rechtsverbindlichkeit des Kreisschreibens für den Strafrichter verneint worden. Art. 56 Vo kann nicht verletzt sein, denn sein erster Satz bezieht sich auf den Soziussitz, nicht auf den Seitenwagen; Art. 53 bezieht sich nur auf Lastwagen, und Art. 56 hat das Mitnehmen von Arbeitspersonal für das Motorrad nicht behandelt, also nicht verboten. Die Kreisschreiben aber sind für den Richter nicht bindend : Art. 69 MFG gibt dem Bundesrat, nicht einem Departement, die Zuständigkeit für Verordnungsvorschriften. Die Kreisschreiben sind nicht wie ein Gesetz veröffentlicht worden, sie können keine gültigen Rechtssätze aufstellen, sondern sind nur Weisung an kantonale Verwaltungen über die Handhabung von Bundesgesetzen. Zur authentischen Auslegung der Vo wäre das Departement nicht zuständig, ebensowenig zu der hier versuchten Ergänzung ihrer Bestimmungen. Somit braucht der Strafrichter Verstösse gegen die in, den Kreisschreiben vertretenen Auslegungen von Verordnungsvorschriften nicht zu bestrafen. ungünstigen Umständen bei längerer langsamer Fahrt hinter Lastwagen sämtliche (orthodoxe) Personenwagen gefährliche Mengen von Kohlenoxydgas über 1 %o aufnehmen können. « Versuch vom 4.10.36 auf der Autobahn Frankfurt a.. M.—üarmstadt... Lüftungsklappe ein Spalt von etwa 1 cm geöffnet. Es wurde nun hinter IR