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E_1939_Zeitung_Nr.038

E_1939_Zeitung_Nr.038

BERN, Dienstag, 9. Mai 1939 Nummer 20 Cts. 35. Jahrgang — No 38 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Ausgabe A (ohne Versicherung) halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Ausland mit Portozuschlag, wenn nicht postamtlich abonniert. Ausgabe B (mit gew. Unfallversich.) vierteljährlich Fr. 7.50. Ausgabe C (mit Insassenversicherung) vierteljährlich Fr. 7.75. Erscheint jeden Dienstag und Freitag Wöchentliche Beilage „Auto 1 -Magazin". Monatlich 1 mal „Gelbe Uste" Telephon 28.222 Postcheek III 414 - Telegramm-Adresse : Autorevue, Bern Geschäftsstelle Zürich: Lfiwenstrasse 51, Telephon 39.743 Dos Motorfahrzeug an der Landesausstellung I. Begnadet von einem Himmel, der sein herrlichstes Frühlingsgewand übergeworfen hatte — zartblaue Seide mit leichten Wolkentupfen — hat die Schweizerische Landesausstellung 1939 am Samstag nachmittag unter schallender Musik und Fahnengeknatter ihre Pforten aufgetan. Eine Stunde später wandelten Tausende schon von Besuchern beglückt von Ueberraschung .zu Ueberraschung, von Entzücken zu Entzücken, und konnten es nicht fassen, dass unsere grosse Landesschau wirklich vollendet war, von der es noch in den allerletzten Tagen, ja sogar am Vorabend geheissen hatte, wie gar manche Halle noch unfertig übergeben werden müsse. Gewiss fehlt da und dort noch eine Aufschrift, mangelt einer graphischen Darstellung eine Kurve, ist ein Lämpchen in einem beleuchteten Schaubild noch nicht eingeschraubt — die Ausstellung als Ganzes jedoch steht als ein völlig abgerundetes Bild unseres nationalen Seins und Tuns schon heute vollkommen ausgebaut da. Und schon der erste Rundgang mit schauenssüchtigen Augen und nach allen Seiten hingezerrten Sinnen erweist die glückliche Erfüllung jener im besten Sinne lehrhaften thematischen Anordnung der Ausstellung, die vielfach angezweifelt wurde und uns nun doch in einer unübertrefflichen, beinahe zwangsläufigen Folgerichtigkeit durch alle Gebiete der Lebensäusserungen unseres Volkes und Landes führt, um uns mit einer Bereicherung an Wissenslasten zu entlassen, die wir nur langsam in unserem Innern zu unseren bisherigen Kenntnissen um unser Volkstum speichern können. Aber dennoch wirkt diese Belehrung nicht als Last. Denn sie wird uns mit einer solchen oft fast graziösen Leichtigkeit und Anmut geboten, dass wir alles fast lustwandelnd in uns aufnehmen, und dazu trägt vor allem die geradezu musterhafte Knappheit der Beschriftung und des sonstigen Wesens an Kommentaren, Führungen, Katalogen und Prospekten bei, die einen am Anfang vielleicht oft verwundern mag, deren tiefe Weisheit aber jedem bald aufgehen muss, wenn er am ersten Abend die «LA» verlässt und hat doch weder von Papier überbordende Taschen noch etwa gar Kopfweh oder andere Anzeichen einer geistigen Uebertütterung. Ein mächtiger Motor etwa steht mitten in einer Halle geschichtlicher Erinnerungen. Keine Aufschrift erläutert ihn; kaum entdeckt man an einem gegossenen Bestandteil das Markenzeichen einer weltberühmten Fabrik. Was tut er hier? Was soll er da? Die Unwissenden bewundern in seiner herrlichen Werkmannsarbeit die Qualität schweizerischen handwerklichen und industriellen Schaffens und sind dadurch genug beglückt und in ihrem nationalen Bewusstsein gefestigt; die Fachleute erkennen das Nötige von selbst und erinnern sich der bereits von irgendwoher bekannten sachlichen Daten; die Jugend endlich schärft ihre Sinne und ihre Kenntnisse durch das glückhafte und erfolgreiche Raten und Beobachten oder gar praktisches Erproben irgendeiner Funktion, die ihr zu eigener Betätigung anheimgestellt ist, und trägt davon mehr nach Hause als durch die rasch aufgenommene und noch rascher vergessene Liste von Pferdestärken, Zylinderzahlen und dergleichen. So kann es denn gegenüber unserer Landesausstellung 1939 nur eine Stimme des beredten Rühmens geben, und jede Schweizer Stadt wird Zürich darum beneiden, Ort und Hort einer solchen glanzvollen Demonstration des Lebenswillens eines kleinen Volkes sein zu dürfen. Im Aufbau dieses grandiosen nationalen Lehr- REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern buches fehlt selbstverständlich auch das Motorfahrzeug nicht, nimmt gegentells der moderne Strassenverkehr in seinem ganzen Umfange den Raum ein, der ihm nach seinem