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E_1938_Zeitung_Nr.091

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BERN, Freitag, 11. November 1938 Nummer 20 Cts. 34. Jahrgang — No 91 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Anifab* A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.— Ausland mit Portozuushlag, wenn nicht postamtlieh abonniert Ausgabe B (mit gew. Unlallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50 Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.50 Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto-Magazin". Monatlich 1 mal „Grtbe Uste" REDAKTION n. ADMINISTRATION: BreitenraJnstr. 97, Bern Telephon 28.222 - Postcheck III414 - Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürichs Löwenstrasse 51. Telephon 39.743 INSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grossere Inserate nach SpezialtarU Inseratensctalnss 4 Tage vor Erscheinen der Nummer Eine bedenkliche Statistik Wer aus wirklicher Sorge um die Verkehrssicherheit auf der Strasse nach Vertiefung der Erkenntnisse über die Ursachen der Verkehrsunfälle strebt und in der Unfallstatistik eines der eindringlichsten Mittel solcher Ursachenforschung sieht, greift erwartungsvoll zu jeder neuen Arbeit über dieses Gebiet, das trotz des schon Geleisteten heute erst in seinen ersten Anfängen steht und noch aller Förderung bedarf. So nimmt er auch mit zuversichtlicher Spannung die Arbeit «Zwölf Jahre Berner Verkehrsunfallstatistik» in die Hand, die soeben als Heft 23 der Beiträge zur Statistik der Stadt Bern erschienen ist. Aber seine Hoffnungen werden sehr bald aufs grausamste enttäuscht. Diese Veröffentlichung des Sachdisziplinen, denen sie — rein grundsätzlich — bloss das Zahlenmaterial zu beschaffen hat, um es dann deren fachlicher Auswertung zu überlassen. Drittens endlich wurde diese «Untersuchung» schon mit einer Voreingenommenheit an die Hand genommen, die ihren Verfasser überhaupt ausserstande setzt, ihre Ergebnisse auch nur einigermassen unbefangen auszudeuten. So ist denn alles in allem eine Publikation entstanden, die man im Interesse der Sache selbst auf das bestimmteste ablehnen muss. Schon bei der Ausdeutung der Zahl der von seiner Erhebung erfassten Unfälle kommt die Voreingenommenheit des Verfassers aufs deutlichste zum Vorschein. Diese Unfälle haben sich in den zwölf Jahren 1926—1937 wie folgt entwickelt : 1926 505 1930 666 1934 925 1927 577 1931 561 1935 820 1928 739 1932 575 1936 736 1929 635 1933 894 1937 782 Vorstehers des Statistischen Amtes der Stadt Bern, Dr. Freudiger, verrät eine erschreckende methodische und technische Unzulänglichkeit und ist daher schon in ihren rein zahlenmässigen Ergebnissen weitgehend wertlos. Ueberdies aber ist sie ein Musterbeispiel kritik-, genauer: selbstkritikloser Kompetenzüberschreitung der Statistik als einer blossen Hilfswissenschaft derjenigen Angesichts dieser Zahlenreihe nun spricht Dr. Freudiger von einem erschreckenden und zum Aufsehen mahnenden Ansteigen der Unfallzahlen von 505 im Jahre 1926 auf 925 im Jahre 1934 bzw. 782 anno 1937. Die Tendenz, diese Vermehrung der Verkehrsunfälle möglichst krass darzustellen ist ganz unverkennbar, sonst würde der Vorsteher des Statistischen Amtes der Stadt Bern nicht aus den ersten Jahien der Untersuchungsperiode jenes mit der kleinsten, aus dem zweiten Abschnitt aber zwei Jahre mit besonders hohen Unfallziffern auswählen, um sie einander gegenüberzustellen. Vergessen ist bereits sein (Dr. Freudigers) eigener Hinweis darauf, dass in den ersten Jahren dieser Periode ein Meldezwang für Verkehrsunfälle nicht bestand und ein solcher auf kantonaler Grundlage erst 1931, auf eidgenössischem Boden erst 1933 eingeführt wurde, so dass schon aus diesem rein statistischen Grunde der immer vollständigeren Erfassung der Unfälle ein scheinbares Ansteigen der Unfallziffern zu erwarten ist, deren Anwachsen also durchaus nicht nur eine wirkliche Verschlechterung der Sicherheitsverhältnisse auf der Strasse widerspiegelt. Statistisch korrekt wäre dem sehr anfechtbaren Vorgehen Dr. Freudigers gegenüber einzig und allein ein Vergleich nach sogenannten gleitenden Durchschnitten. An deren Stelle haben wir einfachheitshalber die Untersuchungsperiode in drei vierjährige Ab- In dieser Nummer s Der Nationalrat behandelt Probleme der Landesverteidigung. Die Kistenpaßstrasse im Vordergrund. Rennen in England — Rennen auf dem Kontinent. Konstruktionstendenzen in U. S.A. Beilage: schnitte eingeteilt, für die sich folgende Jahresdurchschnitte an Unfällen ergeben : 1926/29: 614 1930/33: 674 1934/37: 816 Nach diesem Vergleich haben die Unfallzahlen von der ersten zur dritten Periode um 32,8 %, also um ziemlich genau ein Drittel, zugenommen. Zieht man nun jene Lückenhaftigkeit der Erhebung für die ersten Jahre in Betracht, so darf man dieses Steigen um einen Drittel füglich auch für die volle Zeitspanne 1926/37 anwenden, während sie sich Bilder zur New*Yorker Autoschau (Dazu unser Bericht Seife 5.) Der neue Hudson 112, ein sechsplätziger Innenlenker, mit einem Radstand von 2850 mm. Sein Sechszylindermotor leistet 86 PS. Oldemobile 1939, Typ 60, als viertüriger Innenlenker. F E U I L L E T O N Töchter, ein halbes Dutzend. Von Cecily Sidgwick. 