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E_1938_Zeitung_Nr.039

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BERN, Freitag, 13. Mai 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 39 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS Et Aotfab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jihrlleh Fr. 10.— Autland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgab* B (mit gew. Unlallvenlch.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenvereicherung) Tierteliihrlieh Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dlcnstaa und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Masazin". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION o. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Gesdilfts?tfHe Zürich! Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Di* achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grfissere Inserate nach Spezialtaril Imeratensrhluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummer Ein Problem der Verkehrsunfalljustiz Unter den Verkehrsunfällen entziehen sich nur jene der menschlichen Verantwortung, die einwandfrei auf äussere Einflüsse zurückzuführen sind und vor welchen den Verkehrsteilnehmer auch alle Aufmerksamkeit und Vorsicht nicht bewahrt. Viele Verstösse gegen Verkehrsvorschriften und zahlreiche Unfälle der Strasse liegen in Mängeln und Verhängnissen begründet, die einen Teil menschlichen Wesens ausmachen und demjenigen, der ihnen zum Opfer fällt, nicht zu strafrechtlicher Schuld angerechnet werden können. Von rein körperlichen Zuständen abgesehen, gehören dahin die mannigfachen Sinnestäuschungen, die verschiedensten Reflex- und Reaktionsfehler und darüber hinaus alle möglichen Unzulänglichkeiten auch unserer höheren geistigen Funktionen. Eine Kategorie für sich wieder bilden die häufigen Unstimmigkeiten zwischen den Ueberlegungen und Handlungen zweier oder mehrerer Verkehrsteilnehmer, die sich in irgendeiner Verkehrssituation begegnen. Kommt es dabei zu Missverständnissen oder sonstigen, vielleicht auch nur ganz geringfügigen Fehlhandlungen, so sind Unfälle die häufige Folge. Schon äusserst kleine Verschätzungen hinsichtlich Zeit und Entfernung können das schwerste Verhängnis nach sich ziehen. Alle diese Vorgänge zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich der Lenkung durch die Einsicht, den bewussten Willen und die sittlichen Kräfte des Einzelnen entziehen und als eigentliches Verhängnis über ihn kommen. Dies aber schliesst eine strafrechtliche Verantwortung, sei es für die blosse Verletzung einer gesetzlichen Vorschrift, sei es für den dabei entstandenen Saoh- und Personenschaden, aus und bildet die Grenze der Verkehrsjustiz. Schärfer gefasst ist also die Meinung unhaltbar, als ob jeder Verkehrsunfall an sich, der nicht zum vorneherein einwandfrei als die Folge höherer Gewalt oder ähnlicher ausser dem Bereich der einzelnen Person liegende Faktoren erkennbar ist, auf ein schuldhaftes Verhalten des einen oder andern Beteiligten schliessen lasse und notwendigerweise eine strafrechtliche Ahndung nach sich ziehen müsse. Dennoch liegt diese Auffassung mehr oder weniger ausgesprochen der ganzen Rechtsprechung in Verkehrsfragen zugrunde, und es lässt sich nicht bestreiten, dass die polizeiliche und gerichtliche Abklärung von Verkehrsunfällen oder auch nur von Verletzungen der Verkehrsvorschriften eine Suche nach persönlich-subjektiver Schuld und nicht nach sachlich-objektiven Ursachen ist, ja diese letzteren nicht selten über jener gänzlich vergisst. Der Versuch einer Klarstellung dieses Sachverhaltes drängt sich um so mehr auf, als es sich bei den oben angedeuteten Ursachen von Verkehrsvergehen und Unfällen im wesentlichen um Vorgänge handelt, die sich im Innern der beteiligten Personen abspielen und sogar ihnen selbst nicht einmal zum Bewusstsein zu kommen brauchen. Sie entziehen sich daher vielfach auch beim besten Willen der Polizei und des Richters der Feststellung von Amtes wegen und können unter Umständen sogar nicht einmal von den Beteiligten geltend gemacht werden, üben daher auf die Tatbestandsermittlung und auf die Urteilsfindung des Richters keinen Einfluss aus. So muss es zu Fehlurteilen und Justizirrtümern kommen, die darum nicht weniger schwerwiegend sind, weil es sich vielfach um Angelegenheiten von geringfügiger