Bedeutungsanteil am schweizerischen Volkstum und an unserer Wirtschaft gebührt. Es ist erfreulich, feststellen zu können, dass dieser starke Geltungsakzent des Strassen- Verkehrs auch in dem ausgesprochen originellen Hallenbau zum Ausdruck kommt, der seine Herberge ist und der unter der Gesamtheit der durchwegs architektonisch hoch erfreulichen Ausstellungsbauten durch seine kühne Konstruktion an Grundriss und Dachstuhlkonstruktion noch einmal hervorsticht. Auf einer prachtvollen Strasse, die in hübscher Weise aus der handgreiflichen Realität des richtigen Ausstellungsgeländes in die irreale Bilderwelt des ersten Hallenabschnittes mit -seinen graphischen Darstellungen, Dioramen und Photoserien hineinführt, betreten' wir das Gebäude, und es ist nichts als angemessen, dass es gerade die Jungfräugruppe ist, die uns als Vertreterin unserer "schönen Alpenwelt begrüsst. Freilich, die riesige Brücke, die sich auf rätselhafte Weise über die Tiefe des Lauterbrunnentales spannt, führt uns in eine Zauberwelt, die mit fröhlicher Willkür verschiedene Gebiete unseres Landes zur Einheit verbindet; doch dies regt uns höchstens an, in unserem Innern unser Wissen um die Dinge des schweizerischen Strassenverkehrs zu durchgehen, um nun im ersten Wandelgang nicht allzu beschämend unsere Unkenntnis erleben zu müssen. Das schöne Diorama des Sittertales bei St. Gallen mit seinen vier dicht nebeneinanderliegenden mächtigen Viadukten, d^s selbst in Fachkreisen bewundernd-ironisch als Freilichtmuseum für Brückenbau bezeichnet wird, ist mit der lichten Weite seiner schönen Landschaft wieder ganz «richtig», und so mit jenem ersten Vexierbild gänzlich versöhnt, folgen wir nun willig dem Lehrgang über schweizerische Strassenverkehrswirtschaft und Strassenbautechnik, ^ der sich anschliesst. r Wir lernen die Zusammensetzung des schweizerischen Strassennetzes nach seinen verschiedenen Belagsarten kennen, lesen die Das eine tun, das andere nicht lassen Nicht b!os8 Alkoholsünder am Lenkrad, auch angesäuselte Radfahrer und Fussgänger sollten in Sicherheitsgewahrsam genommen werden Der Automobilist, der eins über den Durst genehmigt und sich hernach ans Lenkrad setzt, hat nichts zu lachen. Allein schon das Zusammentreffen dieser beiden Umstände, in der Sprache des Gesetzgebers ausgedrückt: «das Fahren in angetrunkenem Zustand», macht ihn strafbar, selbst wenn dabei nicht das Allermindeste passiert. Soweit wäre die Sache durchaus in Ordnung, denn dass sich die Wirkungen, welche der Alkohol auf den Gebieter über 10, 20 oder mehr PS ausübt, mit den Bedürfnissen der Verkehrssicherheit nicht in Einklang bringen lassen, darüber gibt es heute nur eine Meinung. Noch etwas anderes gibt es freilich auch : Zeitgenossen, die zwar nicht zur Kategorie der Motorfahrzeuglenker zählen, deren Gleichgewicht aber unter dem Einfluss der zuviel genossenen Zweier oder Grossen ebenfalls ins Wanken gerät und die dann im Strassenverkehr ebensogut eine Quelle der Gefahr bilden können wie der Mann am Volant. Das wurde uns unlängst eindringlich ins Bewusstsein gehämmert, als zur Zeit der Polizeistunde zwei Radfahrer, die sichtlich nicht mehr ganz Herr ihrer Gehwerkzeuge waren, über eine der Berner Brücken ihren Penaten zustrebten. Wohlweislich schoben sie das Velo neben sich her, der eine auf dem Trottoir, dieweil der andere, auf der Fahrbahn draussen gehend, mit mehr oder weniger Erfolg dem Randstein entlang zielte. Glücklicherweise ist die Brücke gut beleuchtet, so dass die Automobilisten, welche des Wegs kamen, der Gefahr, verkörpert durch die schwankende Gestalt, rechtzeitig gewahr wurden und im Schildkrötengalopp vorbeischlichen. Jenseits der Brücke schlug der eine der beiden Angesäuselten eine Nebenstrasse ein, stolperte teils über die eigenen Füsse, teils über sein Rad und kam ausgerechnet hinter einer engen, rechtwinkligen Kurve zu Fall. Wie, wenn nun in diesem Augenblick ein Wagen um die Ecke aufgetaucht wäre ? Nur blitzschnelles Handeln des Automobilisten hätte die Situation retten können, doch wäre ihm allerdings lediglich die Wahl geblieben entweder rechts auf das Trottoir hinaufzuhopsen Und dabei zu riskieren, Fussgänger anzurennen oder aber links mit einem Lattenzaun Bekanntschaft zu machen. Episoden solcher, aber auch schlimmerer Art stehen keineswegs vereinzelt da und der Automobilist wüsste ein Liedlein davon zu singen, wie er oft schon