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E_1939_Zeitung_Nr.019

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE SAMSTAG, 4. MÄRZ 1939 — N° 19 Verbindung mit hydraulischen Stossdämpfern, kreuzversteifter öhassisrahmen. Von den beliebten kleinern Modellen figurieren am Fiat-Stand der Topolino (3/13 PS), der 508/C von 1,1 Liter (6/32 PS) auf dem kurzen sowohl als auf dem langen Radstand (wir beschrieben diesen bemerkenswerten wirtschaftlichen 6-Plätzer in Nr. 55 vom letzten Jahr ausführlich), sowie der bisher grösste Wagen der Fiat-Typenreihe, das •6-Zylinder- Modell « 1500 » von 8/43 PS. Alle diese Typen wurden mit zahlreichen Detailverbesserungen, insbesondere an der Karosserie, ausgestattet. Neben Personenwagenkarosserien sind die Fiat-Modelle von 500 und 1100 ccm auch mit Lieferwagen oder Kleinlastwagenäufbauten erhältlich und stellen inydieser Form Nutzfahrzeuge von ungewöhnlicher Wirtschaftlichkeit dar. Die Tragkraft des erstem beträgt einschliesslich des Führers 300 kg, die des zweiten netto 575 kg. Als. grossen Vorteil wird der Besitzer, eines Fiat-Wagens das gut ausgebaute schweizerische und ausländische Vertreternetz zu schätzen wissen. Hanomag, (Stand 33) , Hanoniag kommt dieses Jahr mit" einer hochinteressanten Neukonstruktion zum. Salon, dem neuen l,3-LiterT und « Rekord» ersetzt. Seine windschnittige und selbsttragende Karosserie mit der gewölbten Motorhaube, den nur wenig aus der Seitenwand hervorspringenden Kotschützern, den eingebauten Scheinwerfern sowie dem Stromliflienheok, verraten schon äüssei-lich. den fortschrittlichen Geist, der seiner Konstruktion zugrunde liegt. Sein:" *4-Zylinder-Motor, der bei 3600 U/Min: 32 PS hergibt, arbeitet über ein 4-Ganggetriebe auf die starre Hinterachse. Die Vorderräder sind durch' eine Schwingmetair genannte Vefdrehüngsgummifederung; eine Art faustdicker, 20 om langer SilentbloCk einzeln abgefedert. (Radführüng durch Parällelögrammhebel, Betätigung der hydraulischen Stossdämpfer durch eitlen weiteren darüber angebrachten Hebel Die Lenkung ist* nach dem. System Ross gebaut.) Als zweites Modell steht- der bereits bekannte 1,9-Liter-DieseIWägert im Bauprogramm, ' dessen hervorstechendstes Merkmal seine Betriebssparsamkeit ist, kömmt er doch bei eitler iMotörleistuüg von ca. 35 PS Ansteht der Gummiabfederung (Sctiwihgmetall) der Vorderräder am neuen Hanomag-1,3-Liter-Wagen. mit nur 7-Liter des billigen Dieselöls pro 100 km aus. Dass er einen ernst zu nehmenden Konkurrenten in der Klasse der gebrauchswirtschaftlichen Wagen darstellt, hat er bei den neuIichen-Rekordfahrten-bewiesen, wobei ein mit dem« Personenwagendieselmotor von Hanomag ausgerüstetes >- Stromlinienfahrzeug über die 5 km mit fliegendem Start rund 156 km/St, herausfuhr. • Der Motor ist ein Vorkammerdiesel mit einem Kompressionsverhältnis von 1 : 20, natürlich hängenden Ventilen, sodann eingesetzten Lauftoüchsen y 5fach gelagerter Kurbelwelle* Bosch-Einspritzpumpe mit. pneumatischem* Regler ümk Einspritzdüse gleicher Marke,SpaltöIfilter zur fortlaufenden Schmierölreinigung sowie Thenmostatregulierung der Kühlwassertemperatur. -Er: arbeitet über ein Vierganggetriebe -mit -zwei • synchronisierten Gängen auf die starae-Hinterachse. Das vorn mit-Schwingachsfederung versehene Fahrgestell, verfügt luxuriöserweise über