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E_1938_Zeitung_Nr.044

E_1938_Zeitung_Nr.044

BERN, Dienstag, 31. Mai 1938 Gelbe Liste Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 44 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, jihrlleh Fr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) rierteljährlicb Fr. 7.50 10— Erscheint jeden Dienst*« und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe liste** REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue. Bern Geschäftsstelle Zürichs Lowenstrasse 51, Telephon 39.743 INS ERTIONS- PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach SpezialtarU Inseratensehlms 4 Tage vor Erseheinen der Nummer Trotz Motorfahrzeug beweglich bleiben! Gross an Zahl und gewichtig an Bedeutung Sind die Vorteile des Motorfahrzeuges,- den unwiderlegbaren Beweis für diese Feststellung liefert die rapide Aufwärtsentwicklung der Motorisierungskurve. Aber einen Nachteil bringt der Besitz eines solchen Vehikels mit sich: Man wird unversehens recht bequem! Und bequem sein heisst schwerfällig werden, bedeutet Abscheu vor körperlicher Anstrengung und führt unweigerlich zu jener Verweichlichung, vor der heute im Hinblick auf die unsichem politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse von den verschiedensten Seiten immer dringender gewarnt wird. Etwas Ueberwindung, etwas Willensanspannung nur braucht es zum ersten Versuch, diesem Hang zur Bequemlichkeit energisch den Riegel zu schieben. Dann aber wird der Automobilist, vor allem der sportlich eingestellte, auf diese neue Möglichkeit körperlicher Ertüchtigung nicht mehr verzichten wollen. Dank dem Motorfahrzeug, beweglich bleiben, heisst seine Losung fortan — sehr zum Nutzen seiner eigenen, nicht zuletzt aber auch zum Vorteile der Gesundheit des Volkes überhaupt. Wer kennt nicht jenes Gefühl leiser Unbefriedigtheit, das die schönste Sonntagsfahrt hinterlässt, in deren Verlauf uns auch nicht eine Möglichkeit körperlicher Bewegung wurde? Und wer nicht jene Spur von Unbehagen, die das oppulente Mittagsmahl, welchem kein ausgiebiger Verdauungsbummel gefolgt, auf der Heimfahrt zeitigt? Bot die Ausfahrt dagegen Gelegenheit zu sportlicher Betätigung, d. h. war das Motorfahrzeug nur Mittel zum Zweck — mag dieser dann in Schwimmen, Golf- oder Tennisspielen, in Reiten, Marschieren oder gar Gipfelstürmen bestanden haben —, wie erfüllt von neuer Spannkraft fährt man dann heimzu, seinem Alltag entgegen! • Kandersteg 1169 Was dem einen recht, sei nicht jedem Familienangehörigen oder Mitfahrenden unter allen Umständen billig, meinen Sie? Aber der Möglichkeiten sind ja so viele,- sehen Sie sich einmal die nachfolgenden 4 Weekendvorschläge an, es findet in allen Fällen — auch bei unterschiedlichstem Geschmacke — sicherlich jedes eine ihm zusagende Möglichkeit. Nebenbei: Sie brauchen nicht routinierter Alpinist zu sein, um diese Projekte in die Tat umsetzen zu können; Marschtüchtigkeit aller und Berggewohnheit eines Teilnehmers genügen vollauf. 1. Lötschenpass— Hockenhorn. Von Thun weg führt Sie der Weg an der Ostflanke des Niesen vorbei durchs Frutigtal nach Frutigen. Dann geht es auf nicht gerade einladender Strasse — dem Volksmunde nach trägt die Lötschbergbahn Schuld an diesen misslichen Zuständen — der Kander entlang, am Blausee vorbei nach dem in 1170 m Höhe liegenden'Kandersteg. Wer von den Wageninsassen die Wanderung nicht mitmachen will oder kann, aus irgendeinem Grunde, hält hier nach Nachtquartier Umschau. Die Wahl dürfte so leicht nicht sein, denn Kandersteg besitzt ganz reizende Hotels und Gasthäuser. Auch der getreue Wagen bezieht hier Quartier. Wer aber gut zu Fuss, der schultert