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E_1938_Zeitung_Nr.054

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BERN, Dienstag, 5. Juli 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 54 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE! Angab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, Jfihriieh FT. 10«— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlieb abonniert Ausgabe B (mit gew. Uotallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jaden Dlenitaa und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION! Breitenralnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zfirieb: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 INS ERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 R&> Grössere Inserate nach SpezialtarU Inseratenseblnss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmer Tfas aik es: „Geborene Pechvögel" Der Wiederholungssatz als Unfallfaktor. Wir alle kennen Menschen, die als Autofahrer oder auch sonst im Leben auf Schritt und Tritt von Pech und Scherben verfolgt sind und bezeichnen sie treffend als «Pechvögel». Dabei brauchen wir noch nicht einmal an jene berühmt gewordenen «Katastrophenmenschen» zu denken, von denen gelegentlich in Unterhaltungsblättern die Rede ist. Jedem von uns ist vielmehr aus seiner Umgebung, aus seinem Arbeitskreis oder unter seinen Freunden der eine oder andere bekannt, bei dessen Auftreten es wie unter der Wirkung geheimnisvoller Schioksalsmächte zum «zufälligen» Zusammentreffen unheilvoller Verhältnisse oder Ereignisse zu kommen pflegt, die sich alsbald wie ein Fluch über ihn selbst oder Leben und Eigentum anderer Menschen legen. Oder, sei ehrlich, hast du nicht etwa selbst erst neulich, als du den nagelneuen «Unglückswagen» schon wieder mit einer Schramme ziertest, geschimpft und gesagt, du wärst der reinste Pechvogel? Pechvögel gibt es natürlich auf allen Gebieten. Man könnte direkt ein Buch über sie schreiben. Aber so unterhaltsam und lehrreich das an sich wäre, so müssen wir uns hier darauf beschränken, gerade die motorisierten Unglücksraben näher unter die Lupe zu nehmen. Es wird sich dabei zeigen, dass die hier geschilderten Tatsachen, sofern man nur aus ihnen profitiert, dazu geeignet sind, uns im Kampf um die Schadenverhütung ein Stückchen vorwärts zu helfen. Schon seit Jahrzehnten hat sich die exakte Psychologie u. a. auch mit den Problemen der Verkehrspraxis fruchtbar auseinandergesetzt. Jahrzehntelange Experimente und statistische Erhebungen im Verein mit seinen Mitarbeitern über die Unfälle von Zehntausenden von Personen und Versicherten führten schliesslich Prof. Marbe, den bekannten Mitbegründer der modernen Persönlichkeitslehre, zu der Auffindung des für uns heute zu einem Fundamentalbegriff gewordenen «Wiederholungssatzes». Dieser Satz gilt zunächst für das gesamte Unfallgebiet überhaupt. In unseren Zusammenhang übersetzt, würde er etwa lauten: «Die Wahrscheinlichkeit künftiger Unfälle für einen Menschen ist für den einzelnen am so grösser, je mehr Unfälle er bisher gehabt hat.» Wenn Sie also etwas darüber wissen wollen, wie viele Unfälle Ihnen selber oder Ihrem Chauffeur in der nächsten Zeit zustossen werden, dann haben Sie lediglich festzustellen, wie gross die Zahl der Unfälle ist, die Sie oder er in der entsprechenden vergangenen Zeit erlitten haben. Dabei spielen sicherlich auch die ausserhalb des Wagens eingetretenen grösseren und kleineren Unfälle eine Rolle. Das klingt absurd und unmöglich. Für manchen wohl auch unangenehm oder beruhigend. Aber die Rechnung stimmt! Marbe stellte an 3000 zehn Jahre bei derselben Versicherung eingetragenen Personen fest, dass jene, die in den ersten fünf Beobachtungsjahren keinen Unfall verzeichneten, auch in der zweiten Periode weniger zu Schaden kamen als die Kategorie derer, die in derselben ersten Zeitspanne von einem Unfall betroffen wurden. Wer aber in der Zeitspanne der ersten fünf Jahre mehrere Unfälle hatte, der kam auch in den zweiten fünf Jahren auf eine höhere Ziffer als die Angehörigen der •beiden ersten Gruppen. Marbe vermochte sogar die Versicherten in Gruppen der «Nuller», «Einser», und «Mehrere einzuteilen, je nachdem sie an den ersten fünf Jahren keinen, einen oder mehrere Unfälle erlitten hatten. Die «Nuller» hatten dann in den zweiten fünf Jahren weniger Unfälle als die «Einser» und diese wiederum weniger als die «Mehrer». Eine Probe aufs Exempel bedeutete schliesslich eine weitere Untersuchung, wonach aus dieser «Persönlichkeits-Gefahrenklasse» mit erheblich grösserer Sicherheit zu ermitteln war, wie viele Unfälle von einer Menschengruppe demnächst zu erwarten waren, als von der an sich üblichen «Berufsgefahrenklasse»! An diesem Satz, der in den nachstehenden Ausführungen noch mehr verdeutlicht werden soll, dürfen wir keinesfalls so ohne weiteres