eine 4- Druok-Zentralschmterung; • Daneben baut schliesslich Hanomag weiterhin den bewährten Typ «Sturm» von-11/55 PS. Chevrolet. (Stand 10) Der beliebte Gebrauchswagen von General Motors wird in drei, verschiedenen Stärkeklassen von £3/60, '15/65 unft,,|S/85 PS in den Handel gebrächt; IDef'-erste hört auf den Namen « Master », diet ändern beiden werden « Special Grand. Luxe»^cehanht.'Zahlreiche Verbesserungen sorgen;dafür, dass die neuen Modelle ihren Besitzern sogar noch bessere Dienste leisbn:,\vefderi'' 7 ais > '',.ihre Vorgänger. So verfügen die Special-Gran'd-Luxe-Typen allgemein über einen neuartigen, unter dem Schweiz-USA im Kaleidoskop «Ein Türschloss rechts, ein Türschloss links, der Zephyr in der Mitte.» (Frei nach Goethe von Lincoln.) Fünf Räder am Wagen? Ganz entschieden neinl — Fünf Zylinder in einem Motor? Darüber lässt sich diskutieren, ja das gibt es schon. — Fünf Gangstufen im Getriebe? Jawohl, sogar recht oft. Zu sehen bei Berna sowie Saurer und, wenn man die zwei zusätzlichen mit dem Schongang erzielbaren Stufen hinzuzählen will, auch bei Chrysler, De Soto, Dodge, Plymouth, Packard und Studebaker. — Fünf Stossdämpfer? Gewiss, bei Packard. Der fünfte zur Dämpfung der seitlichen Schwingungen. — Die »5» eine neue, fheilige» Zahl im Autobau? Siebzehn Schichten von geräuschlsoKerendem Material zur Schalldämpfung bei Packard. Kommt also auch die 17 noch zu Ehren, die berühmte alte Siebenzehn, an die sich jeder Schweizer Ingenieur schmunzelnd erinnert... Neuer Schongang aus USA macht jetzt Furore. Bei Vollgas-Stellung schliesst sich am Gaspedal ein Schalter. Zwei, drei Zündungen setzt der Motor absichtlich aus worauf der cDirekte> statt dem Spargang von selbst zum Eingriff kommt. Trittbretter gehen ins Nirwana ein, selbst bei den grössten Wagen. Beispiele sind Graham und andere mehr. • >.:. , «Setz dich zu mir aufs luftschaumpolster.,.> Vorschlag zu einem neuen Schlagertext. Avis au* jeunes dames: Ernsthaft gemeint nur von HudsÖn- Besitzern. — Die Neuheit besteht aus einem normalen Polster + einem Luftschaumgummi-Beläg 4 cm dick. — Latex (Gummimilch) geschlagen wie Lenkrad angeordneten Schalthebel. Zudem wird die bereits so bequeme Bedienung des Synchrongetriebes dieser Modelle durch eine Vakuum-Schalthilfe noch weiter erleichtert; Volle 80 % der Schaltarbeit werden hiebei vom Motor aufgebracht. Um den Boden ganz freizumachen, hat man natürlich auch den Handbremsehebel aus seiner ehemaligen Stel*' lung an einen neuen Platz unter dem Instrumentenbrett verlegt. Zur Abfederung der Vorderräder kommt bei, den Special-Grand-Luxe-Modellen jetzt die auch separat am Stand gezeigte Wischü bone-Einzelfederung zum Einbau, die sich: bei Buick, La Salle und andern repräsentativen General-Motors-Marken so ausgezeichnet be-i währte. Zur weiteren Verbesserung der Stras-, senlage ist zwischen die Abfederung der Vorderräder ein Kurvenstabilisatör eingebaut» Zur Dämpfung der Radausschläge; «dienen doppeltwirkende hydraulische Stossdämpfeib Als verwindungssteifen Unterbau verfügt jeder « Chevrolet» über einen Kastenrahmen, mit vollständig geschlossenen, hohlen Längs-* trägem. Von den Qualitäten der Chevrolet-Wagen zeugen am Stand dieser Firma je ein gediegenes, rotes 18-PS-Sport-Coupe mit 2—4 Sitzplätzen, eine Grand-Luxe-Limousine von 18 PS sowie zwei