den Rucksack und zieht in die Abendsonne durchs einzigartige Gasterntäl. links der Strasse recken sich die Jelswönde zum Doldenhorn empor und locken zu schonen Kletfertaurerif Rechter* hand rauschen die Gletscherwasser vom Bcrlmhorn hernieder. Wer von der Jüngern Garde hat werden hierauf in diagonaler Richtung der Lötschberggletscher traversiert und in gemächlichem Berglerschritt die Serpentinen des jenseitigen Hanges bezwungen. Ein paar Schritte noch, und der 2695 m hohe Pass ist erreicht. Nun folgt so etwas wie ein Kriegsrat. Denn wer etwas «mitgenommen^ wer mit Schrecken an den Weiterweg denkt, oder nicht so bergtüchtig sich erwiesen, der bekommt hier in prächtiger Umgebung, in Nähe von Fels und Eis, mitten in Teppichen von Steinbrecher-Pflänzchen aller Art Arrest diktiert. Er darf sich hier zur beschaulichen Rast niederlassen, derweil die andern noch höherziehen, dem Hokkenhorn zu. Der Aufstieg bietet keine grossen Schwierigkeiten; nach V/2 Stunden sollte der 3297 m hohe Gipfel erreicht sein. Wem das Wetter gut will, der geniesst hier eine Rundsicht, wie sie im ganzen Alpengebiete in solcher Pracht und Mannigfaltigkeit nur sejten zu finden ist. Tief zu seinen Füssen rauscht die Kander durch das von Steilwänden begrenzte Gasterntäl. Vom Balmhorn schweift sein Blick zum Doldenhorn und dann weiter — man möchte fast sagen: einer ausgerichteten Kolonne entlang — zum Fründenhorn, vom Oeschinenhorn bis zur Blümiisalpgruppe. Die Weisse Frau allerdings macht ihrem Namen von dieser Seite her keine Ehre. Schwarzbraunes Mägdelein würde da besser passen. Weiter schweift der bewundernde Blick in diesem Bergzirkus, gleitet über den Kanderfirn zum Gspalten-, Mutt- und Tschingelhorn, haftet am Petersgrat, verfolgt rechterhand die vom Langgletscher niederschäumende Lonza auf ihrem Wege durch das sagenumwobene Lötschental und verweilt schliesslich auf- dem wolkenumbrandeten Bietschhorn. Ein kurzes Aufatmen in Gipfelluft noch und dann geht es im Eilschritt abwätrs. Nach knapp 30 Minuten ist das Camp der auf der Passhöhe Zurückgebliebenen erreicht. 2. Von Rigi-Kulm zur Rigi- Hochfluh. Wie mancher Automobilist blickt nicht wägend zu dieser Königin der Voralpen hinauf, indes sein Wagen auf der Seestrasse dahinrollt? Im Frühling und im Herbst, wenn im Tale die NeLel brodeln, dann vor allem müsste es da oben herrlich sein. Aber sich von seinem Wagen trennen, den Weg unter die Füsse nehmen? Viel zu selten noch ringt sich der Motorfahrzeugbesitzer dazu durch. Auch dieser Weekendvorschlag bietet die verschiedensten Möglichkeiten. Wer sich die Besteigung der Rigi noch am Samstag von Goldau oder Vitznau aus nicht zutraut, wer seine Kräfte für die Sonntagswanderung von Staffel über First und Scheidegg zur Hochfluh sparen möchte, den befördert die eine oder andere der beiden Zahnradbahnen mühelos in die Höhe. Empfehlenswert ist übrigens auch der direkte Aufstieg von Gersau aus über Gschwend zu Punkt 1192, oder von der Schwyzerhöhe iStrasse Goldau-Lauerz) über den Twärnberg zur bereits genannten Einsattelung. Von hier aus geht es dann steil aufwärts zum Felskopf der 1702 m hohen Rigi-Hochfluh. Das letzte Wegstück muss mit Hilfe einer eisernen Leiter bezwungen werden. Gipfelrundsicht allerdings belohnt die Anstrengung verschwenderisch; sie ist einzigartig. Zu Füssen des Wanderers liegt das Plateau von Seelisberg. Weit öffnet sich vor ihm das Reusstal bis zum Bristen. Im Baukastenformat präsentieren sich die Häuser von Morschach. Mythen, Ybergeregg und Muotatal grüssen herüber und wecken die mannigfachsten Erinnerungen: UnVergessliche Kletterstunden, stiebende Abfahrten mit den bewährten Brettern, Schlaglöcher ohne Zahl in der