vorübergehen. Wesentlich ist dabei, dass er sowohl für die verschuldeten wie unverschuldeten, d. tu durch aussergewöhnliche Ereignisse heraufbeschworenen Fälle gilt. Die Pechvögel nämlich, denen ständig ein unvorsichtiger Zunftgenosse in die Rippen rennt, sind bei näherem Hinsehen fast immer jene, die selber immer Schaden stiften. Nur können sich die ersteren später leichter rechtfertigen. Wir wissen es alle, dass der wirklich gute Fahrer weder im einen noch im anderen Sinne Unfälle erleidet. Hier handelt es sich um die schon den Römern bekannte Tatsache: Jeder trägt sein Schicksal weitestgehend in der eigenen Brust. (Fortsetzung Seile 2.) Auto und Strasse von gestern und heute Vor drei Dezennien, im Jahre 1908, wurde dieses Bild in Steinibach bei Zollikofen aufgenommen. Damals war der Martini, der hier vorbei«braust», machtige Staubfahnen aufwirbelnd, sozusagen der letzte Schrei im Automobilbau. Betrachten Sie das Gefährt, sehen Sie genau hin auf die kleidsame «Tracht» seiner Insassen, schenken Sie auch der Strasse einen Blick und..» ...vergleichen Sie damit diese Photo, die aus den letzten Tagen stammt und wobei sich unser Reporter an genau denselben Standort pflanzte. «Kaum wieder zu erkennen, wären nicht die Bäume und die Häuser auf der rechten Seite>, hören wir Sie vor sich hinmurmeln. Der Gegensatz springt in die Augen. Gewaltig ist der Wandel, der sich hier vollzogen, nicht nur beim Auto, sondern auch was die Strasse anbelangt. Spricht sie nicht Bände, diese Gegenüberstellung, veranschaulicht sie nicht plastischer als alle noch so wohlgesetzten Worte den Fortschritt, den der triumphale Aufstieg des Automobils auch in der Domäne des Strassenhaus gebracht, zu Nutz und Frommen- aller? CPhot Neuenschwander, Bern-) Schweizerische Rundschau Unsere Pässe im Urteil des Auslandes. Mehr Staubfreimachung als Notbehelf, bis der Ausbau kommt. In einem Artikel über Autotouren auf dem Kontinent gibt der eng-lische «'Motor > seinen Lesern auch einige Tips für Fahrten in der Schweiz, wobei er unsern Strassen das Prädikat «ausgezeichnet» zuerkennt. Mit gewissen Ausnahmen immerhin: die höher gelegenen Pässe nämlich — fügt er bei — empfangen den Fahrer mit teilweise etwas rauher Oberfläche, doch bestehe selbst hier für den krassesten Anfänger durchaus kein Grund zu irgendwelchen Befürchtungen. Und auch der kleinste Wagen werde mit diesen Strassten ohne Beschwer fertig. « Die Steigungen sind sanft, die Kurven alles andere als furchterregend, aber der Blick, der sich von der Höhe aus eröffnet, lohnt die langen Aufstiege vom Tal her um ein Vielfaches.» Wirklich sehr anständig, wie schonend der Verfasser seine Leser auf die Staubplage vorbereitet, die sie gerade dort erwartet, wo sich ihnen unser Land von der schönsten Seite her darbietet: auf den Paßstrassen. Ob uns aber damit geholfen ist, wenn in dem vielgelesenen englischen Fachblatt die Ruckständigkeit unserer Alpenstrassen so diskret umschrieben wird? Vielleicht empfindet der eine und andere unserer fremden Autogäste die «rauhe Oberfläche» und deren unvermeidliche Begleiterscheinung, die dicken, wehenden Staubfahnen, doch nicht eben als erfreuliche Zugabe zum Genuss unserer Bergwelt, vielleicht macht er sich trotzdem sei- £s acht auch Sie an! Haben Sie sich — jawohl, es geht auch Sie an! — nicht schon mal ans Steuer gesetzt, nachdem Sie, bei Hitze und Durst, ein, zwei Glas Bier genehmigt, die Ihnen leicht in den Kopf stiegen? Sie waren nicht betrunken, gewiss. Sie hatten das Gefühl, noch vollständig Herr über Ihren Wagen zu sein. Nun, vermutlich traf das auch zu. Aber ein andermal ... Sie sind stärker ermüdet, Sie ertragen das Glas Wein, das Sie zu trinken pflegen, wenn Sie sich eine gute Mahlzeit leisten, nicht wie sonst. Gestehen Sie es sich selbst nur ruhig zu, machen Sie sich nichts vor — so etwas kann jedem passieren. Sagen Sie es getrost Ihren Mitfahrern. Kann ein anderer ohne Gefahr Ihren Platz am Lenkrad einnehmen, überlassen Sie es ihm. Geht das nicht, dann bitten Sie eben Ihre Begleiter, zu warten, bis die Sache vorüber ist. Ja, und warten Sie, solange nötig! Vielleicht strecken Sie sich sogar etwas aus, wenn Sie das Gefühl haben, es täte Ihnen gut. Und wenn man darob lacht oder spöttelt — machen Sie sich nichts daraus. Hören Sie auf Ihr Fahrergewissen, auf Ihr Pflichtbewusstsein... Für einen Augenblick falschen, mannhaften Getues, für eine Minute Renommiererei — denn etwas anderes ist es nicht — Ihr eigenes Leben, dasjenige anderer aufs Spiel setzen — nein, seien Sie sich selbst gegenüber ehrlich und unerbittlich streng! In dieser Nummer: Verkehrsfragen vor dem Berner Stadtrat. Dreifacher Mercedes-Benz-Sieg im Gr. Preis von Frankreich. Wieder ein schneilaufender Diesel-Zweitakter. Fahrvorschriften und Signale für die Bergpoststrassen. Die Glarner wehren sich. Aktuelle Bildberichte S. 6. Feuilleton: S. 2.