Aufrufe
vor 6 Monaten

E_1938_Zeitung_Nr.048

E_1938_Zeitung_Nr.048

BERN, Dienstag, 14. Juni 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 48 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PBEISEt Aniffba A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 1O— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgab* B (mit gew. Unfaüversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgab* C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint jeden Dienstag and Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Ge»e tl«te" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Di* aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Grössere Inserate nach SpezialtarU Inseratenschlnss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmer Wo bleibt die ordnende Hand? Panixer, Segnes und Kisten Im Kampfe um die Priorität. Kürzlich äusserte sich Dr. Weber in der € N. Z. Z. > in einer Art Rückschau — betitelt « Führung ist not» — zur Arbeit der eidg. Räte während der 'ersten Sessionswoche. Sorgenvoll frag er dort: «Bringt die lebende Generation die Entschlusskraft auf, die schweizerische Selbstbehauptung nicht nur in Worten zu bejahen, sondern auch durch die Tat zu gewährleisten ?» Bang mag mancher Bürger sich ähnliches fragen; entsetzt greift man sich ob gewissen Dingen an den Kopf. Denn nicht wahr, solange nicht endlich alle Kreise unseres Volkes und die ganzen eidgenössischen und kantonalen Parlamente es begreifen, dass wir uns den Luxus von Halbheiten, dass wir uns eine Politik der langen Bank nicht mehr leisten können, solange kläglicher Dilettantismus weiter Trumpf, solange die Interessen des Landes in einem Wust von Lokalpolitik versinken, wird niemand guten Gewissens diese Frage mit Ja beantworten können. Es sei nicht halb so schlimm, meinen Sie ? Nun — dann versuchen Sie einmal zu begreifen und mit den Erfordernissen der Wirtschaft und der Sicherheit unseres Landes in Einklang zu bringen, was auf dem weiten Boden der Verkehrspolitik im allgemeinen und auf dem Gebiet des Strassenbaus im besondern vor sich geht! Wir erinnern daran, wie gewisse Kreise Bündens im Verein mit dem st. gallischen Baudirektor — dem doch als Stabschef die Grundelemente der Verteidigung unserer Ostmark geläufiger sein sollten als unsern Volksvertretern — seit Jahren unter bewusster Vernachlässigung strategischer Gesichtspunkte eigensinnig am Projekte einer in den Sarganser Talkessel führenden Walenseetalstrasse festhielten. Kurz nach abgegebener bundesrätlicher Neutralitätserklärung erschien dann im « Rätier > ein höchst beachtenswerter Artikel, in welchem die in Aussicht genommenen fortifikatorischen Schutzmassnahmen jener Gegend für so lange als ungenügend qualifiziert wurden, als der Kanton Graubünden einzig über Sargans mit dem Mutterlande verbunden sei und überdies Vor-, Nach- und Rückschub von Truppen, Munition und Lebensmitteln bei Operationen in Graubünden auf nur einer Linie stattfinden müssten. Wolle die Schweiz ihrer Mission als Hüterin der Alpenpässe wirklich gerecht werden, dann sei für eine weitere, vor feindlichem Feuer geschützte Verbindung Graubündens mit der übrigen Schweiz zu sorgen. Dooh bezüglich I Kirchturmpolitik scheint kein Kraut gewachsen. Sogar die aussenpolitischen Märzereignisse vermochten — jedenfalls in Graubünden — keinen Wandel zu schaffen. Denn letzthin standen im Grossen Rat jener Landesgegend wieder einmal Strassenbaufragen zur Diskussion. Und da erklärte der Churer Stadtpräsident — der doch sonst wirklich kein Brett vor dem Kopfe hat — tatsächlich, bezüglich einer Verbindung Glarus-Graubünden sei dann grösste Vorsicht am Platze ! Vom Churer Standpunkt aus — so fuhr er fort — wäre der Segnes dem Panixer bei weitem vorzuziehen, aber eben — alle beide würden für Chur und andere Talschaften, verkehrspolitisch betrachtet, verhängnisvoll werden. Welch sonderbare Einstellung zur Schaffung einer Verbindung Glarus-Vorderrhein ! Wie reimt sich diese Negierung eben der Strassenverbindung durch den Churer Stadtpräsidenten, welche der Bundesrat in der «Grossen Vorlage > im Hinblick auf den weitern Ausbau der Verbindungen von Ostund Zentralschweiz mit dem Kanton Graubünden in erster Linie fordert und ia,der Gesamtwertung der Erweiterung des Alpenstrassenawsbaus ausgerechnet an erste Stelle setzt ? Ob unsere oberste Landesbehörde wohl rein zum Vergnügen 20—26 Millionen Fr. Bundesmittel für deren Verwirklichung zur Verfügung stellen will? Ja — und wie nimmt sich denn die kleine Anfrage Condrau vom 29. April 1938 in diesem Chaos gegensätzlichster Ansichten aus ? Sie lautete : «Eine Zeitlang stand die Frage des Baues einer transalpinen Strasse von Glarus nach Graubünden in lebhafter Diskussion. Man sprach hauptsächlich von zwei Projekten, dem Panixer- und dem SBgnespass. Eine interkantpnale Vereinigung, die namentlich in den Kantonen Tessin, Glarus und Graubünden Unterstützung fand, befasste sich näher mit dem Problem. Durch den Beschlues des Bundesrates, neben den Alpenstrassen den Bau einer Hnksufrigen Walenseetalstrasse zu subventionieren, kam die Frage vorläufig etwas in den Hintergrund. Die Ereignisse der jüngsten Zeit haben die militärische Bedeutung einer bessern und sicheren Verbindung von der mittleren Schweiz nach den Kantonen Graubünden und Tessin in weiten Kreisen zum Bewusstsein gebracht. Ist der Bundesrat nicht der Auffassung, dass man heute rascher an den Ausbau der Oberalp-^ und Lukmanierroute und deren Zufahrtsstrassen (Bündner Oberland und Valle Blenio) gehen und auch die Erstellung einer Strassenverbindung Glarus-Graubünden ernstlich ins Auge fassen muss? Ist er bereit, die Lösung dieses Problems, das gleichzeitig für den Verkehr wie für die Arbeitsbeschaffung von Bedeutung ist, zu fördern, indem er es in das bereits angekündigte eidgen. Arbeitsbeschaffungsprogramm einbezieht?> Letzten Freitag erteilte der Bundesrat übrigens die nachfolgende Antwort: «Verschiedene Departements des Bundes beschäftigen sich eingehend mit den Fragen betreffend Herstellung einer besseren Strassenverbindung mit dem Kanton Graubünden. Die Walenseestraese ist gegenwärtig auf dem Gebiete des Kantons St. Gallen im Ausbau begriffen. Der Ausbau der Kerenzerbergstrasse mit Ausschaltung der Kehren über Mühlehorn geht seiner Vollendung entgegen; wir erwarten die Vorlage der Detailpläne für die neu anzulegende direkte Strassenverbindung Niederurnen-Mühlehorn. Die Möglichkeit der Anlage einer ganzjährig fahrbaren Verbindung aus dem Glarnergebiet nach dem Vorderrheintal bildete Gegenstand verschiedener Verbandlungen und Begehungen. Ausserdem wird der Uebergang über den Oberalppass zum Gegenstand von besonderen Untersuchungen gemacht. Der nachgesuchte Kredit für Arbeitsbeschaffung soll zu einem Teil für einen noch näher zu bezeichnenden und zu studierenden Uebergang über Nicht nur die Sonne von Tarascon, wie Tartarin in Alphonse Daudets Roman behauptet, sondern auch die Windschutzscheibe des Autos scheint bei vielen