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E_1938_Zeitung_Nr.089

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BERN, Freitag, 4. November 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 89 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREIS El Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich F)r. 10.— Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtllch abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich F>. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck 111,414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Löwenstrasse 51. Telephon 39.743 INSERTIONS- PREISs Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle «der deren Raum 45 Rp, Grossere Inserate nach Spezialtarü Inseratensehluss 4 Taae vor Erseheinen der Nummer Parallelgehend zur rapiden Steigerung der Intensität des Strassenverkehrs nahm auch die Zahl der Strassenverkehrsunfälle in erschrekkendem Masse zu. Die Entwicklung der Unfallkurve mahnt zum Aufsehen, mehr noch: sie erheischt gebieterisch die Bekämpfung der Unfallgefahren mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln! Und, um es vorwegzunehmen, nicht zuletzt der steigende Motorisierungsgrad und die hiedurch bedingte eThebliche Erhöhung der Verkehrsgeschwindigkeiten im Vergleich zu den übrigen Strassenbenützern, erfordern die möglichst rasche Vorkehrung einer Reihe von Sicherheitsmassnahmen. Nun handelt es sich bei dieser Bekämpfung der Verkehrsunfälle, das heisst bei der möglichsten Erhöhung der Verkehrssicherheit, etwa gar nicht um eine typisch schweizerische Angelegenheit, sondern um ein eigentliches Weltproblem. Unsere Sorgen sind in diesem Falle diejenigen aller zivilisierten Länder, das mag die nachstehende Tabelle beweisen: Tot« Tote 100 000 Einwohner 10 000 Autos Dänemark 4,1 12,5 U.S.A. 26,9 13,6 Schweden 6,2 26,0 Grossbritannien 12,7 30,6 Belgien 8,4 36,5 Deutschland 4,9 46,6 Schweiz 12,0 50,0 Italien 4,9 59,4 So wie der Schienenverkehr zu reibungslosem Funktionieren einer Unmenge von Sicherheitseinrichtungen bedarf, setzt auch der neuzeitliche Strassenverkehr, soll er nicht als menschenvernichtender Moloch qualifiziert werden müssen, die Durchführung einer Reihe von entsprechend vorbeugenden Massnahmen voraus. Dass dies unbedingt notwendig und wie vielfältig solche in ihren Auswirkungen sein müssen, zeigt eine einfache Ueberlegung: Während dem geflügelten Rad der Schiene eine Fahrbahn — abgeschrankt — zur ausschliesslich alleinigen Benützung zur Verfügung steht, von deren Queren im Moment der Gefahr die verschiedensten Warn- und Signaleinrichtungen abhalten oder das zeitweise überhaupt unmöglich gemacht wird, haben sich in die Benützung der Strasse Motorfahrzeug, Motorrad, Fahrrad, Fussgänger und schliesslich noch Fuhrwerk und Tier zu teilen. Auf Grund dieser Verhältnisse ergibt sich denn auch der Grundgedanke jeder planmässigen Ordnung des Strassenverkehrs ohne weiteres. Die grösstmögliche Sicherheit gewährleistet ein striktes Voneinanderfemhalten der einzelnen, so sehr verschiedenen Verkehrsteilnehmer. Deren jede Kategorie wird auf eine eigene und ausschliessliche Fahr- oder Gehbahn verwiesen und dadurch zu verhindern gesucht, dass beim Versagen einer Sicherheitsmassnahme oder bei Nichtbeachtung einer besondern Verkehrsregel unbedingt eine Kollision derselben stattfinde. Bei uns in der Schweiz wird sich diese grundsätzliche Forderung der Verkehrssicherheit aus leicht ersichtlichen Gründen