weitere Limousinen von 13 PS.1 Dodge. (Stand 14) Dodge hat sich iti den 25 Jahren seines Bestehens als Hersteller von Wagen der Luxusklasse einen ausgezeichneten Namen geschaffen, und trotzdem hat wohl all diese Jahre kein Modell gleichzeitig über eine derartige Fülle wichtiger Neuerungen verfügt wie das diesjährige. Das Chassis stellt eine fast vollständige Neukonstruktion «vom Scheitel bis zur Sohle» dar. Seine Hauptverbesserungen umfassen: einen bedeutend steiferen Rahmen, Einzelabfederung der Vorderräder, einen unter dem Lenkrad angebrachten Schalthebel, bei allen De-Luxe-Modellen sowie beim Dodge-Six-7-Plätzer und -Cabriolet, ein neuartiges, automatisches «Doppelkraft»-Schnellganggetriebe, eine neue Lenkung, einen grösseren Brennstofftank, um nur einige Neuerungen zu nennen. Dazu natürlich vollkommen neue und abermals geräumigere Karosserien mit neuartiger Innenausstattung. Die Windschutzscheibe ist jetzt V-förmig gestaltet, und das Heck zeigt Stromlinienform. Die Vorteile der Einzelabfederung und der neuen Schalthebellage sind allzusehr bekannt, als dass wir uns hier eingehender damit befassen müssten. Dagegen dürften ein paar Worte über das «Doppelkraft»-Schonganggetriebe am Platze sein. Es arbeitet vollautomatisch. Sobald Sie bei Fahrtempi über 40 km/St, kurz Gas wegnehmen, kommt der wirtschaftliche Schongang zum Eingriff. Treten Sie jedoch zum Beschleunigen oder Nehmen einer Steigung das Beschleunigerpedal umgekehrt ganz durch, so wird von selbst wieder der dritte Gang eingeschaltet Eine außerordentlich reichhaltige Auswahl von Wagenmodellen aller Art — darunter auch zwei geschmackvolle Cabriolets mit Schweizer Karosserien von Graber auf Dodge-GrandrLuxe-Fahrgestell ->- geben einen Ueberblick über das Fabrikationsprogramtn von Dodge. Neben den erwähnten Cabriölefcs werden eine 4-5-plätzige Grand-Luxe*Liniou^ sine, eine ebensolche De-Luxe-Limöusine, weiter ein Siebenplätzer auf Grand-Luxe- Schlagsahne, bis sie zu 15 Teilen aus Luftbläschen und nur zu einem noch aus Gummi besteht, dann geronnen — das ist Luftschaumgummi. Ganz ungewöhnliche Verbesserung der Sicht bei Buick. Windschutzscheibe besteht aus 26%, Fenster der Vordertüre aus 11%, hinteres Seitenfenster aus 52% und Rückfenster aus 21% mehr Glas als letztes Jahr. Dazu dünnere Säulen, die allgemein bei General-Motors jetzt zu Ehren kommen. Ueberhaupt hat der Konzern In Sachen Sicht noch etwas ganz «Bäumiges» in petto: Blendfreie Beleuchtung für Nachtfahrt durch polarisiertes Licht. Es soll mit Hochdruck jetzt daran gepröbelt werden. Der amerikanische Wagen 1939: Ganzstahlkarosserie mit grösseren Fenstern aus Sicherheitsglas; bessere Sicht; abermals geräumiger und befreit vom störenden «Gestrüpp» der Bedienungshebel; Schalthebel an der Lenksäule, Bremshebel unter dem Instrumentenbrett; ausgezeichnete Schallisolation; Verbesserung der Windschlüpfigkeit durch Einbau von Scheinwerfern, Radschutzdeckeln, Stromlinienheck. Motor von 3,5—5 Liter JHubraum und 27—30 PS. Leistung pro titer Hubraum. Dreiganggetriebe mit zwei, seltener drei synchronisierten Gängen; auf Wunsch Schongang. Starre Hypoid-H i n t e r- achse mit Abfederung durch Halbelliptik-, weniger häufig Schrauben-Federn; Abfederung vorn mehrheitlich einzeln mittels quer zur* Fahrrichtung liegenden Schwinghebeln, die sich auf