Leuten merkwürdige optische Täuschungen zu verursachen, indem gewisse Dinge ins Ungemessene vergrössert Werden. Nur so lässt es sich erklären, dass ehrenwerte Leute, sobald sie im Besitze eines Autos sind, ins Flunkern kommen. Ein besonderes Tummelfeld des Autlerlateins ist der Begriff der Durchschnittsgeschwindigkeit Immer wieder hört man, dass Leute mit «durchschnittlich 100 km» gefahren sein wollen. Angesichts dieser Geschwindigkeitszahlen und Fahrzeiten käme man sich bald wie ein Waisenknabe vor, wenn nicht eine bald 15jährige Fahrpraxis einem beigebracht hätte, wie man solche Zahlen «errechnet». Sehr häufig wird mit der Wendung «durchschnittlich 100 km» nur gemeint, dass diese Geschwindigkeit stets dann eingehalten worden sei, wenn sie möglich war. Von diesem gar zu laienhaften Sprachgebrauch wollen wir hier selbstverständlich absehen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit bedeutet Reisegeschwindigkeit, ist also der Quotient aus der gefahrenen Strecke dividiert durch die aufgewendete Zeit. Nun machen aber jene Automobilisten, die sich gerne an hohen Kilometerzahlen berauschen, allerhand kleine «Rechenfehler», oft sogar unbewusst, und geraten dann leicht in einen frommen Selbstbetrug hinein. Die beliebteste Mogelei besteht darin, die Strecken etwas auf- und die Zeiten abzurunden. Meistens geschieht das so, dass man bei In dieser Nummer: Autogewerbe und Betreibungsrecht. Sportnachrichten aus aller Welt. Aus einem Kleinwagenmotor wird — vorläufig — ein Flugmotor. Missliche Strassenverhältnisse im Unterengadin. Kleine Revue. das Grenzgebirge von Glarus und Graubünden sowie für den Ausbau des Oberalp und anderweitiger wichtiger Paßstrassen Verwendung finden.» (Schluss Seite 2.) Autle%=£atein: „Durchschnittsgeschwindigkeit" der Abfahrt beim Stadtausgang und bei der Ankunft am Stadteingang die Zeiten markiert. Nun aber sind gerade die innerstädtischen Strecken sehr zeitraubend und ausserdem, in km gemessen, noch recht beträchtlich; wenn dann in der Rechnung noch die Kartenangabe verwendet wird, welche natürlich von Stadtmitte zu Stadtmitte geht, so kommt man bald auf die erwähnten schmeichelhaften Zahlen, besonders bei kürzeren Strecken. Andere Schlaumeier rechnen jeden normalen Halt ab, wie z. B. an geschlossenen Bahnschranken, Kreuzungshindernissen etc., und legen sich eine ideale Strecke zurecht, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Auch dieses ist natürlich gänzlich falsch. Zur ehrlichen Reisegeschwindigkeit gehört auch, dass man bei grossen Strecken Tank-, Orientierungs- und Esshalte einrechnet, wie dies bei der zum Vergleich herangezogenen Eisenbahn gehalten werden muss. Wenn wir auf diese Weise unsere Berechnungen von dem Gestrüpp von Irrtümern, Selbsttäuschungen und kleinen Mogeleien befreit haben, so ergeben sich für uns doch verhältnismässig niedere Reisedurchschnitte. Aus langjähriger Praxis auf grossen und kleinen, rassigen und faulen Wagen habe ich herausgefunden, dass der Reisedurchschnitt zum bedeutend kleineren Teil vom Wagen abhängt. Als Faustregel rechne ich mit einem Stundenmittel von 60 km auf Schweiz. Durchgangsstrassen, d. h. soviele Minuten, soviele km. Für dieses Durchschnittstempo muss ich aber ganz gehörig drauftreten; auf 10 Wagen, die ich überhole, kommt kaum einer, der mich noch «abhängen» kann. Auf grossen Strecken F E U I L L E T O N Blatt Im Wind. Von Joe Lederer. 