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E_1938_Zeitung_Nr.059

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BERN, Freitag, 22. Juli 1938 Nummer 20 Cts.' 34. Jahrgang — No 59 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE» Ausgab« A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.- Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Ein junger Mann, dem durch Schicksalsschläge vom Automobil nur noch das Klubabzeichen geblieben ist und das ihm sein Pech ertragen hilft, erzählte einmal leuchtenden Auges (denn wieder einmal ren-ommieren, das tat ihm wohl), er habe mit einer alten «Zitrone» vom Karfreitag früh bis Ostermontag abend die Rundfahrt von Zürich über Genua, Riviera und Marseille bis zurück nach Zürich «gemacht». Allerdings wusste er nicht mehr, wie die Orte hiessen, wo er geschlafen und gegessen hatte, noch vermochte er sich des Wetters zu erinnern ... Gewiss, man kann es auch so machen, aber ein Vergnügen ist das normalerweise gewiss nicht, so wenig die amerikanischen Spaghettiwettesser oder ein Münchner Rekord-Biertrinker noch einen Genuas empfinden. Schnell einen grossen Raum zu durchmessen, mag in gewissen Fällen nötig sein, z. B. wenn man sich ein weites Ziel gesteckt hat und bewusst darauf verzichtet, auf der Strecke die besondern Vorteile des Automobils auszunützen. In solchen Fällen nimmt man wohl besser die Bahn, besonders wenn man 6as Auto wie z. B. in Frankreich gratis als Gepäck aufgeben kann, sofern man in einem gewissen Betrag Billette kauft. Nein, wenn wir vom Genuss reden, so müssen wir uns stets darüber im klaren sein, dass Genuss und Hast und Uebermass einander ausschliessen. Denjenigen denen die Geschwindigkeit an sich Genuss bereitet, brauchen wir keinen andern Rat zu geben, als sich eine Rennbahn auszusuchen, wo sie ihr Treiben unter ihresgleichen ausüben können. In jeder guten Seite eines Dings stecken auch seine Gefahren. Das Automobil, verkürzt die Zeit, verdichtet den Tag, es bereichert das Leben; es potenziert den Menschen, dem die Natur eine Geschwindigkeit von 3 Stundenkilometern gegeben hat, auf das Zehnfache. Aber es kann auch oberflächlich machen. Der Mensch kann nicht ohne weiteres ein Zehnfaches an Eindrücken «verdauen», als ihm die Natur zugedacht hat. Daher ist die erste und wichtigste Mahnung, wenn man das Autofahren gemessen will: Nicht zuviel aufs Mal. Nicht nur vorwärts hasten, sondern auch rasten! Man zwinge sich zur Beschaulichkeit. Nur drauftreten, wenn die Landschaft wirklich öde ist. Dann aber nie vergessen, dass wir das Auto regieren wollen, Nebenstrassen erlebt und gesehen. Man leiste sich und nicht umgekehrt. Darum besinne man sich einmal alle jene Abstecher, die man beim Berufsfahren nie hat machen können. Man lasse einmal auf die Möglichkeiten, die uns das Auto ausser der reinen Beförderung bietet, und da wiederum auf allen sonst unterdrückten Sehnsüchten freien Lauf! die Möglichkeiten, die nur der Wagen bietet. Wenn man etwas besichtigt, soll man dies mit Da ist am Auto vielleicht das Allerschönste, dass angemessener Gründlichkeit tun. man nicht an Fahrpläne und Programme gebunden ist. Man kann herrlich improvisieren. Soll man Lieber wenig und dafür recht sehen, nun gänzlich ins Blaue fahren? Das wäre nicht als viel und flüchtig. Zwischen den einzelnen klug. In der Hochsaison muss man oft stundenlang Erlebnissen sollten «Verarbeitungspausen» Unterkunft suchen. Da bestellt man eben gelegentlich schon am Morgen bei der Abfahrt telephonisch platz, in einem Strandbad. Denn die Ueberfütterung eingeschaltet werden, z. B. auf einem Rast- voraus. Das bedingt wiederum, dass man Etappen ist der grösste