Strasse über den Sattel, Batteriestellungen im Bereich des Rossberges und — bei mir wenigstens — auf tiefstem Grunde, etwas schuldbewusst, auch an ein überfahrenes Huhn. Der Abstieg über Felsplatten erst, dann durch Hochwald der Ostflanke des Urmiberg entlang nach Brunnen hinunter ist eine einzige Kette von Ueberraschungen. Ununterbrochen lockt zwischen den grünen Blättern hindurch das Blau des Urnersees, lädt zu kühlendem Bade. Von der kurvenreichen Seestrasse herauf hupt es fast ununterbrochen. Ob wohl der getreue Wagen schon in Brunnen sein wird? Denn vielleicht war die Zusammensetzung der Fahrtgesellschaft glücklich, das heisst einer der vom Ausflug auf die Rigi per Bahn nach dem Standort des Wagens Zurückgekehrter ist des Fahrens kundig, und nun sind die weniger Marschtüchtigen unterdessen gemütlich nach Brunnen getrudelt. Schlimmstenfalls bringen Schiff oder Zug die braungebrannten Wanderer zum Ausgangspunkt der Tour und damit zum wartenden Wagen zurück. Eines steht fest: Diesmal werden auf der abendlichen Heimfahrt die Pläne fürs nächste Weekend schon ganz offen diskutiert! 3. Brienzer Rothorn - Wilerhorn - Brünig. In Brienz — der Stadt der Schnitzer — lädt einer der originellen Wegweiser, in diesem Falle ein rucksackbeladener, schweisstriefender Bergsteiger, zum «Angriff» auf das Brienzerrothorn ein. Wir sind seiner Aufforderung an einem Samstagnachmittag, nach Verstauung des Wagens in einer Hotelgarage, gefolgt. Gewitterschwüle lastete über dem Seebecken und gestaltete die Wanderung zum 2350 m hohen Rothorn infolge der wechselnden Belichtungen zum unvergesslichen Erlebnis. Forlsetzung Seite 3. - Die Lötschlberg-Hockenlionitour, Blick vom Hockenhorn auf den Kanderfirn mit Südwand der Blümlisalpgruppe. Einzig in seiner Art ist der nun folgende Abstieg über Alpen und Weiden nach Förden hinunter. Und das letzte Stück von da nach Goppenstejn ~ nur», das bewältigt man eben mit stoischer Rohe. Denn die Pracht da oben hat viel zu frohgemut gestimmt, als dass der Staub dieses Talsich das versteckte Weglein hinauf zur 2000 m hoch gelegenen Balmhornhütte — für später eventuell — gemerkt? Besonders Glückliche, das heisst jene Bevorzugten, welche die Tour nicht unbedingt über Wochenende ausführen müssen, steigen auf dem gut markierten Wege weiter bis zur Gfällalp hinauf und beziehen ihr Nachtlager bereits in ansehnlicher Höhe. Der wirkliche Wochenendautomobilist und -tourist aber wird besser im heimeligen Gastern-Hotel übernachten. Die sonntägliche Mehrdifferenz von 300 m bis zur Gfällalp hinauf wiegt eine ungestörte Nachtruhe nämlich bei weitem auf. In der Frühe des Sonntags geht es dann anfänglich durch Erlengebüsch, dann über prächtige Weiden hinauf bis zu Punkt 2421 (Balm). Vorsichtig strässchens einem etwas anhaben könnte I Von Goppenstein bringt die Lötschbergbahn die sonnentrunkenen Wanderer dann nach Kandersteg zurück. Welch ein Fragen, Verwundern und Erzählen nun anhebt! Auch den Hiergebliebenen ist der Sonntag gleichsam im Fluge vergangen,- was haben sie nicht alles unternommen: Spaziergänge, Entdeckungsfahrten in nächster Nähe, man hielt Siesta im schattigen Hotelgarfen, ja — man hat sogar getanzt! Dann geht es durch den Abend schliesslich heimwärts, vorderhand zwar müde, aber doch voll neuer Energien der Wochenarbeit entgegen. Der Motor singt sein gleichmässiges Lied, man geniesst die verdiente Bequemlichkeit des Mühelosbefördertwerdens und denkt sich insgeheim für nächsten Sonntag etwas aus. In dieser Nummer s A. G. S.-Tage in Baden. Die A. I. T. tagt in Berlin. Nat Geschicklichkeitsprüfung. Bremsen und Ueberholen in Zeitlupendarstellung. Feuilleton: «Blatt im Wind» S. 4. Kleine Revue.