eine Schraubenfeder stützen; doppelt wirkende Oelstossdämpfer, Kurvenstabilisator. Lenkung sehr stark übersetzt. Meist hydraulische Bremsen. Kreuzversteifter Rahmen oder selbsttragende Karosserie. -b- Chassis und ein 2-plätziges De-Luxe-Cabriolet gezeigt Lincoln. (Stand 21) Die dein Ford-Konzern angehörende Marke Lincoln beschränkte sich lange Zeit ausschliesslich auf den Bau von Wagen der allerhöchsten Preisklasse,, die wir am Stand in Form zweier fabelhafter, schwarzer «Staatskarossen» von 5 und 7 Sitzplätzen sowie eines 4plätzigen Cabriolets — alle in der Schweiz karossiert — antreffen. Ihr V-12-Motor verfügt über nahezu 7 Liter Hubraum und eine Leistung von nicht weniger als 150 PS. Das Dreiganggetriebe besitzt als Besonderheit eine Synchronisiervorrichtung für die zwei obersten Gänge, die ein Zusammentreffen der Schaltklauen erst dann ermöglicht, wenn die Synchronisierung der Räder vollzogen ist Irgendwelche Qeräusche beirrir Schalten $ind dadurch vollkommen ausge-J schlössen. v r Mit der Schaffung des Modells Zephyr, der als einziges Fahrzeug seiner Preislage über einen V-12-Motor (21/100 PS) verfügt, führte sich die Firma Lincoln sehr erfolgreich in den Die raumsparende Schalthebel beim Lincoln - Zephyr. Großserienbau ein. Seit nunmehr drei Jahren konnte der Zephyr iti seinem- neuen" Kleide praktisch unverändert weitergebaut werden, was im modernen amerikanischen Automobilbau eine Seltenheit darstellt und auf die in die Zukunft weisende Gestaltung "der Karosserie zurückzuführen sein dürfte, die. heute tonangebend geworden ist. Es. gibt wenig grosse Wagen mit einer derart strömungsgünstigen Linienführung des Hecks. Gegenwärtig zirkulieren schon mehr als 60 000 Fahrzeuge dieses Typs auf allen Strassen der Welt. Der Zephyr wird mit 6 verschiedenen Karosserien geliefert. Am yefbfeitetsten isTt der viertürige Innenlenker. Daneben werden; eine zweitürige Limousine, eine : Stadtlintpusine mit Trennscheibe zwischen Vorder- undjHinterbank, ein Coupe\ sowie je ein 2- und 4- türiges, 6plätziges Cabriolet; gebaut ."'* Die Karosserien der . Jnnenlenker ^sind selbsttragend, d. h. der Stahlpanzer ihres Aufbaus dient an Stelle eines Chassisfahitnens als Tragwerk. Für..die sorgfältige Durchbildung bis .in alle Efnzdheiten mögen -folgende Details, zeugen-. Sobald

BERN, Samstag, 4. Mira 1939 Automobil-Revue - III. Blatt, Nr. ^Jckneefrükäng Es gibt kaum etwas Reizvolleres, als mit dem aufsteigenden Frühling in die Regionen des bleibenden Schnees zu gelangen, wo noch im April und Mai herrliche Skigelegenheit weitab von jedem Lärm und Trubel nur in engster Gemeinschaft mit der herrlichen Natur unseres Hochgebirges besteht, wo man auf harter Unterlage oder im Sulzschnee seine Spuren ziehen kann. Ich kenne wenige Erlebnisse, die ^wie das Frühlingserlebnis in den Bergen an Mannigfaltigkeit der Erscheinungen und an Grosse des Geschauten heranreicht. Niemals im ganzen Jahr ist die Luft so durchsichtig, die Sonne so strahlend warm, niemals sonst erleben wir im Aufstieg das Erwachen der Natur der Pflanzen- und Tierwelt im selben Masse. Während wir noch über alte Schneefelder aufsteigen, gewahren wir plötzlich am ausgeaperten Südhang Tausende von Pelzanemonen, oder eine mit weissen und blauen Krokusblüten übersäte Wiese, ein paar gelbe Felsenaurikeln hoch auf den