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E_1938_Zeitung_Nr.056

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BERN, Dienstag, 12. Juli 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 56 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS Et A (ohne Versicherung) «halbjährlich Fr. 5.-, Jihrllch Tr. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Untallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgab* C (mit Insassenversicherung) Tierteljahrllch Fr. 7.50 Merkwürdige Bussenpraktiken Die Zeichen mehren sich, dass es in unserem Lande gewisse Polizeibehörden gibt, die anscheinend ihren besondern Ehrgeiz darein setzen, auf eigene Art mitzuhelfen, die heute chronisch gewordenen Löcher in den öffentlichen Finanzen zu stopfen. Ebenso einfach wie probat ist das Rezept dafür, es heisst, die Automobilisten durch Bussen zur Ader zu lassen. Verstehen wir uns indessen richtig: in der Illusion, dass nicht auch in unsern Reihen die Gattung der schwarzen Schafe ihr Unwesen treibt, haben wir noch nie einen Moment gelebt. Busse muss mitunter sein, aber — c'est le ton qui fait la musique. Und wenn sich gegen eine loyale, mit dem Rechtsempfinden im Einklang stehende Handhabung dieses Strafmittels durchaus nichts einwenden lässt — die Methoden, welche einzelne Kantone dabei neuerdings praktizieren und worüber sich die Beschwerden in letzter Zeit auffällig häufen, diese Methoden sind es, die zu'Kritik und Widerspruch herausfordern. Denn allerdings registriert es der Automobilist mit einem Gefühl des Unmuts, wenn ihm eines schönen Tages eine Bussverfügung ins Haus geflattert kommt, ohne dass er auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, vor Wochen einmal angeblich mit den Verkehrsvorschriften in Konflikt geraten und dabei der Hermandad ins Garn gelaufen zu sein. Darin nämlich liegt das typische Merkmal des seltsamen Systems, dass man dem « Sünder» nicht etwa auf der Stelle oder wenigstens binnen nützlicher Frist sein Vergehen, dessen er sich ganz und gar nicht innegeworden, eröffnet, sondern damit zuwartet... Zwei, drei Wochen hebt man sich die < Ueberraschung » auf und erst dann bringt dem Verblüfften ein Strafmandat Kunde von seiner angeblichen Missetat. Wie soll er sich so lange nachher noch an alle Einzelheiten zu erinnern vermögen, wie soll er den Gegenbeweis antreten und sich mit einiger Aussicht auf Erfolg verteidigen, wie soll er jetzt noch Zeugen auftreiben können ? Steht er praktisch nicht mit leeren Händen da, aller Möglichkeiten bar, die gegen ihn erhobenen Vorhalte zu entkräften ? Spekuliert aber vielleicht die hohe Obrigkeit gerade darauf? Man kann sich der Vermutung nicht ganz erwehren, sie hoffe dabei insgeheim, die Zeit komme ihr zu Hilfe und 10.— Erscheint Jeden Dienst«« und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Fosteheek III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasso 51, Telephon 39.743 wirke für sie. Weshalb man sich denn auch keineswegs beeilt, sondern den «Fall» Wochen und Wochen aufs Eis legt, bevor der Automobilist erfährt, was er verbrochen und wann und wo. Ob er will oder nicht, er wird dabei das Gefühl nicht los, dass bei dieser Verzögerung, die im Endeffekt auf eine Entwaffnung hinausläuft, Ein Verkehrshindernis verschwindet wohl kaum immer bloss der reine Zufall die Hand im Spiel habe. Das ist es, was Unbehagen und Verärgerung erzeugt« Und es kommt nicht so ganz von ungefähr, wenn angesichts der in letzter Zeit zu beobachtenden Häufung derartiger unerquicklicher Episoden der Eindruck Oberwasser gewinnt, es beginne sich dabei so etwas wie eine gewisse Planmässigkeit, eine sehr anfechtbare allerdings, herauszukristallisieren. Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. Sollte uns vielleicht eine neue, verbesserte Auflage jenes schwungvollen Bussenbetriebs bevorstehen, der unter dem Konkordat seligen Gedenkens landauf landab seine Blüten trieb und sich dermassen segensreich bewährte, dass er beinahe einen Boykott der Schweiz durch das Ausland heraufbeschworen hätte? Ob wir uns einen solchen Seldwyler Streich, einen Rückfall in jene beschämenden Zustände heute leisten dürften? Die Frage stellen heisst sie auch verneinen. Um uns jedoch nicht dem Vorwurf auszusetzen, wir ergingen uns in allgemeinen Verdächtigungen, sei zur Illustration dessen, was oben dargelegt wurde, ein Fall herausgegriffen, dessen Schauplatz kürzlich der Kanton Baselland bildete. Wurde da in Muttenz ein Basler Automobilist von der Polizei notiert, weil er in einer Kurve ausserhalb der Sicherheitslinie gefahren sein sollte. Das war am 28. April. Benötigte nun der Jünger der Gerechtigkeit wirklich volle 13 Tage für die Ausarbeitung seines Rapports? Wir wissen es nicht. Tatsache aber ist, dass jener das Datum des 11. Mai trägt und am 13. Mai unter den Eingängen des Bezirksstatthalteramts Ariesheim figuriert. Macht nach Adam Riese 15 Tage. Aber noch Hess man sich Zeit, noch dämmerte dem «Fehlbaren» nicht der leiseste Schimmer der gegen ihn schwebenden Prozedur. Woher sollte er denn wissen? Weitere acht Tage gingen durchs Land, dann aber, man- schrieb den 23. Mai (!), tat man ihm seinen Sündenfall kund, fast einen Monat also, nachdem er sich angeblich ereignet hatte. Ueberflüssig beizufügen, dass es für den Automobilisten unter solchen Umständen und nach einer Zeitspanne von 25 Tagen schlechthin ein Ding der Unmöglichkeit war, sich auf Ort, Tag, Stunde und Minute genau zu besinnen und den Entlastungsbeweis auf die polizeiliche Anschuldigung hin zu erbringen. Wehrlos den darin enthaltenen Behauptungen ausgeliefert — wjo, sollte er imstande sein, sich bei der schon weit zurückliegenden, von ihm allerdings bestrittenen Uebertretung des MiFG Gegenbeweismittel zu sichern? —blieb ahm nichts anderes übrig, als die Pille zu schlucken. Der bittere Nachgeschmack, den sie zurückliess, rührte weniger von der Busse als solcher wie davon her, dass sich im Geiste des Automobilisten der Eindruck festsetzen musste, die lange «Erdauerung» der Angelegenheit habe ihm die Waffen zu seiner Verteidigung entwunden. Und das ist es, woraus das Malaise entspringt. Am Viktoriarain in Bern wurde kürzlich der Allee bäum, der im Höhepunkt der Kurve Verkehr und Uebersicht behinderte, durch die städt. Baudirektion beseitigt Zur Nachahmung empfohlen! INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder dann Raum 45 Hu. Grössere Inserate nach SpezialtarU Inseratcnschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummer In dieser Nummer s Ueberraschimgen, die der Wind den Automobilisten bringt. Pintacuda-Severi in Spa siegreich, Zürich erhält seinen Grand Prix. Federzwischenlagen. DIE KLEINE REVUE Um das Schicksal der Walenseestrasse Die vier Aktionskomitees für den Bau einer Walenseetalstrasse haben, mobil gemacht durch den kürzlichen Beschluss der Glarner Regierung und des Landrates, ihre Delegierten letzten Samstag zu einer Versammlung nach Chur abgeschickt. Unter dem Vorsitz von Herrn L. Meisser, Präsident des Verkehrsvereins für Graubünden, wurde die Erklärung der Glarner Regierung, sie sehe sich veranlasst, « bis zur völligen Abklärung über eine neue Strassenverbindung aus dem Glarnerland nach Graubünden an der Walenseestrasse keinen Spatenstich zu tun», einer Kritik unterzogen und das gJarnerische Vorgehen als gegen Treu und Glauben gekennzeichnet. Ständerat Schmucki (Uznach) gab in einem trefflichen Referat einen Ueberblick über den bisherigen mühevollen Werdegang der Bauangelegenheit und wies mit aller Deutlichkeit auf die unfreundliche Haltung kin, worin man sich auf glarnerischer Seite gefällt. Die Freunde einer Walenseestrasse haben erst das baureife Projekt einer rechtsufrigen Talstrasse den Glarnern zuliebe für die Vorsohläge eines linksufrigen Projektes geopfert. Dann mussten sie zusehen, wie Bundesrat und Glarner Regierung, ohne jegliche Fühlungnahme mit der mitinteressierten St. Galler Regierung, die Kerenzenbergstrasse mit beträchtlichen Bundesmitteln ausbauten und ihr Desinteressement an einer Talstrasse erklärten. Als dann aber die Kantonsregierungen von St. Gaillen, Grauhünden und Zürich das ursprüngliche Projekt längs des rechten Ufers neu in den Vordergrund stellten, verlangten die Glarner, dass eine Talstrasse, wenn sie gebaut werden sollte, nur auf glarnerischer Seite, d. h. linksufrig, erstellt werden dürfe. Der Bundesrat hat sich nach einer Begehung des Kerenzenberges für den Bau einer Talstrasse entschieden und kam, in Gegensatz zu den Regierungen von St. Gallen, Zürich und Graubünden, den Wünschen der Glarner entgegen. Die Enttäuschung war nieht gering, aber auch der Kanton St. Gallen fügte sich. Die