allerdings nur in beschränktem Masse erfüllen lassen. Wo immer angängig, führt man die Massnahme durch, resp. man trifft die erforderlichen Vorkehrungen. Den Luxus der Erstellung reiner Autobahnen aber können wir uns nicht leisten; wir müssen der Lösung des Problems auf andere Weise näherzukommen trachten. Die hohe Unfallintensität der Strasse ist — gewiss.nicht ausschliesslich, aber doch wesentlich — als Folge einer unzulänglichen Organisation des Strassenverkehrs anzusprechen. Um einer Gefahrenquelle jedoch wirksam begegnen zu können, muss *£1000 1930 1931J vorerst deren Ursache, resp. ihr Entstehen erkannt und richtig gewertet werden. Die Erhebungen des Eidg. Statistischen Amtes über die Strassenverkehrsunfälle eignen sich hiezu vor-. züglich; wir kommen deshalb an anderer Stelle dieser Nummer auf dies aufschlussreiche Material noch ausführlicher zu sprechen. Auf eines aber sei an dieser Stelle schon hingewiesen: die tendenziöse Interpretation der Verkehrsunfallstatistiken, welche auf das Festnageln des Motorfahrzeuges als Sündenbock Die Sirassen-Verkehrsunfälle in der Schweiz für alles und jedes hinausläuft, entbehrt bei eingehender Betrachtung der Statistik jeder Grundlage! Auch der wieder und wieder angeführte Vergleich der Unfallzahlen von Eisenbahn- und Strassenverkehr hinkt bedenklich; einmal wiesen wir bereits darauf hin, welch grundlegender Unterschied zwischen der Fahrbahn eines Schienen- und eines Motorfahrzeuges besteht und zum andern sind nur gleiche Werte, das heisst Verkehrsleistungen in bezug auf einen Einheitssatz von beispielsweise 100 000 km zurückgelegten Weg, tatsächlich miteinander vergleichbar. An der da und dort bestehenden Meinung, es sei in jedem Falle der Automobilist für die erhöhten Unfallgefahren verantwortlich zu machen, können höchstens mehr als nur unsachliche Berichterstattung über Verkehrsunfälle und die von interessierter Seite betriebene diesbezügliche « Aufklärungsaktion » zu Gevatter gestanden haben. Der Stichhaltigkeit jedenfalls entbehrt diese Ueberzeugung,- eindrücklicher als durch die statistischen Erhebungen, welche in dieser Nummer graphisch ausgewertet wurden, kann dies gar nicht dokumentiert werden. Mehr Sicherheit im Strassenverkehr! lautet die Forderung des Tages. Auf: Mehr Verpntwortungsbewussfsein auf der Strasse 1 möchten wir sie abändern. Warum? Unser Strassennetz entspricht sowohl inner- wie ausserorts grösstenteils zwar den Anforderungen, welche der Fuhrwerkverkehr seinerzeit stellte, es vermag aber auf weite Strecken weder bezüglich Linienführung, noch Breite oder Oberflächenbeschaffenheit den Notwendigkeiten des neuzeitlichen Verkehrs wirklich zu genügen. Eine Eindämmung der Unfallgefahren der Strasse hängt in unsern Verhältnissen deshalb stark von diesbezüglichen bautechnischen Massnahmen ab. Dass und warum solche sich nur allmählich verwirklichen lassen, bedarf keiner langen Erörterung. Was jedoch ebenso unerlässlich und sofort durchführbar, sind den Verkehrsstrom fördernde und regelnde Vorkehrungen und Bestimmungen, zunehmende Erziehung aller am Strassenverkehr teilnehmenden Personen zum Verantwortungsbewusstsein auch auf der Strasse gegenüber der Allgemeinheit, dem Nächsten und schliesslich sich selbst. Wir appellieren deshalb heute mit dieser Nummer eindringlich an das Verantwortungsgefühl aller Automobilisten, der disziplinierten wie der undisziplinierten! Es braucht die ganze Gemeinschaft der Motorfahrzeugbesitzer und -lenker in diesem Kampfe um grossere Verkehrssicherheit! Wir wissen und die Praxis erhärtet es: Die Anzahl der undisziplinierten Automobilisten ist verhältnismässig gering. Dieser kleinen Minderheit — nach unsern Beobachtungen sind es nämlich knapp ein Fünfzehntel bis ein Zehntel der Gesamtheit — von Kurvenschneidern, Blendern, rücksichtslosen Vorfahrern, Träumern am Volant und benebelten Gesellen muss unerbittlicher Kampf angesagt werden. Sie, die da glauben die Herrschaft der Sfrasse gepachtet zu haben, die Verkehrszeichen und -Signale, Fahrverbote und Einbahntafeln missachten, die unkameradschaftlich und verantwortungslos dem Verkehr ihr Diktat aufzwingen möchten, sie sind eine der Ursachen erhöhter Unfallgefahr. Zöge der durch ihr Verhalten früher oder später unweigerlich ausgelöste Unfall nur sie in Mitleidenschaft, dann könnte man sie ja schliesslich mit verschränkten Armen ins Unglück fahren lassen. Doch ihr Verhalten gefährdet nicht nur sie selbst; es bringt auch all die andern Strassenbenützer in Gefahr, und zwar in grosse Gefahr, t Rassige Fahrer > nennen sie sich selbst mit Vorliebe — < Spieler » möchten wir sie heissen, denn was sie treiben, ist verantwortungsloses Spiel mit dem Leben anderer. Diesen Leuten gelte die Kampfansage aller korrekten Fahrer, in diesem Sinne verdient auch die schärfere Gerichtspraxis unsere volle Unterstützung. Da hilft nur befristeter oder gänzlicher Entzug der Fahrbewilligung! Wir appellieren an die disziplinierten Automobilisten, wir appellieren an die Verbände! Wache Zusammenarbeit und vor allem intensiveres Einschreiten der letzteren gegen Fehlbare wird in kurzer Zeit schon zur weitem Steigerung der Verkehrsdisziplin in unsern Reihen, zur Ausmerzung mancher Gefahrenquelle führen. Wir appellieren aber auch an alle andern Strassenbenützer! Wie diese kleine Minderheit schlechter Automobilisten gibt es Verkehrssünder auch in ihren Kreisen. Man betrachte nur die Analyse der statistischen Erhebungen (Seite 2)! Was für die Automobilisten gilt, gilt für sie alle: Die Verhütung von Verkehrsunfällen ist nicht zuletzt eine pädagogische, eine Frage des Charakters. Fussgänger, Velo-, Motorrad- und Autofahrer, Fuhrleute und Handkarrenschieber, gross und klein, jung und alt sind an der Steigerung der Verkehrssicherheit weitgehend mitinteressiert. An sie alle ergeht deshalb unsere Bitte: Zeigt mehr Verantwortungsbewusstsein auf der Strasse! Denn bei allseitig gutem Willen ist es möglich, zahlreiche Unfallgefahren von heute auf morgen auszumerzen. Es braucht ja so wenig: Ein leichtes Drosseln des Motors, ein frühzeitiger und vielleicht auch einmal nicht unbedingt notwendiger Druck auf die Fussbremse, die mühelose Betätigung des Lichtschalters oder des Richtungszeigers genügen unter Umständen zur Verhütung eines schweren Unfalles. Hält der Fussgänger die Augen offen und die Sinne wach, dann trägt er wesentlich zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei. Der Radfahrer meide Akrobatikkünste und meide den Windschatten der Motorfahrzeuge — zwei weitere Unfallursachen sind ausgeschaltet. Der Fuhrmann bedenke das langsame Tempo seines Gefährtes und vor allem die nachts ihm und den andern erwachsenden Gefahren durch dessen Nichtbeleuchfung. Wir appellieren an das Verantwortungsgefühl aller und geben allen zu bedenken, dass ihr Verhalten im Strassenverkehr sich zu Studien hinsichtlich ihres Charakters so gut eignet, als beispielsweise ihre Schrift! -Wa-