43. Fortsetzung. Der Osttaifun war da. Um fünf kam der Wolkenbruch, der Regen stürzte über die Stadt, rauschend und prasselnd. Vor den Fenstern war nur die schwarze Regenmauer. Die Bäume zersplitterten im Sturm, das ganze Haus schien zu ächzen. Wenn der Regenvorhang sich teilte, sah Cary den zerstörten Garten, quer über den Weg lag eine junge Pappel, die Wurzeln in der Luft Der Sturm Hess nicht nach. Ein Wolkenbruch kam nach dem andern. Es ging die ganze Nacht über. Cary lag bei Hubert drüben, sie hatte Angst. Sie rauchte. Bei jedem Zug glühte die Zigarette rötlich auf, und sie sah Huberts Gesicht, mit geschlossenen Augen, den Mund zusammengepresst, wie immer, wenn er müde twar. Der Sturm warf sich gegen das Haus. Im Garten war ein dumpfes Dröhnen. « Hörst du ? > flüsterte Cary. « Komm », sagte Hubert. « Schlaf ein. > Sie streckte sich neben ihm aus, unter der gleichen Decke, sie spürte, wie sich seine Schultern mit jedem Atemzug leise rührten, ein grosser, warmer Körper, schwer von Müdigkeit. c Wenn nur schon Morgen wäre ! » sagte sie. < Dieser Regen ! Es soll schon Tag sein, es soll vorbei sein ! Ich kann diesen Sturm nicht mehr hören.» € Es passiert nichts, Cary. Schlaf nur ein. > < Ich kann nicht einschlafen», sagte sie. «Ich hass diesen Wind. Ich wollte, wir könnten wo anders leben. Ich hass diesen Regen. Alles, alles ! » Hubert setzte sich auf. «Warum hast du das nie gesagt ? » fragte er. «Ist dir die Stadt so schrecklich ? > « Nein », sagte sie. « Nein », nur dieser Sturm ist so schrecklich, ich halte diesen Sturm nicht aus. Dieser grauenvolle Regen, ich hab Angst davor. > < Das ist doch Unsinn. > « Ich weiss », sagte sie. « Es ist Unsinn.» Cary fing an zu weinen. « Sei doch vernünftig, Cary. » Er hielt sie an sich gepresst, als könnte dadurch alles besser werden. « Arme Cary >, sagte er. « Weine nicht, es ist sicher gleich Morgen. > Er streichelte sie. Dann glitt seine Hand von ihren nassen Wangen herab und blieb unbeweglich auf ihrer Schulter liegen. Er schlief. Er hatte den ganzen Tag gearbeitet, er war todmüde und jetzt schlief er. Cary weinte weiter, das Gesicht ins Kissen vergraben, damit er sie nicht hören sollte. Draussen riss der Taifun die Dächer der Chinesenhütten ab. Die Nacht dröhnte und ächzte. Rauschend stürzte der Regen in die schwarzen Strassenschluchten. Sie fuhren mit dem Wagen hinüber in die Foochow Road, es war sieben, ein leiser, weicher Nebel lag in der Luft. Vor dem Restaurant Mei Yuen standen eine Menge Rikshaws, ein paar Fordautos und ein riesiger schwarzer Packard. « Wong ist schon da», sagte Hubert. « Das ist sein Wagen. > Sie gingen durch eine winzige Vorhalle, und dann Treppe hinauf. Auf den Stufen lagen Schalen von Sonnenblumenkörnern. Kellner lungerten herum. Cary ging neben Hubert her; es sah ziemlich merkwürdig aus, ein Zimmer neben dem andern, mit chinesischen Türen, die nur, wie ein Verschlag, sich schmal über den mittleren Teil des Türrahmens zogen, während der obere und untere Raum leer blieb. Es wäre genau das gleiche gewesen, wenn überhaupt keine Türen gewesen wären. Ein paar Kellnerjungen liefen voran, auf das Zimmer zu, das für Wong reserviert war. Ein paar von den Gästen waren schon da, ein Mr. Ling, ein Dr. Wang-Ti, Mr. Chung und Dr. King-Wo. Schwarzseidene kurze Jacken über den seidenen Gewändern, sahen sie würdig und fremd aus. Nur Dr. King-Wo war im Smoking, sein nervöses Kindergesicht mit den grossen Hornbrillen schien durch den europäischen Anzug farbloser und hässlicher zu sein, als es vielleicht in Wirklichkeit war. Es kam noch Mr. Wing, ein kleiner und