Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1938_Zeitung_Nr.032

E_1938_Zeitung_Nr.032

BERN, Dienstag, 19. April 1938 Gelbe Liste Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 32 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS Et Aufgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) rierteljihrlieh Fr. 7.50 Die psychische Bremsstrecke und die Schrecksekunde Von fachpsychologischer Seite wird uns der nachstehende Beitrag zur Verfügung gestellt, der in gemeinverständlicher Form die menschliche Reaktionsfähigkeit und deren seelisch-körperliche Bedingtheit beleuchtet. Red. Es gibt keinen Fahrer, für den die Tatsachen und Zusammenhänge der sogenannten Schrecksekunde nicht von Bedeutung und oftmals höchst entscheidender Wirkung wären. Die ungefähre Kenntnis der im Gefahrenmoment wirkenden und sich widerstrebenden Kräfte und Vorgänge dürfte schon allein für manchen ein Anlass sein, sich künftig hier und dort anders zu verhalten. Manchem aber, der über einen erlittenen oder gestifteten Verkehrsunfall Rechenschaft abzugeben hat, vermögen vielleicht diese Ausführungen wertvolle Fingerzeige zu sein. Denn nicht immer wird der « Schrecksekunde » und den Mindestreaktionszeiten von den Gerichten genügend Rechnung getragen, wiewohl der Begriff längst Eingang in die Verkehrssprache gefunden hat. Der Hauptkonflikt bei der Frage nach der Verkehrssicherheit besteht in dem Verhältnis von Geschwindigkeit und Reaktionsvermögen. Während wir auf der einen Seite phantastische Rekordzeiten herausholen und wohl auch ausreichende technische Betriebssicherheit haben, bleibt der Faktor « Mensch » unverändert konstant und leistungsbeschränkt. Das Missverhältnis wächst mit der « Tourenzahl ». Vor allem müssen wir einmal wissen, dass kein Mensch « blitzschnell» bremsen kann. Das Gefahrenmoment muss mit den Augen wahrgenommen, vom Gehirn verarbeitet d.h. bewusst gemacht) werden; dann wird eine von den an sich möglichen Reaktionsarten als die beste befunden und durch einen Willensakt die motorischen Zellen und durch diese schliesslich die Muskeln der Hand und des Fusses in Bewegung versetzt. Wenn wir annehmen, dass dabei elektrische Ströme durch die Nervenbahnen eilen, so dürfen wir nach einschlägigen Untersuchungen zirka 30 bis 90 Metersekunden als deren Geschwindigkeit des elektrischen Stromes in einer Leitung, wo er bekanntlich ca. 300,000 m/sec zurücklegt. Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Bailage „Auto-Maeazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gwchlftaftrlle Zürlehi Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 In den psychologischen Instituten werden nun sogenannte Reaktionsversuche angestellt. Es wird mittels automatischer elektrischer Uhren auf tausendstel Sekunden genau festgestellt, wie lange ein bestimmter Mensch braucht, um etwa einen niedergedrückten Taster loszulassen, wenn er ein mit aller Spannung erwartetes Glockenzeichen vernimmt. Die Reaktionszeiten schwanken dabei beträchtlich zwischen den einzelnen Personen. Aber auch je nachdem auf ein akustisches (hörbares) oder optisches (sichtbares) Zeichen reagiert wird, sind diese Zahlen anders. So wird z.B. in den allergünstigsten Fällen auf akustische Reize mit ca. 0,125 Sek., und auf Lichtreize mit 0,175 Sek. geantwortet. Der Fahrer hat aber in der Praxis nicht auf einen, sondern auf mehrere Reize zu reagieren. Auch muss er vielfach gleichzeitig mehrfach handeln. Unter den günstigsten Umständen haben wir dann die Reaktionszeit mit V2—% Sek. anzusetzen. Rieffert hat diesen Tatbestand als die « psychische Bremsstrecke.» bezeichnet. Dabei muss aber streng. darauf hingewiesen werden, dass es sich um nichts anderes als die allgemeine, d. h. von jedem Menschen ungefähr benötigte Zeit handelt, die er unter allen Umständen braucht, um überhaupt mit der Reaktion, z.B. Treten der Fussbremse, zu beginnen. Diese «Reaktionszeit » hat mit Geistesgegenwart und Schrecksekunde zunächst nicht das geringste zu tun. Schwerfällige Menschen oder solche mit einer « langen Leitung» benötigen hierzu unter Umständen auch 1—2 Sek. Ein Wagen, der mit 40 km/St, fährt, legt innerhalb einer Sekunde mehr als 11 m zurück. Bei einem schnell reagierenden Fahrer hat er also bereits bis zum Beginn der Wirkung der getätigten Bremsen etwa 6 m zurückgelegt. Zu dieser ^Strecke muss nun noch der mechanische , oder technische Bremsweg hinzugezählt werden. Beträgt dieser gleichfalls 6 m, so ergibt sich als wahrer Bremsweg ein Weg von 12 m bis zum Stillstand des Wagens. Wohlgemerkt haben wir dabei den Fall eines geistesgegenwärtigen Fahrers angenommen. Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft darf aber nur ein Bruchteil aller Menschen, nämlich zirka 10 % auf diese wichtige Eigenschaft Anspruch erheben. Bei allen andern Menschen wird diese Reaktionszeit durch den Einfluss der sogenannten Schreckwirkung in individuell verschiedenem, oft sehr beträchtlichem Umfang verlängert. Es fällt nämlich nicht allen Menschen leicht, sich plötzlich auf eine völlig neue Situation umzustellen. Marbe, welcher die so fruchtbare Trennung von Reaktionszeit und Schreckzeit betont, hat sogar dargetan, dass es viel weniger affektive Erregungen sind, welche die Reaktionszeit verlängern, als dieses persönliche Umstellvermögen. Er spricht geradezu von guten und schlechten Umstellern. Die ersteren passen sich überall schneller an und weichen Gefahren geschickt aus. Die letzteren begreifen langsamer, sind dafür oft konstantere Menschen und haben auch mehr Qceazeit dec Statistik Es ist erfreulich, dass die statistische Erfassung des internationalen Autotourismus in der Schweiz endlich gewisse Fortschritte macht und man nach und nach doch zu Unterlagen gelangt, die auf Vollständigkeit etwas mehr Anspruch erheben und auch zu Vergleichszwecken, allerdings mit gewissen Einschränkungen, teilweile benützt werden können. Wie sehr man aber in all diesen Dingen noch in den Anfängen steckt und wie unerlässlich es ist, bei solchen Vergleichen grösste Sorgfalt walten zu lassen und Vorbehalte verschiedenster Art anzubringen, zeigt die letzte Zusammenstellung des eidg. statistischen Amtes über den Anteil des Autotourismus am Fremdenverkehr der Schweiz. Es genügt nicht, hiebei nur auf die oft zu wenig sagenden Zahlen der Zollverwaltung über die Ein- und Ausreisen abzustellen, es muss auch die Struktur der verschiedenen Reisearten berücksichtigt werden. Jeder Verkehrsfachmann ist sich deshalb darüber im klaren, dass es nicht angeht, kurzerhand gewisse nackte Zahlen der Ein- und Ausreisestatistiken mite ; nander zu vergleichen. Der zitierte Artikel weist darauf hin. dass sich die Zähhingen auf alle Ausreisen stützen, eletehgültig, mit welcher Art von Zollpapieren sie erfolgte. Dabei wird als Schlussergebnis pro 1937 ein INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grossere Inserate nach SpezialtarU Inseratenschlus« 4 Taoe vor Erscheinen der Nummer In dieser Nummer s Treibstoffimport im I. Quartal 1938. Nuvolari tritt vom Schauplatz ab. Federnschmierung nicht vergessen. Automobilistischer Oster- Verkehr. Kleine Revue. Sitzfleisch als jene. Es ist klar, dass diese Uberraschungszeit zuweilen viel grösser als die eigentliche Reaktionszeit wird. Deshalb ist es auch unsinnig, unter der Schrecksekunde eine auf 1 Sekunde bemessene Zeitspanne verstehen zu wollen. (Schluss Seite 2.) Ausländische Autogäste in der Schweiz 1937 Total von 294 339 Ausreisen festgestellt. Man darf nun aber schon dieser Zahl erhebliche Bedenken entgegensetzen. Nach der Statistik der Eidg. Zollverwaltung sind 1937 total 307.215 Motorfahrzeuge zu vorübergehendem Aufenthalt in der Schweiz eingetroffen. Und diese Erhebung darf nachgewiescnermassen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, weil bei den Automob'ilisten, die Triptyks und Freipässe benutzten, nur die erste Einreise gezählt wurde. Dabei handelte es sich um 27 803 solcher ersten Einfahrten während eines Jahres. Da aber gerade diese Zolldokumente, die ein Jahr gültig sind,, während dieses Jahres sehr oft benützt werden — ein Durchschnitt von vier Einreisen dürfte eher zu tief als zu hoch angesetzt sein —, so resultiert daraus, dass effektiv rund 80,000 bis 100,000 Einreisen mehr erfolgten, als registriert worden sind. Eine Totalzahl der Einreisen von rund 400 000 dürfte der Wirklichkeit ziemlich rtahe kommen. Dieser Berechnungsmodus fördert gegenüber den oben genannten 294 339 Ausreisen eine Differenz von über 100 000 zutage. Gewiss, es kommt hievon in Abzug das Einreisekontingent der Motorräder •ind Lastautos, da in den 294 339 nur die Personenautos enthalten sind, doch handelt es sich hiebei nur um einige Tausend Ausreisen. Die Differenz muss daher vor allem den Ausreisen von in der Grenzzone domizilierten Automobilisten entspringen, wobei es das Statistische Amt leider unterlässt. über die Ausdehnung dieser Grenzzonen und deren Ausreisen irgend welche nähere Angaben zu machen. Wie weit ist sie denn gesteckt? Fallen Städte wie Mailand, Freiburg i. B.. Strassburg, Blatt Im Wind. Von Joe Lederer. 