30. Fortsetzung. Für selbstverständlich hielt ich es, dass s.e zum Bahnhof kommen würde, um uns zu begrüssen; aber sie war nicht da, und so fuhr ich mit dem Korb in einer Taxe nach Ghelsea, während Martha und Lukas sich in ihr Hotel begaben. Eine nett aussehende Frau öffnete die Haustür; sie sagte mir, dass Hester in der dritten, Etage wohne. Aus ihrem Ton konnte ich heraushören, sie sei von Hester nicht entzückt, und meinen schweren Korb betrachtete sie, als ob er Schmugglerware enthielte. Der Chauffeur trug ihn mir hinauf, und ich klopfte an die Tür. Hester öffnete selbst und war offensichtlich mehr bestürzt als erfreut, als sie mich erblickte. Das nicht sehr grosse Zimmer schien mir voll von Rauch und Menschen; als ich aber eintrat, sah ich, dass nicht mehr als sechs Personen anwesend waren*. Die Cockles und die Weekes waren da, noch ein Mädchen, das ich nicht kannte, und zwei junge Männer. Einer von den jungen Leuten war Orientale, aber europäisch gekleidet. Er trug eine goldgeränderte Brille, war klein und dick, hatte wulstige Lippen und eine fettige Haut. Hester machte mich nicht mit ihren Freunden bekannt, sondern stand unentschlossen da, unsicher auf den Korb und mich blickend, als ob sie nicht wüsste, was sie mit uns beiden anfangen solle. Die Cockles und die Weekes,. die auf dem Boden gesessen hatten, erhoben sich schwerfällig und richteten das Wort an mich. Einer der Herren erhob sich überhaupt nicht. Er blieb sitzen wie ein Bauer; dem jedoch fehlt die Absicht, unhöflich zu sein, er versteht es nur nicht besser. Dieser Herr aber sah wie ein gebildeter Mensch aus. Es war ein grosser, schlenkriger Mann mit auffallend düsterer Miene und einem verschrobenen Augenausdruck. Er hatte sorgfältig gepflegte Hände; eine davon manikürte er gerade bei meinem Eintritt, während er gleichzeitig einen Vortrag hielt über die Kunst, eine Revolution tadellos zu inszenieren. Eine Weile starrten wir einander wortlos an. Noch nie im Leben kam ich mir irgendwo so überflüssig vor, und es tat mir leid, Hester durch mein Erscheinen und meinen Korb vor ihren seltsamen Freunden in Verlegenheit gebracht zu haben. Selbstverständlich war ich für diese eine Kuriosität, denn beides, meine Erscheinung und meine Anschauungen, standen in grösstem Gegensatz zu den ihren. Ich blieb nicht lange und verabredete mich mit Hester für den nächsten Tag. Hester begleitete mich die Treppe hinunter. « Der Mann mit dem roten Halstuch ist Tscherikow», flüsterte sie, als wir einen Augenblick stehen blieben. «Ich habe es mir gedacht», entgegnete ich. « Lenin ist sein Gott. » « So sieht er aus. > « Liebe Mutter, du bis so rückständig. » « Da ist eine Taxe », rief ich und winkte. Im Wagen dankte ich meinem Schöpfer, dass ich wieder zu normalen Menschen zurückkehren konnte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Ich hatte mit Hester verabredet, am nächsten Tag zusammen mit Martha im Restaurant Harrod zu lunchen. Lukas hatte geschäftlich in der City zu tun; aber er empfahl uns, Hester auch zum Dinner und nachher in ein Theater einzuladen, entweder noch am selben Abend oder an einem folgenden, und gab Martha den Auftrag, die Billets zu kaufen. Martha und ich machten zuerst einige Besorgungen und gingen dann rechtzeitig ins Restaurant. Wir hatten aber bereits die halbe Mahlzeit eingenommen, als Hester, tief in Gedanken versunken, eintrat. Sie war sich ihrer Unpünktlichkeit entweder nicht bewusst oder gleichgültig dagegen. Sie trug eine grosse Segeltuchtasche unter dem Arm und hatte Farbflecken an ihren Kleidern, die sie sehr gut hätte gereinigt haben können, bevor sie sich mit uns zu Tisch setzte. Ich war zu sehr in Sorge um dieses Kind, um gleich mit Vorwürfen anzufangen. Ich wusste, was mit ihr los war. Sie liebte den « Roten Hering ». Ich wusste nur nicht, wie ernst diese Sache war, oder was man dagegen tun konnte. « Oh, Ihr habt schon angefangen ? » sagte sie und warf sich auf einen Stuhl, als ob sie sehr müde wäre. «Ich habe gesagt um ein Uhr», erinnerte ich sie. « Was willst du nehmen ? » Die Kellnerin kam auf sie zu und überreichte ihr eine Menükarte. «Diese unverschämten Preise», sagte Hester. « Und dabei ist dieses Lokal zum Ersticken voll.» Sie legte die Menükarte fort, als ob sie sich die Finger daran versengte.