Feind des Genusses, und zwar durch vorsieht, die man mit Bestimmtheit im Tage zurücklegen kann. Manchem mag es zwar Spass machen, gewissen Punkt an einfach weigert, weiter aufzu- die Uebermüdung des Kopfes, der sich von einem nie zu wissen, wo man abends schläft. Nur muss nehmen. Teilnahmslos zu reisen, das ist allerdings man dann mit den Kameraden ausmachen, dass Verschwendung von Zeit und Geld. Murren streng verboten ist. Aber sonst werden Der Mensch muss wieder sehen lernen. Es die meisten doch nach irgendeinem Plan fahren, ist uns zu leicht gemacht worden. Das Photographieren liefert ein gutes Hilfsmittel, aber auch das den man sich vorher etwas notiert hat, z. B. in einem Itineraire. Sehr vernünftig ist vor allem, wenn man ist schon fast zu bequem. Es wird mehr denn je sich vorher gut über eine ganze Region im allgemeinen dokumentiert, damit man nicht ahnungslos als früher; man sieht ihnen das Drauflosknipsen auf heknipst, aber die Motive sind nicht besser gewählt an allen Genüssen vorbeifährt, die nicht gerade den ersten Blick an. Dabei hat es der Autofahrer auf der Hauptstrasse einem auf die Nase stossen. leicht, ein Stativ mitzunehmen, das für gut ausge- Erscheint Jeden Dienstag und Freltaf Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Uft« w REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51, Telephon 39.743 S& wixd die leueatowi zum Qeauss F E U I L L E T O N Töchter, ein halbes Dutzend. Von Cecily Sidgwick. 4. Fortsetzung. Der alte Bädeker und andere, mehr aufs Auto zugeschnittene Handbücher tun gute Dienste. Wenn man sich so vorbereitet, nehme man sich nicht zu viel vor, damit man nicht nur reist, um im Handbuch alles als «gesehen und vorgefunden» abstreichen zu können. Ein häufiger Fehler besteht darin, sich zu grösse Tagesetappen vorzunehmen. Klubfahrten machen hierin meist leider keine Ausnahme. Gewiss kommt man mit kleinen Etappen in der verfügbaren Zeit oft nicht über seinen aus dem beruflichen Reisen bekannten Rayon hinaus. Dann muss man eben einmal die Nebenstrassen benützen. Alles Bemerkenswerte und Hübsche habe ich fast nur auf Tante Betty ist nie verheiratet gewesen; sie ist über siebzig, jedoch geistig und körperlich frisch, selbstzufrieden und hat ein sehr bestimmtes Auftreten. Sie liebt Nicholas und ist, fürchte ich, der Ansicht, dass er sich an mich weggeworfen hat. Sie lebt in sehr guten Verhältnissen, hat ein grosses Haus in Yorkshire, in das sie jedes Jahr einen von uns einlädt, und da sie es nicht mit sich in den Himmel nehmen kann, besteht die Möglichkeit, dass es eines Tages an Nicholas fällt. Aber sie hat sich nie darüber zu uns geäussert. Ihre jeweilige Einladung nach Yorkshire kleidete sie so ein, dass sie dächte, wir hätten «eine Stärkung» nötig; aber abgesehen von immer wiederkehrenden •Familienbesuchen fühlten wir uns kräftig genug. Unsere sechs Mädchen betrachtete sie als meine Schuld und das Unglück ihres Neffen; manchmal, im intimen Familiengeplauder, machte sie düstere Prophezeiungen über ihre Zukunft; sie sieht sie als alte Jungfern, die nichts zu tun haben und am Hungertuch nagen. Ich habe bereits gestanden, dass ich mir in schlaflosen Nächten selbst ähnliche Sorgen mache; aber wenn Tante Betty ihr Haupt über ihre Grossnichten schüttelt, werde ich sofort vergnügt und erzähle ihr, dass sie sehr bewundert würden und dass sie zu ihren Hochzeiten kommen müsse. « Aber es ist doch nicht einmal eine von ihnen bisher verlobt, und sie kommen in die Jahre », sagte sie. « Ich befürchte, dass du nicht so tüchtig bist, wie meine Nachbarin Frau Spoon. Die hat fünf Töchter und ist drei davon schon los. Allerdings hat sie sie vernünftig