Bundessubventionen an die Glarner mit 70 %> der Kosten und an die St. Galler mit 65 %> F E U I L L E T O N Töchter, ein halbes Dutzend. Von Cecily Sidgwick. Erstes KapiteL 1. Fortsetzung. Auf Frau Clevelands Lippen lag ein leicht geringschätziges Lächeln. Ich stimmte ihrem Vorschlag, in den Garten zu gehen, zu. Sie hatte uns ein Geschenk mitgebracht: ihre eigene Photographie in einem Silberrahmen, ein beklemmendes Geschenk, weil ich immer krampfhaft versuche, nicht an sie zu denken, wenn ich sie nicht vor Augen habe. Im Garten war das erste, dass sie mir einen Unkrautjäter empfahl, dann sagte sie, dass sie nachmittags nicht viel Zeit für unsem Empfang hätte, erkundigte sich nach Nancy, gab mir Ratschläge für Ambroses Erziehung, und während sie Unkraut ausrupfte, machte sie die Bemerkung, ich möchte meine Hausangestellten besser an die Leine nehmen. Kurz : fast ein© Viertelstunde, lang war sie unerträglich überheblich, ehe sie auf den eigentlichen Zweck ihres Besuches kam. «Genau genommen geh© ich nicht gern fort», sagte sie, « aber ich habe mich doch entschlossen, ich muss etwas Abwechslung haben.» < So, Sie gehen fort», entgegnete ich und blickte starr auf einen grossen Löwenzahn, der auf den Weg hing. « Oh, haben Sie denn nichts davon gehört, dass William und ich eine Weltreise machen ? Isabel Godolphin kommt mit uns.» Unglückseligerweise bin ich so geschaffen, dass ich die leisesten Anspielungen verstehe. Nicholas ist ganz anders. Wenn ihn einer eine Woche lang mit einer gemeinen Anzüglichkeit behelligt, wird er es nicht merken, und so ist er nie aufgebracht, nicht einmal gegen Frau Cleveland, die von ihrem Sohn zu Leuten ihres Standes als Bill, wie er in der Familie genannt wird, und zu unter ihr stehenden als William spricht. In letzter Zeit nannte sie ihn auch uns gegenüber William, und ich lege das so aus, dass sie nicht wünscht, dass er Celia heiratet. Ich würde es mir selbst nicht so sehr wünschen, wenn ich nicht wüsste, dass Celias Glück davon abhängt Der Gedanke, mit Frau Cleveland in engere Beziehungen zu treten, bereitet mir kein Vergnügen. «Eine Weltreise dauert sehr lange >, sagte ich. «Ich möchte ein Jahr lang ausbleiben und vergessen, dass es so etwas wie ein Porthlew gibt. Ehrlich gestanden, habe ich die Leute hier alle über, und William geht es ebenso. Für einen jungen Mann in seiner Position ist es nicht gut, sich in einer kleinen Provinzstadt zu vergraben. Da setzen sich auch Ideen fest, die er abschütteln wird, wenn er erst eine Stunde lang draussen ist. Ganz hirnverbrannte Ideen!» Was sollte ich dazu sagen? Ich fragte nach dein Namen und der Adresse des Unkrautjäters, den sie mir empfohlen hatte. Zweites Kapitel. Das Schwierige bei Lügnern ist, dass sie nicht immer lügen. So muss man ihre Aeusserungen darauf prüfen, was daran wahr ist und was nicht. Ich glaube, Frau Cleveland wünscht, Bill soll Isabel Godolphin heiraten; aber ich war sehr neugierig, was Nicholas dazu sagen würde, wenn ihm der junge Mann eröffnete, ein ganzes Jahr auf •Urlaub zu gehen. Ich verlor kein Wort über die ganze Sache zu den Mädchen, die vor dem Lunch zurückkamen, um Celia nicht aufzuregen. Sie alle konnten Frau Cleveland nicht leiden, und als sie ihre Photographie sahen, legten sie sie in- ein Schubfach. Glücklicherweise gibt es auf der Welt noch eine Menge anderer Menschen, und als sich im Laufe des Nachmittags unsere Freunde um uns im «Wintergarten» versammelten, konnte man leicht Frau Cleveland vergessen. Die Clevelands und Nicholas stammten nicht aus Cornwall, aber ich. Ich bin eine geborene Hendra und bin mit den meisten Familien der Umgebung verwandt. Deshalb ist es auch so lächerlich von Frau Cleveland, mir gegenüber so patzig zu sein. Sie ist in London geboren, demnach «eine Fremde» in Porthlew, und ihr Vater war Börsianer. Nicholas und Bills Vater waren Studienfreunde von Cambridge her, und als Arthur Cleveland geschäftlich erfolgreich tätig war, gab er meinem Gatten eine Stellung in seiner Fabrik. Achtundzwanzig Jahre arbeiteten die beiden Männer glänzend miteinander; aber Frau Cleveland hat weder Nicholas noch mich je leiden können. Bill ist das Ebenbild seines Vaters, ein grosser athletisch gebauter Mann mit vergnügten grauen Augen und nachgiebig veranlagt. Er hat ebenfalls in Cambridge studiert und trat gerade in das