Tragweite handelt. Mangels einer Aufklärung bis zu den letzten Gründen aber wird der Richter den einzelnen Unfall notwendigerweise mit den Ursachen und Motiven erklären, die nach der allgemeinen Erfahrung im grossen und ganzen das Verkehrsgeschehen gestalten. Und das sind freilich nur allzuoft Triebkräfte und Beweggründe, deren strenge moralische und richterliche Verurteilung das Interesse der Oeffentlichkeit erheischt. So kommen jedoch die Sonderfälle zu kurz, vor allem eben jene, die, wie wir angedeutet haben, auf menschliche Unzulänglichkeiten zurückzuführen sind, für die wir keine Verantwortung übernehmen können. Es setzt natürlich beim Richter eine aussergewöhnliche Unabhängigkeit des Urteils und persönlichen Mut voraus, einem Angeschuldigten den Hinweis auf derartige Entlastungsgründe ohne weiteres zu glauben. Für den einer Verkehrsübertretung Angeklagten hält es jedoch schwer, mit solchen Argumenten durchzudringen, um so mehr als ihm für die Vorgange, die sich In seinem Innern abspielten, meist alle Beweismöglichkeiten fehlen. So erwecken seine Einreden leicht den Eindruck von Ausflüchten, die ihn als solche erst recht belasten. Vor allem schwer ist für den Richter die Abklärung von Tatbestand und Schuldfrage, wenn es sich bei den wahren Ursachen des Unfalles um ausgesprochen verwickelte Zusammenhänge, namentlich um komplizierte Gedankengänge, um Fehlleistungen des menschlichen Bewusstseins oder um jene später oft beinahe nicht mehr zu «rekonstruierbaren» Missverständnisse und ähnlichen Unstimmigkeiten zwischen mehreren Verkehrsteilnehmern handelt. Hier können sich persönliche Schuld, naturgegebene menschliche Unzulänglichkeit und überpersönliches Verhängnis in fast unentwirrbarer Weise verschlingen und noch die sachlichste — was hier heisst — psychologische Untersuchung des Sachverhaltes droht an allgemeinen und eingelebten Gedankengängen zu scheitern, wie sie die Bewältigung des täglichen richterlichen Pensums notwendigerweise mit sich bringt. In einem Unfall, der für uns das ganze Universum der Strasse vertritt, enthüllt sich uns oft die tiefe Tragik jedes einzelnen Verkehrsteilnehmers der im Grunde Immer am Abgrunde unzähliger Gefahrenmögllchkeiten dahinfährt und eines Tages wegen eines lächerlich kleinen Irrtums in der Schätzung einer Entfer- Vom Bratschis Rezept für den Ständerat. Im Rahmen des in Genf abgehaltenen Kongresses des schweizerischen Eisenbahnerverbandes dankte dessen Generalsekretär, Robert Bratschi, dem Nationalrat warm für seine versöhnliche Haltung in Sachen Reorganisationsgesetz der SBB. Die Streichung der Personalartikel durch diese Kammer, welche mit 112 zu 53 Stimmen erfolgte, bezeichnete er dabei als ein sehr befriedigendes Ergebnis, das die Bahn für eine sachliche Weiterberatung der grossen Landesfrage freigemacht habe. Dem Ständerat legte Nationalrat Bratschi bei dieser Gelegenheit warm ans Herz, es sei alles zu unterlassen, was zu einer Rückgängigmachung dieses nationalrätlichen Entgegenkommens und damit einem Scheitern der in die Wege geleiteten Verständigung führen könnte. Bezüglich StrassentransportordnunK erklärte Generalsekretär Bratschi, es könne die Eisenbahnergewerkschaft der bundesrät- Kche-n Vorlage auf Grund der durch den Ständerat herbeigeführten Regelung der Arbeitsbedingungen der Beru'fschauffeure im Rahmen eines Gesamtarbeitsvertrages zu- ' In dieser Nummer s Saisoneröffnung in Tripolis. Von Schmierstellen, die leicht vergessen werden. Gütertransport-Initiative in militärischer Beleuchtung. Steht die Oeffnung des Gotthards vor der Tür? Beilage: nung, einer Geschwindigkeit, eines Sekundenbruchteiles, oder um eines begreiflichunbegreiflichen Missverständnisses willen fassungslos vor den Schranken des Gerichtes steht und vielleicht den Tod eines Menschen verantworten soll. Ta^e (Schluss Seite 2.) stimmen. Immerhin sei an diese beipflichtende Haltung die Voraussetzung des Zustandekommens einer Gesamtverständigung geknüpft. In die Sprache gewöhnlicher Bürger übertragen, heisst dieser Vorbehalt etwa : Wir Eisenbahnergewerkschafter stimmen der Autotransportordnung zu, sofern — aber nur sofern — das Schweizervolk über die Bundesbahnschulden hinaus auch noch « unsere » Zeche berappt! Der verpasste Anschluss an die Automobilindustrie. Anlässlich der Früfoiahrs-Deilegiertenversammlung des Aeroclub der Schweiz stellte Oberst von Gugelberg ein für unsere Landesverteidigung hochbedeutsames und daher sehr aktuelles Problem — die Schaffung einer leistungsfähigen nationalen Flugzeugindustrie — zur Diskussion. Mit vollem Recht wies der uns Automobilisten wohlbekannte bündnerische Verkehrsfachmann darauf hin, wie die Schweiz bereits auf dem Gebiet der Automobilindustrie den Anschluss verpasst habe, d. h. es ihr nicht gelungen sei, eine schweizerische Personenwagen produzierende Industrie heranzuzie- ' F E U I L L E T O N Blatt im Wind. Von Joe Lederer. 