erzogen; sie haben keine Flausen im Kopf. Wenn Mädels zögern und zaudern, kommen sie überhaupt nicht zum Heiraten. » Mir ging durch den Kopf, ob Tante Betty in ihrer Jugend auch gezögert und gezaudert habe, aber ich unteriiess es, sie danach zu fragen, und während wir schweigend streng, wie es mir möglich war, «Sally, was tust du hier ? » « Wir bellen», schrie Sally mit vor Freude und Aufregung ganz schriller Stimme. «Weisst du, so wie die jungen Hündchen von nebenan; hör einmal, Mammi. » « Ruhe !» schrie ich. « Sally, geh sofort hinauf. Alberta und Melinda, was fällt euch ein, Fräulein Weber anzubellen ? » «Das haben wir nicht getan — wir haben eben gebellt», sagte Melinda. « Wir können sie nicht ausstehen ; sie macht immer drekkige Bemerkungen.» « Ganz egal, was sie macht. Ihr habt höflich gegen sie zu sein, solange sie hier ist. Sie ist ausser sich und will sofort nach Yorkshire zurückfahren.» «Lassen Sie sie nur», murmelte eine von ihnen. « Sie sagt, das Brot ist ihr nicht gut genug, die Butter ist ranzig, so schwerer Kuchen gehört ins Schweinefutter, sie hat ihn auf dem Teller liegen lassen. Und bei allem besitzen ihre Leute eine einzige Kuh. Es ist, um aus der Haut zu fahren. So eine Ziege ! » Ziege bedeutete für Melinda ein Schimpfblendete Aufnahmen so wichtig ist. Ganz vergessen haben aber die heutigen Menschen das Zeichnen. Das zwingt zum richtigen Vertiefen in das Gesehene. Es ist gar nicht nötig, dass Bilder herauskommen, die man andern vorführen kann. Der Weg ist auch hier wichtiger als das einrahmbare Ziel. Unvergessliche Erinnerungen und die Genugtuung schöpferischer Arbeit sind der Lohn für das bisschen Mühe. Versuchen Sie es einmal, Ihre Schulerinnerungen aus der Zeichenstunde zurückzurufen ! Das macht bestimmt Spass! Weil wir schon vom Nachgenuss sprechen, der einem aus den Bildern entgegenlacht: es lohnt sich im Taschenkalender schnell — und wenn es nur in Steno wäre — die Ereignisse des Tages in Stichworten zu fixieren. Unglaublich, was einem nach einigen Jahren, die so schnell dahin eilen, aus so einem Büchlein an Erinnerungen zu neuem Leben erwacht. Das Reinschreiben in Tagebücher ist nicht jedermanns Sache. Statt der Kalendernotizen kann man auch ein Ausgabenheft etwas genauer führen und es aufbewahren. Behebt für den Nachgenuss sind «Souvenirs». Dafür bemüht sich ja eine ganze Industrie, die allerdings so geschäftstüchtig ist, dass man am besten einen grossen Bogen um ihre Erzeugnisse herum macht. Man sucht daher wohl besser, wenn das Geld schon fort muss, typische Landeserzeugnisse, insbesondere der Volkskunst zu erwerben, soweit sie erhalten und nicht denaturiert ist. Im übrigen bin ich hier eher fürs Bremsen. Man hat bloss Scherereien an Europens zahllosen Zollgrenzen. Zahlreich sind die Geizhälse meist weiblichen Geschlechts, die für einen meist kleinen und oft nur vermeintlichen Kursgewinn tausend Sachen im Ausland einkaufen und sich hinterher ärgern, weil sie nicht in Müsse auslesen, die Qualität prüfen und eventuell umtauschen können. Man muss diesen Leuten gleich von Anfang einmal vorrechnen, was sie an teurer Reisezeit (so und so viele Franken Spesen im Tag...) mit Kaufen versäumen, dann sind die vermeintlichen Gewinne bald dahin. Diese unter uns Schweizern besonders grassierende Kramwut kann einem die ganze Ferienfreude versalzen. Zu den angenehmsten Erinnerungen gehören persönliche Bekanntschaften, die nun allerdings die Bahn eher vermittelt, als das Auto. Wenn man beim Tee sassen, kam die Weber bleich vor Wut und mit bebender Stimme ins Zimmer. Sie sagte, wenn sich Alberta und Melinda nicht bei ihr entschuldigen, müsse sie mit dem nächsten Zug nach