29. Fortsetzung. Von der Tür her flüsterte Hubert: «Cary?» Sie rührte sich nicht. Der Schatten im dunklen Türviereck horchte, dann schloss sich die Tür. Das grosse europäische Bett roch nach geplätteten dunstigen Leinen. Cary spürte die geflochtene Bambusmatte unter dem heissen Leintuch Sie versuchte einzuschlafen. Aber die Nacht war zu stickig. Schwaden von feuchter Hitze füllten die Luft. Aus der Schwärze tauchten die weissen Rahmen' der Balkontüren auf. Zwischen dem Türrahmen und Europa lagen fünf Meere. Wasser, Wüstensand, Feuerbäume, Palmen, Monsun. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang. Immer ihr Stephan Erdesz. Fünf Meere und Millionen Menschen zwischen hier und Europa. Die Welt war viel zu gross. Man flüstert und stirbt. Man ist da, und weiss nicht warum. Man atmet und liebt Man flüstert und stirbt. Es geht alles sehr rasch. Zwischendurch ein paar Zufälle, die blauen Bertje von Ceylon, ein Mann, ein Aeroplan, der grosse Aufruhr der Musik. Herzklopfen, Tränen, Gelächter, ein Telegramm. Wozu ist man da ? Alles sinnlos, ohne Ziel. Blatt, das im Wind weht. Geliebte Gesichter, vergessene Gesichter, neue Gesichter Die Nacht in Barcelona. Man liebt und flüstert Wo ist Europa? Wo atmet Europa? O Gott, wo ist Europa? Am andern Ende der Welt. Jetzt ist man ans Ende der Welt geweht worden, wo die Zikaden schreien und der Gong dröhnt. Warum? Weeen Hubert. Warum? Keine Antwort. Warum? Mitten in der Nacht wachte Gary auf. Ein Streifen unsicheres Mondlicht kam ins Zimmer, floss weiss durch das weisse Tüllnetz. Die Tapetentür knarrte. «Cary?» fragte Hubert irgendwo aus der Finsternis. Er kam durchs Zimmer, Cary konnte wieder atmen, sie sass aufrecht im Bett, die Beine an sich gezogen. Er stand am Bett, ein Schatten hinter dem fliessenden Moskitonetz. «Hast du nicht schlafen können?» «Nein Ross hat mich verrückt gemacht. Das Embargo.» Er flüsterte. Es war still im Zimmer und heiss. Draussen schlief die Nacht. Die Hitze bebte aus Mauern, Lehmschollen und Bäumen. Draussen schlief die grosse chinesische Nacht «Bleib doch da.> Sie flüsterte auch. «Willst du rauchen?» «Nein», sagte er. Er hob das Moskitonetz und Hess es hinter sich wieder fallen. Das Bett war gross, eine Arche Noah in der Finsternis. «Mach dir keine Sorgen», flüsterte Cary. Sie sah seinen dunklen Schatten vor sich sitzen, das Gesicht ihr zugewendet. «Ich mach mir gar keine Sorgen. Ich weiss nur nicht was ich tun soll.» Sie streckte die Hand aus, er sass weiter weg, als sie dachte. Sie musste sich vorbeugen. Ihre Hand streifte seine Schulter Er hatte keine Pyjamajacke an. Seine nackte Haut war heisser als ihre Hand. «Was will Ross eigentlich von dir?» «Ein grosses Börsengeschäft. Er hat durch seine Chinesenclique von einem neuen Gesetz Wind bekommen. Niemand hat noch eine Ahnung. Irgendein Freund hat es ihm beigebracht Ross lebt mehr unter den Chinesen als mit Europäern, er weiss immer, was los ist. Aber vielleicht ist alles nur ein Gerücht. > «Und?» flüsterte sie. Sein Gesicht kam ihr entgegen, er streckte die Arme nach ihr aus. «Und Ross?» flüsterte sie. «Weiss er genau, dass ..» «Lass ihn.» «Aber es ist doch wichtig?» «Nein», sagte er. Sie spürte sein Herz klopfen, er küsste sie, einmal machte sie die Augen auf, am Fussende des Bettes, durch das weisse Tüllgitter, war ein Streifen Mondlicht. Sie hielt sein Gesicht zwischen beiden Händen, sie sank zurück, ein gespannter Mund, der nichts mehr von sich weiss, ihr Körper gab nach, sie fiel in die Wollust wie in ein tiefes Wasser, atemlos, ausgelöscht. 2. Kapitel. Um halb neun Hess Hubert den frisch gewaschenen, blau spiegelnden Wagen von Liu vorfahren* «Zu Master Meyer.» Cheg hielt den Tropenhut, reichte ihn in den Wagen hinein. «Wenn dieTaitai aufwacht, du sagst Telephonnummer vom Office. Und Taitai trinkts Kaffee zum Frühstück. Kaffee, Toast.» «Ja, Master», sagte Cheng. «Dass niemand Lärm macht. Kein Walla- Walla vor der Terrasse. Wer Mississee aufweckt, fliegt.» < Ja », sagte Cheng. Er schloss die Wagentür.