durch Radfahrer oder Fussgänger, die zu tief ins Glas geguckt, in Gefahr geraten ist. Schliesslich bevölkern immerhin etwa zehnmal mehr Velos als Motorfahrzeuge unsere Strassen. Wenn deshalb die Berner Polizei zu dem Mittel gegriffen hat, auch angesäuselten Rittern des Stahlrosses Gelegenheit zu geben, ihren Dusel im Arrestlokal auszuschlafen, so verdient dieses Vorgehen, das einzig und allein der Absicht entspringt, die Sicherheit des Verkehrs zu gewährleisten, auch andernorts Nachahmung. Verstehen wir uns recht: nichts liegt uns ferner, als in pharisäerhafter Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit über andern Strassenbenützern den Stab brechen zu wollen. Alkoholsünder treiben auch in unsern Reihen ihr Wesen — oder besser gesagt Unwesen. Und wir sind uns darüber im klaren, dass sie bei den enormen Kräften, die einem modernen Automobil innewohnen, sogar ein erhöhtes Gefahrenmoment in den Verkehr hineintragen. Dennoch aber kommen wir nicht um die Frage herum, ob es nicht im wohlverstandenen Interesse der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer handeln hiesse, wenn die Polizei neben angetrunkenen Lenkern von Motorfahrzeugen in vermehrtem Masse auch «dito » Radfahrer und Fussgänger von der Strasse fernhielte. r INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 nun hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Rp. Grössere Inserate nach Spezialtarif. Inseratenschrass 4 Taoe vor Erscheinen der Nummer In dieser Nummer s Epistel an den Mitfahrer. Mercedes-Benz-Doppelsieg in Tripolis. Der Zufall erfindet das Sicherheitsglas. Der Heckmotorwagen spukt weiter in U. S. A. Feuilleton: «Rätsel um Muriel» S. 10. Beilage: Hauptergebnisse der schweizerischen Verkehrszählungen ab und sind schon gefesselt von der Darstellung über die Finanzierung unseres kommunalen und kantonalen Strassennetzes, seines Ausbaues wie seines Unterhaltes, der 1914 insgesamt 40 Millionen Franken kostete, 1938 jedoch 150 Millionen. Wir erfahren, dass im erstgenannten Jahre der Aufwand für das schweizerische Strassenwesen je Einwohner rund 1400 Franken betrug, 1938 dagegen 3300 Franken, und dass sich, auf den Strassenkilometer berechnet, dieser Aufwand von rund tausend Franken mehr denn verdreifachte, um jetzt fast 3600 Franken auszumachen, weil — wie durchaus begreiflich — der seither zu damals ungeahnter Bedeutung gelangte Motorfahrzeugverkehr an die Strassen gewaltig gestiegene Anforderungen stellt. Trotzdem ist je Motorfahrzeug dieser Aufwand auf weniger denn ein Viertel gesunken; denn vor dem Krieg belief sich das Betreffnis auf 6700 Franken, um jetzt nur noch 1600 Franken zu betragen. Von der Zusammensetzung des Finanzaufwandes sei hier nur so viel erzählt, dass im Mittel der Jahre 1930/1935 die Kantone aus dem Ertrag der Verkehrsabgaben rund dreissig Millionen für Strassenbau und -unterhalt bezogen und weitere 37,8 Millionen aus dem allgemeinen Steueraufkommen für Strassenzwecke verwendeten, während die Gemeinde 59 Millionen Franken Steuergelder für diesen Zweck benötigten. Den Kantonen zahlte der Bund an Subventionen und Benzinzollanteil 14,1 Millionen Franken aus, während die Gemeinden von ihm und den Kantonen 10,1 Millionen erhielten. Dafür aber legten die Kantone und Gemeinden 96,1 Millionen in Strassenbauten (Neuanlagen und Verbesserungen) an; 61,7 Millionen erforderte in der gleichen Zeit durchschnittlich der blosse Unterhalt der Verkehrswege. An diese Finanztabellen schliessen sich den Kantonen anheimgestellte Darstellungen von Strassenbauten, Verkehrsverbesserungen, Projektierungsarbeiten an, worunter die modellmässige Darstellung eines besonders schönen Abschnittes der Sustenstrasse hervorsticht. Sieben Städte zeigen Verkehrsanlagen, die sie der Anerkennung wert finden, und eine Reihe städtischer Strassen ist nicht nur in schönen Photos bildlich dargestellt, sondern auch in körperlicher Darstellung des Fahrbahnquerschnittes samt allen Leitungen. Der Reichtum des Landes an schönen Strassen und Landschaften kommt zu schönstem Ausdruck in den Grossphotos, zu denen jeder Kanton nach freier Wahl eine Aufnahme beisteuern durfte — doch es hiesse Wasser in die Limmat tragen, wollte man im Einzelnen versuchen, einzelne dieser schönen Bilder hervorzuheben. Ein leuchtendes Glasgemälde mit einer Darstellung der Geschichte der Strassenbaukunst bis in unsere Zeit mit ihren Baumaschinen und