eben erst schneefreien Kalkrippen, während die blauen Soldanellen ihre Köpfe gar durch den Schnee hindurch zur Sonne strecken. Den Sieg des Lebens gegen den Tod kann man wohl kaum eindringlicher erleben als gerade im Bergfrühling. In hohen Lagen kann man dies noch bis in den Sommer hinein in gleicher Weise geniessen, und ich kann mich aus meiner Aroserzeit noch lebhaft an die Feierstunden erinnern, wenn wir noch im Juli aufs Rothorn stiegen, um dort den Blumengarten zu sehen, den Wärme und Licht in wenigen Tagen aus dem Schutt der Gipfelpyramide gezaubert hat. Dort standen zu Hunderten die rosa und weissen Polster des Gletschermannsschilds neben leuchtend, blauen Rasen von bayrischen Enzian, der nirgends so farbenprächtig erscheint, wie gerade auf solchen Höhen, während auch die anscheinend völlig leblosen Schutthänge bereits die ersten Blüten der später massenhaft vorhandenen Gruppen des "Gletscherhahnenfusses trugen. Und wenn man ' Glück hatte, so fand man wohl auch die zartblaue, seltene Mantcenis-Glockenblume, wie sie zwischen Schieferplatten sich mühsam eine Existenz schuf. Immer in der Gefahr vom nächsten Rutsch verschüttet zu werden und doch immer bereit, die Arbeit, die für sie das Leben bedeutet, wieder und wieder aufzunehmen. Ich möchte jedem dieses Erlebnis von Herzen gönnen, doch ist es vielleicht gut, wenn im Frühling der Fremdenstrom in den Alpen verebbt und damit die Gefahr schwindet, dass die letzten Reste unserer Hochgebirgsflora im Hochgebirge von Prof. Dr. W. Knoll dem sinnlosen Abreissen durch den Menschen fallen. Es gibt kein Tier auf der Welt, das mit/ Natur so sinnlos umgeht wie gerade die tfrone der Schöpfung, der Mensch. Viele unserer / sten Alpenpflanzen sind längst auf klei/i kleinste Verbreitungsgebiete zurückgedrän haben wohl im Nationalpark ein vorbildP Werk zur Erhaltung unserer lebendigen Bergwelt, aber es sind noch viele Gebiete, die eines allge- , meinen Schutzes bedürften. Ich denke da besonders an das Wallis, das Engadin und Arosa. So wie wir Tierasyle und Freiberge haben, sollten wir auch Freiberge für die heimatliche Bergflora bekommen, sonst werden unsere Engel sie nur noch vom Hörensagen kennen und einen Teil dessen, das sie an ihre engere und weitere Heimat knüpft und sie mit ihr aufs engste innerlich verbindet, könnten sie nicht mehr erleben. Das aber wäre eine Verarmung, die schwerer wiegt als manche materielle Not, weil sie an die Wurzeln unseres Schweizertums greift, das letzten Endes in der Heimat verankert und ohne sie wertlos ist. Man hat dem Bergfrühling aus Analogie zum Frühling des Tieflandes eine Menge gesundheitlich schädigender Eigenschaften angedichtet. Zu Unrecht. Fremde und eigene langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass eine Kur im Hochgebirge zu jeder Jahreszeit besonders auch im Frühling mit derselben Aussicht auf Erfolg begonnen werden kann, lind dass die Schrecken der Uebergangszeit gar | Iftcftt- bestehen. Es kommt nur darauf an, dass sich de"¥'Krcinke den Anordnungen und Kurvorschriften fügt. Dann kann auch er teilhaben am Erwachen der Natur und sich an ihrem Beispiel zur vollen Gesundheit durchringen. Auch einer, der den Frühling nahen spurt. Freilich, eine Gefahr hat der Bergfrühling. Es sind die Lawinen, die zu dieser Zeit ganz plötzlich und oft durch ganz