Yorkshire zurückfahren, « wo die Leute sich wie Menschen und nicht wie Wilde aufführen ». « Was haben sie getan ? » fragte ich beklommen, denn wenn Alberta und Melinda anfingen, aufsässig zu werden, wie sollten wir Tante Bettys Besuch überstehen ? Sie war noch nicht vierundzwanzig Stunden im Hause, und schon war der Teufel los. « Sie haben mich angebellt», antwortete die Weber, « und Fräulein Sally hat mitgebeHt.» « Ich werde mit ihnen sprechen», sagte ich und ging direkt in die Küche, wo wirklich Alberta, Melinda und Sally solch einen Krawall machten, dass sie mich nicht einmal hörten, als ich die Tür öffnete. Als sie mich erblickten, wurden sie still und sahen mich so schuldbewusst an wie Toby, wenn ich ihn in der Speisekammer erwische. «Was geht hier vor ?» sagte ich so INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach SpezialtarU lmeratensebluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummer In dieser Nummer s Schläfrig nach dem Mittagessen im Sommer? Wann schätzen Sie Ihren Auto- Radio am meisten? Vor dem XI. Grossen Preis von Deutschland. Unsere Bremse, der Motor. Anfahren am Hang keine Kunst mehr. Ein bundesgerichtlicher Strassenverkehrs-Entscheid. Beilage: «Die Ferne ruft». also so klug war, sich einen oder zwei Plätze im Wagen freizuhalten, kann man sich durch eine kleine Fahrteinladung beliebt machen und erfährt von seinen Gästen tausend Dinge, die nirgends zu lesen oder ohne weiteres zu'sehen sind. Variatio delectat! Man unterbreche also gelegentlich das Autofahren durch eine andere Fortbewegungsart, z. B. indem man einmal auf den fast vergessenen Gebrauch seiner Beine zurückkommt. Das bekämpft die Autofaulheit, schärft die Sinne, vertieft das Erlebnis einer Landschaft. Auch eine Bergbahn- oder eine Dampfschiffahrt bereichern das Programm. Eine grosse Rolle für den Reisegenuss spielt natürlich die Ausrüstung. Doch ist dies mehr eine Frage des Gepäcks, das an anderer Stelle besprochen werden soll. Nur noch einige Winke: Gutes Kartenmaterial ist wichtig, worin man mit der Marke Hallwag am besten fährt, da alles auf alter Erfahrung aufgebaut ist. Die Karten sind in einem Mäppchen unter dem Sitz beisammen. Reiseführer versperren wenig Platz, enthalten alles, sind solid und lassen sich vom Nebenmann ohne Störung des Lenkers lesen. Eine kulinarische Landkarte eistet grosse Dienste, besonders wenn man noch persönliche Empfehlungen darin einträgt. Ein Strandbadverzeichnis kommt in die Kartenmappe. Die Koffern sollen eher klein sein, denn beim Einund Auslad muss man sich oft sehr verrenken, und man schon dabei auch die Polster und die Bekleidung. Man wähle sie eher leicht. Bei Kühle — und die Temperatur wechselt oft rasch bei Alpenfahrten mit grossen Höhendifferenzen — ist schneller etwas übergezogen, etwa ein Pullover oder ein Mantel, als bei Hitze Unterwäsche oder ein zu schwerer Anzug gewechselt. Eine Lunchtasche ist gut bei Rundgängen, damit man nicht alle Taschen und Hände mit Photokamera und Zubehör, sowie Karten, Führern und kleinen Einkäufen vollstopfen muss. Badehose und Handtuch liegen im Sommer offen zuoberst im Wagen, denn ein improvisiertes Bad ist herrlich. Picknickgeräte dürfen nicht zu kompliziert sein. Mit Klappstühlen und -tischen ist's kein Picknick mehr. Zum Reisen gehört m. E. nun einmal ein gewisses Mass Primitivität und Liebe zu dieser. Deshalb brechen wir hier ab, denn einmal gehen die Meinungen individuell doch sehr auseinander. Man kann nicht für jeden Fall einen Rat wissen. Andererseits gehört zum Reisen aber doch ein Schuss Abenteuer, gehört das Unerwartete, Schwierige, das wir überwinden und dessen wir froh werden. Dr. E. Pf ister.