35. Fortsetzung. Er starrte sie an. sie war etwas vollkommen Neues für ihn, diese Haltung, von der sie selbst nichts wusste, Erziehung oder Zucht oder gottweiss, was es war. Und wie sie aussah, was für ein Typ, mit den länglichen hellen Augen und dem grossen, geschwungenen Mund, halbnackt in dem schwarzgeblümten Leinenkleid. Aber eine grosszügige Nacktheit, goldbraun getönt von der Sonne. Das glattgebürstete Haar sah im Licht fast weiss aus. Was für ein Typ, was für eine Frau, ganz Europa sass da am Tisch. « Es ist zu heiss zum Tanzen », sagte Hubert. « Kino ist am besten. » Meyer gab Natascha für diesen Abend auf. Sie wusste auch nicht, dass er Zeit hatte. Ueberraschungen waren nie angebracht. Sicher hatte sie irgend einen Liebhaber. Er nahm es ihr nicht einmal übel, er wusste, j dass er kein Vergnügen war für sie. Arme kleine Schlumpe, die ein bisschen Glanz vom Leben erpressen wollte. Es war dunkel im Kino, durch verzweigte Röhren und Schächte wurde die eisgekühlte Luft in den Raum gepumpt, Meyer fröstelte, Kälteschauer rannen über seine erhitzte feuchte Haut. Auf der Leinwand flimmerte die Wochenschau vorbei, Autorennen in Florida, die Motore dröhnten, ein Japaner schnellte ins Wasser, schwamm mit wilden Stössen. Das Licht flammte auf, das Kino sah aus wie eine riesige hellgrüne und silberne Bonbonsschachtel, alle Plätze waren besetzt, zwei Galerien hoch. Der Kronleuchter erlosch. Dunkelheit. Orgelnde Musik aus dem Nichts. Und der Vorhang glitt zurück. Metro Goldwyn-Mayer beehrte sich vorzuführen : Marlene Dietrich in « Kaiserin Katharina ». Als Meyer aufwachte, sprengten auf der Leinwand altertümlich gekleidete Soldaten eine Palasttreppe hinauf; die Pferdehufe dröhnten und stampften über die Stufen: eine weisse Uniform tauchte in dem Gewühl auf, das war sie, Kaiserin Katharina, Marlene Dietrich, als Kabarettsängerin hatte sie ihm besser gefallen. Der Film war fast zu Ende. Meyer verstand nicht, wieso er die ganze Zeit geschlafen hatte. Aber der Schlaf in der kühlen Luft hatte ihn erfrischt. Seit vierzehn Tagen hatte er nur auf dunstigen Laken geschlafen, schweissübergossen, und bis in den Traum hinein die zermürbende Hitze gespürt. Die stickigen Sommernächte waren das einzige, worunter er litt. Früher hatte es ihm nichts ausgemacht. Erst seit ein paar Jahren waren sie unerträglich geworden. Vollkommen ausgeruht, mit neuer Spannung sah er die letzten Bilder an. Schöne Dietrich. Wie lebt so eine Frau ? Und wenn sie alt wird ? Er würde sicher einmal im Sommer sterben; unter dem Moskitonetz, nur an der Hitze. Was sie für eine tiefe Stimme hatte. Warum glaubt kein Mensch an seinen eigenen Tod ? Natascha hatte eine ähnliche Stirn wie die Dietrich, rund, schön gebogen, dazu der slawische Schnitt der Lider. Die Türme des Kreml standen schwarz und grau auf der Bildfläche. Glocken, also, das war auch genossen. Zu Ende. Es wurde hell, alle Lampen sprangen gleichzeitig an, die grünsilbernen Säulen glänzten, Meyer blinzelte, geblendet von so viel Helligkeit. « Noch in den Club auf ein Glas Brandy ? » fragte er, als sie zu dritt auf den Ausgang zugingen. Aber Cary und Hubert schienen nicht viel Lust zu haben. Alles drängte hinaus. Der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte davon, das rote Schlusslicht entfernte sich immer mehr und war plötzlich verschwunden. Meyer merkte erst jetzt, dass die grossen Lampen vor dem Kino schon alle ausgedreht waren. Die Türen waren verschlossen. Er winkte einer Rikshaw, der Kuli kam angelaufen, blatternnarbig und grinsend, den Ueberrest von einem zerfetzten Strohhut auf dem Schädel. Meyer stieg ein und Hess ihn auf die Nankingroad zulaufen. Er lehnte sich zurück, ein kleiner glatzköpfiger Mann, mit Tränensäcken unter den braunen Augen, asthmatisch und verfettet (Fortsetzung folgt.)