unbedeutend scheinende Ereignisse ausgelöst, niedergehen und dann Tod und Verderben bringen können. Es gilt daruriv als Regel, in unbekanntem Gelände keine grösSeren Frühlingsfahrten zu machen ohne kündige Führung und bei allgemeiner Lawinengefahr solche überhaupt zu unterlassen. Es ist bedauerlich, wie wenig Verständnis gerade dieser Gefahr von seiten solcher Menschen entgegengebracht wird, die niemals diese grössten Gewalten des Hochgebirgs selber erlebt haben. Man muss die hochgetürmten Massen einer Grundlawine einmal mit Stangen nach einem Verschütteten abgesucht, oder an den wie Streichhölzer abgeknickten Tannen jeder Grosse den unheimlichen Luftdruck erschlossen haben, den eine grosse Staublawine verursacht, um Verständnis und Ehrfurcht vor diesem grossen, weit übermenschlichen 'Geschehen empfinden zu könne. Es ist nicht Mangel an Mut, nicht mangelndes Kämpfertum, das uns so sprechen lässt, sondern nur Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber unsern Mitmenschen, zu denen neben den Touristen auch die wackere und stets einsatzbereite Rettungsmannschaft gehört, die oft unter eigener, schwerer Lebensgefahr Verschüttete zu bergen verpflichtet ist. Ich bin überzeugt, dass viele leichtsinnige Wagnisse solcher Art unterbleiben würden, wenn den Betreffenden dieses Verantwortungsbewusstsein klar wäre. Wie immer und überall verteilt die Natur ihre Gaben und ihre Gefahren nach ewigen Gesetzen, nach denen zu richten wir Menschen alle Ursache haben, sonst kann uns dieselbe Natur im Augenblick vernichten, die uns eben erst schönstes Erleben schenkte. Die Kenntnis dieser Gefahr reizt uns, den Kampf aufzunehmen, sie darf uns aber nicht blink machen gegen die Grenzen unseres eigenen Könnens. Bleiben wir innert dieser Grenzen, so sind wir sicher, und es tut sich uns die ganze Herrlichkeit der Bergwelt auf; versuchen wir aber die Gottheit, so dürfen wir uns nicht darüber beklagen, wenn sie uns dafür straft. Auch der Tierfreund kommt voll auf seine Rechnung. Im Aufstieg erheben sich Schwärme von Alpendohlen, die an schneefreien Hängen nach Nahrung suchen, ab und zu fliegt ein Trupp Schneehühner auf, die gerade daran sind, ihr weisses Winterkleid mit dem braungesprenkelten Sommerkleid zu vertauschen. Schneefinken umfliegen in ganzen Geschwadern unter dem Kommando eines unsichtbaren Führers die höchsten Gipfel und Gräte, und wenn wir besonders Glück haben und ganz lautlos steigen, so mögen wir in den Geröllhalden vielleicht ein Murmeltier überraschen, wie es sich den Winterschlaf aus den Augen reibt und an der warmen Sonne versucht, seine vom Winterschlaf trägen Glieder wieder zu gebrauchen. Hautflügler umschwirren schon früh die ersten Blüten, und mitunter mischt sich ein früher 'Sommervogel darunter, den die Frühlingssonne hervorlockte, vielleicht zu früh für ihn, denn die Nächte sind kalt, und Schutz ist kaum vorhanden. Im Harfschnee spüren wir noch nach Wochen die unverkennbaren Fährten von Hase und Fuchs und sind so nicht selten späte Zeugen eines jener Kämpfe ums Dasein zwischen Beutetier und Würger, die sich stets mit demselben Ergebnis abspielen. Aufgewühlter Schnee, ein paar Fetzen eines Hasenbalges, eine Schleifspur neben der Fuchsfährte, das ist alles, und doch ist auch das nichts anderes als das ewig gleiche Walten der Kräfte der Natur.